Montag, 20. Februar 2017

Williams, John: Augustus


Ein US-amerikanischer Schriftsteller veröffentlichte im Jahre 1972 einen wohl ungewöhnlichen Roman über einen römischen Kaiser, der der „Menschheit“ hauptsächlich durch zwei Ereignisse bekannt ist. Das Erste ist eine Volkszählung:

„Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde ... Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seiner Stadt.“ (Lukas, 2, 1 und 3). 1

Anderen ist vor allem der Ausspruch „Quintil Vare, legiones rede!“ - „Quintilius Varus, gib mir meine Legionen wieder!“, den der römische Kaiser nach dessen Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald gegen den Cheruskerfürsten Arminius im Jahre 9 n. Chr. angeblich ausrief. 2

Vom ersten Ereignis ist im Roman des John Edward Williams nicht die Rede. Vermutlich liegt das daran, dass die Suche nach dem „geborenen König der Juden“ ein Problem des Herodes Antipas ist, Herrscher in Jerusalem von Roms Gnaden. Der Kampf in Germanien hingegen spielt keine Rolle bis zum letzten Kapitel des Romans. Es ist das Kapitel, indem Augustus selbst zu Wort kommen wird.

„John Williams´ Fantasie ist es vielleicht plausibler als jedem Historiker gelungen, die Seele dieser erstaunlichen Figur zu durchleuchten.“ 3 Diesem Satz werde ich nicht zustimmen, jedoch dem dahinter stehenden Gedanken, dass Geschichte nicht nur durchinteressante und brillante Sachbücher, sondern ebenso durch hervorragende (historische) Romane geschildert und erklärt wird. Selbst erklärt der Autor in einem Vorwort: „Ich habe die Reihenfolge bestimmter Ereignisse geändert, habe erfunden, wo Berichte unvollständig oder ungewiss waren, und manche Personen, die die Geschichte zu erwähnen vergaß, verlieh ich eine Identität.“ 4

Dokumente hat er erfunden, Ortsnamen modernisiert, aber auch zitiert, er schreibt „gestohlen“. „Falls es aber Wahrheit in diesem Werk gibt, dann handelt es sich um literarische, nicht um historische Wahrheit. Und ich bin allen Lesern dankbar, die dieses Buch als das nehmen, als was es gedacht ist - ein Werk der Imagination.“ 5

* * *


Abb 1
Der Roman beginnt mit einem Brief des Julius Cäsar an seine Nichte Atia, Mutter des Gaius Octavius im Jahr 45 v. Chr. 6 Der Junge soll Rom verlassen und studieren. Vormittags mit Gelehrten und nachmittags übend mit den Offizieren der Legionen Cäsars. Cäsar adoptiert den Neffen. Gemeinsam mit ihm reisen Marcus Vipsanius Agrippa, Quintus Salvidienus Rufus und Gaius Cilnius Maecenas. Deren Erinnerungen werden zu einem großen Teil den Biografieroman füllen, der spätere Augustus Cäsar kommt erst am Ende zu Wort. Des Julius Cäsars (fiktive) Briefe sind sehr klarstellend:

„Im Namen der Republik haben wir Mord, Raub und Plünderungen erlebt - und nannten es den notwendigen Preis, den wir für die Freiheit zu zahlen hätten. Cicero beklagt die verderbte römische Moral, die dazu führe, dass wir den Reichtum verehren - und ist selbst vielfacher Millionär, der mit aberhundert Sklaven von einer Villa zur nächsten reist. Ein Konsul redet von Ruhe und von Frieden - und hebt Armeen aus, die seinen Amtskollegen ermorden sollen, da dieser seine Interessen gefährdet. Der Senat redet von Freiheit - und überhäuft mich mit Vollmachten, die ich nicht haben will, aber annehmen und anwenden muss, wenn Rom bestehen soll... Ich habe die Welt erobert und nirgendwo ist man sicher; ich habe den Menschen die Freiheit gezeigt, und sie fliehen sie wie eine Krankheit; ich verachte jene, denen ich trauen kann und liebe die am meisten, die mich am ehesten verraten würden.“ 7

Als die Iden des März im Jahr 44 v. Chr. vergangen, Cäsar ermordet ist und „dies das gerechte Ende eines Tyrannen gewesen sei“, 8 tritt Gaius Octavius sein Erbe an, leicht wird es nicht. Römer kämpfen gegen Römer, er verbindet sich zum Beispiel mal mit mal gegen Marcus Antonius, und schafft ein Reich gewaltiger Größe.

Fast auf der Strecke bleibt seine Tochter Julia, die mehrmals heiraten und sich wieder scheiden lassen muss, alles im Namen der Republik, in Wahrheit eher eine Monarchie. Überhaupt wird Julia immer mehr zur Hauptfigur, vor allem ab dem Zeitpunkt, ab dem sie aus ihrer Verbannung auf die Insel Pandateria schreibt, nunmehr im Jahre 4 nach Christus, Augustus hat noch zehn Jahre zu leben.

