Montag, 24. April 2017

Jodl, Angelika: Die Grammatik der Rennpferde


Warmherzig und voller lebenskluger Beobachtungen
 
Eine Lehrerin, die Ausländern Deutsch beibringt. Ein russischer Ex-Jockey, der Pferdeställe ausmistet. Zwei, die nichts miteinander gemein haben, aber plötzlich miteinander zu tun bekommen, entdecken, dass es manchmal keine Regeln gibt ...

Für die Studenten von Salli Sturm ist die Grammatikstunde täglich großes Kino. Und für Salli wird daraus eine Liebesgeschichte, mit der sie nicht mehr gerechnet hätte. Weil sie die Altersgrenze für Romanzen überschritten hat und weil sich ihr Schüler Sergey so hartnäckig gegen Konjunktive und Artikel stemmt. Bis Salli schließlich in einer kalten Februarnacht alle erlernten Regeln fallen lässt. Und sich selbst gleich dazu.

(Klappentext dtv Verlagsgesellschaft)

  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (27. Mai 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423261056
  • ISBN-13: 978-3423261050








Ich danke der dtv Verlagsgesellschaft ganz herzlich, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen!






DAS LEBEN IST EIN ZEBRA...



Grammatik und Rennpferde? Himmel, es gibt schon seltsame Titel. Und manchmal machen sie so neugierig, dass man doch einen zweiten Blick riskiert. Wie um alles in der Welt sollen diese zwei Dinge zusammen passen? Nun, Angelika Jodl lässt einfach beides auf unterhaltsame Art aufeinander treffen.

Grammatik ist das Steckenpferd von Salli Sturm - und mehr als das. Damit verdient sie ihren Lebensunterhalt. An einem Sprachinstitut bringt sie ausländischen Studenten die deutsche Sprache bei. Doch die Sicherheit, die ihr die Regeln der Grammatik sonst auch bescheren, kann über die wachsenden Sorgen der Zweiundfünfzigjährigen nicht hinwegtäuschen. Am Institut regiert seit einiger Zeit ein neuer Direktor - und mit ihm die wachsende Angst vor Entlassungen. Um bösen Überraschungen vorzubeugen, bricht Salli aus ihrer Routine aus und beschließt, sich auf eine private Zeitungsanzeige hin zu melden: "Brauche ich Lehrer für Deutsch. Bitte anrufen mir." Darunter eine Mobilfunknummer.

Sergey Dyck ist der Inserent besagter Kleinanzeige. Der Exil-Russe lebt schon seit einigen Jahren in Deutschland, hat aber nie die Gelegenheit erhalten, die deutsche Sprache korrekt zu erlernen. Als ehemaliger russischer Jockey mistet Sergey jetzt Ställe aus, doch hat er nun einiges vor, wofür es sich lohnt, besser Deutsch zu lernen. So rechnet er sich beispielsweise aus, bessere Chancen zu haben, ein Rennpferd zu kaufen, wenn ihn der Besitzer nicht für einen armseligen Trottel hält. Als Salli auf Sergey trifft, stoßen beide rasch an ihre Grenzen - hier prallen zwei Leben aufeinander, die verschiedener nicht sein könnten...


"Als ich war Kind, ich hatte schöne leben. Später war schwieriger, weil ich muss Geld verdint für ganze familie. Auf Rennbahn ist wider besser worden. Aber jezt in Deutschland ist alles problem. So man kann sagen: mein leben ist gestreift." (...) Sie unterkringelt das letzte Wort und schreibt darüber wechselhaft. "Sonst denkt man an ein Zebra", erklärt sie. - "Sagtma so in Russland", protestiert er: "Leben is Zebra." - "Wirklich?" Sie muss lächeln. "Na schön, dann aber: Das Leben ist ein Zebra." - Artikel einsetzen, mein Gott, das muss er auch endlich lernen, denkt sie. (S. 181)


Grammatik - das klingt nach einer verflixt trockenen Materie. Und tatsächlich gab es einige Stellen im Buch, bei denen ich die Faszination Sallis für das Sujet nicht wirklich nachvollziehen konnte. Glücklicherweise waren dies meist nur kurze Einschübe in die eigentliche Handlung, so dass ich hier zügig darüber hinweglesen konnte. Auch die Thematik der Rennpferde gehört keineswegs zu meinen Hobbys, doch dominierten diese fachspezifischen Passagen noch weniger das Geschehen des Romans. Grammatik sowie Rennpferde stehen hier einfach für die Lebenswelten der beiden Hauptcharaktere.

Salli ist eine erfahrene Lehrerin für Deutsch und liebt es, sich kreative Methoden auszudenken, um ihren ausländischen Studenten die deutsche Sprache und deren Grammatik näher zu bringen. Sie geht ganz in ihrem Beruf auf, korrigiert zu Hause die Arbeiten ihrer Studenten, trifft sich gelegentlich mit einigen Kollegen, und ihr einziges Laster besteht darin, sich gelegentlich heimlich kitschige Filme anzuschauen, wenn Lebenssehnsüchte zu groß zu werden drohen. Salli lebt allein in ihrer Münchner Wohnung, die zwei Lieben in ihrem Leben sind Vergangenheit, Kinder gibt es keine. Sie führt ein korrektes Leben in geordneten Bahnen und ohne große Überraschungen.

Sergey dagegen ist ein verschlossener Charakter, der nur redet, wenn es unbedingt sein muss. Langwierigen Erläuterungen kann er nichts abgewinnen, und er findet russische Sprichwörter meist als ausreichend, um eine Sachlage zu erklären. Dafür arbeietet er hart, zum einen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zum anderen aber auch, um seine Träume zu verwirklichen, für die er viel Geld benötigt. Als er Salli auf seine unnachahmliche Art bittet, ihn beim Kauf eines Rennpferdes zu unterstützen und auch beim Anmieten eines Hofes behilflich zu sein, rutscht die Sprachlehrerin unversehens tiefer in Sergeys Angelegenheiten hinein als geplant.

