Samstag, 27. August 2016

Süskind, Patrick: Die Geschichte von Herrn Sommer



Herr Sommer läuft stumm, im Tempo eines Gehetzten, mit seinem leeren Rucksack und dem langen, merkwürdigen Spazierstock von Dorf zu Dorf, geistert durch die Landschaft und durch die Tag- und Alpträume eines kleinen Jungen. Erst als der kleine Junge schon nicht mehr auf Bäume klettert, entschwindet der geheimnisvolle Herr Sommer.

(Klappentext Diogenes Verlag)

  • Taschenbuch: 136 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 21 (21. Dezember 1993)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257226640
  • ISBN-13: 978-3257226645











ZWISCHEN KOMIK UND SEHNSUCHT...


Die Illustrationen im Buch sind von Sempé

Zu der Zeit, als ich noch auf Bäume kletterte, lebte in unserem Dorf ein Mann mit Namen "Herr Sommer". Kein Mensch wusste, wie Herr Sommer mit Vornamen hieß, und kein Mensch wusste auch, ob Herr Sommer einem Beruf nachging.
Obwohl man über die Sommers und insbesondere über Herrn Sommer so gut wie nichts wusste, kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass es im Umkreis von mindestens sechzig Kilometern um den See herum keinen Menschen gab, Mann, Frau oder Kind - ja nicht einmal einen Hund -, der Herrn Sommer nicht gekannt hätte, denn Herr Sommer war ständig unterwegs. Es mochte schneien oder hageln, es mochte stürmen oder wie aus Kübeln gießen, die Sonne mochte brennen, ein Orkan im Anzug sein, Herr Sommer war auf Wanderschaft... 



http://images.bookcrossing.com/images/journalpics/855/66/8556566.jpg Ein wenig verwirrt der Titel des Buches, denn besagter Herr Sommer ist im Grunde eine Randfigur des Geschehens - in dessen Kern steht ein kleiner Junge, der in diesem ländlichen Idyll aufwächst. Aus der Erinnerung des inzwischen alt gewordenen Jungen und erzählt aus der Ich-Perspektive werden retrospektiv Episoden aus seiner Kindheit erzählt, mit all ihren sinnlichen Vergnügungen, Verwirrungen und Enttäuschungen. Das Klettern auf Bäume, Radfahren, der schüchterne Versuch, einem Mädchen näher zu kommen und das nahezu traumatische Erlebnis einer Klavierstunde gehören zu den erinnerten Episoden - und bringen einen zum Schmunzeln oder führen zu eigenen Erinnerungen...

Herr Sommer ist dabei ein allgegenwärtiger, getriebener Mensch, stets hastig mit Hilfe seines Stockes voran eilend, keine Zeit oder Ruhe zu verweilen. Süskinds Erzählstil setzt dabei auf Rätselhaftigkeit und Distanz - so bleibt Herr Sommer bis zum Schluss eine mysteriöse Erscheinung, in seinem immerwährenden Auftauchen fast schon nicht mehr wahrgenommen, und doch eine Tragik, ein unerträgliches Lebensgefühl vermuten lassend, einzig erspürt durch eben diesen kleinen Jungen, der in der Novelle als Erzähler fungiert.

https://o.quizlet.com/P3elnFMoxshzs.7ESnxD4g_m.jpg Die Erzählung selbst erfolgt ebenso hastig wie die Wanderungen des Herrn Sommer - der erste Punkt wird erst auf der dritten Seite gesetzt. Immer wieder schweift der Erzähler in seinen Gedanken ab, lässt sich treiben in seinen Erinnerungen - und komplettiert doch so das Bild seiner Kindheit. Zart und poetisch, gewitzt und komisch, melancholisch und doch mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit, so kommt die Erzählung daher.

Wunderschön illustriert ist der schmale Band durch Zeichnungen von Sempé.

Ich freue mich, dass mir dieses Kleinod in die Hände gefallen ist...


