Sonntag, 29. September 2013

LEWIS-JONES, HUW: Abenteurer im Eis - Portraits 1845 bis heute



Abenteurer im Eis...

ist ein atemberaubender Bildband, der uns mit dem Antlitz des Abenteuers Polarforschung konfrontiert. 
Dieses Buch ist Zeugnis unvorstellbarer menschlicher Leistungen und  Strapazen, die sich tief wie Gletscherspalten in die Gesichter der Forscher gegraben haben. 
So ist das Buch ein Kompendium und ein "who is who" der Polarforschung von den Anfängen bis zur Gegenwart und ein wunderbares Zeugnis der Fotografie im Dienste der Wissenschaft.



Auf mehr als 285 Seiten gewährt das Buch dem Leser Einblick in eine bizarre, eisige Welt, die so fremd und lebensfeindlich ist, wie eine Welt nur sein kann. 
Und mehr noch: Wir sehen auf jeweils 50 historischen und aktuellen Aufnahmen in die vom Wetter gegerbten Gesichter jener Männer und Frauen, welche sich seit 1845 als Polarforscher einen Namen gemacht haben. 
Einige von ihnen bezahlten ihre Passion und ihren Wagemut mit ihrem Leben.


Begeben Sie sich auf eine spannende und zugleich lehrreiche Reise auf den Spuren Amundsens, Franklins, Scotts und Co.  


    Inhalt:

        • Das Bild der Polarforschung im Wandel (Vorwort)
        • Fotografie damals (Essay)
        • Polar Portraits von 1845 bis heute (Galerie)
        • Fotografie heute (Diskussion)
        • Die Grenzen des Lichts (Nachwort)
        • Literaturhinweise
        • Stichwortverzeichnis



Bereits für die Pioniere der Polarforschung war die Fotografie nicht nur ein Werkzeug für die wissenschaftliche Erforschung von Arktis und Antarktis, sondern ein unverzichtbares Medium für die spätere Vermarktung ihrer Expeditionen: Denn die Fotos, die sie von ihren Reisen mitbrachten, garantierten ihnen volle Säle bei ihren Vortragsreisen und ließen sich gut verkaufen. Indem sie so das Interesse der Gesellschaft auf die Fotografie lenkten, waren sie auch Pioniere des heraufziehenden Informationszeitalters. So gründete sich bereits 1847 in London der erste Fotoclub!
Dabei ist die Leistung dieser Pioniere nicht zu unterschätzen, denn die Fotografie von damals ist nicht zu vergleichen mit dem, was wir heute darunter verstehen: Ihre Ausrüstung und ihre Kameras waren schwer und sperrig, und das Anfertigen einer Aufnahme verlangte bei Belichtungszeiten, die manchmal in Minuten zu messen waren, erhebliche Geduld und Disziplin. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Aufnahmen bei erheblichen Minusgraden und bei Wind und Wetter entstanden. Daneben waren sämtliche Chemikalien und Glasplatten, welche damals die noch nicht erfundenen Filme ersetzten, zu transportieren... eine Menge Aufwand also. Um so größer muss unsere Hochachtung vor jenen Männern sein, die mit oft einfachsten Mitteln unter widrigsten Umständen herrliche Aufnahmen zustande brachten!

Für alle Freunde der Fotografie ist das Buch eine Fundgrube historischer Aufnahmen aus der Polarforschung und zugleich ein Kompendium der Portraitfotografie.


Huw Lewis-Jones:

ABENTEURER IM EIS

PORTRAITS 1845 - HEUTE

Verlag Frederking & Thaler




© TinSoldier


Jonasson, Jonas: Der Hundertjährige...

Eine lügnerische Zeitreise durch das 20. Jahrhundert und ein wenig darüber hinaus...
Meine Rezension zum Hörbuch des Jonas JONASSON.
auch veröffentlicht unter buchgesichter.de und lovelybooks.de


Das Bild hier habe ich von einem ► Blog, welcher FRIEDHOF DER VERGESSENEN BÜCHER heißt. Der Blog ist zu empfehlen. Was ich nicht weiß, was die Drachenfigur mit dem Buch zu tun hat. Aber es ist ja auch nicht klar, was der Elefant auf dem Cover macht. Anscheinend wird er verreisen. Denn das Schild weißt ja auf einen Koffer hin. Aber was der Hundertjährige damit zu tun? Nun, das mit dem Elefanten wird sich im Laufe der Geschichte aufklären. 

