Samstag, 28. Dezember 2013

GÜNTHER, Ralf: Der Dieb von Dresden

Pretiosen für die Spionage.

So habe ich die Rezension zu Ralf Günthers Buch überschrieben.  Das war im April 2012.
Da mir nun sein Roman Der Leibarzt in die Finger kam, will ich hier die erste Rezenion niemandem vorenthalten. Sie wurde auch unter buchgesichter.de veröffentlicht.

* * *
Mit diesem Buch habe ich schon länger geliebäugelt. Nun schon vor Wochen war es in einem Paket voller lieber gedruckter Gaben. Es ist ein historischer Roman, er spielt in Dresden, handelt von den Kunstschätzen im Grünen Gewölbe - was will man mehr.

Zum Inhalt:
NAPOLEONs Grand Armee ist von ihrem misslungenen Russlandfeldzug zurück. Nach und nach fallen die Verbündeten von ihm ab. Im Moment steht der sächsische König Friedrich August (sowieso "nur" König Gnaden von L’ empereur) noch zu ihm.

In dieser Zeit wird Hofrat Baron von BLOCK beschuldigt, seinen Vizeinspekteur im Grünen Gewölbe ermordet zu haben. Dieser soll ihn beschuldigt haben, mehr als 300 Stück Pretiosen aus der königlichen Schatzkammer abgezweigt zu haben. Nebenbei ist besagter BLOCK auch noch Anhänger des Franzosenkaisers. Im Gegensatz zu seiner Tochter ARIANE.

E.T.A. Hoffmann
Just in diesem Zeitraum kommt Ernst Theodor Wilhelm  HOFFMANN nach Dresden. Der ziemlich versoffene künstlerische Tausendsassa will als Musikdirektor in eine Kapelle eines gewissen SECONDA einsteigen. Er braucht Geld. Für Wein, für Essen, für seine verletzte Frau und überhaupt. Das W ist nicht etwa falsch, er hat es gegen das A wegen seiner Verehrung für W.A.M. eingetauscht. Der Zufall will es, dass der musikalische Dichter bzw. der dichtende Komponist, der auch ein ganz passabler Jurist sowie Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist ist, dem Fräulein Baroness von BLOCK Klavier- und Gesangsunterricht erteilen soll. Da er wie gesagt Jurist ist, hängt er sich in den Fall BLOCK rein, welcher sich zu einem völlig unübersichtlichen und geheimnisvollen Fall entwickelt, der auch ein riesiger Fall von Spionage ist.


C.G. Carus
Welche Rolle spielt dabei v. HIPPEL, der preußische Freund HOFFMANNS? Oder Madame de BARRY, die die französische Revolutionsblutmaschine namens Guillotine gleich zweimal überlebte? Ist der Baron nun ein Dieb, kein Dieb aber dafür ein Mörder? Oder gar nichts der gleichen? Ganz nebenbei lernen wir auch noch den Namensgeber der Medizinischen Akademie zu Dresden, Carl Gustav  CARUS kennen. Und diverse andere Leute…

Es ist der Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig…
Die Dresdner gehen zwischen den Kämpfen und Schlachten draußen vor der Stadt auch schon mal ins Theater und amüsieren sich. Aber die bekannten Plätze werden eines Tages voll sein von verwundeten und verstümmelten und toten Soldaten aller Herren Länder.

Das Buch: 
Wir haben hier einen spannenden, kurzweiligen historischen Roman vor uns liegen, dessen Hauptfiguren auch historische Personen sind. Den BLOCK gab es und von E.T.A. HOFFMANN hat auch schon jeder gehört. Wenn nicht, dann vielleicht von OFFENBACH. Der hat nämlich eine Oper, HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN geschrieben. Wir können mit den Figuren mitfiebern und haben ziemliche Schwierigkeiten, den Spionagefall vor dessen Auflösung zu entwirren. Mir zumindest ist es nicht gelungen. Der Dresdner oder die Dresdnerin unter den Lesern bewegt sich zwischen den Seiten wie auf bekannten und unbekannten Wegen seiner Stadt.

Sprache und Stil entsprechen vermutlich der beschriebenen Zeit, Ein gewisser Wahrheitsgehalt ist ebenfalls vorhanden. Im Nachwort schreibt der Autor, dass der Hofrat BLOCK wirklich eines Diebstahls bezichtigt wurde und auch Hoffmann befand sich zu dieser Zeit in Dresden.

Für jeden Dresdner und auch für jeden Nicht-Dresdner wärmstens zu empfehlen. Am Ende muss man dann nur noch eine Biografie von E.T.W. Hoffmann lesen. Wenn einem Wicki nicht genügt.

* * *
Der Autor:
Ralf Günther wurde 1967 in Köln geboren.  Er hat Theater-, Film-, und Fernsehwissenschaft, Germanistik
und Pädagogik studiert. Seit 1993 ist er freier Schriftsteller. Im selben Jahr ist er auch mit seiner Familie nach Dresden gezogen.