© Parden

















Patrick SüskindDer Diogenes Verlag schreibt über den Autor:

Patrick Süskind, geboren 1949 in Ambach am Starnberger See, studierte in München und in Aix-en-Provence mittlere und neuere Geschichte und verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst mit dem Schreiben von Drehbüchern. 1984 erschien sein Ein-Personen-Stück ›Der Kontrabaß‹, 1985 sein Roman ›Das Parfum‹, der 2005 von Tom Tykwer verfilmt wurde. 1987 folgte die Erzählung ›Die Taube‹ und 1991 ›Die Geschichte von Herrn Sommer‹, mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé. Patrick Süskinds Werk ist in über fünfzig Sprachen übersetzt.

übernommen vom Diogenes Verlag

Freitag, 26. August 2016

Horowitz, Anthony: Das Geheimnis des weißen Bandes



Am Abend eines ungewöhnlich kalten Novembertages im Jahr 1890 betritt ein elegant gekleideter Herr die Räume von Sherlock Holmes‘ Wohnung in der Londoner Baker Street 221b. Er wird von einem mysteriösen Mann verfolgt, in dem er den einzigen Überlebenden einer amerikanischen Verbrecherbande erkennt, die mit seiner Hilfe in Boston zerschlagen wurde. Ist der Mann ihm über den Atlantik gefolgt, um sich zu rächen? Als Holmes und Watson den Spuren des Gangsters folgen, stoßen sie auf eine Verschwörung, die sie in Konflikt mit hochstehenden Persönlichkeiten bringen wird ? und den berühmten Detektiv ins Gefängnis, verdächtigt des Mordes. Zunächst gibt es nur einen einzigen Hinweis: ein weißes Seidenband, befestigt am Handgelenk eines ermordeten Straßenjungen …

Erstmals seit dem Tod von Arthur Conan Doyle erscheint ein neuer Roman um den genialsten Detektiv aller Zeiten, aus der Feder des internationalen Bestsellerautors Anthony Horowitz. Es ist Sherlock Holmes‘ spektakulärster Fall.

(Klappentext Suhrkamp/Insel Verlag)

  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: 2 (11. März 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Lutz-W. Wolff
  • ISBN-10: 345835915X
  • ISBN-13: 978-3458359159
  • Originaltitel: The House of Silk










EINE GELUNGENE HOMMAGE...


Sherlock Holmes (rechts) mit Deerstalker-Hut und Karomantel, Illustration von Sidney Paget, 1891 - Quelle: Wikipedia

Ich bin ganz ehrlich: gekauft hätte ich mir dieses Buch nicht. Denn zu häufig schon habe ich erlebt, dass eine Pastiche - also die Imitation des Werkes eines vorangegangenen Künstlers - mehr gewollt denn gekonnt war, und vor einer solchen Enttäuschung schrecke ich seither zurück. Selbst die überwiegend sehr positiven Rezensionen zu diesem Buch konnten mich nicht dazu bewegen, den neuen Roman um Sherlock Holmes käuflich zu erwerben. Aber wie der Zufall so spielt, war 'Das Geheimnis des weißen Bandes' Teil eines Gewinnpaketes bei Lovelybooks, und natürlich habe ich es nun auch gelesen.

Die brennende Frage hinter all dem ist ja: Kann ein Abenteuer um Sherlock Holmes aus der Feder eines anderen Autors als Sir Arthur Conan Doyle wirklich überzeugen, fesseln und womöglich sogar mit den Original-Geschichten mithalten? Meine Antwort: Erstaunlicherweise ja!

Von Beginn an ist zu merken, dass Anthony Horowitz selbst zu den größten Fans des wohl berühmtesten Detektivs der Literaturgeschichte zählt - das ganze Buch liest sich wie eine einzige Hommage an Sherlock Holmes. Horowitz hat Doyles Geschichten offensichtlich so eingehend studiert, dass er in der Lage war, dessen Schreibstil nahezu perfekt zu übernehmen. Wie auch in den Fällen zuvor, wird das Abenteuer aus der Sicht von Doktor Watson erzählt, der als Chronist der Fälle von Sherlock Holmes fungiert und gleichzeitig dessen bester Freund ist. Von Beginn an fühlt sich der Leser in das viktorianische London des Jahres 1890 versetzt, und Horowitz wird nicht müde, sich in oftmals recht eingehenden Beschreibungen von Häusern, Mode, Interieur, Gepflogenheiten und politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten zu ergehen. Dies war mir manchmal ein wenig des Guten zu viel, doch insgesamt schuf er damit eine authentische und passende Atmosphäre für den neuesten Fall von Sherlock Holmes.

