Samstag, 31. August 2013

Rossi, Marie (Hrsg.): Frühling im Herzen









Egal zu welcher Jahreszeit... 

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  31.08.2010)


Bei diesem Buch "Frühling im Herzen" handelt es sich um eine Anthologie. Mehr als 100 Autorinnen und Autoren aus sieben Ländern präsentieren wundervolle Geschichten, Haiku, Gedichte, Akrosticha und Elfchen zur Frühlingszeit.
Frühling steht für das Entfalten und Gedeihen neuen Lebens. Die Tage werden milder, der Schnee schwindet, die Wiesen grünen und die ersten Blumen öffnen ihre zarten Knospen. Endlich zwitschern die Vögel wieder, überall entspringt neues Lebensgefühl. Die Menschen sind froh, dass der Winter vorübergeht. Sie lechzen nach Licht und genießen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen.

Wie bereits bei der letzten Anthologie aus dem Verlag, die ich las: "Augenblicke, die berühren", musste ich erst einmal wieder nachschlagen, was die Worte des Klappentextes bedeuten - Wikipedia hilft da meistens weiter... 


  • HAIKU: lustige, meist dreizeilige Verse 
  • AKROSTICHON: eine (Vers-)Form, bei der die Anfänge (Buchstaben oder Wörter) hintereinander gelesen einen Sinn, beispielsweise einen Namen oder einen Satz, ergeben 
  • ELFCHEN: ein kuzes Gedicht, bestehend aus elf Wörtern, die in festgelegter Folge auf fünf Zeilen verteilt werden

Angesichts der fest umrissenen Thematik könnte man vielleicht auf die Idee kommen, es sei die falsche Jahreszeit für dieses Büchlein. Aber so habe ich es keineswegs empfunden. Gerade jetzt, wo es so deutlich auf den Herbst zugeht,
Der Frühling kommt!
empfand ich manche der Texte eindeutig als tröstlich. In Anbetracht der Tatsache, dass die Tage nun wieder kürzer werden, das Grau die Vorherrschaft übernehmen wird und bald der Mantelkragen wieder hochgeschlagen werden muss, ist es gar nicht so schlecht, sich vor Augen zu halten: der nächste Frühling kommt bestimmt!
Und so las ich jeden Tag zwei oder drei der oft kurzen Werke, wohldosiert, mehr nicht aufnehmen könnend, schließlich wollte ich allen Texten gerecht werden. Wie immer bei Büchern mit vielen kleineren Werken, gefällt nicht alles. Manchmal bleibt der Sinn etwas verborgen, auch sind die Talente beim Reimen beispielsweise unterschiedlich groß. Gelegentlich sind die Texte zu gewollt-angestrengt intellektuell, was mein Fall nicht so ist. Aber sicherlich ist hier für jeden Geschmack etwas dabei, und manche Zeile berührte auch oder empfand ich einfach als wunderschön: "... wie voll Poesie die Luft ist. Ein Gedicht aus Kätzchen und Krokussen, aus Sonnenstaub und aufatmender Erde" (S. 58). 



Wie bereits in "Augenblicke, die berühren" ist auch in dieser Anthologie ein Text
Tinsoldier alias Rudolf Fröhlich
eines unserer Blog-Teilnehmer abgedruckt. Tinsoldier findet seine Geschichte unter seinem richtigen Namen auf Seite 48 f. Eine Geschichte, die er uns bislang weder hier noch bei Buchgesichter.de präsentiert hat, und zu der ich deshalb noch nicht viel sagen möchte - außer dass sie zu den Texten gehört, die mir wirklich gefallen haben.
Es lohnt sich sicherlich auch so, seine Seite bei  Buchgesichter.de zu besuchen - jedenfalls für alle, die schöne Geschichten lieben... 

 
Seit einiger Zeit schon bin ich dazu übergegangen, bei der Lektüre eines Buches kleine Post-Its an Stellen zu hinterlassen, die ich für bedeutend halte und auf die ich beim Verfassen einer Rezension ggf. zurückkommen möchte. Hier ist es anders.
Auch in diesem Buch befinden sich etliche neongrüne selbsthaftende Zettelchen, doch diesmal werde ich sie dort belassen - wann immer mir danach ist, kann ich so das Buch aus dem Regal ziehen und mir die markierten schönen Stellen wieder vor Augen führen. Ein Gedicht jedoch sei hier erlaubt zu zitieren, verfasst von Helga Bauer (S. 144): 



Schneekristall
Im letzten Konzertweiß

Über vom Frostwind zerklüfteten Lagen da deckt nun ein flockiges Glitzertuch tiefes vernarbtes Gewebe vom erdigen Reich.
Und das Schneekristall sinkt in die Risse, als schlief es,
die Wundmale schließend zum Schutze. Und weich
aus dem Wolkengrau fallen die Zartsterne nieder,
sie breiten ein Schneevlies, gefaltet, aufs Eis.
Und im Flockenfall summen schon wärmende Lieder,
den Frühling empfangend, im letzten Konzertweiß
uns Farbklänge, flüsternd, aus Schneelicht zu tragen.


 
Für mich wunderschön.

Und ein herzliches Dankeschön an Tinsoldier, der mir dieses Buch zukommen ließ.


© Parden  









Und hier die Geschichte, wie das Büchlein seinen Weg zu mir fand...