► Ralf Günthers im Internet
► Ralf Günther in der DNB
► Ralf Günther in wikipedia

DNB / LIST / Berlin 2009 / ISBN: 978-3-548-60906-5 / 460 Seiten

© KaratekaDD

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Dickens, Charles: Ein Weihnachtsmärchen


Der alte Scrooge ist ein Leuteschinder und Halsabschneider. Am Heiligabend sitzt er in seinem Büro, friert und ärgert sich darüber, dass alle anderen sich freuen. Doch in dieser Nacht besuchen ihn die Geister der Weihnacht und seines verstorbenen Teilhabers ... 
Sie führen Scrooge auf eine Reise in die Vergangenheit und die Zukunft, bei der ihm klar wird, wie einsam und sinnlos sein Leben ist. Am Ende dieser Weihnachtsnacht ist der alte Scrooge ein anderer Mensch geworden.












Die Geister der Weihnacht...


(auch veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am 23.12.2013





Erzählt wird die Geschichte des boshaften, hartherzigen, geizigen und skrupellos geschäftstüchtigen Ebenezer Scrooge. Nicht einmal am Weihnachtsabend ist dieser bereit, etwas für die Armen zu spenden oder einem Kind eine Freude zu machen. Auch an diesem Tag traktiert und peinigt er seinen Angestellten Bob Cratchit. Und doch soll sich in dieser Weihnachtsnacht etwas ereignen, das sein Leben von Grund auf verändert...
 

Ebenezer Scrooge bekommt in dieser Nacht unerwarteten Besuch: Der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners prophezeit ihm ein düsteres und einsames Ende. Es folgen die Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht, die ihn mit auf eine Zeitreise nehmen und ihm Dinge vor Augen führen, die Scrooge berühren. So besinnt dieser sich schließlich, sein Leben zum Guten zu ändern - und das nicht nur zur Weihnachtszeit...
 

Titelblatt der Erstausgabe von A Christmas Carol in Prose
Die oft adaptierte "Weihnachtsgeschichte" von 1843 ist einer der berühmtesten und vor allem herzerwärmendsten Romane von Charles Dickens. Zigmal verfilmt, kennt diese Erzählung wohl nahezu jeder - doch ist es tatsächlich das erste Mal, dass ich diese Geschichte in der ungekürzten Fassung auch gelesen habe!
Die Lektüre habe ich als nicht ganz einfach empfunden, einfach weil das Buch schon vor 170 Jahren geschrieben wurde und der Schreibstil dementsprechend altertümlich ist. Formulierungen, die man heute so nicht mehr verwenden würde, teilweise sehr verschachtelte Sätze und auch Begriffe, deren Bedeutung mir nicht immer geläufig war. Nichtsdestotrotz hat mich diese Geschichte auch in gelesener Form in ihren Bann gezogen, eben passend zu den nun folgenden Weihnachtstagen...

 

Ausgeschmückt ist meine Ausgabe dieser Weihnachtsgeschichte mit zarten Aquarellen von Lisbeth Zwerger, liebevoll im Detail und stimmungsvoll passend zur Erzählung.
 

Ein Klassiker, den man ruhig einmal gelesen haben sollte!

 

© Parden 









Haben sich an Weihnachten dann doch irgendwie alle lieb: Sir Michael Caine (im Hintergrund) und die Muppets in der "Muppets Weihnachtsgeschichte" nach Charles Dickens

Verfilmungen
Das Buch wurde unzählige Male in Filmen und Serien verfilmt. Lt. wikipedia besonders hervorzuheben sind:








Charles Dickens
Charles John Huffam Dickens, 1812-1870, war ein englischer Schriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Oliver Twist, David Copperfield sowie Eine Weihnachtsgeschichte.

Eine Weihnachtsgeschichte entstand in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Not der Armen in der Gesellschaft Englands zu lenken.





Dienstag, 24. Dezember 2013

Weihnachten 2013


Der Strietzelmarkt in Dresden geht zu Ende, das Weihnachtsfest beginnt sicherlich heute Abend bei euch wie bei den meisten Menschen in diesem Land. Es soll bei unseren Freunden, den Buchgesichtern und den Bücherbloggern  ebenso wie bei allen anderen Freunden und nicht zuletzt in unseren und euren Familien ein besinnliches und frohes werden. Vielleicht ist bei einigen sogar eine weiße Weihnacht zu erwarten, allerdings müssen die schon ziemlich weit droben wohnen.

Euch und uns dicke Büchergeschenke zu wünschen wäre zwar verständlich, treffen wir uns doch hier in unseren Blogs als Bücherfreunde, aber unsere überquellenden Regale lassen Unmengen weiterer literarischer Werke nur in beschränktem Maße zu. Auf jedenfall aber wünsche ich Euch und uns noch viele schöne Blogideen. 


Anne Parden, KaratekaDD & TinSoldier

Samstag, 21. Dezember 2013

Leroux, Gaston: Das Phantom der Oper


Unheimliche Vorfälle erschüttern das altehrwürdige Pariser Opernhaus. Ein Phantom soll in den düsteren Katakomben des Hauses sein Unwesen treiben! Als die junge Sängerin Christine spurlos verschwindet, macht sich der junge Vicomte Raoul auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch bald muss er um die Liebe seines Lebens kämpfen...