Gelungen ist hier bereits der Einstieg des Romans - klassisch beginnend in der Baker Street 221B - und gleich wird der Leser mit dem staunenden Watson Zeuge von Holmes' verblüffenden geistigen Fähigkeiten. Auch das unversehene Auftreten eines neuen Klienten in der Wohnung des Detektivs passt gut in das Bild von Doyles Romanen. Die haarsträubende Geschichte, die der elegant gekleidete Herr den Freunden Holmes und Watson dann erzählt, erscheint anfangs harmlos und unspektakulär. Doch zunehmend entpuppt sich der Fall als verstrickter und weitreichender als es anfangs anmutet, wodurch sich sowohl Holmes' Jagdinstint als auch das gebannte Interesse des Lesers steigert.

Als gelungen empfand ich ebenfalls, dass Horowitz immer wieder Bezug nimmt auf vorherige Fälle und dass man hier neben Holmes und Watson auch anderen aus Doyles Romanen vertrauten Figuren wiederbegegnet, wie z.B. der Haushälterin des Detektivs, Mrs. Hudson, Holmes ewigem Widersacher Inspektor Lestrade und selbst Mycroft Holmes, Sherlocks ebenso hochintelligentem Bruder. Selbst Holmes legendäre Verkleidungskünste spielen hier wieder eine wesentliche Rolle.

Bei allen erfreulichen Ähnlichkeiten und Wiedererkennungseffekten hat Horowitz es jedoch auch nicht versäumt, seinen ganz eigenen Stil einfließen zu lassen und dem Fall dadurch eine persönliche Note zu geben. Im Grunde verquicken sich hier zwei üble Geschichten, wie auch Watson nicht müde wird zu betonen, und werden erst gegen Ende wieder in einen passenden Zusammenhang gebracht. Die Geschehnisse bieten für Holmes und Watson deutlich mehr Gefahrenpotential als in Doyles Fällen - mehr als einmal müssen sie hier ernsthaft um ihr Leben bangen. Und die Figuren gewinnen bei Horowitz deutlich an Profil, werden facettenreicher. Watson beginnt kritisch zu hinterfragen - sein eigenes Handeln ebenso wie das der Gesellschaft. Und Holmes wird hier nicht nur auf seinen legendären Scharfsinn reduziert, sondern präsentiert sich dem Leser auch als melancholsicher Zweifler, der selbst vor Schulgefühlen nicht gefeit ist. Insgesamt wirken die Charaktere dadurch vielschichtiger und menschlicher, was mir gut gefallen hat.

Der Hintergrund des Falles ist verblüffend und wäre unter Doyles Feder sicher nicht thematisiert worden. Mehr möchte ich dazu allerdings nicht verraten, denn das würde zu viel vorwegnehmen. Ich fand es allerdings interssant, dass diese Thematik in das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts versetzt wurde - für mich einmal mehr eine gekonnte Verknüpfung der verschiedenen Zeitebenen...

Insgesamt präsentiert sich dieser Roman also als gelungene Hommage an Sherlock Holmes, und allen Fans der historischen Bücher des berühmten Detektivs sei diese Pastiche empfohlen. Ich bin jetzt jedenfalls neugierig auf die weiteren Fälle um Sherlock Holmes aus der Feder von Anthony Horowitz...


© Parden

















Anthony HorowitzDer Verlag Suhrkamp/Insel schreibt über den Autor:

Anthony Horowitz, 1956 in Stanmore (England) geboren, ist einer der erfolgreichsten Autoren Englands. In Deutschland ist er vor allem für seine Jugendbücher um den Helden Alex Rider bekannt. Neben zahlreichen Büchern hat er Theaterstücke und Drehbücher (u. a. Inspector Barnaby) geschrieben.