Es ist eine Lügengeschichte par excellence, die ich jemals gelesen habe. Nein, ich habe sie ja gar nicht gelesen. Ich habe sie gehört. Otto Sander hat sie mir vorgelesen. Er wurde leider nicht so alt wie der Allan Karlsson, die Hauptfigur des Buches über den Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, was gleichzeitig ein ziemlich langer Titel ist. Otto starb in dieser Woche. Hier gibt es näheres zu diesem großen ► Schauspieler.
Der Autor Jonas Jonasson hat da eine sehr kurzweilige Geschichte geschrieben, die fast durch das gesamte 20. Jahrhundert führt. Fast, dafür geht sie fünf Jahre länger. Zur wiki - Biografie geht es ► hier.

Es ist eine Geschichte, die, da gebe ich der Anne Parden nicht so sehr Recht, weniger an Forrest Gump erinnert. Obwohl ja die Darstellung wie Allan an Truman, Mao, Stalin, Johnson, de Gaulle und Kim Song Il und dessen Vater Kim 2 Sung gerät Bilder assoziiert, wie eben Tom Hanks bei JFK. (Die 2 bei Kim Il Sung ist Absicht, denn der war mal in Dresden zu Gast wofür man die Frontfassade des Neustädter Bahnhofes restaurierte. Das wurde in den Zeitungen natürlich vermerkt. Nicht die Restauration aber der Staatsbesuch. Und viele lasen den Namen und bezeichneten den nordkoreanischen „Freund“ so. Ich verweise aber hier auf diese ► Fundstelle im World Wide Web. Die passt...)


Für mich hat die Figur, also der Allan Karlsson, nicht der Kim, eher etwas Baudolinisches, denn der erzählt ja auch lauter unfassbare Geschichten wenn auch 1000 Jahre früher. Was ich meine? Na Umberto Eco erzählt die Geschichte des Bauernjungen Baudolino. Anne Parden hat das ►Buch vor kurzem erst gelesen, bei mir ist es länger her aber ich bleibe mal stur bei meiner Meinung. Anne wird das verstehen. Sie kennt mich ein wenig und wird jetzt versuchen, mich zu widerlegen. (Übrigens fand sie Baudolino nicht so gut wie ich)

Quelle
Allan Karlsson wird wohl nicht bei der erwähnten Staatsdelegation aus der Volksdemokratischen Republik
Korea gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt, schreibt Jonasson, dass er (vermutlich) auf Bali rum saß und Coktails vernaschte. (Der Nordkoreaner hat die DDR und in Dresden ihren am Ende letzten Ministerpräsidenten im Jahr 1984 besucht...)
Außerdem fiel er ziemlich schnell in Ungnade, der Allan meine ich, und Mao musste ihm helfen, sich von Pjöngjang nach Indonesien abzusetzen. Wie der Schwede nach Pjöngjang kam? In der Uniform eines sowjetischen Marschalls in welcher aus einem Arbeitslager nahe Wladiwostok floh und das in Begleitung von Herbert Einstein einem illegitimen Sohn des bekannten Physikers. Wie er in die Sowjetunion kam? Er hatte beim Manhattenprojekt den entscheidenden Hinweis gegeben, was einerseits dazu führte, das Oppenheimer der Mund offen stehen blieb und andererseits die Russen auf Entführungsgedanken kommen lies. (Also meiner Meinung nach hieß der Physiker der die sowjetische Atombombe baute Kurtschatow und nicht Popow, aber Jonas Jonasson kann auch nicht alles wissen) Den Truman hatte Allan da schon kennen gelernt, es dauerte noch etwas, bis er von dieser Freundschaft dem Johnson, dem Vorgänger von Nixon erzählen konnte.

Quelle
Übrigens eine der schönsten Episoden, denn Allan weilt als ziemlich verlotterter Dolmetscher der indonesischen Botschafterin, welche den oben erwähnten Herbert geheiratet hat, in Paris und bei einem Mittagessen mit de Gaulle und Johnson was der alte Franzose eingerührt hat, der den Mr. President nicht leiden kann. Es ist das Jahr 1968, denn überall in den westlichen Städten rührt sich die Protestbewegung und es geht vor allem gegen den Vietnamkrieg. Ach ja, mich wundert schon, dass der Sprengstoffexperte Allan Karlsson nicht an den Friedensgesprächen zwischen Washington und Hanoi beteiligt war. Nun, er blieb eben meist doch im Hintergrund.