Post von der Kreispolizeibehörde!

Donnerstag, 29. August 2013

Moyes, Jojo: Ein ganzes halbes Jahr

Louisa Clark weiß, dass sie gerne als Kellnerin arbeitet. Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird. Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird, wie vor dem Unfall. Doch er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird ... Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen. 








Gibt es ein Richtig oder Falsch? 

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  25.08.2013)


Als die 26jährige Louisa Clark ihren langjährigen Job in einem Café verliert, scheinen sich ihr arbeitsmäßig lediglich Alternativen zwischen Hühnerfarm und
Arbeiterviertel GB
Pole-Dance zu bieten, was sie allmählich verzweifeln lässt. Sie lebt noch bei ihren Eltern in einem Arbeiterviertel, und ihr Einkommen scheint wichtiger denn je, da auch ihr Vater von Arbeitslosigkeit bedroht ist.
Mehr aus Not denn aus echter Überzeugung begibt sich Lou schließlich zu einem Vorstellungsgespräch, bei dem es um den Posten einer Gesellschafterin für einen schwerbehinderten jungen Mann geht. Noch nie zuvor hat sie etwas von "Tetraplegie" gehört, bislang noch nie etwas mit behinderten Menschen zu tun gehabt - sie rechnet sich keine allzu großen Chancen aus. Doch zu ihrer Überraschung bekommt sie die Stelle: begrenzt auf sechs Monate.

 

Bald schon erfährt Lou den Grund für ihre Einstellung: ihr unbändiges Mitteilungsbedürfnis und ihre positive Ausstrahlung lassen sie trotz ihrer Unerfahrenheit im Umgang mit behinderten Menschen für den Posten geeigneter erscheinen als die übrigen Bewerberinnen. Was das bedeutet, beginnt Lou zu ahnen, als sie Will kennenlernt.
Will, der in finanzieller Hinsicht von Kindesbeinen an sehr gut gestellt war, der stets aktiv war und das Leben in vollen Zügen genoss, der selbst seine Arbeit
Will lebt gut situiert
liebte, die ihn zum Workaholic machte, lebt seit einem Unfall vor einigen Jahren, den er allen Voraussagen zum Trotz überlebte, gefesselt in seinem unbeweglichen Körper. Er reagiert alles andere als begeistert auf die Einstellung von Lou und lässt sie dies auch deutlich spüren. Sie gibt nicht so schnell auf, doch bald schon hat sie keine Idee mehr, wie sich die anberaumten sechs Monate einigermaßen erträglich gestalten lassen sollen.

 

Im Laufe der Wochen verbessert sich ihr Verhältnis allmählich, und Lou beginnt tatsächlich Spaß an ihrer neuen Aufgabe zu finden. Die Begegnung mit Will lässt ihr eigenes Leben in einem anderen Licht erscheinen, sie macht viele neue Erfahrungen und verändert sich ganz allmählich.
Doch dann erfährt sie durch Zufall, weshalb ihre Arbeitsstelle bei Will auf sechs
Monate begrenzt ist.
Wie wird sich Will entscheiden?
Nach Ablauf dieser Zeit hat er sich seiner Familie gegenüber ausbedungen, in der Schweiz seinem Leben legal ein Ende zu setzen. Lou ist entsetzt und glaubt, dem Job nicht mehr gewachsen zu sein: "Ich wandte den Blick ab, scheute mich mit einem Mal, ihn anzusehen. Ich fürchtete mich davor, seine Gefühle zu spüren, das Ausmaß dessen, was er verloren hatte, das Ausmaß seiner Ängste." (S. 236) Doch dann erwacht in Lou der feste Entschluss, Will die schönen Dinge des Lebens zu zeigen, wie es sein kann "trotz alledem" und dass sich das Leben in jedem Fall lohnt...
   

Dieses Buch berührt. Es gelingt Jojo Moyes, den Leser einzufangen in eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und schwarzem Humor, in eine Stimmung von wachsender gegenseitiger Zuneigung, dem Entdecken fremder Welten - und der Beschäftigung mit der Frage: was wäre wenn?
Kann man sich das wirklich vorstellen? Wie es wäre,
Ein Leben im Rollstuhl?
wenn man von einem Tag auf den anderen aus seinem normalen Leben gerissen unbeweglich im Rollstuhl sitzen müsste und in allen Bereichen des Lebens auf fremde Hilfe angewiesen wäre für den Rest seiner Tage? Wie es wäre, wenn es einem Freund so erginge? Seinem eigenen Kind? Und wenn der feste Entschluss im Raum stünde, diesem Leben ein Ende zu setzen, weil es unerträglich scheint und nichts mehr mit dem zu tun hat, was man sich ausgesucht hätte? Normalerweise ergeht es einem doch so wie Lous Schwester, die für sich befindet: "Also steckte ich (die
Wer will das entscheiden?
Vorstellung) in die allertiefste Schublade in meinem
Kopf, die mit ´Unvorstellbar´ beschriftet war." (S. 489 f.) Doch Jojo Moyes öffnet diese Schublade und zwingt einen förmlich zu der Erkenntnis: es gibt kein Richtig und kein Falsch.