Dann, am 09. August des Jahres 14 beginnt Octavius Cäsar einen Brief an seinen Lehrer und Freund Nikolaos von Damaskus, zehn Tage vor seinem Tod. In diesen Zeilen wird letztlich deutlich, was der Romanautor des 20. Jahrhunderts ausdrücken will: „Den Preis historischer Größe, die Einsamkeit und Melancholie der Macht, den eigentümlichen Willen, sein Schicksal zu erkennen und dieses als dessen Werkzeug zu vollstrecken“ 9

Williams hat einen Briefroman geschrieben. Briefromane enthalten meist eine Sammlung fiktiver Briefe, verdichtet zu einer Romanhandlung.10 Hier sind es Tagebuchfragmente von Freunden, Feinden, Senatsbeschlüsse, auch Gedichte (Schmähgedichte auch). Interessant die „Beiträge“ von Horaz, Ovid, Vergil, von Cäsar selbst und Cicero, von Marcus Antonius und Cleopatra und einigen mehr. 11 Gewöhnungsbedürftig die Zeitsprünge, die sich im Roman bewegen, wechselnd zwischen „Vergangenheit“ und „Gegenwart“. Ständig muss der Leser überlegen, wann im langen Leben des „Erhabenen“ wurde der gerade gelesene Text denn „geschrieben“?
 

Abb 2
Octavius Cäsar beschreibt dann die Welt, in die er hineingeboren, ähnlich wie sein Onkel Julius. Ebenfalls ähnlich entscheidet er sich „die Welt nicht aus naivem Idealismus oder egoistischer Rechtschaffenheit zu ändern ... Es war das Schicksal, dass an jenem Nachmittag [der Nachricht von Cäsars Tod] vor beinah sechzig Jahren nach mir griff, und ich beschloss, mich seiner Umarmung nicht zu entziehen.“12 Es ging ihm nicht um seinen Reichtum, so schreibt der Herrscher, denn „mehr Reichtum als man für die eigene Bequemlichkeit braucht, schien mir schon immer der langweiligste Besitz, und nichts finde ich so verachtenswert wie überschüssige Macht.“13

Der Mann der vielen Titel:  Imperator Caesar Divi filius Augustus, Pontifex Maximus, Co(n)s(ul) XIII, Imp(erator) XXI, Trib(uniciae) pot(estatis) XXXVII, P(ater) p(atriae) - Zu deutsch etwa: „Imperator Caesar, Sohn des Vergöttlichten, der Erhabene, Höchster Oberpriester, 13 Mal Konsul, 21 Mal Imperator, 37 Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, Vater des Vaterlandes“).14

Die Macht gebrauchte er äußerst geschickt. Doch als er seine Feinde soweit besiegt hatte, begann etwas, dass man auch „augustäisches Zeitalter“15 nannte. Später auch „augustäischer Frieden“ und Frieden war nun in Rom, vor allem im Vergleich vergangener Jahrzehnte.

Dieser Machtmensch liebte die Dichter: „Ich vermute, ich habe die Dichter bewundert, weil sie in meinen Augen die freiesten und folglich warmherzigsten Menschen waren, und ich habe mich ihnen nahe gefühlt, weil ich in den Aufgaben, die sie sich setzten, eine gewisse Ähnlichkeit mit jener Aufgabe sah, die ich mir vor langer Zeit gestellt hatte.“16 Kein Politiker könne seinen „Text“ so abstimmen wie ein Dichter, „der jede Zeile mit der nächsten abstimmt, um so die Wahrheit aufzuzeigen; und kein Kaiser könnte die verschiedenen, von ihm regierten Teile der Welt so sorgsam anordnen, dass sie ein Ganzes ergeben, wie ein Dichter die Einzelheiten seines Gedichts anordnet, damit eine andere Welt, eine die vielleicht realer als jene ist, die wir so schutzlos bewohnen, ins Universum der Köpfe fremder Menschen driftet.“17

Hier schreibt der Autor des zwanzigsten Jahrhunderts und lässt erahnen, warum er Literatur lehrte, sicher aus Liebe zu den „Dichtern“.

„Seit über vierzig Jahren leben wir nun den römischen Frieden. Kein Römer hat mehr gegen Römer gekämpft ... kein Soldat war gezwungen, gegen seinen Willen zu den Waffen zu greifen. Wir leben den römischen Wohlstand. Kein Bewohner Roms, sei er auch noch so arm, muss ohne eine tägliche Ration Korn auskommen, die Bewohner der Provinzen sind nicht länger der Willkür von Hungersnöten oder Naturkatastrophen ausgeliefert, da sie sich in allen Notlagen auf Hilfe verlassen können... Und wir leben die römische Harmonie. Ich habe die Gerichte Roms so geordnet, dass ein jeder in der Gewissheit vor den Magistrat treten kann, wenigstens ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu erhalten. Ich habe die Gesetze des Reiches so kodifiziert, dass selbst Provinzbewohner einigermaßen sicher vor Korruption und tyrannischer Macht leben können, ich habe den Staat gegen die brutalen Übergriffe ehrgeizigen Machtstrebens geschützt ... Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Anteilnahme überdrüssigsehnen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zu Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, zur Freiheit, jederzeit ungestraft reden zu können, wurde mir vom Volk wie vom römischen Senat die Diktatur angeboten ... Beide Male wies ich das Angebot zurück, zog mir dafür aber den Unwillen des Volkes zu.“18

So sieht John Williams „seinen“ Augustus und diese Zeilen sind fünfundvierzig Jahre später aktuell angesichts dessen, dass Völker ihrem Staatschef die Diktatur gestatten. Dies geschieht in einem Teil der Welt, der einige Jahrhunderte nach Augustus zum Oströmischen Reich wurde.