Otto Sander
Jonas Jonasson hat eine geile Geschichte geschrieben, die auch an Geschichte eher desinteressierte Leser faszinieren könnte. Wie sich der Allan durch das Leben hangelt, beginnend bei der Oktoberrevolution und wie er im Jahr 2005 aus dem Altersheim entschwindet kurz bevor alle ihm zum 100. Geburtstag gratulieren wollen um dann noch mal ein letztes Abenteuer zu erleben, verfolgt von einer Verbrecherbande und der Polizei, in der ein paar Leute in Schweden ums Leben kommen aber seltsamer- und zufälligerweise in Riga und Dschibuti sterben, in der viel Geld und dann eine alte Beziehung eine Gruppe neuer Freunde aus der Patsche hilft, ist amüsant, liest sich ganz bestimmt hervorragend. Manch einer weiss, dass ich kein unbedingter Freund von Hörbüchern bin. Aber dieses hier würde ich sofort und unbedingt weiter empfehlen. Nicht nur wegen Otto dem Großen…

Am Ende behält Anne Parden aber recht: „Ein Highlight des Jahres!“

PS: Da gibt es auch ein ► Schauspiel dazu. Mit ►Jörg Schüttauf.  In Stade. Am 13.12.2013. Aber leider habe ich da mal wieder keine Zeit. Da befinde ich mich gerade im Odenwald. Vielleicht ist das was für die Anne? Deren Rezension findet ihr ►hier.

Wem das Ganze jetzt etwas undurchsichtig erscheint dem sei gesagt, das ist pure Absicht. einfach reinhören... Es macht Spaß.

© KaratekaDD
 


Modiano, Patrick: Im Café der verlorenen Jugend


Paris in den 60er Jahren: Schon als junges Mädchen ist Louki aus der Wohnung der Mutter, einer Platzanweiserin im Moulin Rouge, immer wieder weggelaufen. Den Vater hat sie nie gesehen. Ihren Mann, einen wohlsituierten Immobilienmakler, verließ sie ein Jahr nach der Heirat wieder. Mit ihrem Geliebten, dem angehenden Schriftsteller Roland, streift sie tagelang durch die große Stadt. Im Café Le Condé, dem 'Café der verlorenen Jugend', glaubt Louki Zuflucht zu finden, während der Detektiv ihres Mannes schon ihre Spur aufgenommen hat. 

Mit 'Im Café der verlorenen Jugend' hat Patrick Modiano einen seiner schönsten Romane geschrieben. Die Kritik feierte ihn als 'den größten zeitgenössischen Schriftsteller Frankreichs' (Lire).





Une mélancolie en français...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  25.09.2013)


Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Café Le Condé, das eigentlich ein ganz gewöhnliches Café ist, wäre dort nicht eines Tages wie aus dem Nichts eine junge Frau aufgetaucht: Louki. Der Zauber ihrer Anwesenheit legt sich auf alle, die sie kennenlernen, doch sie bleibt wenig greifbar. Jacqueline Delanque mit bürgerlichem Namen, ist diese Louki eine Suchende - eine Suchende nach ihrem Platz im Leben. Immer wieder flüchtet sie aus ihren Lebensumständen, getrieben von der Sehnsucht nach einer Zuflucht, einer Heimat, sich selbst.
Sie schildert selbst: "Ich habe eine Ausrede erfunden, um an die frische Luft zu gehen. Dann bin ich losgerannt (...) Ich ließ mich von einem Rausch überwältigen (...) Später habe ich den gleichen Rausch immer dann verspürt, wenn ich die Brücken zu jemandem abbrach. Ich war nur dann ich selbst, wenn ich ausriss."

 
 
Verlorene Jugend, verlorene Zeit. Das ist nich Modianos "Condé", sondern das Pariser "Select"  in den sechziger Jahren.


Die Geschichte des Buches wird aus vier unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Durch einen namenlos bleibenden Studenten erhält der Leser die ersten oberflächlichen Eindrücke der Besucher des Cafés, darunter auch Louki, die schüchterne Unbekannte, die jedoch bald vertraut scheint. Danach erfährt der Leser durch den vom Ehemann Loukis angeheuerten Privatdetektiv einige Informationen über das Vorleben der jungen Frau, jedoch ohne dass sich bereits ein wirkliches Bild herauszeichnen würde. Im Anschluss berichtet Louki selbst über ihre Erfahrungen und Empfindungen als Jugendliche und heute, und dieser Einblick in ihr Gefühlsleben skizziert die Person Loukis nun wesentlich deutlicher. Im letzten Abschnitt übernimmt der Geliebte Loukis, Roland, die Schilderung ihrer gemeinsamen Zeit. "Unsere Begegnung erscheint mir, wenn ich heute zurückdenke, wie die Begegnung zweier Menschen, die keine Verankerung hatten im Leben. Ich glaube, wir waren alle beide alleine auf der Welt."
Obschon die Person Loukis zu keinem Zeitpunkt wirklich greifbar scheint, kristallisiert sich nach und nach doch eine große, fast schon verzweifelte Suche heraus. "Sie wollte ausbrechen, fliehen, immer weiter, kompromisslos Schluss machen mit dem Alltagsleben und in freier Luft atmen." Sehnsuchtsvoll und melancholisch-orientierungslos, immer schon das Scheitern implizierend, so erscheinen die Personen in diesem an sich handlungsarmen Roman.