Die beiden Charaktere wirken anfangs spröde und recht unnahbar. Jedoch wird rasch klar, dass Salli durchaus ihre Sehnsüchte hat und eine scharfe Beobachterin ist. Sie analysiert das Geschehen und die Menschen um sich herum und versucht, die Regeln der Grammatik irgendwie auch auf ihr Leben zu übertragen, damit alles planbar und vorhersehbar bleibt. Doch als der wortkarge Sergey in ihr Leben platzt, verliert die Grammatik zunehmend an Bedeutung. Hinter seinem zugeknöpften Wesen ahnt Salli eine sensible Seele. Auch wenn er nicht darüber redet, gibt es Wunden in Sergeys Leben, die bis heute nachwirken. Der Exil-Russe ist zielstrebig und optimistisch, auch wenn dazu nach Sallis Meinung oft gar kein Anlass besteht. Und auch wenn die beiden anfangs umeinander kreisen wie zwei Wesen von zwei verschiedenen Sternen, können sie bald nicht mehr leugnen, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen. Doch kann das eine Zukunft haben?

Eine leise Geschichte hat Angelika Jodl da geschrieben, eine Erzählung rund um ungewöhnliche Themen, die jedoch wohl das Leben der Autorin selbst berühren: sie unterrichtet Studenten aus aller Welt in Deutsch und reitet ein ausgemustertes Rennpferd. In jedem Fall bringt Angelika Jodl hier ihre exzellente Beobachtungsgabe zum Ausdruck, denn die sprachlichen Besonderheiten der ausländischen Studenten sind exakt herausgearbeitet und rufen beim Lesen immer wieder Schmunzeln hervor. Auch wenn mich manche grammatiklastige Passagen etwas ermüdeten, gab es ebenso Schilderungen, die mich durch ihre Bildhaftigkeit und Ausdrucksstärke begeistern konnten.


"...und fährt nun durch ein unbekanntes Land, schräg schraffiert vom Regen, mit Wiesen, die vor Feuchtigkeit zu schmatzen scheinen, und einer durch den Regen geahnten Linie zartblauer Berge am Horizont." (S. 39)



Ein ungewöhnlicher Roman mit leisen Tönen und Charakteren, die sich erst im Laufe der Erzählung nahbarer zeigen - für mich hat es sich in jedem Fall gelohnt, diesem Buch eine Chance zu geben.


© Parden

















Die dtv Verlagsgesellschaft schreibt über die Autorin:

Angelika Jodl unterrichtet Studenten aus aller Welt in Deutsch. Außerdem schreibt sie Geschichten, hält Vorträge zur deutschen Sprache und reitet ein ausgemustertes Rennpferd. Sie lebt mit Mann, Sohn, Hund und Katzen in München.

übernommen von der dtv Verlagsgesellschaft

Samstag, 22. April 2017

Felten, Michael: Die Inklusionsfalle






So geht es nicht! Michael Felten bezieht eindeutig Position. Er ist kein Gegner schulischer Inklusion. Aber er wagt auszusprechen, was viele ahnen und nicht wenige bitter erleben: So, wie es läuft, läuft es falsch. Felten beschreibt die Wirklichkeit einer ebenso übereilten wie unterfinanzierten Inklusionseuphorie. Und er deckt Hintergründe auf: Missverständnisse, Fehldeutungen – vor allem aber eine Fülle kindeswohlferner Motive. Gleichzeitig macht er deutlich: Inklusion ist eine Chance, wenn man bereit ist, ehrlich zu sein.

(Klappentext Gütersloher Verlagshaus)


  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus (27. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3579086723
  • ISBN-13: 978-3579086729








Ich danke dem Gütersloher Verlagshaus ganz herzlich, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen!
Gütersloher Verlagshaus






ENDLICH EINMAL KRITISCHE TÖNE!



Eine weithin unterschätzte Entwicklung vollzieht sich gegenwärtig. Unter dem hehren Banner der Inklusion werden viele Schulen derzeit umgekrempelt. Immer öfter werden normal oder hoch begabte Kinder zusammen mit leicht oder auch schwer behinderten in einer Klasse unterrichtet, ohne dass die dafür nötigen Ressourcen und Kompetenzen vorhanden wären und ohne dass der Sinn dieser Maßnahme grundsätzlich erwiesen wäre.

Dieses Buch spricht die Probleme der derzeitigen Inklusionsentwicklung offen an: die Unterfinanzierung, die fehlenden Qualifikationen sowie die Irrtümer und Grenzen des Konzepts Gemeinsames Lernen. Es gibt einen Überblick über Praxiserfahrungen und Forschungsbefunde, die in der Inklusionsdebatte bisher in nicht genügender Weise wahrgenommen wurden. Und es skizziert die Maxime, nach der wir den schulischen Umgang mit Behinderung für alle Beteiligten gestalten sollten: 'So viel hochqualitative Integration wie sinnvoll und möglich - anspruchsvoller getrennter Unterricht überall da, wo nötig!'


"Selbst Befürworter der Inklusion merken anscheinend immer deutlicher, dass nicht nur auf ihrem Rücken, sondern auch durch ihr Mitwirken eine Art Menschenversuch stattfindet, der prinzipiell fragwürdig und darüber hinaus unzureichend ausgestattet ist." (S. 33)


Inklusion mit der Brechstange - das ist der Eindruck, den die Schulpolitik der letzten Jahre v.a. in NRW hinterlässt. Ob nun aus ideologischen Gründen oder aufgrund einer Sparstrumpf-Maxime: Förderschulen sollen flächendeckend geschlossen und alle Kinder möglichst nur noch in Regelschulen beschult werden  - ob die Bedingungen dafür nun gegeben sind oder nicht. Wer sich gegen die radikalen Inklusionsbestrebungen ausspricht, gerät rasch in die Ecke desjenigen, der sich auf Veränderungen nicht gut einlassen kann oder, schlimmer noch, mit der These vom 'unwerten Leben' zu sympathisieren.