Und dann erzählt der Imperator Caesar Divi filius Augustus doch von Publius Quintilius Varus und dessen Kämpfen im fernen Germanien. Es sei Varus Schwäche und nicht der Barbaren Stärke gewesen, in derer Folge fünfzehntausend römische Soldaten starben. „Der Barbar wartet, und wir werden stetig schwächer in der Sicherheit unserer Vergnügungen und Bequemlichkeiten.“19 Auch dies ein Satz von erschreckender Aktualität, vorgehalten von einem Hochschullehrer im Jahr 1972, gelegt in den Mund eines Weltherrschers.

»Vater«, fragte ich, »ist es das wert gewesen? Deine Macht, dieses Rom, das du gerettet hast, das Rom, das von dir erbaut wurde? Ist es all das wert gewesen, was du getan hast?« Mein Vater schaute mich lange an, dann wandte er den Blick ab. »Ich muss daran glauben«, sagte er. »Wir müssen beide daran glauben.« Aus Julias Tagebuch im Jahre 4 n. Chr.


* * *


Der amerikanische Schriftsteller John Williams © Denver University Archives


Der Augustus hat weniger dazu geführt, alles immer lexikalisch nachzuschlagen. (Ein kleines Personen-Glossar am Ende des Romans hilft ein wenig) Jeder neue „Brief“ war faszinierend und interessant. Man hoffte förmlich, dass man des Kaisers Kommentar noch lesen kann, was uns Williams auch gestattete.

Die Literaturkritiker schreiben nicht nur über den Augustus, sondern gleich über zwei andere von den insgesamt vier Romanen des John Edward Williams (1922 - 1994). Aber weder Butchers Crossing (1960/2007) noch Stoner (1965/2012) sollen hier noch nicht besprochen werden. Dazu müsste ich sie erst einmal lesen. Aber Daniel Mendelsohn gibt dazu dem interessierten Leser in einem Nachwort eine interessante Hinführung.

Nicht vergessen soll der Übersetzer werden: Bernhard Robben

Ebenso interessant ist der Beitrag eines bekannten Bloggerkollegen im Literatur RADIO Bayern.

DNB / dtv / München 2016 / ISBN: 978-3-423-28089-1 / 474



© KaratekaDD



Abbildungen
  • Abb 1: https://commons.wikimedia.org/wiki/Gaius_Iulius_Caesar?uselang=de#/media/File:Rimini083.jpg
  • Abb 2  https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus#/media/File:Statue-Augustus.jpg
  • Abb 3  http://www.zeit.de/2016/46/augustus-roman-john-williams

Quellen

1 vgl. Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 2, Vers 1 und 3 in Neues Testament und Palmen
2 vgl. Wikipedia: Publius Quintilius Varus
3 vgl. Seite „Augustus“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Februar 2017, 14:03 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Augustus&oldid=162763152 (Abgerufen: 20. Februar 2017, 17:38 UTC)
4 vgl, Williams: Augustus, München 2016, Seite 7
5 vgl. Ebenda
6 Es mag seltsam anmuten, hier „45 v. Chr.“ zu lesen, ist doch von diesem noch viele Jahre keine Rede und Julius Cäsar hätte den Brief mit einem ganz anderen Datum versehen.
7 vgl. Ebenda, Seite 31
8 vgl. Seite „Gaius Iulius Caesar“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Januar 2017, 11:33 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gaius_Iulius_Caesar&oldid=161947738 (Abgerufen: 20. Februar 2017, 17:43 UTC)
9 vgl. http://www.zeit.de/2016/46/augustus-roman-john-williams; 20.02.2017, 18:12 Uhr
10 vgl. Seite „Briefroman“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. November 2016, 11:53 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Briefroman&oldid=160014570 (Abgerufen: 20. Februar 2017, 17:43 UTC)
11 http://www.zeit.de/2016/46/augustus-roman-john-williams; 20.2.2017; 18:00 Uhr
12 Williams: Augustus, Seite 399
13 vgl. Wikipedia: Augustus
14 vgl. Seite „Publius Quinctilius Varus“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. Januar 2017, 17:08 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Publius_Quinctilius_Varus&oldid=162113764 (Abgerufen: 20. Februar 2017, 17:40 UTC)
15 siehe: Williams: Augustus, Seite 415
16 Ebenda
17 Ebenda, Seite 419/420
18 Ebenda, Seite 424



Sonntag, 19. Februar 2017

Schneider, Marcus: Krzschrk



Am 5. Februar 2018 landete ein außerirdisches Raumschiff mit mehr als 5000 Flüchtlingen an Bord auf dem Flughafen München. Charly lebt glücklich in einer mittelalterlichen bayrischen Kleinstadt, bis nebenan eine Außerirdische einzieht. Die geht ihr ganz furchtbar auf die Nerven. Und dann beschmieren Fremde auch noch ihr Elternhaus. Zufall? Oder gibt es eine geheimnisvolle Verbindung zwischen Charlys Familie und den Flüchtlingen von einer anderen Welt? Die beiden ungleichen Mädchen raufen sich zusammen und stellen sich der größten Herausforderung ihres Lebens: Ist alles so wie es scheint? Was zählt wirklich im Leben? Wie weit sind wir bereit zu gehen, um die Wahrheit zu erfahren? Wem können wir trauen? 

