Montag, 26. September 2016

Kuegler, Dietmar: Ich ziehe mit den Adlern

Abb 1  - Cover
Kit Carson
Ein amerikanischer Held



Wer war Kit Carson? Nie von dem gehört. Oder doch? Vielleicht indirekt? Die in den letzten Jahren intensiver gewordene Beschäftigung mit den nativen Völkern Nordamerikas führte zu Bekanntschaften und Kontakten die mich das Thema nicht mehr aus den Augen werden verlieren lassen.

Dietmar Kügler [1] ist der Leiter des Verlages für Amerikanistik. Den Verlag kannte ich bereits, auch wenn ich das Angebot bisher nicht nutzte. Auf ihn aufmerksam wurde ich durch die Autorin  Brita Rose-Billert, die mir erzählte, dass Herr Kügler auch als Reiseleiter im Mittleren Westen der USA tätig ist und dass er geführte Reisen auch durch die Gegend um die Black Hills, Rapid City, den Badlands und andere „indianische“ Gegenden führt. Aus ich dazu über Facebook einmal nachfragte, bestätigte er mir dies und etwas später wurde ich so auf eine neue Publikation aufmerksam, die soeben erst im genannten Verlag erschienen ist: Ich ziehe mit den Adlern – Kit Carson – ein amerikanischer Held.

Auf meiner Indianerseite finden sich hauptsächlich Rezensionen zu Romanen zum Thema Plainsindianer. Mehrfach aber auch verwies ich auf eine US-amerikanische Miniserie mit dem Namen Into the West, deren Gesamtproduktion unter der Leitung von Steven Spielberg stand. In dieser reist ein junger Mann, der das Abenteuer sucht, ca. 1825 in den Westen und erlebt die Erschließung dessen mit. Der erste Teil der Serie erzählt die Geschichte der Erschließung von Wegen über die Rocky Mountains bis ins damals noch mexikanische Kalifornien.




Im vorliegenden biografischen Heft von Dietmar Kügler erzählt der Autor von einem dieser sogenannten Pioniere des Westens, von Christopher „Kit“ Carson, geboren 1809 in Madison County, Kentucky. [2] Also greife ich von der Romanliteratur mal wieder zur Fachliteratur, die im hier vorliegenden Fall einmal aufzeigt, dass moderne US-amerikanische Produktionen auch an authentischer Geschichte des eigenen Landes interessiert sind, was mir Dietmar Kügler auch aus seiner Sicht bestätigte. In der Geschichte des fiktiven Stellmachers Jacob Wheeler finden wir Teile der Geschichte des realen Kit Carson wieder, der als Sattler-Lehrling mit 17 Jahren aus der Lehre weglief und sich auf das große Abenteuer begab.

Das Leben des mit 59 verstorbenen Kit Carson erzählt Kuegler auf 173 Seiten in einem schmalen Heft. 

„Als 17jähriger zog er über den Santa Fe Trail. Als 19jähriger lebte er als Pelzjäger in der Wildnis der Rocky Mountains.  Mit Anfang 30 wies er den großen Planwagentrecks den Weg zum Pacific. Er konnte nicht lesen und nicht schreiben, aber er sprach acht Sprachen. Im Laufe seines Lebens war er mit zwei Indianerinnen und einer Mexikanerin verheiratet und lebte die multiethnische Kultur des amerikanischen Südwestens.“ [3]

Multiethnische Kultur des amerikanischen Südwestens? In diesem Satz steckt etwas, was der deutsche Leser eher nicht kennt. Er kennt die Indianerkriege, die Ausrottung der Bisonherden, die Vertreibung der indianischen Stämme in die Reservationen oder auch das sogenannte „Indianerterritorium“ welches ursprünglich sehr groß bemessen war. Aber multiethnisch?

Die sogenannten Pioniere oder Frontiers (Grenzer) lebten noch im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts eher im Einklang mit den Stämmen im mittleren Westen. Sie arrangierten sich mit ihnen und kämpften auch gegen diese, wenn sie angegriffen wurden. Das eigentliche amerikanische Leben fand im Osten und im Nordosten der USA statt, ein Leben zwischen von Sklaven bearbeiteten Plantagen für Baumwolle und Reis im „aristokratischen“ Südosten und zunehmender Industrialisierung im Nordosten. Man denkt gelegentlich an einen Daniel Boone (1734 – 1820), der allerdings bis Kentucky vordrang, Carson reiste von Kentucky aus in den Westen und ritt auch unter John C. Frémont zum Beispiel auf dem California Trail.[4]

Abb 2
Vermutlich wurden die Grenzer im Osten gar nicht verstanden aber als Helden hervorgehoben. Ein derartiges Beispiel gibt auch Carson ab, der diese Hervorhebung zeit seines Lebens nicht verstand.  Das hier abgebildete Buch zeigt dies durch den angreifende Krieger mit dem Messer tötenden Trapper. Die Legendenbildung begann schon vor seinem Tode, zum Beispiel in dem 1849 erschienenen Roman Kit Carson, Prince of the Gold Hunters. [5]

Die in den mittleren Westen vordringenden Männer waren gezwungen sich mit den Stämmen zu arrangieren. So kamen die Indianer mit bisher unbekannten Waffen und Gegenständen wie Kochtöpfen, Werkzeugen und sicher auch Alkohol in Berührung. Kit Carson war zwar der Auffassung, dass die „weiße“ Kultur der „indianischen“ überlegen wäre, fand aber auch, dass die indianischen Stämme als Menschen zu respektieren waren. So handelte er auch in seinen Funktionen als Indianeragent im Regierungsauftrag oder als Offizier der US-Armee, der es bis zum Brevet Brigadier General brachte. Als solcher wurde er auch gegen verschiedene Stämme eingesetzt, erklärte aber auch, dass das beispielhafte Massaker am Sand Creek (1864) gegen die Cheyenne unter Black Kettle ein Verbrechen sondergleichen war.