Gaston Leroux´ "Das Phantom der Oper", ein von phantastisch-unheimlichen Momenten durchdrungener Roman, wirkt authentisch und unglaublich nahe. Nicht umsonst inspirierte er Andrew Lloyd Webber zu dem erfolgreichsten Musical aller Zeiten. 










Tief in den Gewölben...

(auch veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am 09.09.2012

 

 
Bekannt wurde diese Geschichte v.a. durch das gleichnamige Musical... Quelle


Wer kennt sie nicht, die Geschichte von der schönen Christine, in die sich das Phantom, das tief in den Katakomben der Pariser Oper lebt, verliebt? Vereint durch die Liebe zur Musik, wagt das Phantom sich der jungen Frau zu nähern - doch was wird sein Aussehen bei ihr auslösen?
Als Christine sich jedoch in den treuen Gefährten ihrer Jugendtage, Vicomte de Chagny, verliebt, kommt es zur Katastrophe...

 

Pariser Oper um 1880
Die Handlung selbst - häßlicher Mann liebt Frau, die jedoch einen anderen liebt - ist in der Geschichte der Literatur wohl ein recht bekanntes, konfliktgeladenes Motiv. Einmalig aber wird das Buch v.a. durch den Ort des Geschehens: die Pariser Oper.
Leroux beschreibt das Gebäude vom Giebel an abwärts bis in die tiefsten Katakomben so detailliert, dass die Neugierde entfacht wird und man sich am liebsten selbst sofort auf die Spurensuche begeben würde. Natürlich ist es nun über 100 Jahre her, dass dieser Roman geschrieben wurde, und manches entspringt sicherlich der Phantasie Leroux´ - aber vieles wird gewiss mit den damaligen Gegebenheiten übereinstimmen.

 

Der Schreibstil ist entsprechend des Alters der Lektüre für heutige Zeiten eher ungewöhnlich, dabei aber nicht schwierig zu verfolgen. Ich fand es sogar recht flüssig zu lesen. Erstmals wurde der Roman in Fortsetzungen in der Zeitung Le Gaulois vom 23. September 1909 bis zum 8. Januar 1910 veröffentlicht. 
Die Geheimnisse rund um das Phantom ließen mich lange Zeit zweifeln, ob es sich bei diesem um einen wirklichen Menschen handelte oder aber um ein mystisches Geschöpf. So manche Auflösung hat mich dann überrascht.

 

Wie so oft, lässt sich festhalten, dass Buch und Film nur bedingt etwas miteinander zu tun haben. Jeder, der von der Geschichte fasziniert ist, sollte doch einen Blick in das Buch wagen... 
Insgesamt ein Klassiker, der sich zu lesen lohnt.



© Parden  







 Ausschnitt aus dem Musical "Das Phantom der Oper" von Andrew Lloyd Webber









Der Roman wurde mehrfach verfilmt. Viele Kritiker betrachten die Verfilmung von 1925 als die gelungenste. Die Rolle des Phantoms spielte hier Lon Chaney (Bild).









Hier nun eine Übersicht über einige der Verfilmungen des Romans, entnommen wikipedia.de

Populäre Verfilmungen

Produktionsjahr Titel Originaltitel Regisseur Titelrolle
1915 Das Gespenst im Opernhaus Das Phantom der Oper Ernst Matray Nils Chrisander
1925 The Phantom of the Opera The Phantom of the Opera Rupert Julian Lon Chaney sen.
1937 Ye ban ge sheng Ye ban ge sheng Ma-Xu Weibang Menghe Gu
1943 Phantom der Oper Phantom of the Opera Arthur Lubin Claude Rains
1962 Das Rätsel der unheimlichen Maske The Phantom of the Opera Terence Fisher Herbert Lom
1983 Das Phantom von Budapest Phantom of the Opera Robert Markowitz Maximilian Schell
1987 Das Phantom der Oper (Zeichentrickfilm) The Phantom of the Opera Al Guest, Jean Mathieson Aiden Grennell
1989 Das Phantom der Oper Gaston Leroux’ s The Phantom of the Opera Dwight H. Little Robert Englund
1990 Das Phantom der Oper Gaston Leroux’ s The Phantom of the Opera Tony Richardson Charles Dance
1998 Das Phantom der Oper Il Fantasma dell'opera Dario Argento Julian Sands
2004 Das Phantom der Oper The Phantom of the Opera Joel Schumacher Gerard Butler






Gaston Leroux

Gaston Leroux, 06.05.1868 bis 15.04.1927, war ein französischer Journalist und Schriftsteller.
Sein mit Abstand bekanntestes Werk ist "Das Phantom der Oper" von 1910, zu dem er durch eine Besichtigung der unterirdischen Gewölbe der Pariser Oper inspiriert wurde.


Weitere Details zu seinem Leben und seinem Werk können hier eingesehen werden.