Eine spannende Geschichte, erzählt mit einer Prise Humor, für Leser und Leserinnen ab 10. Das Abenteuer schlägt eine Brücke von den Kreuzrittern bis hin zu fernen Planeten und zeigt, dass Freundschaft nicht nach Hautfarbe oder Herkunft fragt. Und Krzschrk mag zwar furchtbar stinken, schmeckt aber einfach himmlisch.


  • Taschenbuch: 216 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (1. Januar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1542302900
  • ISBN-13: 978-1542302906














EIN TOLLES KINDERBUCH!



Die Sommerferien sind zu Ende, der erste Schultag ist angebrochen. Charly freut sich darauf, ihre beste Freundin endlich wieder zu sehen, und auf ihren alten Geschichtslehrer ebenso - Charly liebt dieses Fach einfach am allermeisten, und irgendwann will sie mal Archäologin werden! Doch kaum in der Klasse angekommen, werden gleich alle Erwartungen enttäuscht. Charlys Freundin sitzt neben einem anderen Mädchen, und vor der Tafel steht eine ganz andere Geschichtslehrerin. Und als ob das nicht reichen würde, sitzt in der Klasse nun auch noch eine Lausianerin!

Was das ist? Nun, eben ein Mädchen der Außerirdischen, die vor ein paar Monaten mit einem Raumschiff auf dem Flughafen München gelandet waren. 5000 lausianische Flüchtlinge leben seither in Bayern - und eben auch in der Kleinstadt, in der Charly wohnt. Wie sich herausstellt, geht Sarah nicht nur in dieselbe Klasse wie Charly, sondern ist mit ihrer Mutter auch noch in das Haus neben dem von Charlys Familie gezogen. Die blaue Haut lässt die Lausianer fremdartig erscheinen, dazu riechen sie so merkwürdig, und seltsam kleiden tun sie sich auch. Als Sarah mit Charly zusammen zur Schule fahren will, wird dieser ganz anders. Was ist, wenn die anderen denken, sie sei mit Sarah befreundet?!

Doch Charly hat noch mehr Grund, sich aufzuregen. Einige Lausianer beschmieren das Haus ihrer Familie - und als Sarah ihr übersetzt, was da geschrieben steht (schließlich kann Charly kein Lausianisch), wird sie nachdenklich. Ob sie es will oder nicht, es scheint eine Verbindung zu geben zwischen den Lausianern und Charlys Familie - eine Verbindung, die schon seit Jahrhunderten besteht. Charly und Sarah geraten unversehens in ein Abenteuer, das mehr Gefahren birgt, als sie denken, das sie bis in die Zeit der Kreuzritter zurückführt - und das ihnen klar macht, welche Werte im Leben wirklich zählen.


"Ich dachte Menschen und Lausianer wären sich so ähnlich?" --- "Körperlich, rein körperlich." --- "Und mental seid ihr die Einsteins und wir die Affen?" --- "Einstein war auch nur ein Mensch."


Als ich den Titel dieses Buches las, war ich hin und weg. Wie zum T... spricht man das aus?! Auch der Klappentext sprach mich an, und so beschloss ich, dass es wieder einmal an der Zeit wäre, ein Kinderbuch zu lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht - hier kommen Kinder auf ihre Kosten!

Charly ist ein glaubhafter Charakter, ein starkes, selbstbewusstes Mädchen, das dennoch irgendwie 'dazugehören' will. Die inneren Konflikte im Umgang mit den Gleichaltrigen sind gut geschildert, wie z.B. die Angst, selbst ausgegrenzt zu werden, wenn man mit dem Außenseiter befreundet ist. Mir gefällt, dass Charly kein 'Überfliegercharakter' ist und nicht einfach selbstverständlich immer die moralisch guten Entscheidungen trifft, sondern sich um mögliche Konsequenzen durchaus Gedanken macht.

Die Situation mit den Außerirdischen ist durchaus unterhaltsam, und doch stehen hier die Themen 'Andersartigkeit' und ' gegenseitige Vorurteile' mit im Raum. Die geschilderte Flüchtlingssituation der Lausianer bietet dazu vermutlich nicht von ungefähr Parallelen zur aktuellen Weltlage und könnte z.B. beim Vorlesen oder auch beim Lesen im Klassenverband als Diskussionsgrundlage dienen.

Doch im Vordergrund steht hier natürlich das Abenteuer, die Suche nach einem alten Schatz, auf den plötzlich viele Jagd machen, so dass Charly bald nicht mehr weiß, wem sie eigentlich noch trauen kann. Einige Szenen gerade gegen Ende hin wirkten auf mich etwas zu überzogen, aber Kinder mag es ansprechen, wenn ihre Helden sich gelegentlich ein wenig wie Superman verhalten. Einige etwas unlogische Stellen seien dem Buch verziehen, denn insgesamt wird hier Spannung, Humor und Nachdenkliches in einem sehr unterhaltsamen Gesamtpaket geboten.

Empfohlen wird dieses Buch für Leser und Leserinnen ab 10. Manche gewaltbetonte Passagen fand ich bezüglich dieser Altersangabe etwas grenzwertig - da sollte man als Eltern entscheiden, wie reif sein eigenes Kind ist und bei einem ängstlicheren Naturell vielleicht noch etwas mit der Lektüre warten.

Insgesamt ist dies aber ein tolles Kinderbuch, unterhaltsam, flott zu lesen und spannend. In jedem Fall empfehlenswert!


