Freitag, 31. Mai 2013

Lamb, Wally: Früh am Morgen beginnt die Nacht


Eine Rezension von

TinSoldier


Früh am Morgen beginnt die Nacht

Roman von Wally Lamb

(zuerst veröffentlich von TinSoldier bei Buchgesichter.de)



Früh am Morgen beginnt die Nacht. Der Morgen. Harte Kontraste. Grelles Morgenlicht vor dem Fenster. Das anhaltende Gefühl, etwas ist aus den Fugen geraten. Antriebslos, unendliche fade Müdigkeit. Grau die beherrschende Farbe. 
Das Leben: Schal, wie die erste Zigarette am Morgen, Übelkeit erregend wie der Geruch kalter Asche, widerlich wie der pelzige, schale Geschmack kalten Nikotins auf der Zunge. Ziellosigkeit. Überdruss. Muskelverspannung und grauer Kopfschmerz. Die Zeit: Zähflüssig triefend wie Teer, tropft dickflüssig und lange Fäden ziehend dahin. 
Gedanken zäh wie Motoröl im Winter. Depression. Angst sitzt lauernd in allen Winkeln, bereit sich auf dich zu stürzen. Ein neuer Tag, doch: Schon früh am Morgen beginnt die Nacht! Der deutsche Titel des Buches des amerikanischen Autors Wally Lamb gibt mit 6 Worten die perfekte Beschreibung dessen, was ein Mensch in einer Lebenskrise empfinden mag. 
Machte der Buchtitel mich bereits neugierig, so war mir nach dem Lesen der Inhaltsangabe sofort klar: Dieses Buch wollte ich lesen und besitzen. Folglich bestellte ich die Neuerscheinung und machte mich sofort nach Lieferung an die Lektüre. 

Das war 1999.

Depression. Kennst du das Gefühl, es kostet dich unendlich viel Kraft, einen Arm zu bewegen, einen Fuß zu heben, den nächsten Schritt zu tun? Kennst Du das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Du verbrauchst alle Deine Kraft, um den Tag zu überstehen? Kennst Du das Gefühl, wenn Du am Ende des Tages die Tür hinter Dir schließt und Du schaffst es gerade noch bis zum Sofa? Ein Gefühl, wie wenn Dir jemand den Stöpsel herausgezogen hat, dass alle Luft aus Dir entweicht und nichts bleibt als eine schlaffe Hülle? Ich wünsche dir, du kennst es nicht!
Ausgebrannt hockst du da, mit tränenden Augen, leerem Kopf. Depression. Das Gefühl endloser Leere, grenzenloser Ohnmacht. 
Innere Taubheit. Die Seele trägt Scheuklappen. Manche beginnen zu trinken, nehmen Medikamente. Ich las. 
Eines Nachmittags nahm ich wahllos ein Buch aus dem Regal und begann zu lesen. Willi Heinrich: Das geduldige Fleisch. Wie passend. Ich las es in einem Zug durch. Stunden später klappte ich es nach der letzten Seite zu und war erschöpft, aber zufrieden. Also nahm ich das nächst Buch und las, bis mir die Augen zufielen: In stolzer Trauer. Von da ab las ich in jeder Minute, wochenlang, monatelang. Ich las und las und las und vergaß. 
Auf dem Höhepunkt meiner Lesetherapie las ich "Früh am Morgen beginnt die Nacht". Ich las es mit brennenden Augen bis tief in die Nacht und weiter am nächsten Tag. Ich las es morgens beim Frühstück und nachmittags beim Kaffee. Ich las und las, wie ein Ertrinkender. Und war tief beeindruckt. Beeindruckt von der Geschichte, die von einer tiefen Bruderliebe handelt und von einem schlechten Elternhaus, von Verständnis und Vergebung, von Mitleid und Menschlichkeit. Von der Angst, wahnsinnig zu werden. Von der Spurensuche im Leben eines Vorfahren. Eine wunderbare Geschichte, wunderbar erzählt in einer schönen Sprache von einem, der es offenbar versteht, Geschichten zu erzählen. Am Ende des Buches wich die innere Taubheit einem Gefühl der Zuversicht. Ist es nicht schön, dass Bücher so etwas bewirken können? 

Früh am Morgen beginnt die Nacht. Die anrührende und spannende Geschichte zweier ungleicher Brüder. Eines jener Bücher, die es Dir am Ende unmöglich machen, sofort etwas anderes zu lesen, weil Du glaubst, nichts vergleichbar Gutes mehr zu finden.

Früh am Morgen beginnt die Nacht
von Wally Lamb
Verlag: RM Buch und Medien (1999)
Deutsche Nationalbibliothek

© TinSoldier

Kommentare:

  1. Dieses Buch ziert auch mein Regal und seit Deiner Rezension begegne ich ihm voller Ehrfurcht. Sicherlich werde ich es auch bald lesen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lies es unbedingt - es ist ein wunderbares Buch und ich weiß genau, dass es dir sehr gefallen wird!

      Löschen
  2. Eine Rezension aus der Zeit des Blog-Beginns...

    AntwortenLöschen