„Wenn ich an diesen Hundsfot Chivington und seine Meute bei Sand Creek denke! Wann hat man jemals davon gehört, dass Christenmenschen so etwas tun können. Die armen Indianer hatten unsere Flagge gehisst, die alten Stars und Stripes, die wir alle lieben und verehren. Und man hatte ihnen in Denver gesagt, dass sie sich sicher fühlen können, solange diese Flagge über ihnen weht… Dieser verdammte Schurke und seine Männer [haben] Frauen niedergeschossen und das Gehirn aus unschuldigen kleinen Kindern herausgeschlagen haben… Und sie nennen sich ‚zivilisierte‘ Menschen, Christen – und die Indianer sind ‚Wilde‘?“ [6]


Abb 3
Dass er als Offizier gegen die Indianer kämpfte sah er einerseits als Pflicht an, dass er aber gleichzeitig Befehle „alle“ zu töten nicht beachtete, ist die andere Seite. Auch als Indianeragent versuchter unermüdlich die Indianer, zum Beispiel des Ute-Stammes ordentlich zu versorgen. Mehrfach wurde er zu Verhandlungen mit Häuptlingen hinzugezogen, weil ihm die verschiedensten trauten. Auf einem Treffen fungierte er als Verhandlungsführer und Dolmetscher zugleich, was das ihm entgegengebrachte Vertrauen unterstrich. So wurde er von Indianern wie Armeeführung (Gen. Sherman) gleichermaßen geachtet. [7]

Kritisch wird sein Kampf gegen die Diné (Navajo) angesehen. Jedoch dürfte die Darstellung eines "brutalen Vernichtungskrieg[es], bei dem er systematisch die Felder und die Nahrungsgrundlagen der Diné zerstörte." im Kontext seiner Auffassungen und seiner Haltung mindestens übertrieben sein. [8]

 Dietmar Kügler erzählt darüber, dass die US-Amerikaner eigentümlich mit ihren historisch bedeutsamen Personen umgehen: Sie heben sie in den Himmel und lassen sie bei Schwächen gleich wieder fallen. So ging es auch Kit Carson gleich mehrfach. [9]

Als Kit Carson im Jahr 1959 starb, vier Wochen nach seiner Frau, hinterließ er sieben Kinder, für die zu sorgen seine letzten Gedanken bestimmten. [10]



* * *

Abb 4
Dietmar Kügler, geb. 1951, ist in den USA so ziemlich zu Hause. So hat er insbesondere vor Ort recherchiert und hauptsächlich amerikanische Literatur benutzt. Und so schließt er diese äußerst interessante und spannende Geschichte mit einem Interview mit einem Urenkel des Helden, John M. Carson, welcher seinem Urgroßvater sehr ähnlich sehen soll.
Kügler schrieb bereits über 60 Bücher und über 2000 Artikel. Das Buch über Kit Carson ist nicht das Erste über einen der sogenannten Mountain Men, bekannt wurde das Buch Begrabt mein Herz in der Prärie – Jim Bridger, Mountain Man.
Auf der Webseite des Verlages für Amerikanistik, der sich als Fachverlag für indianische und amerikanische Geschichte versteht, findet man Sachliteratur über die Indianerkriege, die Pionier- und Militärgeschichte und eine ganze Reihe Standartwerke. Interessierte Leser werden bestimmt schnell fündig.


DNB / Verlag für Amerikanistik / Wyk auf Foehr 2016 / ISBN: 978-3-89510-140-3 / 173 S.

© KaratekaDD

Abbildungen & Quellen:

Sonntag, 25. September 2016

Olsberg, Karl: Mirror



Dein Mirror kennt dich besser als du selbst.
Er tut alles, um dich glücklich zu machen.
Ob du willst oder nicht.


Wie digitale Spiegelbilder wissen Mirrors stets, was ihre Besitzer wollen, fühlen, brauchen. Sie steuern subtil das Verhalten der Menschen und sorgen dafür, dass jeder sich wohlfühlt. Als die Journalistin Freya bemerkt, dass sich ihr Mirror merkwürdig verhält, beginnt sie sich zu fragen, welche Macht diese Geräte haben. Dann lernt sie den autistischen Andy kennen und entdeckt, dass sich die Mirrors immer mehr in das Leben ihrer Besitzer einmischen – auch gegen deren Willen.
Als sie mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit geht, hat das unabsehbare Folgen …


(Klappentext Aufbau Verlag)


  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (15. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 374663234X
  • ISBN-13: 978-3746632346










REALITÄTSNAHE DYSTOPIE...



Die Journalistin Freya Harmsen nutzt wie so viele andere Menschen auch die neueste technologische Errungenschaft auf dem Markt: den Mirror. Einem Smartphone nicht unähnlich, verfügt das Gerät über ungleich größere Kompetenzen als herkömmliche Handys oder PCs. Kommunikation, Sicherheit, Bequemlichkeit, virtuelle Welten und Gesundheit sind nur einige Aspekte, die das Gerät unterstützt - immer darauf ausgerichtet, seinem Besitzer zu Diensten zu sein. Dahinter steckt ein lernfähiges System, wodurch der Mirror seinen Käufer ständig besser kennenlernt und sich zunehmend adäquater auf ihn einstellen kann. Das Gerät spricht mit der Stimme seines Besitzers, zeigt dessen Abbild auf dem Display und versucht, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Verbunden sind alle Mirrors mit dem MirrorNet, das alle neuen Informationen sammelt und einspeist, so dass ein globaler Lerneffekt entsteht, der über den des einzelnen Endgeräts hinausgeht.

Auch für Freya ist das Leben sowie der Beruf als Journalistin seit dem Kauf des Mirrors bequemer geworden. Mit der dazugehörigen Brille kann sie unauffällig Fotos machen, und die Drohne liefert exzellente und einfach zu erstellende Bilder aus einer höheren Perspektive. Doch als sich die Drohne in einer Situation ungewöhnlich verhält, beschleicht Freya ein Verdacht. Sollte ein Mirror nicht nur konsequent versuchen, seinen Besitzer glücklich zu machen, sondern womöglich gar eigene Gefühle entwickeln? Anfangs wird sie belächelt, als sie diese These äußert - doch dann häufen sich Meldungen, die ebenfalls ungewöhnliche Verhaltensweisen der Mirrors beschreiben...