Die Entwicklung der Geschichte erscheint bis zum Ende durchdacht und glaubhaft, die Charaktere sind stimmig, Lachen und Weinen liegen dicht beieinander, und Thema wie Erzählung lassen einen nicht sofort los, wenn das Buch schließlich zugeschlagen ist.
Ein großartiges Buch zu einem nicht alltäglichen Thema. Eindeutig empfehlenswert!


 
© Parden



 



Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und arbeitete für die "Sunday Morning Post" in Hong Kong und dem "Independent" in London. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches, "Die Frauen von Kilcarrion", widmet sie sich ganz dem Schreiben von Romanen. Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex.




Dienstag, 27. August 2013

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot!

Wolfgang Herrndorf

Vorhin las ich die Nachricht, dass der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf in der Nacht zum 27. August 2013 verstorben ist. Er litt seit einigen Jahren unter einem inoperablen Gehirntumor, ist aber wohl nicht an den Folgen seiner Krankheit gestorben, sondern soll sich lt. eines Twitter-Eintrags seiner Autoren-Kollegin Kathrin Passig selbst das Leben genommen haben.

Herrndorf, der genau einen Tag später geboren wurde
Bestseller "Tschick"
als ich, wurde nur 48 Jahre alt. Sein sicherlich bekanntester Roman "Tschick" wurde zum Überraschungserfolg des Jahres 2010. Das Buch stand monatelang auf den Bestsellerlisten, erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 und hat sich inzwischen mehr als eine Million mal verkauft.
In seinem Blog "Arbeit und Struktur" schrieb Herrndorf am 12.10.2011 selbst zu seinem Buch: "Tschick jetzt Schullektüre auf Costa Rica, Bilder einer blauuniformierten Klasse, die unter Palmen sitzt und liegt und liest. In Baden-Württemberg dagegen läuft der Buchverkauf so schleppend, daß jugendliche Straftäter zur Lektüre verurteilt werden müssen: Buch kaufen, lesen, fünfseitige handschriftliche Inhaltsangabe, und falls das nicht klappt, »kann ich bis zu vier Wochen Ungehorsamsarrest verhängen«. Richter Hamann, Amtsgericht Reutlingen."

In seinem Blog setzte er sich jedoch v.a. öffentlich mit der Krankheit auseinander. So entstand eine bittere Chronik seines Leidens, aber auch das Tagebuch eines Schriftstellers, der über den Tod ebenso nachdenkt wie über das Leben.
Am 14.07.2012 schrieb er beispielsweise: "Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß..."

Das Buch "Tschick" liegt hier schon seit einiger Zeit und wartet geduldig darauf, gelesen zu werden. Ich habe es zu einem Geburtstag, der ja fast auch der Geburtstag Herrndorfs ist, erhalten - von meiner Tante, die einst Literatur studiert hat. Vollkommen begeistert erzählte sie von dem Roman, immer noch berührt, war allerdings gleichzeitig auch immer noch entsetzt von der Buchhändlerin, bei der sie das Buch erworben hatte.
Mit wichtigtuerischer Miene hatte diese das Buch in eine Tüte gepackt und kopfschüttlend verkündet: "Der
"Sand" erhielt den Leipziger Buchpreis
wird wohl kein Buch mehr schreiben. Der ist ja schon

todkrank". Meine Tante regte sich fürchterlich auf über die scheinheilige Wichtigtuerei dieser Verkäuferin. Und es war ihr sozusagen ein innerer Reichsparteitag, als sie im Jahr darauf den nächsten Roman von Wolfgang Herrndorf "Sand" in ebendieser Buchhandlung kaufen konnte...
 

Die Süddeutsche.de berichtet, dass Herrndorf seit seiner Krebsdiagnose zurückgezogen in Berlin lebte. "Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen, keine Ausnahmen", schrieb er auf seiner Internetseite. Nur die Freunde, die Lebensgefährtin C. und die Arbeit gaben seinem Leben Struktur. Ein Roadmovie "Isa" wollte er noch fertigbekommen und eine Buchfassung seines Blogs.
Doch nun gab es nur noch einen letzten Eintrag in seinem Blog, und die Überschrift lautet: "Schluss"... 



© Parden 



W. Herrndorf
 
Bücher des Autoren:
  • In Plüschgewittern
  • Diesseits des Van-Allen-Gürtels
  • Tschick
  • Sand



Montag, 26. August 2013

FÄRDSCH isse, die Brügge

oder
KaratekaDD erklärt die Sache mit der Brücke

Bürgerinitiative Pro Waldschlößchenbrücke (Titelfoto)

Da steht sie nun, den Strom überspannend, wartend auf die Autos am Morgen eines Montags im August 2013. Zwei Tage konnten wir Fußgänger auf ihr wandeln, sogar durch die Autotunnel, welche auf die Staufenbergallee und auf die Bautzner Straße führen. Es sind die einzigen zwei Tage, in denen Biertischgarnituren aufgebaut sind und wir das Bier aus der schönsten Brauerei der Welt, welche ja gar keine Brauerei ist, sondern ein Opernhaus, genießen können. Mit einem nie dagewesenen Blick auf die Elbschlösser und auf die Stadtsilhoulette mit der alles überragenden Frauenkirche. Vielleicht ist dies mit der Grund, warum sich auf der Brücke wohl nur fröhliche Menschen befanden.