Doch wodurch ist überhaupt die seit nunmehr etlichen Jahren zunehmende Inklusionsentwicklung angestoßen worden? Ursache ist die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008, die sich mit den Themen Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung befasst. U.a. soll dadurch das Recht behinderter Menschen auf Bildung verbindlich gesichert werden. Allerdings ist es einem Missverständnis durch einen Übersetzungsfehler zu verdanken, dass das Bildungssystem in Deutschland - und allen voran in NRW - derart revolutioniert wurde.


"Die Verabsolutierung des Inklusionsprinzips durch den Bundestag wurde dadurch mögich, dass der englische Terminus 'general education system' fälschlicherweise mit dem deutschen Begriff der 'allgemeinen Schulen' (im Unterschied zu den Förderschulen) gleichgesetzt wurde. 'General education system' entspricht aber eindeutig dem, was wir als 'allgemeinbildendes Schulsystem' (im Unterschied zu berufsbildenden Schulen) verstehen, und zu diesem gehören nach deutschem Verständnis eindeutig auch die Förderschulen." (S. 64)


Michael Felten, der selbst seit 35 Jahren als Gymnasiallehrer arbeitet, geht auf dieses umstrittene Thema nicht polemisch ein, sondern lässt Fakten für sich sprechen. Langzeitbeobachtungen, einzelne Beispiele aus der Praxis, gesammelte Klagelisten von Lehrern bei den Personalräten, Stimmen aus Fachgruppen und Verbänden, kritische Stimmen in bundesdeutschen Leitmedien, veränderte und unzureichende Ausbildungsinhalte sowohl bei Lehrern als auch bei Sonderpädagogen - eine beeindruckende Sammlung negativer Aspekte der radikalen Inklusion präsentiert der Autor hier und zeigt damit auf, wie bedrohlich die Lage in der Bildungspolitik bereits ist.

Jeder, der Kinder hat, kann nachvollziehen, was in Eltern vorgeht, deren Kind in ihrer Entwicklung beeinträchtigt oder gefährdt ist. Zufriedenheit, ein selbständiges und auskömmliches Leben mit einem vernünftigen Beruf - das wünschen sich Eltern doch für ihr Kind. Die Möglichkeit der Inklusion beinhaltet für Eltern auch ein Versprechen und damit eine ungeheure Verlockung. Der Makel des 'Nichtnormalen' veschwindet, der beruflichen und sozialen Zukunft des Kindes scheint nichts mehr im Wege zu stehen, die Stigmatisierung durch den Besuch einer Förderschule bleibt aus. Doch die Praxis an den Schulen holt Eltern wie Schüler rasch ein.


"Verhaltensauffällige Schüler (ES) verteilt man möglichst flächendeckend, um die Problemquote an den Regelschulen möglichst gering zu halten. Im Gegenzug erhält der einzelne Problemschüler aber jetzt kaum sonderpädagogische Betreuung, denn Doppelbesetzung gibt es nur wenige Stunden pro Woche, die Regellehrer sind entsprechend chronisch überfordert." (S. 70)


Der Blick über den Tellerrand - also in die Inklusionspolitik anderer Länder - zeigt auf, dass überall dort, wo die Ressourcen, die finanziellen, fachlichen und räumlichen Bedingungen nicht gegeben sind, Inklusion nur auf dem Papier existiert und mit 'Behindertenfreundlichkeit' wenig zu tun hat. Dort, wo die Bedingungen besser sind, läuft die Inklusion jedoch auch nicht immer reibungslos - so gibt es seit der PISA-Studie beispielsweise in nordischen Ländern eine zunehmende Leistungsorientierung und Privatisierung im Schulischen, d.h. leistungsorientierte Kinder finanzstarker Eltern besuchen immer häufiger auch Privatschulen (ohne Inklusion).

Dabei spricht sich Felten durchaus grundsätzlich für alle Bemühungen aus, die behinderten Kindern bessere Entwicklungs- und Bildungschancen verschaffen wollen. Die konkrete Umsetzung und Ausgestaltung muss jedoch ALLEN Kindern zugute kommen - weder für Förderkinder noch für Regelkinder düfen inklusionsbezogene Entscheidungen zu unangemessenen Belastungen führen. Das Wohl des Kindes muss im Vordergrund stehen - und besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, gelten nicht als Diskriminierung. Förderschulen können dabei zu den 'besonderen Maßnahmen' gezählt werden.


"Zum Wohl des Kindes bedarf es weiterhin unterschiedlicher Settings." (S. 86)

Michael Felten spricht sich letztlich dafür aus, das Schulsystem nicht zu revolutionieren, sondern zu optimieren. Dazu gehören für ihn u.a. (verkürzt dargestellt):

  • eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen allen Schulformen
  • eine kontinuierliche Weiterbildung der Regellehrer
  • eine flächendeckende und hochqualitative Sicherung der Möglichkeiten zu Gemeinsamem Unterricht in allen Schulformen
  • die Sicherung eines breiten Angebots an hochspezialisierten Sonderpädagogen
Eine übertriebene und unterfinanzierte Inklusion führt nicht nur zu Bildungschaos für alle Schüler, sondern auch zu einer massiven Überlastung der Lehrer, zu ständigem und unnötigem Frust und zu erhöhten Erkrankungsraten. Felten schließt sich hinsichtlich einer sinnvollen Ausgestaltung der Inklusion in deutschen Klassen dem Forderungskatalog des Verbandes lehrerNRW vom 24.2.2016 an. Und er plädiert dringend für den Erhalt der Förderschulen, damit das Wahlrecht der Eltern nicht beschnitten wird und v.a. damit für jedes Kind der tatsächlich geeignete Förderort gefunden werden kann - gemäß der Maxime: 'So viel hochqualitative Integration wie mögich, sinnvoll unterstützende Separation überall da wo nötig!'.