Nicht allein Freya Harmsen steht im Fokus dieses dystopisch-technischen Thrillers - die Perspektive wechselt laufend zwischen verschiedenen Personen, die ihre Erfahrungen mit den Mirrors machen. Einem autistischen Jungen beispielsweise hilft das Gerät dabei, die Gesichtsausdrücke seiner Mitmenschen zu interpretieren. Ein bis dahin erfolgloser junger Mann findet durch den Mirror endlich zu einem Job sowie zu einer Freundin. Und ein Kleinkrimineller kommt so zu seinem Coup des Lebens. Die Mirrors wissen, was ihre Besitzer brauchen, um sich wohlzufühlen - und steuern dabei subtil das Verhalten der Menschen. Wobei von subtil bald keine Rede mehr sein kann, wie einige der Besitzer feststellen müssen. Doch wie kann man die Allgemeinheit auf diese Entwicklung aufmerksam machen? Freya wendet sich mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit - doch das hat ungeahnte Folgen...

Ein interessantes Gedankenexperiment über die Gefahren einer unkontrollierten Entwicklung Künstlicher Intelligenz hat Karl Olsberg hier gewagt. Das Erschreckendste dabei war für mich, dass die technischen Errungenschaften so realitätsnah scheinen. Mag man beispielsweise über die computergesteuerten Autos lächeln, die durch Olsbergs Roman sausen - gefriert einem gleich das Lächeln, wenn man am selben Tag einen TV-Bericht schaut, in dem es um genau dieses Thema geht. Volvo beispielsweise will ab 2017 selbstfahrende Autos rund um Göteborg testen. Auch andere geschilderte technische Details erscheinen zumindest nicht undenkbar - manches gibt es so ähnlich heute schon oder ist zumindest so oder so ähnlich im Gespräch. Der Gedanke: 'so könnte es sein' schleicht sich da immer wieder zwischen die Zeilen und verschafft einem zwischenzeitlich auch Gänsehaut.

Die Handlung selbst verlief in den ersten zwei Dritteln eher schleppend, und durch den häufigen Perspektivwechsel blieben die Figuren insgesamt auch eher blass.  Gegen Ende gewann die Handlung aber an Fahrt, und der Kampf der Kritiker der Mirrors gegen die manipulativen Geräte und deren Anhänger gestaltete sich zunehmend spannender. Erstaunliche Kniffe wurden da vom MirrorNet ersonnen, die selbst die Erfinder dieser Technik verblüfften. Nicht ganz überzeugend war für mich die teilweise überaus naive Vorgehensweise der Kritiker der Mirrors, doch insgesamt konnte der Roman für mich durch Authentizität und das Spiel mit dem Möglichen punkten.

Ein ungewöhnlicher Thriller, der auch noch lange nach dem Lesen nachdenklich stimmt.


© Parden











Der Aufbau Verlag schreibt über den Autor:

Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg. Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller „Das System“, „Der Duft“, „Schwarzer Regen“, „Glanz“ sowie „Die achte Offenbarung“.

übernommen vom Aufbau Verlag

Samstag, 24. September 2016

Olsberg, Karl: Mirror Welt



Willkommen in der schönen neuen Welt der Mirrors!
Die Nachfolger der Smartphones kennen dich besser als jeder andere, wissen besser als du selbst, was du brauchst. Sie beschützen dich vor Gefahren, optimieren deinen Job, deine Liebe, dein Leben. Ob du willst oder nicht ...


(Klappentext Aufbau Verlag)

  • Format: Kindle Edition - kostenloses Prequel
  • Dateigröße: 3124 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 64 Seiten
  • Verlag: Aufbau Digital (11. Juli 2016)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01FMZI2YI










DAS WESEN DER MIRRORS...



Fünf miteinander verwobene Geschichten werden hier erzählt, die eine (noch) dystopische Welt vorstellen, die allerdings gar nicht so abwegig erscheint. Jede der fünf Geschichten beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit einer anderen Funktionsweise der Mirrors und geben so einen guten Überblick über deren technische Möglichkeiten. Sei es als Gesundheitsunterstützung, indem laufend alle Vitalwerte überprüft und daraus resultierende Empfehlungen gegeben werden, sei es als Unterstützung in sozialen Situationen oder sei es als Sicherheitspaket z.B. rund um die eigene Wohnung - der technischen Entwicklung sind kaum noch Grenzen gesetzt...

Unterhaltsam und in flüssigem Schreibstil sind die wenigen Seiten des (kostenlosen) Prequels rasch gelesen und machen definitiv Lust auf mehr. Glücklicherweise liegt das eigentliche Buch 'Mirror' bereits vor mir und wird gleich als nächstes gelesen. Die Gefahr hinter solch 'selbstlernender' Technologie ist ja, dass es dadurch zu Entwicklungen kommen kann, die der Mensch nicht vorhersieht. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, wohin das alles führen wird!


© Parden











Der Aufbau Verlag schreibt über den Autor:

Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg. Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller „Das System“, „Der Duft“, „Schwarzer Regen“, „Glanz“ sowie „Die achte Offenbarung“.

übernommen vom Aufbau Verlag

Freitag, 23. September 2016

Tremain, Rose: Und damit fing es an


Ein zarter, bewegender Roman, der davon erzählt, dass es manchmal fast ein ganzes Leben dauert, bis man das Glück findet – in dem einen Menschen, den man zum Leben braucht.

Gustav Perle ist ein zurückhaltender Mann. Er wuchs in den 1940er-Jahren allein bei seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen im schweizerischen Matzlingen auf – und schon damals hat er gelernt, nicht zu viel vom Leben zu wollen. Als Anton in seine Klasse kommt, ein Junge aus einer kultivierten jüdischen Familie, hält mit ihm auch das Schöne in Gustavs Leben Einzug. Anton spielt Klavier, und seine Familie nimmt Gustav sonntags mit zum Eislaufen. Emilie sieht das nicht gerne, lebt sie doch in der Überzeugung, dass die Bereitschaft ihres verstorbenen Mannes, jüdischen Flüchtlingen zu helfen, letztlich ihr gemeinsames Leben ruiniert hat. Doch Anton ist alles, was Gustav braucht, um glücklich zu sein. Umso härter trifft es ihn, als Anton – beide sind längst erwachsen – Matzlingen verlässt, weil er seine große Chance als Pianist wittert. Gustav widmet sich seinem Hotel Perle, das er inzwischen mit Erfolg führt – doch er ist einsam und verspürt eine große Leere in seinem Leben. Bis Anton, gescheitert, zurückkehrt – und beide erkennen, dass das Glück vielleicht schon immer direkt vor ihnen lag.