 
Wer sich an Patrick Modiano wagt, sollte wissen, dass er mit einem hochgelobten französischen Schriftsteller und Romancier zu tun hat, der bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Literaturkritiker und Leserschaft müssen da in ihrer Beurteilung nicht immer unbedingt übereinstimmen, wie ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach feststellen musste.
Doch auch wenn dieses schmale Buch sicherlich ein Stück anspruchsvolle Literatur darstellt und die Melancholie das Geschehen für meinen Geschmack ein wenig zu sehr überlagert, kreiert der Autor mit seiner Sprache einen ganz eigenen zärtlichen Zauber, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.

 
Ich freue mich, dass ich auf dieses Werk gestoßen bin. Auf diese kleine mélancolie en français...

 
© Parden 







Patrick Modiano
Patrick Modiano, 1945 geboren, einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, erhielt zahlreiche Auszeichungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française und den Prix Goncourt. 2012 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen. Bei Hanser erschienen zuletzt Place de l'Étoile (Roman, 2010), Im Café der verlorenen Jugend (Roman, 2012) und Der Horizont (Roman, 2013).


Freitag, 27. September 2013

Donoghue, Emma: Raum


Auch seinen fünften Geburtstag feiert Jack in Raum. Raum hat eine immer verschlossene Tür, ein  Oberlicht und ist 12 Quadratmeter groß. Dort lebt der Kleine mit seiner Mutter. Dort wurde er auch  geboren. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine »Freunde«, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind - echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen ...

»Nerven zerreißend und fesselnd. "Raum" - angeregt von der wahren Geschichte über Elisabeth Fritzl,  eingesperrt mit ihren Kindern von ihrem Vater - ist die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes, deren Liebe sie das Unglaubliche überleben lässt.« Psychologies  




Zwölf Quadratmeter...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  25.09.2013)


Jack ist ein fünfjähriger kleiner aufgeweckter Junge, doch etwas ist anders mit ihm. Seit seiner Geburt lebt er zusammen mit seiner Mutter in einem 12 Quadratmeter großen Raum, und hier spielt sich das gesamte Leben ab.
Raum hat eine immer verschlossene Tür und ein Oberlicht, aus dem nur der Himmel zu sehen ist. Außer Jack und seiner Mutter gibt es niemanden. Nur Old Nick, der den Code nach draußen kennt. Aber "Er passiert nur in er Nacht, so wie die Fledermäuse" (S. 33).


Mit 19 Jahren wurde Jacks Mutter von dem Mann mit dem Namen Old Nick gekidnapped und eingesperrt. Seit sieben Jahren lebt sie in diesem Raum, tausende Male vergewaltigt von ihrem Peiniger und in allen Belangen abhängig von ihm. Doch Jack ist nachts im Schrank, erfasst die Dimension des Grauens nicht und beschreibt es auf seine Weise: "Old Nick quietscht Bett" (S. 97).
Für ihn ist das Beisammensein mit seiner Mutter wichtig, und die bemüht sich, Jack alles zukommen zu lassen, was in ihrer Macht steht. Sie ist den ganzen Tag für ihn da, gibt ihm Struktur und fördert ihn, erklärt ihm alles und ist zärtlich zu ihm. Für Jack ist die Welt in Ordnung.


Im Fernseher existiert eine Welt, die es nicht gibt...
Raum ist Jacks ganze Welt, er kennt nichts anderes. Das einzige Tor zur Außenwelt ist der Fernseher, den Jack liebt. Doch allmählich beginnt der Junge, sich Gedanken zu machen: echt ist alles im Raum, "alles andere ist Fernseh". Auch Old Nick vermutet er dort - wenn dieser den Raum verlässt, "dann geht er in Fernseher" (S. 82).
Eines Tages jedoch erklärt ihm seine Mutter, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen...