Endlich einmal kritische Töne zum Thema Inklusion - in der Argumentation differenziert und ausgewogen, bezieht Felten eindeutig Position. Er zeigt jedoch nicht nur Hintergründe und Fehlentwicklungen auf, sondern bietet auch Ausblicke und Möglichkeiten von Eltern, Lehrern und Bürgern, den Schülern von heute und morgen zu ihrem Recht zu verhelfen und damit das Wohl der Kinder wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

Ein wichtiges Buch!

© Parden










Michael FeltenDas Gütersloher Verlagshaus schreibt über den Autor:

Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit 35 Jahren als Gymnasiallehrer. Er ist auch in der Lehrerausbildung tätig sowie Publizist und Schulentwicklungsberater. Er schreibt für ZEIT-online in der Serie "Schulfrage".

Freitag, 21. April 2017

Pivnik, Sam: Der letzte Überlebende


Sam Pivnik war 13 Jahre alt, als die Deutschen kamen. Seine Familie lebte in einem oberschlesischen Städtchen. Da brach die Hölle über sie herein. Auschwitz, die Todesmärsche, die Bombardierung der Cap Arcona - unzählige Male entkam der Junge dem Tod.

(Klappentext Theiss Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 296 Seiten
  • Verlag: Theiss, Konrad (13. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Ulrike Strerath-Bolz
  • ISBN-10: 3806234787
  • ISBN-13: 978-3806234787
  • Originaltitel: Survivor











DAS GRAUEN BEKOMMT EIN GESICHT...


Stadtansicht von Bedzin Anfang des 20. Jahrhunderts, die Synagoge vorne rechts


Als mein Sohn 13 Jahre alt war, ging er in die 7. Klasse des Gymnasiums, traf sich mit seinen Freunden, spielte Fußball und Gitarre und erkundete allmählich die Welt der Computer. Mädchen waren noch recht uninteressant für ihn, und von Politik wusste er gerade einmal, wie das Wort geschrieben wird.

Sam Pivnik hatte auch eine ganz normale Kindheit, doch als er 13 Jahre alt wurde, bekam er die Folgen der Politik zu spüren. Die Wehrmacht marschierte in Polen ein, und das kleine oberschlesische Städtchen, in dem Sam mit seiner Familie wohnte, begann mit den Repressalien gegen die Juden. Zunächst schien der Alltag trotz allem weiterzugehen, doch schießlich wurden die Pivniks gemeinsam mit den anderen Juden in ein Ghetto gepfercht. Doch dabei blieb es nicht. Auschwitz, Mengele, Todesmarsch - nichts blieb dem Jungen erspart. Doch er lebte. Und überlebte. 14 Mal entging er dem sicheren Tod. Und entschloss sich mit seinen nunmehr 90 Jahren, das lange Schweigen über den Holocaust zu brechen.


"Manchmal werde ich gefragt: 'Warum haben Sie so lange gebraucht, um Ihre Geschichte zu erzählen, Sam?' Das ist eine einfache Frage mit einer komplizierten Antwort."



Chronologisch erzählt Sam Pivnik hier die Geschichte seines Lebens, angefangen bei seiner armen, aber glücklichen Kindheit im Kreise seiner kinderreichen Familie. Erstaunlich, an wie viele Details sich der alte Mann noch erinnern kann - aber letztlich sind Erinnerungen das einzige, was ihm aus seinem früheren Leben geblieben ist. Mit Beginn der Repressalien wird der Schreibstil zunehmend distanzierter, so dass es zeitweise kaum noch wie eine persönliche Erzählung wirkt - aber wer will es Sam Pivnik verdenken? Es reicht, das Geschehen einmal erlebt zu haben und in seinen Albträumen notgedrungen wiederkehren zu lassen, in seinen Schilderungen ist es daher mehr als legitim, die Gefühle, die Verzweiflung, die Todesangst weitestgehend außen vor zu lassen.


"Was war das hier für ein Ort, an dem Männer mit dem Knüppel bewusstlos geschlagen wurden, nur weil sie eine höfliche Frage gestellt hatten? An dem Verrückte im Schlafanzug einem heimlich zuflüsterten, man solle ein falsches Alter angeben?" (S. 85)

Trotz der distanzierten Schreibweise schildert Sam Pivnik schonungslos die Geschehnisse, und wenn ich mein Kopfkino nicht im Griff hatte, konnte es passieren, dass mir beim Lesen schlecht wurde. Deshalb war es mir auch nicht möglich, das Buch hintereinander weg zu lesen, so dass ich die Zäsur am Ende eines der 15 Kapitel jeweils für eine Pause nutzte.

Eingebettet ist die persönliche Erzähung Sam Pivniks in die größeren politischen Ereignisse, die zu der jeweils geschilderten Zeit auftraten. So fällt es dem Leser leichter, das Schicksal des Autors in einen größeren Ereigniszusammenhang einzubetten. Zunächst fand ich das etwas irritierend, weil die Lektüre an diesen Stellen fast schon den Charakter eines Geschichtsbuchs erhielt, schließlich aber gefiel mir diese Vorgehensweise zunehmend gut.