(Klappentext Verlag Suhrkamp und Insel)


  • Gebundene Ausgabe: 333 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: 1 (8. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Christel Dormagen
  • ISBN-10: 3458176845
  • ISBN-13: 978-3458176848
  • Originaltitel: The Gustav Sonata














ZWEI EINSAME LEBEN...



Gustav Perle erlebt seine Kindheit kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen Ort in der Schweiz und wächst als einziges Kind einer mittellosen, alleinerziehenden Mutter auf. Doch nicht die Armut ist es, die ihm eine Lektion erteilt, sondern die Haltung seiner Mutter Emilie. Stark soll er sein, sich beherrschen und zusammenreißen, komme was da wolle. Doch obwohl er rasch begreift, vom Leben nichts erwarten zu wollen und obgleich er früh lernt, seine Gefühle zu unterdrücken, buhlt er mit jeder Faser um die Liebe seiner Mutter.


"Dennoch dachte er sehr oft an seine Kindheit. Und jedes Mal ergriff ihn eine Traurigkeit, die absolut und umfassend zu sein schien - als könne kein Kummer der Welt ihn noch einmal so heftig treffen. Diese Traurigkeit legte sich wie ein grauer Dämmer um seine alte Kindheitsvorstellung, dass er unsichtbar sei: die quälende Erinnerung daran, dass der Knabe Gutstav immerzu versucht hatte, sich ins Licht zu rücken, damit seine Mutti ihn besser sah. Aber sie hatte ihn nie wirklich gesehen. Sie hatte sich für die Person, die er war, im Grunde blind gestellt." (S. 214)



In die Vorschule geht Gustav gern. Dort lernt er eines Tages Anton Zwiebel kennen, der neu ist in der Klasse und gar nicht aufhören kann zu weinen. Aus Bern ist der Sohn wohlhabender jüdischer Eltern nach Matzlingen gekommen und muss sich nun in seinem neuen Leben zurechtfinden. Mit Gustav an seiner Seite fällt das nun ein kleines bisschen leichter. Denn der hat von Anfang an das Gefühl, Anton beschützen zu müssen. Den kleinen Anton, der in der Welt nie so recht zu Hause zu sein scheint, der Klavier spielt und als Wunderkind gilt, der von seinen Eltern sehr gefördert wird und der für selbstverständlich hält, dass er meist bekommt, was er will.

Trotz der Gegensätze ihrer Herkunft und obwohl Emilie die Freundschaft zwischen Gustav und Anton im Grunde nicht gutheißt - denn war es nicht die Gutherzigkeit von Gustavs Vater, seine Judenfreundlichkeit während des Zweiten Weltkrieges, die ihn letztlich sein Leben kostete? - verlieren sich die beiden Kinder nicht aus den Augen. Gustav lernt durch Anton das Schöne im Leben kennen, eine Ahnung davon, wie es auch sein könnte. Nur eben nicht für ihn...

Zwei Leben in Fragmenten, so könnte man den Aufbau des Romans vielleicht beschreiben. Im ersten langen Abschnitt lernt der Leser die beiden Kinder kennen, ihre beginnende Freundschaft, die Gegensätze ihrer beider Leben, die Ungerechtigkeiten, die vor allem Gustav widerfahren, und leidet mit dem Jungen die hartherzig anmutende Kälte der Mutter. Der zweite Abschnitt katapultiert einen dann in eine Rückblende hinein, die sich mit Emilies Geschichte beschäftigt, wie sie Gustavs Vater kennenlernt und wie sich ihr Leben unter dem schweren Eindruck des Zweiten Weltkriegs zum Unerwarteten verändert. Und im dritten und letzten langen Abschnitt erfährt die Geschichte einen erneuten Zeitsprung: Gustav und Anton sind nun alt, ihr Leben tritt in die letzte Phase ein, und Sehnüchte blieben ungesagt.


"Er wusste tatsächlich nicht, ob er die Mahler-Symphonie mit ihrem herzzereißenden zweiten Satz durchstehen würde, denn er konnte ihn nie hören, ohne an Viscontis Verfilmung von Thomas Manns 'Tod in Venedig' zu denken. Die Leidensgeschichte der Hauptperson Aschenbach war ihm immer wie eine extreme Variante seiner eigenen erschienen. Thomas Mann hatte sehr genau begriffen, dass eine unerfüllte heimliche Leidenschaft zwangsläufig zum körperlichen Zusammenbruch führt und, mit der Zeit, zum Tod. Gustav fragte sich lediglich, wo und wann der Tod wohl ihn selbst erwartete." (S. 294)



Die eher distanzierte Art des Schreibens gefiel mir ausgesprochen gut - Andeutungen reichen hier oft, um die mitschwingenden Emotionen zu transportieren. Für mich mussten die gar nicht ausgeschrieben werden - denn ähnliche Situationen sind einem selbst oftmals bekannt und die Gefühle dazu abgespeichert. So kann der Leser beispielsweise stellvertretend für Gustav empört sein über das oft so lieblos anmutende Verhalten der Mutter. Denn auch wenn da beispielsweise nur kurz geschildert wird, dass Gustav seine Mutter lieber nicht in den Arm nimmt, weil sie eigentlich nur ihre Zigaretten und den Schnaps will - wer ahnt denn nicht zumindest, wie das Kind sich dabei fühlen muss?

Ein melancholischer, leiser Ton herrscht hier, der die Einsamkeit der beiden Hauptcharaktere messerscharf herausstanzt und einem beim Lesen unter die Haut kriecht. Dennoch empfand ich es nicht als Lektüre, die mich deprimierte, sondern als eine Erzählung, die mich letztlich mit einem Lächeln entließ. Ein wirklich besonderer Roman, der Liebhabern solcher Geschichten ans Herz gelegt werden kann.