 

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Nesbø, Jo: Koma Nr. 2

Anne Parden, die fleißige Blogschreiberin hat recht. Wie soll man nur diesen Roman von Jo Nesbø rezensieren, wenn man doch Gefahr läuft, die überaus spannende Handlung plötzlich zu verraten?
Tausend Fragen gehen dem Leser durch den Kopf und eigentlich doch nur eine:

Wer ist der Mann im Krankenhausbett?

Erst wenn diese Frage geklärt ist, kann der Leser.... (Oh, schon wieder gefährlich...) Aber nach Klärung dieser Frage gehrt es spannend weiter bis zum Schluss. Es gilt mehrere Morde aufzuklären. Morde an Polizisten, die mehr oder weniger weit zurückliegende Fälle eher nicht geklärt hatten. Die Polizistenmorde geschehen an den jeweiligen Tatorten. Am Ende hat man den Täter gar nicht auf dem Schirm gehabt. Zumindest bekommt man ihn erst ganz zum Schluss serviert. Gleichzeitig schafft es Nesbø uns Appetit auf seinen wohl nächsten Roman zu machen. Als ob das Ende der Anfang eines neuen Romans wäre. Vielleicht ist es das ja auch.

"Ich bin das Ende und der Anfang..."

Hier geht es zu Annes Rezension mit der Bibliografie um Harry Hole und eine kurze Vorstellung des Autors.

DNB / Ullstein Buchverlage GmbH / Berlin / 2013
► Jo Nesbø in der DNB


© KaratekaDD

Sonntag, 15. Dezember 2013

Jonasson, Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte (Hörbuch)


Die aberwitzige Geschichte der jungen Südafrikanerin Nombeko, die zwar nicht lesen kann, aber ein Rechengenie ist, fast zufällig bei der Konstruktion nuklearer Sprengköpfe mithilft und nebenbei Verhandlungen mit den Mächtigen der Welt führt. Nach einem besonders brisanten Geschäft setzt sie sich nach Schweden ab, wo ihr die große Liebe begegnet. Das bringt nicht nur ihr eigenes Leben, sondern gleich die gesamte Weltpolitik durcheinander...
Spitzzüngig und mit viel schwarzem Humor rechnet Jonasson in seinem neuesten Roman mit dem Fundamentalismus in all seinen Erscheinungsformen ab. Eine grandiose Geschichte, die dem "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand" an überbordenden Einfällen, skurrilen Wendungen und unvergesslichem Charme in nichts nachsteht! 






Eine Atombombe auf der Flucht...

(auch veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  07.12.2013)










Slums von Soweto
Nombeko Mayeki ist fünf Jahre alt, als sie im Slum von Soweto (Johannesburg) in der Latrinenleerungstruppe zu arbeiten beginnt. Mit 14 Jahren wird sie Chefin dort, weil sich herausstellt, dass sie ungemein gut rechnen kann und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen zu sein scheint - für eine Analphabetin aus diesem Armenviertel recht erstaunlich.
Als sie eines Tages auf dem Bürgersteig von einem volltrunkenen weißen Ingenieur über den Haufen gefahren wird und nur durch viel Glück überlebt, wird Nombeko zur Strafe für das verbeulte Auto dazu verurteilt, sieben Jahre lang für eben diesen Ingenieur zu arbeiten. Er, der im Grunde keine Ahnung von seinem Beruf hat, fragt Nombeko, deren Namen er sich nie merken kann - "Wie heißt du noch gleich?" - zunehmend um Rat, als er feststellt, wie intelligent diese junge Frau ist. So kommt Nombeko allmählich dahinter, dass der Ingenieur einen Geheimauftrag zu erfüllen hat - er soll eine Atombombe für Südafrika realisieren. Genauer gesagt: gleich sechs Stück. Durch einen dummen Zufall werden es dann aber sieben, was der Ingenieur jedoch wohlweislich verschweigt und die überzählige Kernwaffe kurzerhand in seinem Haus versteckt.

 

Was aber geschieht, wenn der Ingenieur plötzlich ums Leben kommt, man jedoch
Eine Atombombe für Israel?
unbedingt verhindern will, dass die überzählige Atombombe, die jahrelang so friedlich hinter verschlossener Tür schlummerte, nun in die falschen Hände gerät? Womöglich in die Hände eines gewissen israelischen Geheimdienstes?
Nun, dann kommt es zu dem, was Jonas Jonasson hier in einer wundervoll witzig-spritzigen Art erzählt: einer Atombombe auf der Flucht. Mitten in Schweden. Über zwanzig Jahre lang. Schweden?! Ja, Schweden. Und mit der Bombe Nombeko, das Latrinenmädchen, die Putzfrau, die Analphabetin, die Asylantin, die gleich nach ihrer Ankunft in Schweden verschwindet. Und in eine Reihe skurriler und skurrilster Ereignisse gezogen wird, aus denen ein Entkommen oft unmöglich scheint...