übernommen vom Verlag Suhrkamp/Insel

Dienstag, 23. August 2016

Jogger


TinSoldiers Fotos und Zeichnungen


Der Läufer
Graphit/Kohle 40 x 50 cm
Zeichnung by TinSoldier 2016

Blasmusik



TinSoldiers Fotos und Zeichnungen

Der Blechbläser
Graphit/Kohle auf Zeichenkarton, 40 x 50 cm
Zeichnung by TinSoldier

Samstag, 20. August 2016

Willemsen, Roger: Habe Häuschen. Da würden wir leben (Hörbuch)


Für den Moderator und Publizisten Roger Willemsen ist die Welt der Kontaktanzeigen eine Literatur neben der Literatur: Sie findet massenhafte Verbreitung und macht aus allen Menschen Autoren und Autorinnen – und das schon seit Jahrhunderten. In ihren Annoncen zeigen sich die Verfasser unverblümt und komisch, aber auch fordernd oder bitter. Sie sagen, wie sie selbst sich sehen oder gesehen werden möchten, und entwickeln ihre Ideale eines geglückten Liebeslebens. Das ist oft (unfreiwillig) komisch. Doch vor allem sagt diese Literatur etwas über den suchenden Menschen aus – und sie ist in dieser Hinsicht auch ernst zu nehmen. Willemsen hat lange recherchiert und dabei allerlei Rührendes, Abstruses, Groteskes und Komisches ausgegraben. In einer szenischen Lesung mit der Schauspielerin und Komikerin Anke Engelke streift er durch seine Funde und denkt laut über die unterschiedlichen Facetten der »Verpartnerungsprosa« nach. 


  • Audio CD
  • Verlag: tacheles!/ROOF Music; Auflage: 2 (13. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecher: Roger Willemsen, Anke Engelke 
  • Spielzeit: 85 Minuten
  • ISBN-10: 3864843170
  • ISBN-13: 978-3864843174











 IM DSCHUNGEL DER KONTAKTANZEIGEN...

Es gibt eine Literatur neben der Literatur, eine, die auf eigene Weise von dem spricht, was ist, was fehlt, was sein soll, und die aus allen Menschen Autoren macht: die Kontaktanzeige. Hier zeigen sich Menschen unverblümt, hier sagen sie, wie sie selbst sich sehen oder gesehen werden möchten, hier entwickeln sie ihre Ideale eines geglückten Liebeslebens. Roger Willemsen hat lange und an entlegenen Publikationsorten recherchiert. In einer szenischen Lesung mit Anke Engelke denkt er laut über die unterschiedlichen Facetten der »Verpartnerungsprosa« nach und streift durch seine Funde.

Über 80 Millionen Deutsche haben allein im letzten Jahrzehnt eine Kontaktanzeige online gestellt. Fast jedes 5. Paar hat sich heutzutage im Internet kennengelernt. Um so dringender erschien Roger Willemsen daher die Aufgabe, sich einmal eingehender mit den Kontaktanzeigen zu befassen. Und - wenig verwunderlich - bei allen modernen Entwicklungen: die Sprache der Inserate ähnelt doch noch häufig der der Höhlenbewohner von einst.

Diese 85minütige Lesung ist recht kurzweilig inszeniert, dadurch dass sich Roger Willemsen und Anke Engelke abwechselnd und unterhaltsam laufend gegenseitig den Ball zuspielen. Highlights aus den Funden der Welt der Kontaktanzeigen werden untermalt durch nachdenkliche und dabei augenzwinkernde mögliche Interpretationen dieser ganz eigenen Schriftstücke - und Wissenswertes gibt es obendrein.