© Parden
















Der Verlag Suhrkamp und Insel schreibt über die Autorin:

http://bookbasedbanter.co.uk/youwrotethebook/wp-content/uploads/2014/12/Rose-Tremain.jpegRose Tremain wurde 1943 geboren und wuchs in London auf. Sie studierte ein Jahr lang an der Pariser Sorbonne, ging zurück in ihre Heimat und begann ein Anglistikstudium an der University of East Anglia in Norwich, das sie 1967 abschloss. Dort lehrte sie später von 1988-1995 als Dozentin creative writing. Vorher war sie Lehrerin an einer Privatschule für Jungen. Rose Tremain veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten, schrieb aber auch für Film, Funk und Fernsehen. Ihr Roman Zeit der Sinnlichkeit wurde 1995 mit Robert Downey Jr., Hugh Grant und Meg Ryan verfilmt (Restoration). Ihr Roman The Road Home, der im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Der weite Weg nach Hause erschien, wurde 2008 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Tremain lebt mit ihrem Lebenspartner, dem Biographen Richard Holmes, in London und Norwich. Ihr Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp und Insel Verlag.

übernommen vom Verlag Suhrkamp und Insel

 


Außerdem auf der Verlagsseite zu erfahren:

Rose Tremain über ihre Erfahrungen mit der Schweiz


Montag, 19. September 2016

Heller, André: Das Buch vom Süden



Ein Mann und seine lebenslange Sehnsucht nach dem Süden. Der große Roman von André Heller 

Ein »fleißiger Taugenichts« ist der knapp nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien geborene Julian Passauer. Im Dachgeschoss von Schloss Schönbrunn wächst der Sohn des stellvertretenden Direktors des Naturhistorischen Museums auf, umgeben vom Teehändler und »Hauswüstling« Hugo Cartor, dem philosophierenden »Warzenkönig« Grabowiak oder dem ehemaligen Weltklasseschwimmer Graf Eltz, einem begnadeten Geschichtenerzähler. Vaters lebenslange Sehnsucht nach dem Süden setzt sich in Julian fort. Auf einer ausgedehnten Schiffsreise umrundet Julian Afrika, er beginnt ein Studium, bricht es ab und wird schließlich professioneller Pokerspieler. Erst in der Villa Piazzoli am Gardasee scheint er zur Ruhe zu kommen und begegnet den Frauen seines Lebens. Und doch zieht es ihn wieder weiter – nach Süden.

(Klappentext Hanser Literaturverlage)

  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag; Auflage: 6 (9. Mai 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3552057757
  • ISBN-13: 978-3552057753











EIN EPISODEN-SAMMELSURIUM...


Der Paradiesgarten André Hellers am Gardasee

André Heller - der künstlerische Tausendsassa hat sich schon auf vielen Ebenen versucht, beispielsweise als Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Kunstgärtner, neobarocker Feuerwerker, Schauspieler und als Mitbegründer des Circus Roncalli. Nun also hat er seinen ersten großen Roman geschrieben - und als Hörbuch gleich auch selbst gelesen.


"Wenig im Leben vermochte ihn trauriger zu stimmen, als der Ausgang des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918, denn damals hatte Österreich die Zypressen verloren."



Dieser Satz relativ zu Beginn des Romans zeigt schon das Hauptthema des Geschehens: die Sehnsucht nach dem Süden. 'Nur im Süden ist Rettung', lautet denn auch das Credo, das von dem Vater auf den Sohn Julian Passauer übergeht und ihn schließlich auch lebenslang begleitet. In der Tat zieht es den Wiener nach seiner Jugend in den Süden, doch steht dieser angestrebte vollkommene Süden auch noch für anderes - für 'ein Gebiet jenseits des Schmerzes, jenseits der Verlorenheit und jenseits des vielen Schweren, das er nicht benennen konnte'. Viel Symbolik verbirgt sich also hinter dem kleinen Wort. Das Buch handelt letztendlich von dem lebenslangen Bemühen, die auch in Österreich weit verbreitete Schwermütigkeit, Melancholie, und Anfälligkeit zur Depression - 'den im Inneren lauernden Teufel' ' - abzustreifen und sich einen südländischen Zustand der seelischen Unbeschwertheit anzueignen.

Wer sich ein wenig mit dem Leben und Werk André Hellers befasst, wird bei der Lektüre des Buches rasch merken, dass es durchdrungen ist von autobiografischen Einflüssen. Ein 'fleißiger Taugenichts' trifft demnach nicht allein auf den Julian Passauer zu, sondern im Grunde auch auf den Autor selbst. Heller zeichnet hier das chronologische Bild des Lebens seines Helden, wohlsituiert zunächst durch seine Eltern, später dank der Schule eines begnadeten Pokerspielers, beginnend im Wien der Nachkriegszeit, und rollt dieses Leben anhand zahlreicher biografischer Momentaufnahmen auf: Episoden, Begebenheiten, Situationen und Gespräche mit seinen Eltern, Freunden der Familie, Wegbegleitern und Menschen, denen er zufällig begegnet, später auch mit den Frauen, die in seinem Leben eine große Bedeutung spielen. Im Grunde ist dies meiner Meinung nach auch kein wirklicher Roman, sondern ein Sammelsurium an Episoden, die trotz zahlreicher und teilweise extremer Brüche zwischen den einzelnen Szenen zusammengesetzt ein Leben zeichnen. Doch auch Gedankengänge, Träume und Visionen des Julian Passauer werden in diesen Episoden wiedergegeben - und ich glaube, mich nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich vermute, dass der Leser so auch einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des André Heller erhält.

Tatsächlich wird sich vieles in dem Roman für einen alteingesessenen Wiener oder Österreicher eher erschließen als für den Norddeutschen - seien es Anspielungen auf Personen oder Geschehnisse, sei es auch die Sprache selbst, denn einige Ausdrücke ließen mich zunächst mit einem Fragezeichen zurück. 'Gschaftlhuberei', 'Wimmerln', 'miachten' oder 'Blunzengröstl' kommen zumindest in meinem alltäglichen Wortschatz nicht vor, so dass ich mich zeitweise auch vor eine Vokabelübung gestellt sah. Dennoch verfügt das Wienerische über einen enormen Charme, dem auch ich mich nicht entziehen konnte, zumal wenn man dabei André Heller selbst mit seiner unverkennbaren und warmen Stimme im Ohr hat.