© Parden















Marcus Schneider ist Ostwestfale, der im selbstgewählten bayrischen Exil lebt. Er schreibt Bücher, seit sich seine Tochter ankündigte. Nachdem sie langsam dem Jugendbuchalter entwächst erschien 2016 sein erster Krimi. In den Musterbiographien folgt nun eine Aufzählung der Buchpreise. Die muss in diesem Fall mangels Masse leider entfallen. Immerhin freut sich der Author über zahlreiche freundliche Bewertungen, insbesondere zu der Eviana-Reihe, von der alle Verwandten nach wie vor behaupten, sie sei das Beste, was der Author bisher veröffentlich habe, wobei Marcus Schneider den Krimi auch gar nicht so schlecht findet. Und auch den gestohlenen Wunsch. Aber das nur am Rande.
übernommen von Amazon.de

Samstag, 18. Februar 2017

TinSoldiers Zeichenblog(ck): Feuerwerk


Feuerwerk

Pastellkreide ist ein tolles Zeichenmedium: Leuchtende Farben und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Dies ist ein Versuch, sich dem Medium zu nähern. Es werden weitere Projekte folgen.

Feuerwerk
Pastellkreide auf schwarzem Pastellkarton
65 x 50 cm
Zeichnung von: TinSoldier

Freitag, 17. Februar 2017

Hetmann, Frederik: Indianermärchen


Diese Märchen, Mythen und Legenden der Indianer Nordamerikas erzählen von Abenteuern und Helden, von Schlangenbrüdern, Himmelsfrauen und vielem mehr. Sie erlauben uns einen Einblick in die Lebensumstände der einzelnen Stämme, ihre magischen Vorstellungen und das Selbstverständnis der Indianer. Dabei kam es Frederik Hetmann darauf an, möglichst authentische Texte zu sammeln, die weitestgehend frei von klischeehaften Veränderungen durch die Weißen waren. Durch den überlieferten traditionellen Erzählstil übermitteln die Geschichten sehr einprägsam für den Leser das tiefe Naturverständnis, die Lebensweisheit und Traditionen der Indianer.

(Klappentext Königsfurt-Urania-Verlag)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1504 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Königsfurt-Urania Verlag GmbH; Auflage: Neuaufl. (21. März 2007)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B011S45KO2


















MYTHEN, LEGENDEN UND MÄRCHEN DER NORDAMERIKANISCHEN INDIANER...




Das Bild der Indianer wurde jahrhundertelang nach den Vorstellungen der Weißen gezeichnet. Dabei kam es zu einer verzerrten, häufig klischeehaften Darstellung der indianischen Kultur. Ein wirkliches Verständnis ist aber nur möglich, wenn die Indianer aus ihrer eigenen Welt, ihren Mythen, ihren Traditionen und ihrem eigenen Bewusstsein heraus begriffen werden. Dazu können die hier gesammelten Märchen wichtige Anhaltspunkte und Hilfen geben. 

Allerdings sind die Märchen bei den indianischen Stämmen immer nur mündlich tradiert worden. Eine Schriftsprache besaßen die nordamerikanischen Indianer nicht. Nach den Jesuiten im Jahr 1633 waren es vor allem Handlungs- und Forschungsreisende, in deren Aufzeichnungen  über ihre Erlebnisse im Indianerland sich sporadisch auch Elemente von Indianermärchen und -legenden fanden. Als im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts eine breitere Sammlung indianischer Folklore aufkam, neigten die Schreiber leider oft dazu, die indianischen Märchen ihrem eigenen persönlichen Geschmack entsprechend einzufärben und umzuformulieren. 

Durch den Eifer verschiedener amerikanischer Universitäten kam schließlich eine immense Forscher- und Sammlertätigkeit auf. Es gibt mittlerweile kaum einen primitiven Kulturbereich, dessen Mythen, Legenden und Märchen so erschöpfend und genau notiert worden sind, wie derjenige der nordamerikanischen Indianer. 

Die hier vorliegende Auswahl bietet höchstens eine kleine Kostprobe aus der inzwischen umfangreichen Sammlung. Dabei wurde sich bemüht, die Verfälschungen der ursprünglichen Erzählungen durch die Schreiber wieder rückgängig zu machen, um sich dem Original wieder anzunähern. Es wurden vor allem solche Texte ausgewählt, die etwas über die Lebensumstände der einzelnen Stämme, die magischen Vorstellungen und das Selbstverständnis der Indianer aussagen. Die Indianer können so ohne Verfälschung durch das Selbstverständnis der Weißen aus ihrer eigenen Tradition und Weltsicht heraus kennengelernt werden. 

Auch wenn heute nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass ursprüngliche Überlieferungen vollkommen unverfälscht an uns herangetragen werden können, war ich neugierig darauf, was mich hier erwartet. Und tatsächlich gewährte diese Sammlung einen interessanten Einblick in die Vielfältigkeit der indianischen Stämme einerseits und das Verbindende der indianischen Kultur andererseits. Die Naturverbundenheit, der Aufbau einer indianischen Gemeinschaft, die Lebensgewohnheiten und die Mythen der Ureinwohner Amerikas werden hier glaubhaft präsentiert.