 


Auch die schwedische Monarchie spielt hier eine große Rolle...
Jonas Jonasson hat nicht nur die Gabe unglaublicher Einfälle, er bringt sie auch noch in charmanter, schwarzhumoriger, augenzwinkender, unnachahmlicher Art zu Papier. Jeder Charakter ist liebevoll ausgearbeitet, mag er auch noch so verschroben sein, und durch unberechenbare Wendungen bei fast naiver, beiläufiger Erzählweise begleitet eine Art fröhlicher Anarchie die Geschichte bis zum Ende.
Obgleich vom Konzept her ähnlich dem "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand", was andere Rezensenten teilweise massiv störte, hat mich das Buch wirklich überzeugt. Es hat mich überaus gut unterhalten, oftmals habe ich gekichert oder lauthals gelacht und mich einfach gefreut über die skurrilen Einfälle des Jonas Jonasson. Dabei schneidet der Autor durchaus ernste Themen an, jedoch eben nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern er führt sie weit subtiler vor, mit feinem und hintersinnigem Humor.

 


Was dem Genuss noch das Sahnehäubchen aufsetzte, war die Tatsache, dass ich
gelesen von Katharina Thalbach
nicht das Buch gelesen, sondern das Hörbuch (die ungekürzte Version von audible.de) gehört habe. War "Der Hundertjährige" schon genial gelesen von dem kürzlich verstorbenen Otto Sander, finde ich die Besetzung von "Die Analphabetin" mit Katharina Thalbach fast noch besser.
Anfangs tat ich mich mit der Stimmlage der Schauspielerin etwas schwer, aber bald schon merkte ich, wieviel Vergnügen Katharina Thalbach selbst an der Lesung zu haben schien. Die Betonungen, die Ironie, das Augenzwinkern: perfekt!

 


Also wenn man nicht gerade zu denjenigen gehört, die bei Hörbüchern immer gleich einschlafen, meine dringende Empfehlung in diesem Fall: lieber noch das Hörbuch als das Buch! Man bringt sich sonst um einen echten Genuss!
 


Absolut empfehlenswert in meinen Augen!!!

 


© Parden







  • Hörbuch DIE ANALPHABETIN, DIE RECHNEN KONNTE ungekürzt (audible.de)
  • von Jonas Jonasson
  • Gesprochen von: Katharina Thalbach
  • Spieldauer 14 Std. 11 Min.
  • Erscheinungsdatum 15.11.2013







 Der Autor über sein neuestes Buch...





 Katharina Thalbach liest "Die Analphabetin"...








Jonas Jonasson
Jonas Jonasson wurde am 06.07.1961 im schwedischen Växsjö geboren und arbeitete nach dem Studium in Göteborg als Journalist für einige Zeitungen wie zum Beispiel "Smålandsposten“ und "Expressen“. Jonasson gründete seine eigene Medien-Consulting-Firma verkaufte nach einer intensiven und lange Zeit in der Medienwelt alles und zog kurzerhand in den Schweizer Kanton Tessin. Sein Roman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" sorgte in Schweden für eine Allan-Karlsson-Manie und wurde 2010 das meistverkaufte Buch in Schweden. Mittlerweile wird das Buch international verlegt, die Übersetzungsrechte wurden in über 30 Länder verkauft. Jonassons Debüt wird somit zum internationalen Bestseller. Die deutsche Firma TMG erwarb die Filmrechte an dem Bestseller. Bereits Ende 2012 beginnen die Dreharbeiten rund um den berühmten Protagonisten Allan Karlsson in Schweden und Osteuropa. Regie führt kein geringerer als Felix Herngren ("The Sunny Side"). Als Produzenten konnte Tele München den Hollywood Veteranen Joni Sighvatsson gewinnen. Der Autor lebt mit seinem Sohn wieder in Schweden. 2013 erschien sein zweiter mit Spannung erwarteter Roman "Die Analphabetin, die rechnen konnte". >>> Quelle

 

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Dorn, Wulf: Dunkler Wahn


Ein Rosenstrauß ohne Absender. Geschenke vor der Haustür. Briefe unter dem Scheibenwischer... Der Psychiater Jan Forstner wird von einer Unbekannten mit Liebesbezeugungen überhäuft. Anfangs glaubt Jan noch an die harmlose Schwärmerei einer ehemaligen Patientin. Doch dann bittet ihn ein Journalist um Mithilfe im Fall einer geistig gestörten Person und wird kurz darauf ermordet. Jan erkennt, dass er ins Visier einer Wahnsinnigen geraten ist. Und seine Verfolgerin schreckt vor nichts zurück.  







Liebeswahn und Gänsehaut...

(auch veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am 05.12.2013





Seit der Aufdeckung des Fahlenberger Klinikskandals ist der Psychiater Jan Forstner gegen seinen Willen zu einer lokalen Berühmtheit geworden. Deshalb misst er den Geschenken einer unbekannten Verehrerin zunächst auch keine Bedeutung bei. Doch dann wird ein Journalist ermordet, der Jan um Mithilfe in einem mysteriösen Fall gebeten hatte. Ein Fall, der mit einer rätselhaften Frau in Zusammenhang stand.
Jan erkennt, dass er ins Visier einer Wahnsinnigen geraten ist, die ein perfides Spiel mit ihm treibt. Doch wer ist die Frau mit den zwei Gesichtern? Die Suche nach der Identität der Mörderin führt den Psychiater in einen Alptraum aus Paranoia und seelischer Grausamkeit, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Und die einzige Person, die ihm helfen könnte, ist zum Schweigen verdammt...