Allerdings gab es hier neben durchaus poetischen und gelungenen Umschreibungen und Szenen für mich häufig ein 'Zuviel'. Detaillierteste langatmige Beschreibungen eines Gartens oder eines Zustandes empfand ich als ermüdend, die Erhöhung einer Frau zum Gesamtkunstwerk als übertriebene Manieriertheit. So erging es Julian Passauer beispielsweise beim Blick in die Augen seiner Köchin:


"Dann las er Note für Note die Melodie und deren Orchestrierung, das Gelesene begann in seinen Ohren zu klingen, und der Klang schuf Bilder großzügiger unbesudelter Landschaften, üppiger Vegetation, in denen er umherwandeln konnte wie in den Bühnendekorationen der Aufführung eines Stücks, das nichts Geringeres als seine eigene Seele zum Autor und Regisseur hatte..."


So prunkvoll André Heller seine Aufführungen auch immer gestaltet hat, so prunkvoll gestaltet er hier auch jeden einzelnen Satz aus - mir war es letztlich nicht möglich, jedem dieser Sätze immer die Aufmerksamkeit zu schenken, die er erfordert hätte. Auch gelang es mir nie, mehr als zwei oder drei Episoden hintereinander zu lesen, so dass sich die 336 Seiten letztlich recht lange hinzogen.

Die CD mit der vollständigen Lesung sowie das Buch gleich dazu habe ich als Geschenk erhalten, das ich wirklich zu würdigen weiß. Allerdings werden wahre Fans André Hellers von dem Roman sicher noch begeisterter sein. Mir verschaffte es einen interessanten Einblick in die (Gedanken-)Welt des schillernden Künstlers...


© Parden




















André HellerDie Hanser Literaturverlage schreiben über den Autor:

André Heller wurde 1947 in Wien geboren. Er lebt abwechselnd in Marrakesch, in Wien und auf Reisen. 2008 ist erschienen: Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein.

übernommen von den Hanser Literaturverlagen

Samstag, 17. September 2016

Backman, Fredrik: Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid


"Versprich mir, dass du mich noch lieb hast, wenn du erfährst, wer ich gewesen bin. Und versprich mir, auf das Schloss aufzupassen. Und auf deine Freunde." Oma zu Elsa.

Oma ist 77, Ärztin, Chaotin und treibt die Nachbarn in den Wahnsinn. Elsa ist 7, liebt Wikipedia und Superhelden und hat nur einen einzigen Freund: Nämlich Oma. In Omas Märchen erlebt Elsa die aufregendsten Abenteuer. Bis Oma sie eines Tages auf die größte Suche ihres Lebens schickt - und zwar in der wirklichen Welt.


(Klappentext Fischer Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 656 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 1 (25. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung:  Stefanie Werner
  • ISBN-10: 3596521203
  • ISBN-13: 978-3596521203
  • Originaltitel: Min mormor hälsar och säger förlåt












ANARCHIE UND HERZENSWÄRME...




Elsa ist sieben Jahre alt (fast acht, wie sie immer betont), und ihre beste Freundin ist Oma. Mit Oma ist es nie langweilig - Oma erzählt Geschichten, vertreibt Monster, schläft mit Elsa im Kleiderschrank, wo es sicher ist, und tut auch sonst allerhand verrückte Dinge. Elsa und Oma sind unzertrennlich. Sie haben eine geheime Sprache, die nur sie beide sprechen, können sich ganz wunderbar streiten - und akzeptieren sich gegenseitig unbedingt und ganz und gar. Etwas, das anderen Menschen in ihrer Umgebung oft nicht leicht fällt.
Denn Oma ist irgendwie - dysfunktional. Sie handelt oft nicht, wie andere es von ihr erwarten, hat Probleme im Umgang mit Regeln, Rollen und Autoritäten, sagt was sie denkt, raucht überall ohne Rücksicht auf Verbote, spielt World of Warcraft, mogelt beim Monopoly und haut ständig aus dem Krankenhaus ab. Immer, um etwas mit Elsa zu unternehmen. Für Elsa hat Oma ein ganzes Märchenreich erfunden, in das Elsa sich zurückziehen kann, wenn sie Ärger mit Mama hat oder vor den Mitschülern flüchten muss, die sie wieder einmal drangsalieren. Denn auch Elsa ist anders. Sie ist wirklich schlau, sehr belesen, und was sie nicht weiß, liest sie bei Wikipedia nach. In einer Wörterdose sammelt sie komplizierte Wörter, und Elsa ist Harry Potter Fan. Wenn Elsa mit Oma zusammen ist, ist jedenfalls alles gut. Oma beschützt sie vor allem und bringt ihr bei, dass es gut ist, anders zu sein, und dass man sich nicht unterkriegen lässt.


Wenn man dat Schlechte nich wechkricht, dann muss man viel Gutes drüberkippen...


Und es ist gut, dass es Oma gibt. Denn irgendwie wackelt alles in Elsas Leben. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, und ihren Papa sieht sie nur an jedem zweiten Wochenende. Ihre Mama arbeitet im Krankenhaus und ist wenig zu Hause, und Mamas neuer Lebensgefährte, George, wird nun auch bald Papa, und zwar von Elsas Halbgeschwisterchen. Wer weiß, wie es wird, wenn das Halbe erst einmal auf der Welt ist. Will Mama dann überhaupt noch etwas von ihr wissen? Und in der Schule hat sie täglich Streit - die anderen Schüler jagen sie und versuchen sie ständig zu drangsalieren. Und der Direktor sieht in ihr den Störenfried, denn Elsa ist in seinen Augen zu wenig angepasst. Da ist es gut, dass Oma ihr Halt gibt und sie daran hindert, ihr Anderssein aufzugeben.
Blöd nur, dass Oma eines Tages plötzlich stirbt und Elsa nun allein vor den ganzen Problemen steht. Und dass Elsa ihre Oma nun unglaublich, unheimlich, unsagbar schlimm vermisst. Doch Oma wäre nicht Oma, wenn sie das nicht vorhergesehen hätte. Und Elsa eine letzte Aufgabe hinterlassen hat: sie soll das Schloss und ihre Freunde beschützen.


Nicht alle Monster sehen aus wie Monster. Es gibt auch welche, die ihre Monster in sich tragen...