"Wir gingen alle durch dieselbe Hölle, und man hätte denken können, dass uns das verband, uns eine Art Wagenburgmentalität, ein Gefühl von 'wir und die' gab, aber so war das nicht. Die Angst spaltete uns, jeder kämpfte für sich allein." (S. 115)


Sams Erzählung beschränkt sich nicht allein auf den Holocaust, auf die perfiden Foltermethoden der Nazis, die Willkür, die Unberechenbarkeit, die Entmenschlichung. Er berichtet auch von dem 'danach', denn obgleich der Albtraum ein Ende hatte, blieben die Narben, das Trauma, der Verlust. Die Orte von früher hatten ihre Seele verloren, und Sam hatte keine Idee, was er überhaupt tun, wohin er sich wenden sollte. Ohne Heimat, ohne Ziel war es für Sam schwer, überhaupt wieder Fuß zu fassen.

Und dann die Sache mit der Gerechtigkeit. Im Nachkriegseuropa wollten weder die Verlierer noch die Gewinner etwas von diesen Erfahrungen wissen. Vieles wurde unter den Teppich gekehrt oder geleugnet, ein großes Interesse an der Aufklärung der Gräueltaten gab es nicht. Holocaustopfer mussten einfach weiterleben, wo und wie auch immer. Doch obwohl Sam Pivnik hier eher einen deprimierenden Abgesang präsentiert, verblüfft er zwischendurch mit dem Versuch eines Verständnisses.


"... dass​ viele SS-Leute tranken, vor allem an den Nachmittagen und Abenden. Kein Wunder. Nach allem, was ich erlebt habe, empfinde ich kein Mitleid mit ihnen, aber heute ist mir klar, dass sie in demselben Albtraum gefangen waren wie ich." (S. 153)


Alles in allem ist dies ein beeindruckendes Zeugnis eines der letzten lebenden Zeitzeugen des Holocaust - und es ist trotz der eher distanzierten Schreibweise erschreckend und berührend. Allemal lesenswert!


© Parden









Bildergebnis für sam pivnik


Der Theiss Verlag schreibt über den Autor:

1926 geboren, wächst Sam im schönen oberschlesischen Städtchen Bedzin auf. Am 1. September 1939, Sams 13. Geburtstag, überfallen die Deutschen Polen. Über das, was dann geschah, hat Sam Pivnik lange geschwiegen. Er lebt heute in einem Seniorenheim in London.

übernommen vom Theiss Verlag

Donnerstag, 20. April 2017

Grisham, John: Das Komplott

Da sitzt ein Anwalt namens Malcolm Bannister im Knast. Unschuldig, wie er erzählt. Bannister schaut sich gelegentlich die Fälle der Mitinsassen an. Meist hält er eine Berufung und ähnliches für aussichtslos. Zum Beispiel bei einem Nathan Cooley. Kennengelernt hat er auch einen Quinn Rucker. Und den beschuldigt er den Bundesrichter Fawcett ermordet zu haben. So kommt er in Freiheit und in das Zeugenschutzprogramm und arbeitet als Max Reed Baldwin weiter. Nur, hat Quinn den Richter wirklich ermordet? Und wieso fliegt Max / Malcolm eines Tages mit Nathan in einem Privatflugzeug nach Jamaika? Warum kommt Nathan dort plötzlich in den Knast? und was hat es mit einem Haufen Zigarrenkästchen auf sich, die ein Vermögen beinhalten?

Seltsam. Soeben lese ich im dazugehörigen Wikipedia-Artikel, dass DAS KOMPLOTT einzigartig unter John Grishams Romanen sei, weil Bannister / Baldwin ein Afroamerikaner sei. Komisch, Grisham hat sich in so manchem Roman vor allem auch für Bürgerrechte eingesetzt und für die schwarze Bevölkerung. Dazu lese man bloß einmal DIE JURY und DIE ERBIN.

Aber ich finde den Roman selbst tatsächlich für herausragend. Nach dem Lesen vieler seiner Bücher stellte sich auf ein gewisse Art meist ein Strickmuster heraus, welches hier stark durchbrochen wird. Die Schritte, welche Malcom / Max unternimmt lassen den Leser ständig rätseln. Selten habe ich erlebt, dass ein Roman so undurchsichtig erscheint. Erst sehr spät zum Beispiel offenbart der Erzähler dem Leser und dem FBI, dass er sich in Bezug auf Rucker geirrt (!) hat. Der Leser ahnt das selbst nur kurze Hör- oder Lesezeit vorher. Man ahnt immer etwas, aber alles ist auch immer vage und könnte auch ganz anders sein. Häppchen für Häppchen serviert Grisham seinen Stoff. 

Dass Grisham in seinen Romanen eigentlich immer mit der Feder tief un das Justizsystem der USA sticht weiß man ja. Aber dieser Thriller ist wirklich unglaublich subtil konstruiert und dabei wird alles völlig unaufgeregt präsentiert. Lesende oder hörende "Hektik" kam gerade einmal auf, als Vanessa die Zigarrenkästchen sicherstellen muss. Wer Vanessa ist? Wird nicht verraten...

* * *

Gelesen wird das Buch mal wieder von Charles Brauer. Dessen sonore und gleichzeitig sehr modulierende Sprache geben der deutschen Fassung des Buch gleich noch einen Kick. Tolles Hörvergnügen und das sagt einer, der an sich nicht so auf Hörbücher steht.


► John Grisham bei Random House
► John Grishoms Autorenseite
► John Grishoms Webseite
► Jon Grishom in der DNB

DNB / Random House Hörbuch / 2013 / ISBN: 978-3-8371-2138-4 / Download

© KaratekaDD




Mittwoch, 19. April 2017

Tucholsky, Kurt: Schloss Gripsholm (Hörbuch)


"Schloss Gripsholm" ist eine der hinreißendsten Sommergeschichten, die die deutsche Literatur zu bieten hat. Dieses innige, unnachahmlich elegante und amüsante Buch haben sich Liebende seit seinem Erscheinen 1931 immer wieder geschenkt, weil sie in ihm ihre eigene Verliebtheit mit all ihren Torheiten und Verzauberungen erkannten. In einer erstklassigen Lesung belebt Uwe Friedrichsen die Figuren mit seiner markanten Stimme. Und gelegentlich schnackt er auch ein bisschen "plattdütsch". So zeitlos wie die Romanvorlage ist auch diese Umsetzung als Hörbuch...