Okay, die Frauenkirche überragt alles nur, weil wir sie von der ► Waldschlößchenbrücke "irgendwie" von oben besehen und alle anderen wichtigen Türme plötzlich weit entfernt von ihr stehen. Aber damit bin ich beim Thema: BLICKBEZIEHUNGEN! Dazu gleich mal ein zugegebenermaßen provokatives Bild:


Elbschlösser
Ich kann es nämlich nicht mehr hören: Durch die Brücke würden die Blickbeziehungen auf die Stadt von den Elbauen gestört. So? Der geneigte Besucher stelle sich einmal auf die Brücke und gehe unter ihr durch. Schmarrn! Blick auf die Elbschlösser (Albrechtsschloss, Lingnerschloss und Schloss Eckberg) gestört! Ebenso großer Unsinn. Alle drei konnte man auch bisher, also ohne Brücke, nur sehen, wenn man weiter Richtung ► Blaues Wunder, die Elbbrücke in Blasewitz - Loschwitz, spazierte...

Die BLICKBEZIEHUNGEN sind der GRUND (?) für die Aberkennung des Welterbetitels durch die UNESCO. Nun ja, jeder weiß, dass diese Organisation von der geplanten Elbquerung wusste, als sie das Elbtal besah und begutachten lies.

Natürlich komme ich nicht umhin, das Thema ► Weltkulturerbe zu bemühen. Die ► Dresdner Elblandschaft erhielt den Titel 2004 und 2008 war er wieder weg. Ein einmaliger Vorgang. Mit Recht darf darüber debattiert werden und ein Ruhmeszeichen für die Demokratie insgesamt ist es wohl auch nicht, aber auch nicht für die ► UNESCO.  Bürgermeister und Regierungspräsidium beharrten standhaft auf der Umsetzung des Bauvorhabens. Schließlich kostet auch so ein Planfeststellungsverfahren viel Geld. In einem Bürgerentscheid sprach sich die Mehrheit der Dresdner für den Brückenbau aus. Weniger wohl die, welche in größerer Nähe wohnten, ausschlaggebend war bestimmt das Verkehrsaufkommen, welches zwingend eine neue Elbquerung erforderlich machte. Die Kontroverse kann in einem extra Wikiartikel als ► Dresdner Brückenstreit nachgelesen werden. Der Streit ging weniger um das Thema Elbquerung an sich als darum, ob ein Tunnel eine Alternative wäre. (Dazu hätte ich gern meinen leider verstorbenen Großvater gehört, der hätte uns das als Tunnel- und Brückeningenieur erklären können; Nachkommen jedenfalls meinen, dass das Bauvorhaben Tunnel die betroffene Elblandschaft viel mehr geschädigt hätte, was ich für einleuchtend halte.)

* * *
Am 24. August 2013 ist die Brücke fertig und die SÄCHSISCHE ZEITUNG hat eine Sonderbeilage heraus gebracht. Und auf der Titelseite der Tageszeitung trägt der Bauleiter ein Schild auf den Schultern:

F Ä R D S C H !
Schdimmd. Nu isse färdsch, die Brügge. 


Streit und Zankapfel von Parteien und Organisationen und den elbflorentinischen Bürgern. Ich mach kein Hehl daraus: ICH BIN BRÜCKENBEFÜRWORTER! Das ist sicherlich ein nicht sehr schönes Wort. Aber schließlich wurden die Dresdner aufgefordert, sich in einem Bürgerentscheid zu positionieren. Wenn ich die Geschichte hier erzählen wollte, dann müsste ich Fortsetzungen schreiben. Das brauche ich dank eines gewissen ► Peter HILBERT nicht. Denn der hat dieses Buch hier verfasst.

Autoaufkleber pro Brücke
Die Bürgerinitiative PRO WALDSCHLÖßCHENBRÜCKE hat auf ihrer ► Webseite immer aktuell vom Baugeschehen berichtet. Oft war Brückenpicknick. Erstinformation für die Dresdner vor Ort an der der Baustelle. Viele Dokumente findet man auf der Seite der Bürgerinitiative. Entwicklung, Entscheidungen, Baustopps, Gerichtsverfahren und vieles mehr werden dargestellt. 

SZ vom 22.08.2013
Das macht auch der ► Peter Hilbert in seinem Buch. Zum Beispiel erzählt er, wie Baupolier Schöps den Dresdner Baubürgermeister Marx von der Brücke "warf", weil dieser unangemeldet mit eine Gruppe Journalisten das Einsetzen des letzten Stahlteiles in den Brückenbogen beobachten wollte. Unschönes Ergebnis: Schöps durfte nicht mitfeiern. (siehe Artikelfoto links)

Das Einschwimmen des dann fertigen Brückenbogens war auch
eine technische Meisterleistung. Am 19.12.2010 waren wir an der Elbe dabei. Bei Schnee und Eis wurde der Stahlbogen eingeschwemmt. Das war ein Schauspiel und eindrucksvolle Ingenieurskunst. Die Elbe musste vorher ausgebaggert werden. damit die Pontons schwimmen konnten.