Auch wenn die einzelnen Texte oft recht schmucklos und z.T. fast nüchtern daher kommen, hat mir die Lektüre gut gefallen. Manche Indianerstämme kannte ich  zuvor noch nicht einmal vom Hörensagen. Von anderen habe ich inzwischen ein viel umfassenderes Bild erhalten. In jedem Fall kommt solchen Sammlungen eine immense Bedeutung zu: die Bewahrung von vergänglichen kulturellen Schätzen. 

© Parden 



















Der Königsfurt-Urania-Verlag schreibt über den Autor:

Am 17.02.2014 blickten wir auf den 80. Geburtstag von Hans-Christian Kirsch zurück. Kirsch alias Frederik Hetmann, geb. 1934 in Breslau, gest. am 1.6.2006 in Limburg, ist einer der wirkungsreichsten und vielseitigsten Märchenexperten der Bundesrepublik. In vielen Ländern hat er Feldforschung betrieben: in Archiven und Bibliotheken oder ausgestattet mit altmodischen Diktiergeräten, etwa zur Aufnahme von Erzählern tief im Süden der USA. Oder unterwegs mit Pferd und Planwagen im Westen Irlands. Mit leichter Hand trug Frederik Hetmann ein riesiges Wissen über Entstehung und Verwendung der Märchen zusammen. Wie selbstverständlich eröffnete er dem Leser eine Vielfalt von Perspektiven. Und mit brillanter Schärfe und feinem Witz verbreitete er Aufklärung über Märchen und Märchen als Aufklärung. Seine Märchensammlungen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit.

übernommen vom Königsfurt-Urania-Verlag

Samstag, 11. Februar 2017

Grisham, John: Die Erbin



Vielen Leser sind die Handlungen einer Reihe Romane des ehemaligen Anwalts John Grisham eher durch deren Verfilmungen geläufig. Wer erinnert sich nicht an Tom Cruise in DIE FIRMA? Bei mir war es genau dieser Film, der mich auf John Grisham aufmerksam werden lies.

Ebenso berühmt ist DIE JURY. Im Roman und im Film kämpft der junge Anwalt Jack Brigance um das Leben des schwarzen Amerikaners Carl Lee. Dessen Tochter Tonya wurde schwer misshandelt, nun übt ihr Vater Selbstjustiz. Carl Lee tötet die Täter, unmittelbar nach ihrem Freispruch beim Verlassen des Gerichtsgebäudes. Mord? Hinrichtung? Gerechtigkeit? Rache? Brigance verhandelt den Fall seiner Karriere, wobei er Bekanntschaft mit dem Ku Klux Klan macht.




1989 debütierte John Grisham mit EINE ZEIT ZUM TÖTEN (A TIME TO KILL), der deutsche Titel lautet auch im Film DIE JURY. Nun kehrt er im Jahr 2014 zu seinen Wurzeln zurück. Er gibt dem Jack Brigance ein weiteres Mal eine Chance.

* * *

Brigance bekommt Post von einem Toten. Der brachte sich um, nun hängt er an einem Baum, der von Bedeutung für ihn ist. Außerdem hat Seth Hubbard sein Testament geändert, selbiges ist 24 Millionen US-Dollar wert. Nun soll seine schwarze Haushälterin Letti Lang den Großteil erben, ein verschollener Bruder einen Teil, einen ebenso kleinen eine Kirchengemeinde. Nur die Nachkommen gehen leer aus. Jack soll das Testament vollstrecken und ist auf der Verliererspur, während sich im fernen Alaska eine Spur von Hubbards Bruder Ancil auftut. Da gab es doch diesen leicht versoffenen Anwalt, der sich neuerdings wieder in Brigance Kanzlei breit macht, er spielt mit dem Gedanken, sich seine Lizenz zu erneuern. Nicht verloren hat er seine Spürnase. Die Geschichte Ancils „lässt einem das Blut in den Adern gefrieren“ (randomhaus)


* * *


Mit der Zeit kam das Gefühl auf, dass Grisham immer wieder  Grisham ist, hier im Sinne von „Strickmuster“. Nun bereue ich es nicht im mindesten, das Hörbuch gehört zu haben. Klar, es war Grisham, aber die Handlung wusste mich durchaus zu fesseln. Die Idee, einem alten Bekannten eine neue Chance zu geben, ist sicherlich Motivation für alte Grishamfans, sich ihm nach Pausen von Neuem zu nähern. Es stört nicht, wenn die Figur des Jack Brigance in SYCAMORE ROW (Originaltitel) „zu makellos“ gestaltet worden ist. (Ein paar kleine Macken wären trotzdem recht angebracht gewesen).

Zwischenzeitlich war ja Theo Boone der Renner, jugendlicher „Anwalt“ aus der Feder des Allmeisters. Ob Theo Boone, Jack Bigrance oder John Grisham: Die Bücher sind in jedem Fall Statements gegen Rassismus, der sich nicht im Süden der USA einfach nicht ausrotten lässt.

Im Übrigen bleibt Grisham mit der Handlung in den Achtzigern. Der Fall "Hubbart" folgt also zeitnah dem Fall "Lee". Am latenten bis offenen Rassismus dürfte sich nicht viel geändert haben, oder doch?

Mittlerweile hat Grisham dreißig Romane, ein Sachbuch, einen Erzählband und sechs Jugendbücher veröffentlicht, übersetzt in vierzig Sprachen. Aus einer bestimmten Anhänglichkeit heraus hat der 1955 in Jonesboro, Arkansas, geborene US-Amerikaner eine eigene Seite auf diesem Blog.