(Klappentext Litraton)

  • Audio CD
  • Verlag: Litraton (1. Januar 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecher: Uwe Friedrichsen
  • ISBN-10: 3894695862
  • ISBN-13: 978-3894695866










 EINE ZEITLOSE SOMMER-LIEBES-GESCHICHTE...



Schloss Gripsholm

Die Erzählung beginnt mit einem Briefwechsel des Autors mit seinem Verleger Ernst Rowohlt, in dem dieser Tucholsky bittet, wieder einmal etwas Leichtes zu schreiben, am liebsten eine Liebesgeschichte. Der Autor ziert sich etwas, feilscht um ein höheres Honorar, willigt jedoch schließlich ein.


"Kein Wunder, dass Sie auf Samt saufen, während unsereiner auf harten Bänken dünnes Bier schluckt."



Schließlich fährt der Ich-Erzähler mit seiner Geliebten in den Urlaub -  Sommerwochen in Schweden. Kurt (alias Peter, alias 'Daddy') und Lydia (seine 'Prinzessin') quartieren sich auf Schloss Gripsholm ein und genießen die Tage - die Sonne, die Natur, den Müßiggang, die Zweisamkeit. In ihrer Sommerfrische erhalten sie nacheinander Besuch von Kurts altem Kameraden und Freund Karlchen sowie von Lydias bester Freundin Billie. Die Personen sind sich allesamt sehr zugetan, es knistert wechselseitig zwischen ihnen, und schließlich erleben sie in sehr aufgeräumter Stimmung mit Billie eine Nacht zu dritt - wohl eine biografische Episode, die zu Tucholskys Ruf als Erotomane nicht unwesentlich beitrug...


"Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele."


Doch die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Episodenerzählung kontrastiert mit düsteren Szenen. Auf einem ihrer Spaziergänge begegnen die beiden Liebenden einer Schar Kinder, an deren Ende ein kleines trauriges Mädchen geht. Einige Tage später werden sie Zeuge, wie gerade dieses Mädchen aus der Tür eines Hauses stürmt - ein Kinderheim, wie sich herausstellt, und das Mädchen auf der Flucht vor der tyrannischen und sadistischen Heimleiterin. Peter und Lydia beschließen, dass man hier handeln müsse und setzen alle Hebel in Bewegung, um dem Mädchen zu helfen. Ein Hauch von Melancholie und Vergänglichkeit schleicht sich in die sonst so vergnüglich, frivol und verspielt daherkommende Sommergeschichte - beispielsweise auch dann, wenn der Ich-Erzähler in Gedanken an den Alltag in Deutschland verfällt.


"Die Welt hat eine abendländische Uniform mit amerikanischen Aufschlägen angezogen. Man kann sie nicht mehr besichtigen, die Welt. Man muss mit ihr leben. Oder gegen sie."


Überhaupt lässt Tucholsky den Leser sehr intensiv an den Gedankengängen und Gefühlen des Ich-Erzählers teilhaben. Die Erzählung dominiert weniger durch Aktionen denn durch inneres Erleben - und das erfordert ein sehr genaues Zuhören, damit hier keine Anspielungen und feine Nuancen verloren gehen. Tucholsky verwebt hier witzige und geistreiche Berliner Dialoge mit plattdeutschen Einsprengseln. Dabei zeigt er sein literarisches Können durch stilistisch ausgefeilte feine Formulierungen scharfer und punktgenauer Beobachtungen - ein gehobenes Stück Literatur.

Auch wenn die laufend wechselnde Namensgebung der beiden Hauptpersonen vor allem zu Beginn etwas verwirrend war, habe ich die ungekürzte Lesung (4h 48min) sehr genossen. Uwe Friedrichsen ist eine wundervolle Wahl für den Sprecher, denn das Stück wird durch seine durchdachten Betonungen lebendig, die Stimmungen - ob nun frivol und verspielt oder aber nachdenklich und melancholisch - werden hervorragend transportiert. Gerade aber auch die plattdeutschen Einschübe gelingen Friedrichsen mühelos, was das Geschehen noch authentischer wirken lässt.

Eines der wenigen Hörbücher, die ich sicher nicht nur einmal hören werde. Unbedingt empfehlenswert.


© Parden


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'Schloss Gripsholm' ist das wohl bekannteste Werk Tucholskys - und gleichzeitig das letzte von ihm veröffentlichte. Der Autor verfasste den Roman zu einer Zeit, als er unter den Verschleißerscheinungen seines unermüdlichen politischen Journalismus zu leiden begann. Die Offenheit, Weltklugheit und Großherzigkeit der Hauptfiguren wirken wie ein Gegenentwurf zum kleinkarierten und reaktionären Wesen, das Tucholsky immer wieder beklagte. Das Buch erschien erstmals im Jahr 1931. Am 23. August 1933 stand Tucholskys Name auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nationalsozialisten, und sein Vermögen in Deutschland wurde beschlagnahmt. Es gab für ihn keine Publikationsmögichkeiten mehr. Im Dezember 1935 starb der gerade einmal 45jährige Kurt Tucholsky nach längerer Krankheit und in tiefer Resignation an einer Überdosis Schlaftabletten.