Webseite


Berühmt wurde eine Fledermaus. Die ► Kleine Hufeisennase.  Die Minifledermaus bekam sogar eine eigene, wenn auch sehr kurze "Kolumne" in der ► Steffen Lukas Show bei ► Radio PSR. Hufi war sehr gefährdet durch die Brücke, sagen die Tierschützer welche auch Brückengegner und auch so genannte Tunnelbefürworter waren. 
"Flugplan"
Mal davon abgesehen, dass das Fledermäuschen nie über weitgehend flache Landschaften fliegen würde, geschweige denn über einen glatten Spiegel wie die Elbe, weil sein "eingebautes Echolot" eben nicht das notwendige Echo einer welligen, von Gräben durchzogenen und von Büschen und Bäumen   bewachsenen Landschaft zurückwerfen würde. Populationen wurden weit entfernt von der Brücke Richtung Pillnitz und Richtung Meißen gefunden. Kaum anzunehmen, dass die sich in der "Mitte" finden werden. Nun, jetzt hat man landschaftgestaltend eingegriffen, sogar einen Flugplan hat man für die "fliegenden Vampire" aufgestellt. Ob sie sich daran halten werden? 
SZ - Beilage vom 24.08.13
Gerichte haben sich um die possierlichen Nachtjäger gekümmert und Baustopps für 100tausende von Euro verursacht. Doch halt, es waren nicht die Gerichte. Es waren die jeweiligen Einreicher diverser am Ende doch nicht brückenverhindernder Klagen. Ergebnis des ganzen Streits sind diese Anlagen hier: In der Nacht, logisch, denn die Tierchen sind ja Nachtjäger, müssen alle Autos 30 km/h fahren. Dies ist zwar eine Anweisung der Straßenverkehrsbehörde, sie beruht aber auf der Vorgabe des OVG Bautzen, wenn ich mich nicht irre. Klar, dass man dies durch eine hypermoderne Blitzanlage beeinflussen will. Ich bin auf die Statistik gespannt: Wieviel Prozent der Autofahrer möchten unbedingt ein Waldschlößchenfoto haben? Eine einzige tote Fledermaus hat man in den Streitjahren auf einer der Dresdner Brücken gefunden. Ob die wohl ein Brückengegner dahin gelegt hat? 
Hufi ist auch zum begehrten Spielzeug geworden. Die Seiffener Spielzeugmacher haben sich ihm (Rufi Hufeisennase; PSR) angenommen. Und so sieht das Tierchen aus, welches man in jedes Kinderzimmer hängen kann.
Webseite
Brückenbiber
Es sind nicht nur Fledermäuse gewesen, welche Erstaunen hervor riefen. Sehr interessant fand ich die Geschichte mit dem Elbebiber, der eines Tages seinen ►Bau an einem Brückenpfeiler errichtete. Natürlich rief das den Tierschutz auf den Plan. Ob es zum erneuten Baustopp kam, steht sicherlich in Hilberts Buch. Und so kann man vieles nachlesen, was in den letzten Jahren die einen Dresdner erboste und die anderen zum Applaudieren brachte. 

Zum Abschluss ein paar Zahlen:
  • Aus heutiger Sicht halten 82 %  der Bürger den Bau für richtig; 10 % für falsch.
  • Für den Bau waren ursprünglich 72 %; 19 % dagegen.
  • Den Tunnel halten immer noch 42 % für eine Alternative; 43 % sagen dies nicht.
  • Die Stadt hat laut 74 % der Bürger in ihrem Interesse gehandelt.
  • Für sehr gut und gut gelungen halten insgesamt 77 % den Bau.
  • Aber es bedauern auch 56 % den Verlust des Welterbetitels. Die einen weil sie es auf die Brücke schieben, die anderen, weil sie die UNESCO für engstirnig halten. Oder ähnliches. Da 37 % der Befragten den Verlust nicht bedauern, gibt es sicherlich noch genügend Diskussionen.
  • Die einzige Diskussion, die ich "vermisst" habe ist die, ob Dresden nun in Nord / Süd- oder in Ost / Westrichtung gespalten wurde. 
Nun steht sie da. An den Anblick konnte man sich bereits einige Jahre gewöhnen. Nun ist sie FÄRDSCH, wie der Sachse zu sagen pflegt. Seit gestern Nacht rollt der Verkehr. Prompt kams zu Stau und diverse Leute erklärten: "Habsch gommen sähn!" Kommentare unter den Online-Artikeln der Sächsischen Zeitung sprechen Bände...

Es gibt noch ein paar Großprojekte in dieser deutschen Republik, in die sich die Waldschlößchenbrücke gar würdig einreiht. Da wären die ► Hamburger Elbphilharmonie, der ► Stuttgarter Hauptbahnhof und natürlich ► BBR: Berlin - Brandenburg International, der Großflughafen. Allerdings, ich wiederhole es gern noch einmal:
 Nu isse färdsch, die Brügge. 

Peter Hilberts Brückenchronik wird den Dresdner Brückenstreit lebendig halten.

Blick auf Frauenkirche vom Waldschlößchenpavillon
 * * *
Unsere Stadt

Geh ich durch die Straßen,
ergreift mich meine Stadt.
Neubauten, Museen, Boulevards.
Liebespärchen, Kinderwagen,
Bänke in Schatten getaucht,
ein Opa, der sein Pfeifchen schmaucht.

Ja, das ist unsre Stadt,
dank jenen fleißgen Händen,
die Trümmer von Schutt und Asche besiegt.
Heute bauen wir mit auf
unsre Stadt mit neuer Kraft.
Wir geben ihr unser Gesicht.