Erzählt wird das Geschehen aus der Sicht des fünfjährigen Jack, und es ist interessant, ihm in seine Gedankenwelt zu folgen. Als er erfährt, dass es ein reales "Draußen" gibt, kann er es zunächst gar nicht glauben. Es verwirrt ihn sehr, stellt es doch alles auf den Kopf, was bisher für ihn wirklich war: "... die sind alle wirklich im Draußen. Ich bin da aber nicht, Ma und ich, wir sind die Einzigen, die da nicht sind. Sind wir noch in echt?" (S. 98)
Doch wenn ihn die Idee an die reale Welt schon verwirrte, der tatsächliche Kontakt mit der Welt draußen, später, nachdem die Flucht tatsächlich geglückt ist, ist fast mehr als Jack ertragen kann. Nur ganz behutsam gelingt eine Annäherung an das Fremde: "Mein Lieblingsding im Draußen ist das Fenster. Jedesmal ist es anders." (S. 244)


 
Das Fenster ist das erste Tor zur Welt...



Mit viel "Mungst" (einer Mischung aus Mut und Angst) bewältigt Jack nach und nach die Annäherung an die oft unerklärliche Welt. Wie sehr ihn das verwirrt, zeigen z.B. folgende Sätze:


"Ma hat gesagt, wir würden frei sein, aber das hier fühlt sich nicht an wie frei." (S. 329)


"In Raum wussten wir immer, wie alles hieß, aber in der Welt gibt es so viel, dass die Personen noch nicht mal die Namen wissen." (S. 341)


"Die Welt verändert andauernd (...), ich weiß nie, wie es in der nächsten Minute ist." (S. 342)


Gerade die Diskrepanz zwischen dem Leben im Raum und dem Leben in der realen Welt ist von der Autorin sehr gelungen dargestellt. Die Verwirrung und die Gedankengänge Jacks sind nachvollziehbar und lassen einen darüber nachdenken, was "Realität" eigentlich bedeutet...
Der Prozess, den die Mutter durchläuft, wird ebenfalls immer wieder angerissen, aber nur in Andeutungen durch die Wiedergabe aufgeschnappter Gesprächsfetzen. Dies ist für das Verständnis des Geschehens aber auch vollkommen ausreichend. Das offene Ende ist ebenfalls schlüssig, denn der Prozess der Annäherung an ein "normales" Leben sowie das Leben überhaupt gehen ja schließlich weiter.


So interessant, wie die Wiedergabe des Geschehens und der Gedanken aus der Sicht des fünfjährigen Jack auch ist, bleibt da doch ein Faktor, der mich während des Lesens immer wieder gestört hat. Es ist die Sprache Jacks.
Während er bereits lesen, schreiben und weit über den Hunderterbereich hinaus zählen kann und auch allgemein über eine schnelle Auffassungsgabe verfügt, passt seine Sprache gar nicht dazu. Zwar redet er häufig sogar in verschachtelten Sätzen, aber oft benutzt er Nomen ohne einen Artikel oder mit fehlerhaftem Artikel und nutzt Verben oft fehlerhaft ("gebringt" ). Auch wenn ich den Einsatz als Stilmittel irgendwie sogar nachvollziehen kann, wirkte die Sprache auf mich in den Passagen zu kleinkindhaft und störend.


Insgesamt aber ein flüssig zu lesendes und ungewöhnliches Buch, das einem sicher noch länger im Gedächtnis haften bleibt. In jedem Fall empfehlenswert!



© Parden




Hier gibt es ein Video auf Deutsch zum Buch vom Verlag Piper. 
Und hier gibt es ein zweites Video auf Englisch, was m.E. mehr Einblicke liefert.




 


Emma Donoghue
Emma Donoghue wurde 1969 in Irland, genauer gesagt in Dublin geboren. Sie ist das jüngste Kind von 8 Kindern, ihre Eltern sind Frances und Denis Donoghue. Sie besuchte eine katholische Schule in Dublin, mit 10 Jahren war sie 1 Jahr in New York und besuchte dort die Schule. Sie machte 1990 ihren Abschluss in Englisch und Französisch an der University College Dublin.  Sie ging nach England an die Cambridge Universität und machte dort 1997 ihren Abschluss. 
Seit ihrem 23. Lebensjahr kann Emma Donoghue vom Schreiben leben. Nach Jahren des Pendelns zwischen England, Irland, und Kanada, wohnt sie seit 1998 in Ontario, wo sie mit Chris Roulston und ihren beiden Kindern zusammenlebt. Für ihren Roman "Raum" (Room) wurde sie 2010 mit dem Irish Book Award in der Kategorie "bester Roman" ausgezeichnet. Im April 2013 erschien ihr aktueller Roman "Das rote Band".

Donnerstag, 26. September 2013

Ardagh, Philip: Familie Grunz hat Ärger


Wenn Philip Ardagh, Axel Scheffler und Harry Rowohlt aufeinandertreffen, kann nichts anderes dabei herauskommen, als ein haarstäubendes Abenteuer mit schrägen Figuren, irrwitzigen Wendungen und urkomischem Witz. Köstliche Unterhaltung in allerbester "Dick&Doof"-Manier, anarchischer Nonsense wie Kinder ihn lieben. 