Tucholsky, Kurt Der Audiobuch Verlag schreibt über den Autor:

Kurt Tucholsky gehört zu den bekanntesten Autoren der Weimarer Republik. Der Journalist, Satiriker und Literaturkritiker versuchte mit Wut, Eleganz und stets einer Prise Humor gegen Spießbürger anzugehen und einen Ausgleich zur aufkommenden politischen Tendenz Deutschlands zu schaffen.
  übernommen vom Audiobuch Verlag

Montag, 17. April 2017

Alba, Johanna & Chorin, Jan: Halleluja!



Habemus papam. Und was für einen!
Einen solchen Papst hat die Welt noch nicht gesehen: Petrus II. liebt nicht nur Vino, Caffè und Fußball, er macht auch auf der Vespa bella figura – sehr zum Leidwesen seiner frommen Haushälterin Schwester Immaculata. Aber leider quälen Petrus neuerdings ernste Sorgen. Sein engster Vertrauter, Kardinal Rotondo, wird Opfer eines mysteriösen Anschlags, ein Engel stürzt, eine Madonna weint, und eine blutige Schrift verkündet das Ende aller Tage. Hinter dem göttlichen Strafgericht wittert Petrus ein höchst irdisches Verbrechen. Mit römischem Witz und Gottes Beistand beginnt er zu ermitteln, doch ihm bleibt nur wenig Zeit. Denn Petrus glaubt zu wissen, wer das nächste Opfer sein soll: Seine Heiligkeit höchstpersönlich!


(Klappentext rowohlt Verlag)


  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 7 (1. Juli 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499253828
  • ISBN-13: 978-3499253829
  • Reihe: Papst-Krimi Bd. 1










AUGENZWINKERNDER KRIMISPASS...



Einen augenzwinkernden Krimispaß haben Johanna Alba und Jan Chorin hier geschaffen und dabei der Figur des Papstes einen überaus sympathischen Anstrich verpasst. Vor Papst Franziskus (im Amt seit 2013) hätte ich solch eine weltoffene und lebensfrohe Art des irdischen Oberhaupts der katholischen Kirche streng ins Reich der Märchen verwiesen, doch dieses 2010 erschienene Buch hatte demnach wohl eine offenbar prophetische Ausrichtung. Dies aber nur mal nebenbei.

Der literarische Papst Petrus ist ein durch und durch freundlicher Zeitgenosse, in allem keineswegs päpstlicher als der Papst und nur gelegentlich verschnupft, wenn seine verkniffene und sich an Frömmigkeit selbst überbietende Haushälterin Immaculata ihm wieder einmal alle leiblichen Genüsse zu verwehren versucht. Paulus II. sieht Gott in allen schönen Dingen des Lebens und versucht dieses entsprechend zu genießen. Doch der Anschlag auf seinen alten Freund Kardinal Rotondo setzt dem süßen Müßiggang ein Ende. Unterstützt von seinem Privatsekretär Francesco und seiner hübschen adligen Pressesprecherin Giulia nimmt der Papst hinter den Kulissen selbst die Ermittlungen auf und sticht in ein Wespennest aus Korruption, Intrigen, Machtbestrebungen und persönlichen Schicksalen.

Reichlich unrealistisch aber durchaus amüsant zu lesen stolpert der Papst fortan durch Rom, stets erfolgreich inkognito und selbtredend ohne jeglichen Leibwächter. Wenn man sich aber auf diese Idee einlässt, lernt man die Sehenswürdigkeiten und auch Geheimtipps Roms sozusagen nebenher einmal aus ganz anderer Sicht kennen.

Die Charaktere sind recht klischeehaft gestrickt, die Idee hinter der Geschichte jedoch ist ganz originell. Dabei verwirrt allerdings die Anzahl der mögichen Verdächtigen - und am Ende hat die Verwirrung bei mir letztlich auch nicht abgenommen. Zu viele Lösungsteile werden nach einigen überraschenden Wendungen schließlich präsentiert - da schwurbelte bei aller Vorhersehbarkeit am Schluss doch ein wenig der Kopf.

Neben den Ermittlungen präsentiert das Autorenduo auch durchaus kritische Töne hinsichtlich der Situation der katholischen Kirche und der geheimnisvollen Vorgänge, die hinter verschlossenen Kirchenmauern ablaufen mögen. Doch auch andere Religionen und Glaubensrichtungen werden hier eingehender beleuchtet, ohne dass hier dogmatisch für oder gegen eine Richtung Partei ergriffen wird. Für mich erträgliche Denkanstöße, die den Lesefluss nicht störten.

Dieser Papst-Krimi ist der erste Band der Reihe um Paulus II., und ich freue mich schon auf ein Wiederlesen im altehrwürdigen Rom. Abenteuer rund um den Vatikan mit Spannung und Humor - gerne wieder!


© Parden










Der rowohlt Verlag schreibt über die Autorin:

Johanna Alba ist Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin. Sie hat unter anderem in Rom studiert, wo sie in einer Künstler-WG gleich hinter dem Vatikan wohnte. Heute schreibt sie für verschiedene namhafte Magazine über Literatur, Kunst und Geschichte.

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Der rowohlt Verlag schreibt über den Autor:

Jan Chorin ist Historiker und hat sich auf europäische Religions- und Geistesgeschichte spezialisiert. Die Autoren sind verheiratet und leben mit ihren Kindern in München.  

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Sonntag, 16. April 2017

Lohse, Stephan: Ein fauler Gott


Vom Trost der Freundschaft und vom Glück der Normalität
 

Sommer 1972. Benjamin ist vor einigen Wochen elf geworden. Im nächsten Schuljahr wird er ein Herrenrad bekommen, eine Freundin und vielleicht eine tiefe Stimme. Doch dann stirbt sein kleiner Bruder Jonas. Nachts sitzt Bens Mutter auf einer Heizdecke und weint. Ben kommt nun extra pünktlich nach Hause, er spielt ihr auf der C-Flöte vor und unterhält sich mit ihr über den Archäopteryx. An Jonas denkt er immer seltener. Ben hat mit dem Leben zu tun, er muss für das Fußballtor wachsen, sein bester Freund erklärt ihm die Eierstöcke, und sein erster Kuss schmeckt nach Regenwurm. Mit seiner neuen Armbanduhr berechnet er die Zeit.