Brücken überm Elbestrom,
Zwinger, Gallerien,
Autolärm, quietschende Straßenbahn.
Kinder spieln an Springbrunnen,
Blätter treibt der Wind,
in den Abend, der mir Ruhe bringt.

Ja das ist unsere Stadt,
die heut entsteht in neuem Kleid
und sehr gern viele Gäste hat.
Dafür bauen wir mit auf,
pflanzen Bäume in die Erde und noch ein Haus.
Ja, schöner wolln wir unsre Stadt.
Dafür bauen wir mit auf,
pflanzen Bäume in die Erde und noch ein Haus.
Ja, schöner wolln wir unsre Stadt. 
* * *
Das haben wir vor 30 Jahren gesungen in einer Gruppe, die mehrheitlich aus Lehrlingen vom Bau bestand. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Aber James, der den Text schrieb und Freddi, der die Melodie lieferte, würden das sicherlich immer noch unterschreiben. Genau wie ich.

© KaratekaDD




Albrecht, Julia / Ponto, Corinna: Patentöchter


Oberursel im Taunus, Samstag, 
30. Juli 1977:
Gegen 17:05 Uhr, etwa eine halbe Stunde später als verabredet, betätigt die 26-jährige Susanne Albrecht mit einem leicht angewelkten Rosenstrauß in der Hand die Klingel am Hause der Familie Ponto. 
Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, ist der Jugendfreund ihres Vaters, eines bekannten Hamburger Anwalts für Seerecht. 
Und Jürgen Ponto ist außerdem der Patenonkel von Susanne Albrechts jüngerer Schwester Julia, so wie Susannes Albrechts Vater seinerseits der Patenonkel von Pontos Tochter Corinna ist.
Die Familien kennen sich also gut und pflegen eine langjährige Freundschaft. Auch Susanne Albrecht war mehrfach Gast bei den Pontos.
So ist es nicht ungewöhnlich, dass Susanne Albrecht, die ihren Besuch zudem am Vortag telefonisch angekündigt hat, Zutritt zum Hause Ponto erhält, obwohl der Zeitpunkt eigentlich unpassend ist, weil Pontos noch am gleichen Abend eine Südamerikareise antreten wollen.
Allerdings ist Susanne Albrecht dieses Mal nicht allein gekommen, sondern in Begleitung eines hageren, blassen Mannes und einer blonden Frau im Kostüm.
Vollbild anzeigen
Christian Klar
Als Pontos Fahrer den Türöffner drückt und die Besucher einlässt, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die sowohl in ihrer moralischen Tragweite als auch in ihrer kriminellen Niedertracht ihresgleichen suchen!
Während Frau Ponto im abgedunkelten Wohnzimmer (die
30. Juli 1977: Mord an Jürgen Ponto
Jalousien waren aufgrund der sommerlichen Wärme heruntergelassen) hinter einem Kaminsims ein Telefongespräch 
führt, empfängt Jürgen Ponto die Gäste. 
Über das nun Folgende gibt es differierende Aussagen. Fest steht, dass der männliche Begleiter von Susanne Albrecht, es handelt sich um den RAF-Terroristen Christian Klar, eine mit Schalldämpfer versehene Waffe auf Jürgen Ponto richtet und ihm zu verstehen gibt, dass es sich um eine Entführung handele. Ponto entgegnet darauf: "Sie sind wohl verrückt geworden" und es kommt zu einem Gerangel, wobei sich ein Schuß löst. Das Projektil trifft aber vermutlich nicht Jürgen Ponto, sondern
Brigitte Mohnhaupt
RAF - Bekennerschreiben mit der Unterschrift
von Susanne Albrecht
 durchschlägt ein Fenster, woraufhin die weibliche Begleiterin der Albrecht, Brigitte Mohnhaupt, von der Terrasse hereinstürmt und mehrfach auf Ponto schiesst. Dieser sackt, von insgesamt fünf Schüssen in Kopf und Oberkörper tödlich getroffen, zusammen. 

Peter Jürgen Boock
Die Täter, allen voran Susanne Albrecht, stürzen Hals über Kopf aus dem Haus und flüchten mit einem wartenden Fluchtauto, gesteuert von dem Terroristen Peter Jürgen BoockDiese Tat war nur eine in jener beispiellosen Welle von Gewalt, welche West-Deutschland 1977 überrollte und die man später unter der Bezeichnung "Deutscher Herbst" zusammenfasste. Von der menschlichen Seite her aber war es diejenige, welche in erschreckender Weise vor Augen führte, dass die "Rote Armee Fraktion" (RAF), welche Motive sie auch leiten mochten, sich weit jenseits jeglicher Vorstellungen von Moral und Anstand, kurz: sich jenseits jeglicher Menschlichkeit bewegte.


*

Die oder wir!