So erfährt der Hörer beispielsweise, dass die erste Kontaktanzeige am 19. Juli 1695 in einem Londoner Wochenblatt erschien - und für einen Eklat sorgte. "Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von circa 3.000 Pfund." Nicht jedoch der Inserent war es, der im Kreuzfeuer der Kritik stand, sondern die verantwortlichen Redakteure, die ein solches Inserat zuließen. Erst 30 Jahre später gab eine Frau eine derartige Anzeige auf - diesmal allerdings mit Folgen für sie selbst. Sie wurde als Exzentrikerin verschrieen und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Etwa 120 Jahre später, am 30. Januar 1956, gab es erstmals eine andere Form der Kontaktanzeige. Die Eltern einer gerade einmal erwachsenen Tochter, die an 'Veiztanz' erkrankt war, boten diese meistbietend möglichst einem 40-50 jährigen Arzt als Ehefrau an, wenn dieser sich nur ausreichend um sie kümmere...

Wirklich neu sind die Kontaktanzeigen also nicht. Nur das Internet sorgte als moderne Form der Verbreitung dafür, dass auch diese Schriftstücke eine Art Globalisierung erfuhren. Der Lesung ist anzumerken, dass sowohl Anke Engelke als auch Roger Willemsen deutlich Spaß an dem Vortrag hatten. Sehr positiv empfand ich dabei, dass sich die Sprecher zwischendurch zwar durchaus lustig machen über die Inhalte der Kontaktanzeigen, dabei aber auch nachdenkliche Töne einbringen und manchmal nahezu anrühren.

Viel weniger 'Klamauk' wird hier also geboten, als ich anfangs erwartete. Aber ein paar skurrile Fundstücke seien hier dennoch weitergegeben: So sprach jemand nahezu lyrisch in seiner Kontaktanzeige von der Durchwanderung 'der grünen Auen des Kamasutras', bei einem zweiten schien es auf einen letzten Versuch hinauszulaufen 'Bin Rentner, 72, und suche jemanden, der das Leben genauso satt hat wie ich.'  und ein dritter meinte metaphorisch: 'Hänsel sucht Gretel - die Hexe hatte ich schon...'

Eine angenehm zu hörende Lesung um ein Phänomen der heutigen Zeit, die Unterhaltsames ebenso bietet wie Wissenswertes. Kein Muss, aber durchaus nett für zwischendurch!


© Parden















Roger Willemsen Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den Prix Pantheon-Sonderpreis, den Deutschen Hörbuchpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Zuletzt erschienen im S. Fischer Verlag seine Bestseller ›Der Knacks‹, ›Die Enden der Welt‹, ›Momentum‹ und ›Das Hohe Haus‹. Über sein umfangreiches Werk gibt Auskunft der Band ›Der leidenschaftliche Zeitgenosse‹, herausgegeben von Insa Wilke.


Anke Christina Engelke; bürgerlich: Anke Christina Fischer, ist eine deutsche Komikerin, Schauspielerin, Entertainerin, Musikerin, Synchronsprecherin und Moderatorin. Nähere Informationen s. Wikipedia



Mittwoch, 17. August 2016

Krätschmar, Tania: Seerosensommer


Kann man die große Liebe zweimal finden? Eigentlich ist Josephine nach dem Tod ihres Mannes fest davon überzeugt, dass ihre beiden Söhne von nun an die einzigen Männer in ihrem Leben sind. Als sie jedoch im Sommer darauf in eine alte Villa an der Müritz zieht, umdort ein Restaurant zu eröffnen, ist siesich plötzlich gar nicht mehr so sicher. Denn da ist Severin, dessen Augen so blau sind wie der Sommerhimmel.Doch ist sie wirklich schon bereit für eine neue Liebe?

(Klappentext Droemer Knaur)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 694 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur eBook; Auflage: 1 (13. November 2009)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B004X7TZJS

Momentan ist das Buch neu nur als eBook erhältlich...