 

(Klappentext Suhrkamp Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (6. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518425870
  • ISBN-13: 978-3518425879











VOM LEBEN UND VOM TRAUERN...




Die Erzählung beginnt im Jahr 1972, als der kleine Bruder des 11jährigen Ben unerwartet stirbt. Nach Fassungslosigkeit und Erstarrung hält Trauer Einzug in die kleine Familie, die nunmehr nur noch aus Ben und seiner Mutter besteht. Bens Vater wohnt nicht mehr bei ihnen, sondern hat vor einger Zeit beschlossen, sein Leben an der Seite einer anderen Frau und in einer anderen Stadt zu führen.


"Die ewigen Jagdgründe musst du dir wie eine Lücke in der Zeit vorstellen. Dort wird Jonas ewig so bleiben, wie du ihn erinnerst."


Einsamkeit. Das ist das Wort, das mir zu diesem Debüt-Roman von Stephan Lohse als erstes in den Kopf kommt. Ben und seine Mutter sind meist allein mit ihrer Trauer. Vor allem Ruth hat niemanden, der für sie da ist - keine Familie, keine Freunde, keine Nachbarn, keine Kollegen. Sie zieht sich in ihrer Trauer in sich selbst zurück, gestattet sich nur auf ihrer voll eingeschalteten Heizdecke zu weinen, will Ben nicht mit ihren Gefühlen konfrontieren. Immer wieder kommt sie an den Punkt, das Leben unerträglich zu finden.

Ben vermisst Jonas auch, kann jedoch mit seiner Mutter kaum darüber reden - merkt er doch, wie sehr sie leidet. Er fühlt sich im Gegenteil für sie verantwortlich und macht dies in kleinen Gesten immer wieder deutlich. Doch im Gegensatz zu seiner Mutter hat Ben auch ein Leben im außen. Die Schule mit seinen Freunden, die Bibliothek mit ihrer Welt der Bücher - und Herrn Gäbler. Ihm, dem im Grunde vollkommen Fremden aus der Nachbarschaft, kann Ben seine Gedanken und Fragen zum Tod seines Bruders anvertrauen.


"Ich glaube nicht, dass die Seelen überhaupt etwas sprechen", sagt Herr Gäbler. "Ich vermute eher, dass sie sich telepathisch verständigen. "Wie mit Funkgeräten?" Herr Gäbler nickt. "Wie mit Funkgeräten." Ben überlegt, dass die Seelen, wenn sie über telepathischen Funk verfügten, nicht lachen oder mit dem  Kopf nicken müssten (...) Sie machten alles innerlich. Per Himmelsfunk. Vielleicht klingt ihr Himmelsfunk wie Luftmusik. Wie der Ton aus Philip Bührmanns Staubsaugerschlauch."



Erzählt wird der Roman aus den wechselnden Perspektiven von Ben und seiner Mutter Ruth - und dieser Umstand ist es, der mich hier am meisten gestört hat. Der Klappentext ließ vermuten, dass es hier nur um Ben und seine Art geht, mit der Trauer um seinen Bruder fertig zu werden. Den Perspektivwechsel empfand ich im Gegensatz zu anderen Büchern hier als störend, weil so keiner der Charaktere wirklich zu seinem Recht kam. Vieles wurde nur angerissen, genauso wie einzelne Episoden ohne wirklichen Zusammenhang aneinander gereiht wurden. Neben der Trauer gab es zahlreiche andere Themen, die hier eine Bedeutung erhielten, jedoch keinen wirklichen Raum: Pubertät, Schulzeit, das Flair der 70er Jahre, Musik und Literatur... Einerseits machen diese Themen deutlich, dass das Leben für Ben schon irgendwie weitergeht, andererseits verwässern sie sich durch ihre Vielfalt gegenseitig. Insgesamt wirkt der Roman dadurch über weite Strecken zerfasert.

Der Autor selbst ist 1964 geboren und damit auch Kind der geschilderten Zeit. Meine Gedanken beim Lesen solcher Bücher sind stets, wie viel Autobiographisches darin stecken mag. Das würde auch erklären, weshalb Lohse so viele Aspekte der Kindheit Bens so ausführlich schildert und manche anscheinend zusammenhanglose Ereignisse einfließen lässt, die das Geschehen nicht so sehr 'voranbringen'.


"Den eigenen Tod sterben wir, den Tod unserer Kinder müssen wir leben."


Einzelne Szenen in dem Roman konnten mich berühren, insgesamt jedoch blieb die Erzählung für mich trotz der bedrückenden Thematik eher an der Oberfläche. Vielleicht sah der Autor die Gefahr, dass die Geschichte durch die allgegenwärtige Trauer zu sehr ins Melodramatische abdriften könnte, doch hat er für mich da zu sehr gegengesteuert. Dabei entwickelt sich die Situation durchaus dramatisch, wie gerade das Ende aufzeigt.

Insgesamt ein Buch zum Thema 'Leben und Trauern', das ich nicht ungerne gelesen habe, dessen Umsetzung ich aber nur bedingt für gelungen halte.


© Parden 












Der Suhrkamp Verlag schreibt über den Autor:

Stephan Lohse wurde 1964 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und war unter anderem am Thalia Theater, an der Schaubühne in Berlin und am Schauspielhaus in Wien engagiert. Ein fauler Gott ist sein Debütroman. Stephan Lohse lebt in Berlin.

übernommen vom Suhrkamp Verlag