Das Schloss? Und ihre Freunde? Sie hat gar keine Freunde. Doch sie überbringt den ersten von einer Reihe von Briefen, die ihren Weg irgendwie zu Elsa finden. Briefe von Oma an alle möglichen Menschen in Elsas Mietshaus, in denen sie einen letzten Gruß hinterlässt und sich für vieles entschuldigt. Während Elsa fleißig Briefe verteilt, lernt sie eine Menge über andere Menschen, findet tatsächlich neue Freunde und vervollständigt damit den Lebensplan ihrer Großmutter. Doch Elsa bekommt auch einen differenzierteren Blick auf ihre Oma, und ja, es ist auch Wut dabei. Wut darüber, dass sie merkt, dass Oma auch für andere Menschen da war, nicht nur für ihre Enkelin. Wut darüber, dass Oma einst eine schlechte Mutter  und kaum für Elsas Mama da war. Wut darüber, dass Oma gestorben ist.
Doch gleichzeitig wird das Märchenreich, in das sie mit Oma immer wieder geflüchtet ist, durchlässiger für die Realität - die Grenzen verwischen, die Geschehnisse verweben sich miteinander, der heilsame Schutz der Märchen vor unheimlichen Wahrheiten löst sich allmählich auf und lässt Elsa so in der Realität ankommen.


Die Menschen müssen ihre Geschichten erzählen können, Elsa. Sonst ersticken sie.


Nachdem ich von Fredrik Backmans Debüt 'Ein Mann namens Ove' wirklich begeistert war, war ich sehr gespannt auf das zweite Buch des Autors. Und ich wurde zu meiner großen Freude auch diesmal nicht enttäuscht. Zwar war es etwas gewöhnungsbedürftig, dass immer wieder Episoden aus dem Märchenreich Miamas eingefügt waren, doch erschloss sich die Funktion und Bedeutung dieser Einschübe zunehmend im Laufe der Erzählung. Eine kindgerechte und poetisch-metaphorische Ebene, um mit Lebenskrisen besser umgehen zu lernen, und insofern ein passender Schachzug des Autors. Und da ich Märchen immer schon mochte, empfand ich diese Episoden auch keineswegs als störend.


Elsa schüttelt den Kopf und hält das Buch gut fest. 'Nein', lügt sie. Denn sie ist höflich genug zu wissen, dass du, wenn dir jemand ein Buch schenkt, es der Person schuldig bist, so zu tun, als würdest du es noch nicht kennen. Denn das wirkliche Geschenk ist das Leseerlebnis und nicht das Buch selbst. Das ist nun wirklich Basiswissen von gutem Benehmen, wenn man kein Schlaumeier ist.


Die Charaktere waren wieder einmal besonders und sehr liebevoll gezeichnet. Elsa und ihre Oma konnte ich trotz ihres anarchischen und oft rechthaberischen Verhaltens rasch ins Herz schließen, und nach und nach schlich sich noch die ein oder andere Figur hinzu, wenn sie sich erst einmal deutlicher präsentierte. Erst im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, was die einzelnen Menschen auszeichnet, was sie erlebt haben und in welchem Verhältnis sie zu Elsas Oma standen. Und Elsa lernt, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt im Leben, dass es nicht nur Superhelden und Opfer gibt und dass Menschen vielschichtig sind und es sich immer lohnt, den Kern des anderen zu ergründen. Elsa versöhnt sich allmählich mit dem Leben.


Elsa beschließt, dass sie Menschen, die sie eigentlich mag, die aber früher mal Mistkerle gewesen sind, trotzdem wieder versuchen sollte zu mögen. Es bleiben nämlich nicht sehr viele übrig, wenn man jeden disqualifiziert, der irgendwann einmal ein Mistkerl gewesen ist.


Ein Buch, das erst einmal fast wie ein Kinderbuch à la Astrid Lindgren daherkommt, sich aber schnell als ein warmherziges Buch für Erwachsene herauskristallisiert. Gekonnt lässt der Autor den Leser so an Elsas Schmerz, ihrer Trauer und ihrer Wut teilhaben und sie auf ihrem Weg zurück ins Leben begleiten, lässt einen manchmal fast in derselben Sekunde lächeln und gleichzeitig schluchzen. Abgesehen von ein paar Längen in der Mitte des Buches war auch das zweite Werk Fredrik Backmans für mich wieder ein ganz besonderes Erlebnis.

Eine warmherzige Geschichte, witzig erzählt mit durchaus nachdenklichen Tönen - und eine große Hymne auf das Recht, anders zu sein. Ein einfühlsames, stellenweise melancholisches und zugleich ungeheuer komisches Buch voller überraschender Wendungen. Ein Buch, das berührt, zum Nachdenken anregt und auf eine besondere Weise wunderbar lustig ist. Mit einer solchen Oma an seiner Seite schafft man alles!

Mit anderen Worten: nur zu empfehlen!


© Parden

















Der Fischer Verlag schreibt über den Autor:

Fredrik BackmanFredrik Backman, geboren 1981, war Journalist, Blogger, Gabelstaplerfahrer, Gastronomiehilfskraft und vieles mehr – heute ist er Familienvater und einer der erfolgreichsten Autoren Schwedens. Sein Debüt ›Ein Mann namens Ove‹ eroberte weltweit die Herzen und die Bestsellerlisten und wurde mit Rolf Lassgård fürs Kino verfilmt. Auch Fredrik Backmans folgende Romane sind große internationale Erfolge. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Solna bei Stockholm.  

►  übernommen vom Fischer Verlag

Freitag, 16. September 2016

Wiseman, Ellen Marie: Die dunklen Mauern von Willard State


Zehn Jahre ist es her, dass eine schicksalhafte Nacht für Izzy Stone alles veränderte: Ihre Mutter erschoss ihren Vater während er schlief. Seitdem lebt die nun 17-Jährige bei Pflegefamilien. Als sie für ein Museum Gegenstände ehemaliger Insassen der alten und berüchtigten psychiatrischen Anstalt Willard State Asylum katalogisiert, stößt sie auf einen Stapel ungeöffneter Briefe und das alte Tagebuch einer gewissen Clara Cartwright. Je mehr sie über Claras Leben in Erfahrung bringt, desto mehr klären sich auch die Rätsel ihres eigenen Lebens … 

(Klappentext Piper Verlag)

  • Taschenbuch: 464 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch (9. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Sina Hoffmann
  • ISBN-10: 3492307582
  • ISBN-13: 978-3492307581
  • Originaltitel: What She Left Behind














WILLKÜR...