BEDROHTE IDYLLE...



http://media.gettyimages.com/videos/lotus-flower-in-pond-video-id473052857?s=640x640


Für Josephine Gill bricht eine Welt zusammen, als ihr Mann bei einem Motorradunfall ums Leben kommt. Um den Schicksalsschlag besser zu verkraften, beschließt die junge Frau, das gemeinsame Restaurant in Berlin zu schließen, das gerade einen der begehrten Michelin Sterne bekommen hat. Mit ihrem jüngsten Sohn Gabriel und ihrer engsten Vertrauten Edith zieht Josephine nach Valtzow an der Müritz. Die alte Villa, die ihr Mann kurz vor seinem Tod für seine Familie gekauft hatte, wird renoviert, und bald schon fühlen sich die drei dort heimisch. Die Ruhe der Umgebung, die idyllische Lage an einem seerosenüberfluteten See und die Arbeit, die auf Josephine wartet, sorgen dafür, dass die Wogen der Trauer allmählich kleiner werden.

Gemeinsam mit Edith eröffnet Josephine in dem alten Herrenhaus die "Seerose", ein kleines, feines Restaurant mit regionaler Küche. Durch Zufall lernt sie neben einigen Dorfbewohnern auch Severin kennen, einen jungen Ingenieur, der ihr helfen will, für ihr Restaurant eine Terrasse zu bauen, damit die Gäste künftig auch den idyllischen Blick auf den See genießen können. Mit seinem Hausboot ankert er bald am Ufer ihres Grundstücks und begibt sich an die Arbeit. Zwischen der hübschen Josephine und dem blauäugigen Severin beginnt es zu knistern, doch die junge Witwe fühlt sich noch nicht wirklich bereit für eine neue Liebe. Und plötzlich wird auch die Idylle der "Seerose" bedroht, denn am gegenüberliegenden Ufer soll nun ein Yachthafen entstehen, für den sämtliche Natur dem Beton weichen müsste. Gibt es für die idyllische Existenz noch eine Chance?

Eine angenehm zu lesende Sommerlektüre in gewohnt flüssigem Schreibstil präsentiert Tania Krätschmar hier. Eine nette - und glücklicherweise nicht zu kitschige - kleine Romanze mit sympahtischen und authentischen Charakteren entblättert sich hier, gelungen verpackt in eine spannende Geschichte, bei der beim Lesen die verzweifelte Hoffnung auf ein Happy End aufkommt - man weiß nur nicht, wie das wohl noch gehen sollte...

Dieses Buch ist nicht wirklich Teil einer Reihe. Jedoch taucht hier mit der Schwester Josephines eine Figur auf, zu der es von Tania Krätschmar einen eigenen Roman gibt: die Biologin Ella, die sich in 'Winterherz' der Erforschung der Wölfe widmet. Es war nett, Ella hier, wenn auch kurz, wiederzubegegnen. Aber 'Seerosensommer' lässt sich ganz gewiss auch ohne Kenntnis des anderen Buches lesen.

Insgesamt also ein nettes Buch für Zwischendurch, bei dem man einfach mal die Seele baumeln lassen kann. Bei Gelegenheit gerne mehr davon!


© Parden





Das Buch ist bereits verfilmt worden!








Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:

Tania Krätschmar wurde 1960 in Berlin geboren. Nach ihrem Germanistikstudium in Berlin, Florida und New York arbeitete sie als Bookscout in Manhattan. Heute ist sie als Texterin, Übersetzerin und Autorin tätig. Sie lebt mit ihrem Sohn in Berlin.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Sonntag, 14. August 2016

Kang, Han: Die Vegetarierin


Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die, laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

(Klappentext Aufbau Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
  • Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 1 (15. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Dr. Ki-Hyang Lee
  • ISBN-10: 3351036531
  • ISBN-13: 978-3351036539













ABGRÜNDE DER EINSAMKEIT...




Yeong-Hye lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in Seoul, bescheiden und unauffällig. Jeder geht täglich seinen Aufgaben nach, pflichtbewusst und beflissen, sei es in dem Bürojob, sei es im Haushalt. Ein durchschnittliches Leben in angenehmer Eintönigkeit, ohne Ambitionen oder Leidenschaften.


"Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten."