 

Jan Forstner gerät in das Visier einer Frau, die ihn zu lieben meint. Harmlose Geschenke bilden den Auftakt einer Reihe von Zuwendungen, die bald schon das Ausmaß des Liebeswahns erkennen lassen. Der Journalist Volker Nowak nimmt Kontakt zu Forstner auf, um ihm etwas über diese Frau zu verraten, wird aber kurz vor dem Treffen brutal ermordet. Briefe, Anrufe, Geschenke - sehr bald schon ist Jan klar, dass er es mit einer Stalkerin zu tun hat. Er wird ständig von ihr beobachtet, weiß aber nicht, mit wem er es zu tun hat. Als klar wird, dass diese Frau auch über Leichen geht und alle potentiellen Nebenbuhlerinnen aus dem Weg zu räumen bereit ist, gerät Jan zunehmend in Panik.
In ähnlich schwieriger Lage befindet sich Pfarrer Felix Thanner - zu ihm kommt die Psychopathin und beichtet ihm ihre Taten. An das Beichtgeheimnis gebunden, tobt in dem Pfarrer ein schwerer Konflikt. Darf er versuchen herauszufinden, wer die Frau ist und die Todsünde begehen, das Beichtgeheimnis zu brechen, wenn er dafür Menschenleben retten kann? 


 
Beichtgeheimnis wahren oder Menschenleben retten?

Meist wird die Geschichte aus der Perspektive Jan Forstners erzählt, doch gelegentlich wechselt sie auch zu der Person der Stalkerin und bietet interessante Einblicke in deren Gedankenwelt. Wulf Dorn gelingt es, die Spannung voranzutreiben und den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht zu halten - gegen Ende wird es fast unerträglich.
Nichts ist, was es zu sein scheint, immer wieder gibt es gelungene Wendungen, falsche Fährten und auch einige recht gruselige Ereignisse. Immer dringender wird auch das Bedürfnis des Lesers, herauszufinden, wer denn nun diese Stalkerin ist und ob es Jan gelingt, sie zu enttarnen. Das Ende ist dann - beinahe schockierend. Damit hätte ich wirklich überhaupt nicht gerechnet. Erst einmal und schließlich gar noch ein zweites Mal war ich richtig verblüfft.

 


David Nathan
Anzumerken ist noch, dass ich diesen wirklich gelungenen Psychothriller nicht gelesen, sondern als ungekürzte Fassung von audible.de gehört habe (654 Minuten). Gelesen wurde diese absolut passend von David Nathan, der durch seine ruhige aber pointiert betonte Lesart den Gänsehauteffekt an der ein oder anderen Stelle noch forcierte.
 



Ich möchte dringend mehr lesen oder hören von Wulf Dorn!

 

© Parden







 
Hörbuch DUNKLER WAHN
ungekürzt (audible.de)
    • Von Wulf Dorn
  • Gesprochen von David Nathan
  • Spieldauer: 10 Std. 54 Min.
  • Erscheinungsdatum: 22.09.2011

 

 






 Wulf Dorn über "Dunkler Wahn"









Wulf Dorn

WERDEGANG

Wulf Dorn (*20.04.1969) schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Die Faszination für das Unheimliche und Geheimnisvolle führte ihn zunächst in das Horror-Genre.

1999 wurde seine erste Shortstory veröffentlicht. "Jennifer"  erschien auf der Webseite des deutsch-französischen Kultursenders Arte im Rahmen eines Stephen King-Wettbewerbs. Unter mehr als sechshundert Einsendungen hatte sie den sechsten Platz erreicht und brachte ihm sein erstes Autorenhonorar ein: sechs Arte-Kugelschreiber, sechs Arte-Bleistifte, eine Arte-Bücherstütze und ein Arte-T-Shirt, das er bis heute in Ehren hält. Diesen ersten Erfolg hat Wulf seiner Frau zu verdanken, die ihn zur Teilnahme an dem Wettbewerb überredet hatte. Bis dahin hatte er nur für sich selbst und den engsten Freundeskreis geschrieben.

In den folgenden Jahren veröffentlichte er Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften, die mehrfach Auszeichnungen erhielten. Für fast ein Jahrzehnt gehörte er zu den Stammautoren der “Pandaimonion”-Reihe des Wurdack-Verlags, die 2004 für den Deutschen Phantastik-Preis nominiert wurde.

Im Januar 2005 nahm Wulf zusammen mit vierzehn weiteren Autoren an einem literarischen Rekordversuch an der Bundesakademie für kulturelle Bildung teil: Unter der Moderation von Andreas Eschbach und Perry Rhodan-Chefredakteur Klaus N. Frick entwickelten und schrieben die fünfzehn Teilnehmer innerhalb nur eines Wochenendes die 300 Seiten starke Rohfassung des Science Fiction-Romans "Sie hatten 44 Stunden". 2006 erschien der Roman als Studienausgabe im Hausverlag der Bundesakademie. Zu den weiteren Teilnehmern gehörten u. a. auch Ursula Poznanski und Momo Evers.