Jürgen Ponto
Es war Mitternacht vorbei und die großstädtische Ausfallstraße, zweispurig und durch einen mit Leitplanken bewehrten Mittelstreifen geteilt, lag unter spärlichem, fahl-gelbem Licht der Straßenbeleuchtung. Seit den RAF-Morden an Buback und Ponto waren Kontrollen im Rahmen der Terroristenfahndung bei Tag und Nacht die Regel. Eine Regel, die aber immer mit einem gewissen Unbehagen verbunden war, wusste doch jeder von uns, dass daraus sehr schnell blutiger Ernst werden konnte. Unsere Dienstwaffen saßen locker damals!
Heckler&Koch: MP 5
Mit einer entsicherten Maschinenpistole stand ich in jener Nacht etwas abseits und sicherte die kontrollierenden Kollegen. In einer solchen Situation bist du hochkonzentriert, weil du in Sekundenbruchteilen Situationen erkennen und bewerten musst. Du denkst daran, dass du vielleicht schießen musst und fürchtest dich zugleich davor! Ein Zeigefinger ist schnell gekrümmt, und ein Projektil, das den Lauf verlassen hat, kannst du nicht mehr zurückholen - wer aber im Ernstfall zu lange zögert, ist vielleicht tot!
 So ähnlich dachten wir, dachte ich damals. Also hatten wir bei Kontrollen eine Hand immer an der Waffe!
Viel Verantwortung für einen Zweiundzwanzigjährigen. 

07.April 1977:
Ermordung des Generalbundesanwalts
Siegfried Buback in Karlsruhe.
Mit ihm starben Wolfgang Göbel (sein Fahrer)
und Georg Wurster (Leiter der Fahrbereit-
schaft der Bundesanwaltschaft)
Die Stimmung war aufgeheizt: Jeder kannte die Zeitungbilder der von Kugeln durchsiebten, nur notdürftig mit Planen oder Decken zugedeckten Opfer, hatte die Fotos von getöteten Kollegen im Kopf.

Dazu die Bekennerschreiben, in denen sich die RAF in kaltem, zynischem und hasserfülltem Duktus zu den Taten bekannte.



Und jeder von uns erinnerte sich an die  eiskalten Worte Ulrike Meinhofs:




Ulrike Meinhof
„Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann 
geschossen werden. Denn wir haben nicht das Problem, daß das Menschen sind, insofern es ihre Funktion ist beziehungsweise ihre Arbeit ist, die Verbrechen des Systems zu schützen, die Kriminalität des Systems zu verteidigen und zu repräsentieren.“


Das alles machte Angst. Angst,  die aber bald in eine große, ohnmächtige Wut um schlug. Niemals zuvor und nur selten danach war mir so sehr bewusst, dass ich einen Beruf ergriffen hatte, in dem man Gefahr lief, entweder getötet zu werden oder selbst töten zu müssen.
Dies alles führte bei fast jedem von "uns" zu der Einstellung: 
Die oder wir!

In jener Nacht kam es übrigens zu einem Zwischenfall: 
Als ein weißer Porsche nur scheinbar anhielt und plötzlich auf den Beamten in seiner Leuchtweste mit der Aufschrift "Polizei" und der beleuchteten "Polizeianhaltekelle" zufuhr, konnte sich dieser nur durch einen Hechtsprung über die Mittelleitplanke vor dem Überfahrenwerden retten. Ich riß die MP hoch und hatte für einen Moment den Fahrer im fahlen Licht der Straßenlaternen als Schatten hinter dem Steuer gut im Visier. Zeit genug für 2 oder drei Feuerstöße. Den Finger schon am Abzug, schoß ich aber nicht und der Flüchtende entkam. Ob er weiß, wie dicht wir  b e i d e  in diesem Moment an der persönlichen Katastrophe vorbeigeschlittert sind?


*

Originales "Personenfahndungsraster" von
Susanne Albrecht aus dem Jahr 1980

"Patentöchter" ist die bewegende Geschichte des Versuches der Bewältigung einer Tat, welche die langjährige Freundschaft zweier Familien zerstörte.
30 Jahre nach dem Verrat der Susanne Albrecht, einem ungeheuerlichen Tabubruch ohne Beispiel, beschließt Julia Albrecht, jüngere Schwester von Susanne Albrecht und Patentochter des damals ermordeten Jürgen Ponto, etwas zu tun, was ihr Vater über Jahre hinweg versucht, aber niemals gewagt hatte: Sie schrieb einen Brief an Corinna Ponto, die Tochter des Mordopfers und Patentochter ihres Vaters. Aus dieser ersten Kontaktaufnahme entwickelte sich ein ergreifender Briefwechsel, dem wir in diesem Buch folgen dürfen. Schließlich finden beide Frauen den Mut, sich auch persönlich zu treffen. In vielen Gesprächen und zahlreichen Briefen erzählen sie sich gegenseitig, jede aus ihrer ganz persönlichen Perspektive, von ihrem Umgang mit dem Ungeheuerlichen, von den Qualen, die sie durchlitten, von der Trauer und der Verzweiflung, welche beide Familien durchlebt haben. Dabei wird schnell deutlich, dass Hass in den Köpfen beider Frauen keine Rolle spielt. Es ist vielmehr, auch nach 30 Jahren noch, eine unglaubliche Fassungslosigkeit, die aus ihrer beider Worten spricht und ein starkes Verlangen nach einer Erklärung für das Geschehene, ein Verstehenwollen, um das Furchtbare endlich verarbeiten zu können.
Susanne Albrecht, die diesen furchtbaren Verrat beging,  bleibt in dem Buch seltsam schemenhaft und nicht-präsent. So wird sie grundsätzlich nur als "S." bezeichnet, so als würde das Ausschreiben, das Aussprechen ihres vollen Namens einem Tabubruch gleich kommen. Von ihrer jüngeren Schwester Julia wurde sie über 13 Jahre hinweg trotz ihrer schlimmen Tat sehr vermisst. Um so größer war der Paukenschlag, als Susanne Albrecht nach dem Zusammenbruch der DDR in Berlin verhaftet wurde. Sie war 1980 aus der RAF ausgestiegen und hatte sich in die DDR abgesetzt. Susanne Albrecht hatte in der DDR geheiratet und einen Sohn bekommen. Vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart Stammheim legte sie ein umfassendes Geständnis ab und kam in den Genuss der sog. "Kronzeugenregelung". Von ihrer zwölfjährigen Freiheitsstrafe musste sie nur einen geringen Teil absitzen. Wie es heißt, arbeitet sie heute unter einem neuen Namen in Norddeutschland als Lehrerin für eine freien Träger. Zu einer Entschuldigung bei ihren Opfern bzw. deren Familien hat sie sich bis heute nicht bereit gefunden. Ihrer Schwester Julia gegenüber, die 13 Jahre lang um sie getrauert hatte, äußerte sie in einem Gespräch, sie habe "völlig vergessen, dass sie eine jüngere Schwester habe".
Am Ende dieses zutiefst menschlichen und ergreifenden Buches, welches uns viele Informationen über die Tat und die Zusammenhänge liefert, müssen wir erkennen, dass die wichtigste Frage unbeantwortet bleiben muss, so lange die Täter schweigen: Die Frage nach dem Warum.