Anarchie fürs Kinderzimmer...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  21.09.2013)


Familie Grunz
Dürfen wir vorstellen: Das sind Herr und Frau Grunz. Und hier, ihr Sohn, Sohnemann. WIE?! Sie finden sie allesamt SELTSAM....? Nun, es ist wohl die seltsamste Familie ALLER ZEITEN!!!
Die Grunzens sind griesgram grummelig, grunzend blöd und so stinkig, dass man sie bereits zehn Meter gegen den Wind riecht. Was gar nicht nötig wäre, denn ihr aus Schrott aufgetürmtes Wohn-und-Transportgefährt (ein "Wohnwagen", ha) entdeckt man schon, sobald es am Horizont auftaucht. Aber keine Bange: Sohnemann ist nicht GANZ so seltsam. Mal abgesehen von den schiefen Ohren, den zu Berge stehenden Haaren und dem ollen blauen Kleid. Sohnemann ist sogar ziemlich helle und auf Zack. Höflich, hilfsbereit, mitfühlend. So ganz und gar anders als Herr und Frau Grunz. Und deshalb fragt er sich auch völlig zurecht: KÖNNEN DAS WIRKLICH MEINE ELTERN SEIN???!! Und schon ist Sohnemann mittendrin in einer abenteuerlichen ELTERNSUCHE, während der er ganz nebenbei auch noch einen Elefanten aufgabeln muss... Zum Glück gibt es in all dem wundersamen Wirbel noch Mimi, den best durftenden, pinkesten und süßesten aller Schuhputzjungen (richtig, sie ist ein MÄDCHEN). Und wenn Kinder zusammenhalten, wird am Ende ja bekanntlich doch noch alles gut.

 
Was hätte ich mich als Kind über solch ein anarchisches Kinderbuch gefreut. Das Buch ist mit viel Humor und Wortwitz geschrieben, die Geschichte ist herrlich schräg.
Den Anfang fand ich etwas langatmig, allerdings hatten die einzelnen Personen so
Sohnemann
ausreichend Zeit sich vorzustellen. Später gab es dann viel Situationskomik, dabei aber mit Tiefgang - eben so viel, wie ein Kinderbuch vertragen kann. Einzig die Satzkonstruktion fand ich oft schwierig unter der Prämisse "Kinderbuch". Lange, verschachtelte Sätze - oft mit Einschüben in Klammern (so hörte es sich jedenfalls an) - sind für Kinder zwischen 8 und 10 Jahren noch nicht so leicht zu bewältigen. Dies ist nämlich das empfohlene Alter für das Buch. Auch manche Fremdwörter lassen vielleicht das ein oder andere Fragezeichen entstehen. Am besten also, wenn die Eltern den Kindern die Geschichte vorlesen - oder gemeinsam mit ihnen hören. Das macht nämlich auch den Großen Spaß! Ich jedenfalls habe manchesmal richtig lachen müssen...

 
P.Ardagh, H. Rowohlt, A. Scheffler
Ein Hörspaß, gelesen von Harry Rowohlt, der für diese Geschichte die ideale Besetzung ist. Er verleiht den verschiedenen Figuren individuelle Stimmen und lässt erkennen, wieviel Vergnügen ihm diese Leseung macht... Der einzige Minuspunkt ist, dass man beim Hörbuch die schönen Zeichnungen von A. Scheffler nicht genießen kann.
Es lebe die Anarchie im Kinderzimmer! In jedem Fall empfehlenswert!

© Parden 



Hier geht es zum VIDEO über die Familie Grunz, ebenfalls gelesen von H. Rowohlt. Da bekommt man schon einmal einen guten Eindruck... (Leider ließ sich das Video diesmal nicht hier einbetten).







Philip Ardagh
Über zwei Meter lang, ein buschiger Bart - Philip Ardagh ist nicht nur sehr groß und sehr haarig, sondern er hat auch mehr als 50 Bücher geschrieben für Kinder jeden Alters. Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie "Schlimmes Ende". Ardagh, der mit seiner Frau und zwei Katzen in einem kleinen Küstenort in England lebt, arbeitete u. a. als Werbetexter, als Reinigungskraft in einer Klinik, als (höchst untauglicher) Bibliothekar und als Vorleser für Blinde. Derzeit ist er Vollzeit-Schriftsteller. Seine Bücher, die er unter verschiedenen Namen veröffentlicht, wurden bislang in neun Sprachen übersetzt. "Schlimmes Ende" wurde mit dem "Deutschen Jugendliteraturpreis" und mit dem "LUCHS" ausgezeichnet, der von einer Jury der "Zeit" und Radio Bremen verliehen wird. 