2009 veröffentlichte der Heyne-Verlag seinen Debütroman "Trigger" - ein psychologischer Thriller, der binnen weniger Wochen zum Bestseller wurde. Das bei Random House Audio veröffentlichte Hörbuch las der Autor auf Wunsch des Verlages selbst.

Im September 2010 erschien Dorns zweiter Roman "Kalte Stille" als Spitzentitel im Heyne Verlag. Gleichzeitig veröffentlichte Lübbe Audio die Hörbuchversion, gelesen von David Nathan, die im Frühjahr 2011 für den Ohrkanus-Hörbuchpreis als “Beste Lesung (Erwachsene)” nominiert wurde.

2011 folgte "Dunkler Wahn" als weiterer Spitzentitel bei Heyne und festigte den Ruf des Autors als “Meister des Mysteriösen” (Bayerischer Rundfunk). Das diesmal ungekürzte Hörbuch las erneut David Nathan, über den Wulf Dorn sagt, er könne sich keine passendere Stimme für Jan Forstner vorstellen.

Im Frühjahr 2012 erschien Dorns erster Jugendroman "Mein böses Herz" im cbt-Verlag. Parallel dazu veröffentlichte Random House Audio die von Laura Maire gelesene Hörbuchfassung. Wie Wulf Dorn in mehreren Interviews betont hat, war sie seine Wunschbesetzung für die Rolle der sechzehnjährigen Doro. Im Frühjahr 2013 wurde der Roman für den Hansjörg-Martin-Preis als "bester Jugendkrimi 2012" nominiert.

Im September 2013 ist Dorns vierter Erwachsenenroman "Phobia" als Spitzentitel bei Heyne erschienen. Das ungekürzte Hörbuch wurde wieder von David Nathan gelesen. Im Gegensatz zu den vorherigen Romanen hat Wulf Dorn die Schauplätze diesmal an reelle Ort verlegt. Der Großteil der Geschichte spielt in London und eine Seitenhandlung in Frankfurt.

Mittlerweile sind Dorns Romane in zahlreiche Sprachen übersetzt, u. a. in Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Niederländisch, Polnisch, Tschechisch, Griechisch und Türkisch, und wurden in mehreren Ländern zu Bestsellern.



PERSÖNLICHES

Wulf Dorn ist ausgebildeter Industriekaufmann und Fremdsprachenkorrespondent. Er war zunächst als Sachbearbeiter in einem Großunternehmen angestellt, ehe er 1994 eine Stelle an einer psychiatrischen Klinik annahm. Dort arbeitete er zwanzig Jahre in der beruflichen Rehabilitation und unterstützte psychisch kranke Menschen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Parallel dazu war er drei Jahre in der psychiatrischen Versorgungsforschung tätig und wirkte an einem EU-weiten Forschungsprojekt zur beruflichen Rehabilitation mit. Diese Begegnungen mit menschlichen Schicksalen und Dorns Interesse an psychischen Phänomenen spiegeln sich in vielen seiner Geschichten wider.

Heute arbeitet Wulf Dorn als freier Schriftsteller. In seiner Freizeit geht er wandern, biken oder joggen, kocht mit Vorliebe italienisch und indonesisch, sammelt Horrorfilme aus den 30er bis 80er Jahren, fotografiert, geht ins Kino und auf Konzerte.

 >>>Quelle


 

Freitag, 6. Dezember 2013

Scheuer, Norbert: Peehs Liebe


Rosarius Delamot weiß nicht, wer sein leiblicher Vater ist, vielleicht ein Archäologe, der das Straßennetz des antiken Römischen Reiches kartographiert hat und in Nordafrika verschollen blieb. Rosarius hat nur seine Mutter Kathy, er ist in seiner Jugend kleinwüchsig und spricht die ersten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens kein Wort. Aber er sieht die Dinge anders als gewöhnliche Menschen, sein Gehirn scheint ein unendlicher Speicher von kleinsten Wahrnehmungen und Erinnerungen zu sein. 
Als Kind hat er sich in Petra verliebt, die er nur 'Peeh' nennen kann. Später, als normalgroßer Erwachsener, der Sprechen gelernt hat, wird eine Liebesgeschichte daraus. In seinen Träumen und in der Wirklichkeit lebt Rosarius sein eigenes Leben, in dem er die ganze Welt bereist und die Eifel, in der er mit Vincentini ein elektrisches Akupunkturgerät verkauft, das gegen jede Krankheit helfen soll. Als alter Mann im Heim wird er von Annie liebevoll gepflegt, ihm ist, als wäre seine Peeh endlich wieder da, als würde er ihr jetzt im Alter die abenteuerliche Geschichte seines Lebens erzählen, eine Geschichte über die Liebe, das Altern und das Vergessen. 