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Susanne Albrecht heute
"Ich möchte die Struktur und die Politik der RAF mit dem Stalinismus gleichsetzen. Ausdruck davon ist die Arroganz, zu meinen, stets das Richtige zu wollen und zu tun und sich damit selbstherrlich über Realität, Anstand, menschliche Gefühle und Bedürfnisse hinwegzusetzen. Diese Selbstherrlichkeit führt dazu, dass unliebsame Institutionen und Personen angegriffen bzw. ermordet werden."
(Zitat Susanne Albrecht nach ihrem Ausstieg aus der RAF).


"RAF-Sympathisanten im Zuhörerraum schmähen die Angeklagte während des Prozesses als "Drecksau", als "Schwein". Weil sie im Gegensatz zu anderen ehemaligen RAF-Kadern ausgesagt hat, gilt sie jetzt auch in der linksradikalen Szene als gemeine Verräterin".
(Auszug aus einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007)


Brigitte Mohnhaupt
2011
RAF - Terroristin im Ruhestand: 
Brigitte Mohnhaupt möchte unerkannt 
bleiben!

Sie empfindet keine Reue und
lebt heute irgendwo unter geändertem 
Namen von Hartz IV.









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Das Jahr 1977 liegt zwischenzeitlich 36 Jahre zurück. Zwischen ihrer Gründung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof 1970 und ihrer Auflösung in den 1990´iger Jahren beging "die RAF" 34 Morde.
Das Jahr 1977, in dem der sog. "Deutsche Herbst" stattfand, war ein Höhepunkt und gleichzeitig Wendepunkt für die RAF, der den Beginn ihrer Niederlage markierte. 
Die Lektüre des Buches war ein intensives Erlebnis für mich und wird vermutlich bei jedem Zeitzeugen Erinnerungen an jenes atemlose, grauenvolle Jahr wachrufen, in dem so viele Menschen durch sinnlose Terrorakte sterben und leiden mussten. Das Buch führte mich zurück in jene Zeit, in der wir täglich atemlos die Zeitungen aufschlugen und die Radios einschalteten, stets in der Erwartung, dass sich neue Terrorakte ereignet hatten. Plötzlich war die dichte Atmosphäre jenes verhängnisvollen Jahres wieder da, ja, war die Trauer um die Opfer und das bedrückende Mitgefühl für die Angehörigen wieder spürbar und schnürte mir erneut die Kehle zu. Schauerlich war es damals, im Fernsehen die Bilder von Toten und Zerstörung zu sehen und von dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, der vor Schildern mir RAF-Symbolen sitzen und Erklärungen verlesen musste, während seine Entführer ihn filmten. Der Spuk endete erst mit der glücklichen Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu durch die GSG 9 und der geglückten Befreiung der Geiseln, nach der sich Baader, Ensslin und Raspe, die ja durch diese Aktion freigepresst werden sollten, in der sog. Stammheimer Todesnacht in ihren Zellen das Leben nahmen. Grausamer Schlusspunkt war die Erschiessung Schleyers durch seine Entführer; seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 in einem Waldstück im französischen Mülhausen gefunden.

Ein in doppelter Hinsicht lesenswertes Buch, das sowohl sehr imteressante Einblicke in die Geschehnisse aus der Sicht der Familien Ponto und Albrecht liefert, als auch ein ergreifendes Zeugnis des jahrzentelangen Ringens beider Frauen um das Verstehen und ihren Drang nach Bewältigung der Ereignisse darstellt.
Ich kann dieses Buch jedem, also sowohl dem Zeitzeugen als auch den später Geborenen, empfehlen.  


Julia Albrecht,
Corinna Pont (v.l.)

"Aus Terroristen werden Ex-Terroristen", sagt Jürgen Pontos Tochter Corinna. "Opfer bleiben immer Opfer."









Albrecht, Julia
Ponto, Corinna:

Patentöchter
Im Schatten der RAF -
ein Dialog

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2011

Deutsche Nationalbibliothek




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