Samstag, 21. September 2013

Ogawa, Yoko: Schwimmen mit Elefanten


Ein Junge wird von einem ehemaligen Fahrer, der in einem ausrangierten Bus auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe wohnt, in die Geheimnisse des Schachs eingeweiht. Der Mann hat sofort das außergewöhnliche Talent des Jungen erkannt, der am besten spielt, wenn er unter dem Schachbrett sitzt - ohne die Figuren vor sich zu haben, ohne seinem Gegner in die Augen zu sehen. Jedoch wird ihm aufgrund dieser Angewohnheit der Beitritt in den örtlichen Schachklub verwehrt. Er darf nur einen Schachautomaten bedienen, der die Gesichtszüge des berühmten Großmeisters Alexander Alexandrowitsch Aljechin trägt. Im Inneren des Automaten, eingezwängt zwischen Hebeln und Knöpfen, treibt der Junge seine Kunst zur Vollendung. Doch dann kommt es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall ...



Der Zauber des Schachspielens...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  18.09.2013)


Ein kleiner Junge, der mit seinem Bruder bei seinen Großeltern aufwächst, lebt mit einem Handicap. Bei seiner Geburt waren beide Lippen zusammengewachsen und mussten vom Arzt erst auseinandergeschnitten und dann mit Hilfe eines kleinen Stückchens Haut aus seiner Wade rekonstruiert werden. Für den Jungen fühlen sich diese Lippen seither wie ein Fremdkörper an - er nutzt sie kaum einmal zum Sprechen, und dass dort kleine Härchen wachsen wie an seinem Bein, macht ihn in der Schule rasch zum Außenseiter.
So hat der Junge nur zwei besondere Freunde. Einen Elefanten, der als Attraktion
Der Elefant schwimmt mit dem Jungen im Ozean des Schachs.
für Kinder in einem Kaufhaus präsentiert und eines Tages zu groß für den Aufzug wurde, so dass er den Rest seines Lebens auf dem Kaufhausdach verbringen musste. Zu Zeiten des Jungen erinnert nur noch eine kleine Plakette an diesen Elefanten. Und ein kleines Mädchen namens Miira, was so viel wie Mumie bedeutet. Einer Legende zufolge ist eines Tages ein kleines Mädchen in den schmalen Spalt zwischen dem Haus der Großeltern und dem Nachbarhaus geraten und nicht wieder herausgekommen - und nun unterhält sich der Junge jede Nacht mit der Hand an der Wand mit diesem toten Mädchen...

 

Dem Jungen ist klar, dass er anders ist als andere Kinder, und so fragt er eines Tages seine Großmutter, wie das sein kann. "Das kann man nicht immer sofort erkennen (...) auch der liebe Gott handelt manchmal etwas überstürzt (...) Vielleicht hat er sich ja an einer anderen Stelle sehr viel Mühe gegeben und es deshalb nicht rechtzeitig geschafft, noch deine Lippen zu trennen. (Da) ist bestimmt etwas ganz Besonderes dabei herausgekommen." (S. 25)
Dieses Besondere erkennt zuerst ein ehemaliger Busfahrer, passionierter Kuchenfreund und Schachspieler. Dieser Mann weiht ihn in die Geheimnisse des
Der Zauber des Spiels
Schachs ein - und entdeckt sofort das außergewöhnliche Talent des Jungen. Nicht nur, dass er sehr schnell die Regeln begreift, sondern er ist auch zugänglich für den Zauber dieses Spiels. "Für ihn ging es nie darum, den König des Gegners in die Enge zu treiben, sondern die Schönheit des Spiels zu genießen. Denn die Gabe, in einzelnen Schachzügen die Klangfarbe einer Violine zu erkennen oder das Spektrum des Regenbogens (...) ist etwas anderes, als bloß eine Partie zu gewinnen." (S. 39 f.)