Vorgelesen hat das Buch Charles Brauer, der seine Stimme allen Grisham-Hörbüchern geliehen hat. Passt ja auch zu einem Tatort-Kommissar. Grund genug, auch mal zu einem Hörbuch zu greifen.



Trailer zu DIE ERBIN





► DNB  / Random House Audio / München 2014 / ISBN: 978-3-8371-2482-8

© KaratekaDD




Freitag, 10. Februar 2017

Robben, Jaap: Birk


Auf einer abgelegenen Nordseeinsel lebt der neunjährige Mikael mit seinen Eltern. Eines Tages bricht das Schicksal in diese Abgeschiedenheit ein: Birk, der Vater, ertrinkt unter tragischen Umständen im Meer – bei dem Felsen, von dem Mikael eigentlich »nie-nie-nie, schau mich an« runterspringen darf. Mikael kehrt nach Hause zurück und verschweigt seiner Mutter, was genau passiert ist. Verschweigt, dass Birk in den Fluten verschwand. Behauptet, der Vater sei einfach weggeschwommen. Die Mutter setzt eine großangelegte Suchaktion in Gang, doch Birk bleibt unauffindbar. Mikael, geplagt von Schuldgefühlen, zieht sich immer weiter in seine eigene Welt zurück. Und seine Mutter beginnt langsam, aber unaufhaltsam, psychische Gewalt auszuüben. Sucht sie in ihrem Sohn einen Ersatz für den verlorenen Ehemann? Will sie Mikael für den Verlust bestrafen? Existenzielle Fragen, die in einen dramatischen Schluss münden...

(Klappentext ars vivendi verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
  • Verlag: ars vivendi verlag GmbH & Co. KG (31. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Birgit Erdmann
  • ISBN-10: 3869137185
  • ISBN-13: 978-3869137186
  • Originaltitel: Birk














KEINE INSELIDYLLE...



Auf einer kleinen Insel zwischen Schottland und Norwegen stehen drei Häuser. Eines davon verfällt zusehends, da dessen letzte Bewohnerin bereits vor einiger Zeit verstorben ist. In den beiden anderen Häusern leben zum einen der dicke Fischer Karl und zum anderen der 9jährige Mikael mit seinen Eltern. Doch eines Tages ist der Vater des Jungen verschwunden.

Davongeschwommen sei er, erzählt Mikael seiner Mutter, unter Wasser sei er geschwommen. Eine groß angelegte Suchaktion verläuft ergebnislos, der Vater bleibt verschwunden - ertrunken. Zurück bleiben drei Menschen in größter Einsamkeit.


„Papa nannte sie nie wieder ‚Papa‘, sondern nur noch ‚Birk‘. Ihren Birk, um mich spüren zu lassen, dass die Schuld auf meiner Seite war und der Kummer auf ihrer. Näher als zwei Tischkanten kamen wir uns nicht mehr.“  (S. 77)       


Schuld. Verzweiflung. Sehnsucht. Fortan lebt der kleine Mikael in einem Kokon der Lieblosigkeit, meist allein mit sich und seinen Gedanken, die Mutter unerreichbar, die mit dem Verlust ihres Mannes einfach nicht fertig wird und ihrem Sohn daran die Schuld gibt - und ihn dies auch spüren lässt. Auch schon vor Birks Tod war der Umgang mit der Mutter nicht unkompliziert, doch der Vater wusste sie stets zu besänftigen.


"Wenn Mama fand, Papa hätte etwas gutzumachen, suchte er (...) nach einem Geschenk für sie. Was genau er falsch gemacht hatte, sagte sie ihm aber nie." (S. 39)


Überhaupt war der Vater derjenige, der durch seine liebevolle Art das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Menschen auf der nahezu isolierten Insel im Lot hielt. Seit seinem Tod gerät dieses Gleichgewicht zunehmend in Schieflage. Sechs Jahre seit dem Unglück umfasst die Erzählung, und Mikaels Heranreifen gestaltet die Situation auf der Insel nicht leichter. Er wird seinem Vater immer ähnlicher, und in der Wahrnehmung der Mutter verschwimmen die Grenzen zwischen dem Vater und seinem Sohn immer mehr.


"Ich trockne ab, genau wie sie es am liebsten hat. Erst die Gläser, dann die Teller und zum Schluss die Töpfe. Die Gläser und das Besteck (...) halte ich noch einmal besonders lange ins Spülwasser, damit sie aus Versehen meine Hand berühren könnte." (S. 210)


Aus der Sicht zunächst des kleinen Jungen, später des Jugendlichen, werden die dramatischen Geschehnisse auf der Insel erzählt. Im Kontrast zu dem einfachen und klaren, fast nüchternen Schreibstil steht die Schwere des Inhalts, die düstere Stimmung. Kurz gehalten sind die Kapitel, vieles schwingt zwischen den Zeilen mit und ist beklemmender oft als das Geschriebene selbst.

Die Dramatik wird durch eine in die Erzählung verschlungene Parabel um ein Möwenjunges noch verstärkt. Mikael findet dieses Junge mit dessen Mutter in dem verfallenden Haus auf der Insel und schaut ihm beim Wachsen zu. Und doch ist ihm klar, an welch seidenem Faden das Leben der kleinen Möwe hängt. Diese Parabel weist eine bedrückende Parallelität zu den Geschehnissen auf der Insel auf und verdeutlicht in ihrer Symbolhaftigkeit die sich zuspitzenden Ereignisse auf der kleinen, abgeschiedenen Insel.