Yeong-Hyes Mann hätte so bis ans Ende seiner Tage zubringen können - hätte seine Frau nicht zu träumen begonnen. Diese Träume jedenfalls sind der Grund, weshalb Yeong-Hye plötzlich beschließt, kein Fleisch mehr zu essen und auch alle anderen tierischen Produkte aus dem Haushalt zu entfernen. Die junge Frau ist dabei sehr konsequent, magert in kurzer Zeit bis auf die Knochen ab. Bei einem Geschäftsessen blamiert Yeong-Hye ihren Mann mit ihrer Haltung, bei einem Familienessen kommt es zum Eklat. Während ihr Mann sich zunehmend von Yeong-Hye distanziert, reagiert ihr Schwager fasziniert auf sie. Er stellt sie in den Mittelpunkt seines neuesten Kunstprojekts, Yeong-Hye als perfektes Motiv für seine avantgardistische Videokunst - und er verfolgt dies obsessiv, bis es auch hier zum Eklat kommt. Seine Frau, Yeong-Hyes Schwester, versucht zu retten was zu retten ist. Und zu verstehen.

Dies ist der erste Roman einer südkoreanischen Autorin, den ich gelesen habe. Trotz seiner Kürze von gerade einmal 190 Seiten ist er ausgesprochen anspruchsvoll - nicht aufgrund der Sprache, die klar, wenig poetisch und oftmals auch reduziert ist, sondern aufgrund der zahlreichen verstörenden, oftmals traumartigen Bilder, der kafkaesken Erzählung, der surrealen und gleichzeitig symbolbehafteten Inhalte.

Dennoch habe ich den Roman gerne gelesen, denn er bietet Einblicke in das Leben Südkoreas, wo strenge soziale Normen herrschen und alles was aus dem Durchschnitt herausfällt als subversiv gilt. Die Entwicklung um Yeong-Hye ist der rote Faden des Buches, doch werden die drei Abschnitte des Romans aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven erzählt, nie allerdings aus der von Yeong-Hye selbst. Zunächst erlebt ihr Ehemann die Veränderungen Yeong-Hyes, später wechselt die Perspektive zu ihrem Schwager und als letztes zu ihrer Schwester. Das Empfinden der Einzelnen letztlich im Kontrast zu dem der Gesellschaft im allgemeinen und der beteiligten Institutionen im besonderen auf das veränderte Verhalten Yeong-Hyes werden so sichtbar und deutlich: die Verwirrung, Verängstigung, Bedrohung, der Versuch zu verstehen, aber auch das wachsende Bewusstsein von der eigenen Einsamkeit, das Hinterfragen.

Für mich strotzt die Erzählung nur so vor Symbolik, die sich mir vermutlich nur ansatzweise entschlüsselt. Was für mich hier deutlich Thema ist, ist das Eingeengtsein, das starre Angepasstsein, das um-alles-in-der-Welt-nicht-auffallen-Dürfen in der koreanischen Gesellschaft. Was aber zwangsläufig einhergeht mit der Entsagung von Lebensfreude, dem Alltagstrott ergeben, mit der Unterdrückung von Gefühlen und auch von Leidenschaften. Yeong-Heye wagt hier einen kleinen Akt der Unabhängigkeit, der eine Lawine nach sich zieht - und letztlich nur eine logische Konsequenz hat. Jeder Ausbruch aus den engen Konventionen wird in Südkorea nicht nur argwöhnisch beäugt, sondern gleich auch schwer geahndet - Ächtung durch die Verwandtschaft, Psychiatrie, Gefängnis. Also bleibt nur die vollkommene Verweigerung, die Flucht nach innen, weil es sonst keinen Weg zu geben scheint. Alle drei Perspektiven berichten von dieser Aussichtlosigkeit, und für alle drei ist das bisherige Dasein unerträglich - der Preis für das ewige, scheinbar emotionslose, Angepasstsein. Das ist die Botschaft, die dieser Roman für mich transportiert.

Ein außergewöhnlicher Roman, der in die Abgründe der Einsamkeit führt und von bizarren und grotesken Bildern lebt. Mir hat er gut gefallen und meiner Meinung nach völlig zurecht den International Man Booker Prize erhalten.


© Parden















Der Aufbau Verlag schreibt über die Autorin:

Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

übernommen vom Aufbau Verlag