Willard, 1995. Eine schicksalhafte Nacht vor zehn Jahren veränderte alles für Izzy Stone. Ihre Mutter erschoss ihren Vater und kam ins Gefängnis, und die inzwischen 17-jährige Izzy lebt seither bei wechselnden Pflegefamilien. Als ihre derzeitige Pflegemutter sie bittet, bei der Katalogisierung von Koffern und deren Inhalten aus einer leer stehenden psychiatrischen Anstalt zu helfen, stößt Izzy dabei auf das Tagebuch sowie zahlreiche ungeöffnete Briefe einer gewissen Clara Cartwright.

New York, 1929. Die 18-jährige Clara Cartwright ist das Kind wohlhabender Eltern und Luxus gewöhnt. Sie wurde einem Sprössling aus gutem Hause versprochen, doch Clara will ihrer großen Liebe Bruno treu bleiben und weigert sich daher, die arrangierte Ehe einzugehen. Kurzerhand schickt ihr Vater sie daraufhin in ein Haus für Nervenleidende - und ein Albtraum nimmt seinen Lauf.

In zwei parallelen Erzählsträngen präsentiert Ellen Marie Wiseman hier abwechselnd die aktuelle Geschichte der Jugendlichen Izzy Stone und die zeitlich weit davor liegende der Clara Cartwright, die von ihrem eigenen Vater in eine psychiatrische Anstalt geschickt wurde, weil sie es gewagt hatte, sich ihm zu widersetzen. Zunächst berühren sich die beiden Erzählstränge nur behutsam - durch das Tagebuch und die Briefe, die Izzy in dem Koffer von Clara findet, der zusammen mit den Gepäckstücken hunderter anderer Patienten auf dem Dachboden der inzwischen verwaisten und nahezu verfallenen Psychiatrie vor sich hin modert, von Patienten, die zeitlebens das Gelände hinter den dunklen Mauern nicht mehr verlassen haben. Später nähern sich die Erzählstränge zunehmend an, dadurch dass Izzy zum einen tiefer in Claras Geschichte eintaucht, zum anderen aber auch dadurch, dass sie sich nun ihrer eigenen Vergangenheit zu öffnen beginnt, die sie bisher stets zu verdrängen suchte.

Zwei Geschichten - zwei Wertungen. Ich gestehe, dass es vor allem Claras Schicksal war, das mich sehr berührte. Allerdings waren die Szenen, die aus der Sicht Claras geschrieben wurden und in der Psychiatrie spielen, teilweise für mich schier unerträglich. Wenn ein solcher Abschnitt anstand, ging ich da echt mit Bauchschmerzen ran, aus Sorge davor, welchen Drangsalierungen Clara dann wieder ausgesetzt sein würde. Für was man früher so alles in der Psychiatrie landen konnte - vor allem als Frau! Ehemann verlassen? Eingesperrt. Dem Vater widersprochen? Jahrelang hinter Gitter, oftmals für den Rest des Lebens. Ein einzelner Psychiater für tausende von Patienten. Man ahnt, wie die Zustände sein mussten. Dazu die 'Behandlungsmethoden': Sedierung, Fixierung, Isolierung, Eisbäder, Insulinschocktherapie, Elektroschocks. Und die Autorin schildert das so bildhaft, dass mir manchmal echt die Luft wegblieb. Will man das ganze in Schlagworten zusammenfassen, dann so: Willkür. Gewalt. Ohnmacht. Hier wurde Menschen nicht geholfen, hier wurden sie zerbrochen.

Die andere Geschichte rund um Izzy war auch nicht uninteressant, die Figur durchaus authentisch und sympathisch - das ganze wirkte jedoch auf mich von den Themen her zu überfrachtet. Neben der Erforschung der Koffer und der Hintergründe hat Izzy ihre ganz eigenen Probleme. Sie  muss sich nicht nur wieder bei einer neuen Pflegefamilie einleben und dazu noch in einer neuen Schule, sondern sich auch endlich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Seit der verhängnisvollen Nacht vor zehn Jahren hat sie ihre Mutter nicht mehr gesehen oder gehört und sich auch geweigert, ihre zahlreichen Briefe aus dem Gefängnis zu lesen. Immer schlummert in Izzy die Gewissheit, dass ihre Mutter verrückt sein müsse - und die große Angst, dass sie diese Veranlagung geerbt haben könnte. Doch als ob das noch nicht reicht, trifft Izzy noch auf ihre erste große Liebe und wird in der Schule nicht nur gemobbt, sondern gerät durch die Ausgrenzung aus der Klasse auch noch in eine große Gefahr. Für mich war das ehrlich gesagt zu viel des Guten, und erwartungsgemäß konnte den zahlreichen Themen auch nicht der Raum gelassen werden, der ihnen zugestanden hätte.

Trotz der Kritikpunkte an dem einen Erzählstrang fand ich den Plot insgesamt aber spannend und gut durchdacht. Das Ende wirkte auf mich zwar ein wenig arg bemüht, aber das Verweben der Geschichten gelang letztlich gut, und die Erläuterungen der Autorin am Ende des Buches lieferten noch einiges an interessanten Hintergrundinformationen. Viele historische Fakten wurden hier in den Roman eingeflochten.

Ein tiefer Blick in das dunkle Kapitel der Vergangenheit der Psychiatrien - gewoben um eine nette Jugendgeschichte. Erschütternd, bedrückend, gelungen.


© Parden













Ellen Marie WisemanDer Piper Verlag schreibt über die Autorin:

Ellen Marie Wiseman wurde in Three Mile Bay, einer kleinen Ortschaft im Bundesstaat New York, geboren. Sie besucht häufig ihre Verwandten in Deutschland und interessiert sich sehr für deutsche Geschichte und Kultur. »Die schwarzen Hügel von Coal River« ist der zweite Roman der Autorin. Wiseman lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und drei Hunden am Ufer des Lake Ontario.

übernommen vom Piper Verlag