In seinem neuen, bewegenden, melancholisch-lichten Roman zeigt sich Norbert Scheuer wieder als ein großer, poetischer Erzähler. 





Die Melodie der Worte...

(auch veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am 03.12.2013


In Kall, einem kleinen Ort in der Eifel, wächst Rosarius auf...

Rosarius Delamot, der lange kleinwüchsig bleibt und summt statt spricht, lebt in seiner eigenen Welt, nimmt die Dinge anders wahr als gewöhnliche Menschen. Er wächst bei seiner Mutter auf, seinen vermeintlichen Vater, einen Archäologen, der das Straßennetz des antiken Römischen Reiches kartographiert hat und später verschollen blieb, lernt er nie kennen. In Peeh findet Rosarius jene Frau, die er ein Leben lang lieben wird.
Als alter Mann trifft er auf die Pflegerin Annie, in der er seiner Peeh wieder begegnet. Ihr erzählt er die sonderbare und außergewöhnliche Geschichte seines Lebens.

 

Benannt wurde Rosarius nach einen Ururgroßonkel, der einst als Hausierer in der Eifel unterwegs war. Ob Kathy tatsächlich Rosarius Mutter war, wird nicht deutlich, aber sie versteckt das seltsame Kind vor den Nazis und kümmert sich liebevoll um ihn. Weil Rosarius bis zu seinem 23. Lebensjahr nicht spricht, sondern summt, und sich auch ansonsten "seltsam" verhält, glaubt jeder, dass er dumm ist und nichts versteht. Dadurch erfährt Rosarius aber vieles, was die Menschen ansonsten eher für sich behalten würden:
"Auch wenn ich nicht sprechen konnte, behielt ich fast alles, wovon aber niemand wusste. Weil ich keine Wörter für die Dinge hatte, dachte alle, ich sei blöde und könne mir nichts merken. Sie dachten, man könne sich nur auf ihre Weise erinnern. Daher benahmen sich die Menschen in meiner Gegenwart, als sei ich nicht vorhanden, redeten und taten, was sie wollten, denn ich würde es ohnehin niemandem sagen können. Ich fühlte mich, als würde ich mit einer Tarnkappe herumlaufen, war jemand, der gar nicht vorhanden war." (S. 53)

 


viele abgespeicherte Straßennamen...
In Rückblenden erzählt Rosarius im Alter von seiner Lebensgeschichte, kleine Ausschnitte immer nur, die sich wie ein Puzzle allmählich zu einem Bild zusammensetzen, das von Höhen und Tiefen geprägt ist. Unterbrochen werden die Erzählungen immer wieder durch das ständige murmelnde Herunterrasseln von Straßennamen, die Rosarius irgendwann einmal gehört oder gelesen und seither nie mehr vergessen hat. In seinem Nachwort meint Norbert Scheuer hierzu, dass diese Straßen ein Labyrinth darstellen, das Labyrinth von Rosarius Liebe zu Peeh, der ewigen und vergeblichen Suche nach seinem Ursprung.
Die Pflegerin Annie ist diejenige, der Rosarius seine Geschichte erzählt, als er nach einem Schlaganfall ins Altersheim kommt. In ihr glaubt er seine Peeh wiedergefunden zu haben, was ihn mit dem Leben versöhnt. "Bei manchem, was Rosarius ihr erzählte, wusste Annie nicht, ob es tatsächlich stimmte. Vielleicht erträumte er sich auch nur eine Geschichte, so wie wir alle mehr oder weniger unser Leben in Träumen erschaffen." (S. 138)

 


Die Sprache ist eine ganz besondere. Voller Wärme, bildgewaltig und poetisch, dabei ganz leise und zart. So taucht man behutsam ein in die Gedanken- und Gefühlswelt von Rosarius, manchmal auch von Annie, lässt sich treiben im ruhigen Fluss.
Immer wieder finden sich Passagen von Hölderlins "Hyperion", einem lyrisch-

elegischen Roman von Liebe und Sehnsucht. Der Lebensgefährte von Rosarius Mutter hat dieses Buch ständig gelesen, auch laut, und Rosarius kann ganze Passagen auswendig. So werden immer wieder Zitate eingestreut: "Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen Frühlingslichte mich sonnte und hinaufsah ins heitre Blau, das die warme Erde umfing." (S. 77) Aber auch die Gedanken von Rosarius und Annie vermischen sich immer mehr mit der Sprache Hölderlins.

 

 
Als Kind summte Rosarius den Hyperion - er erkannte die Melodie der Worte...



Ein wunderschönes Buch, das etwas anklingen lässt im Leser, zart berührt und lächelnd zurücklässt.

© Parden









 Norbert Scheuer liest 10 Seiten aus "Peehs Liebe"












Norbert Scheuer
 Hier geht es zur Biographie von Norbert Scheuer...












Bibliographie



Der Steinesammler
Schöffling
Frankfurt a. M., 1999


Flußabwärts
C. H. Beck
München, 2002


Kall, Eifel C. H. Beck
München, 2005


Überm Rauschen
C. H. Beck
München, 2009


Peehs Liebe
C. H.Beck
München, 2012