Keine Inselidylle hat Jaap Robben hier geschaffen, sondern ein beeindruckendes Kammerspiel des Grauens - von Menschen, die Gefahr laufen, selbst zu Inseln zu werden. Eine Erzählung mit Nachhall...


© Parden 
















Bildergebnis für jaap robbenDer ars vivendi verlag schreibt über den Autor:

Jaap Robben, Jahrgang 1984, ist Schriftsteller und Theaterregisseur. Er hat Gedichte und Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Birk ist sein Debütroman., für den er den 'Nederlandse Boekhandelsprijs', den Preis der niederländischen Buchhändler für das beste Buch des Jahres, erhielt.


übernommen vom ars vivendi verlag

Donnerstag, 9. Februar 2017

Wolfe, Swain: Die Frau, die in der Erde lebt



Meine Ausgabe stammt aus dem Bertelsmann Verlag 1993 und ist nur noch antiquarisch zu erhalten.



















EIN ÖKOLOGISCHES MÄRCHEN...




In einer archaischen, geschichtslosen Zeit, vor der Erfindung moderner Maschinen - oder lange nach ihrem Untergang - begegnen wir Sarah, dem Mädchen mit den Mandelaugen. Eine seit Monaten anhaltende Dürre bedroht die Existenz ihrer Eltern, die einen kleinen Bauernhof bewirtschaften. Im Dorf herrschen Furcht und Aberglauben, jeder beobachtet den anderen mit Misstrauen.


Sarah geht mit offenen Augen durch die Welt; die Natur und ihre Geheimnisse faszinieren sie, Tiere betrachtet sie als gleichwertige Lebewesen. So rettet sie einmal einen Fuchs vor der grausamen Spielwut der Dorfkinder - einen ganz besonderen Fuchs, will es scheinen, denn er kann in Gedanken nicht nur mit dem Mädchen sprechen, sondern zeigt ihr auch, wie es ist, ein Falke, ein Blume oder ein Baum zu sein.


Von ihrer Urgroßmutter Lilly erfährt Sarah, dass vor uralten Zeiten Gelbe Seefahrer an dem Ort lebten, wo nun der Bauernhof der Familie steht. Als Sarah die Seele eines der längst verstorbenen Gelben Seefahrer begegnet, erzählt dieser ihr von der Frau, die in der Erde lebt. Und plötzlich ahnt Sarah, wie sie die Dürre des Landes und auch die Dürre in den Herzen der Menschen vertreiben kann...


"... wurde sie geblendet von dem grellen Rechteck, das die Türöffnung mit dem Hof dahinter bildete. Mitten in diesem Licht, mitten auf dem Hof stand der Brunnen, angestrahlt von der gleißenden Sonne. Einen Augenblick schien der Brunnen verschwinden zu wollen, (...) zitternd zu verblassen und nur der grelle Lichtfleck übrigzubleiben, eingerahmt vom staubigen Dunkel des Schuppens (...) ob er versiegen würde?" (S. 13)


Seit nunmehr 21 Jahren stand dieses Buch ungelesen im Regal und fiel mir jüngst wieder in die Hände. Höchste Zeit, daran etwas zu ändern! Und bereits nach wenigen Stunden klappte ich das Buch zu, immer noch im Bann der mythisch anmutenden Erzählung, traumartig, poetisch, voller eigenartiger Bilder.


 Swain Wolfe, der in Colorado und Montana aufwuchs und in jungen Jahren Holzfäller, später Bergarbeiter war, schrieb mit 'Die Frau, die in der Erde lebt', sein erstes Buch. Die Themen dieses ökologischen Märchens beschäftigen ihn seit Jahrzehnten. Träume, Erfahrungen aus seinen verschiedenen Jobs, die immer mit der Natur zu tun hatten, seine Auseinanersetzung mit Mythen und Erzählungen vergangener, darunter auch indianischer Kulturen - all dies ging in die Geschichte mit ein.


Dieses traumartig anmutende Gefühl beim Lesen war durchaus angenehm, wenn auch befremdlich. Die mythischen Elemente woben sich konsequent durch die Zeilen, und weil ich beispielsweise mit den indianischen Kulturen nicht vertraut bin, wirkte dies so fremdartig auf mich, gleichzeitig aber auch faszinierend. Dem Vergleich mit 'Der kleine Prinz' von Antoine de Saint-Exupéry - so der Klappentext einer anderen Ausgabe dieses Buches - hält die Erzählung nicht stand, denn sie ist einfach anders.


Mir gefällt der klare, unverstellte Blick, mit dem Sarah die Dinge um sich herum betrachtet, und mit welcher Selbstverständlichkeit sie die teilweise unglaublichen Geschehnisse hinnimmt. Die Geschichte hat auch sehr spannende Momente, denn die Bedrohung, die von der Dürre und den Menschen ausgeht, ist deutlich spürbar.


Ein sehr besonderes Buch, das es verdient hat, endlich von mir wahrgenommen und gelesen zu werden. Ein ökologisches Märchen, das deutlich macht, wie wichtig es ist, den Menschen mit der Natur wieder zu versöhnen. Gerade in der heutigen Zeit kann dies nicht deutlich genug gesagt werden...



© Parden