 

Doch auch hier offenbart sich eine besondere Eigenart des Jungen. Er kann am besten spielen, wenn er unter dem Schachtisch sitzt, sich die Züge vor seinem inneren Auge vergegenwärtigt und nur am Geräusch erkennt, welchen Zug der Gegner gerade vollzieht. Bei aller Begabung wird er so jedoch nicht in den renommierten Schachclub der Stadt aufgenommen, denn diese Eigenart mutet zu befremdlich an und entspricht nicht den strengen Statuten.
Allerdings darf der Junge einen Schachautomaten bedienen, der die Gesichtszüge
Alexander Alexandrowitsch Aljechin (1892-1946)
des berühmten Großmeisters Alexander Alexandrowitsch Aljechin trägt. Im Inneren des Automaten, eingezwängt zwischen Hebeln und Knöpfen, treibt der Junge seine Kunst zur Vollendung - und da sein Entschluss, nicht mehr zu wachsen (denn alle Freunde, die er je hatte, sind durch Größerwerden ins Unglück geraten) sich zu erfüllen scheint, verschmilzt der Junge immer mehr mit der Figur der Puppe, bis er selbst zum Kleinen Aljechin wird, "dem Poeten unter dem Schachbrett" (S. 236).

 

Kann Schach bezaubern? Nun, Yoko Ogawa beweist einmal mehr ihr großes Können. Nach "Das Geheimnis der Eulerschen Formel" und der Poesie der Mathematik wendet sie sich hier dem Zauber des Schachspielens zu. Obschon parabelhaft und mit Figuren, die keinen wirklichen Namen tragen, schafft es die Autorin, dass die Klänge ihrer Sätze berühren. Zurückhaltend und behutsam scheinen die Worte gesetzt, dabei aber klar und anmutig.
Einsamkeit bis hin zur Selbstaufgabe, aber eben auch das Erhabene, das Umfassende, das das Schachspiel beinhalten kann, wenn man tief genug in das
Sujet eintaucht - all das umfasst die Autorin mit ihrem Werk. Der Junge taucht ein in diesen unendlichen Ozean und erkennt: "Ein Schachbrett ist unendlich. Es mag zwar nur eine flache Holzplatte sein mit einem Muster aus vertikalen und horizontalen Linien, aber es birgt das ganze Universum in sich." (S. 231) Yoko Ogawa lädt dazu ein, dieses magische Universum mit ihr zu erkunden.

 

Magisch, fantastisch, surreal - eigentlich unbeschreiblich, wenn man es nicht selbst gelesen hat. Nie hätte ich geahnt, wie facettenreich und im wahrsten Sinne zauberhaft die Welt des Schach sein kann. Die Entdeckung lohnt sich! Für mich eines der schönsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Eine unbedingte Empfehlung daher von mir!



 © Parden  







Ich danke dem Verlag Liebeskind ganz herzlich für das Überlassen dieses Rezensionsexempars! 





Yoko Ogawa
Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun'ichiro-Preis. Für ihren Roman »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« erhielt sie den begehrten Yomiuri- Preis. Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.


Auf Deutsch erscheint ihr Werk im Münchner Liebeskind-Verlag.

Montag, 16. September 2013

LWH: Stein mit Hörnern

Das Blut des Adlers III: Stein mit Hörnern ist wieder da. 
Pentalogie von Liselotte Welskopf - Henrich
Rezension aus Anlass der Neuveröffentlichung des Palisander-Verlages im Jahr 2013

Band 1: Nacht über der Prärie
Band 2: Licht über weißen Felsen
► Band 3: Stein mit Hörnern
Band 4: Der siebenstufige Berg
Band 5: Das helle Gesicht

* * *


Die Handlung:

In der ► Rezension zu "Licht über weißen Felsen" habe ich zuletzt erwähnt, dass Joe Inya-he-yukan King, genannt Stonehorn, mit seinen beiden Wahlsöhnen Wakiya und Hanska in die kanadischen Berge fährt um dort zu wandern und zu jagen.
Er braucht vor allem auch neue Adlerfedern für das Grab seines Ahnen, Inya-he-yukan den Alten, auch bekannt als Tokei-ihto, Häuptling der Bärenbande. Der Alte ist die Hauptfigur aus dem Buch "Die Söhne der Großen Bärin". Der etwas hastig geschossene Adler fällt in einen Sumpf. Joe will ihn holen und sinkt dabei ein, die Kinder retten ihn in Stunden harter Arbeit aber er hat ein schlimme Rückenverletzung davon getragen. Der Geheimnismann der Siksikau Gruppe, die in den Wood Mountains lebt, richtet den Rücken wieder und Stonehorn ist sogar in der Lage wieder ein Rodeo zu bestreiten.

Aber nun, hier im dritten Band der Pentalogie, liegt er flach. Und schweigt. In einem Krankenhausbett auf der Reservation. In das er sich nie freiwillig begibt. Auch nicht als "Doc" Eivie dort noch das Sagen hatte. Freund der Lakota und MENSCH. Nun herrscht dort Medical Doctor Roger Sleigh, ein begnadeter Chirurg. Der operiert Joe eine Nadel aus dem Rücken und richtet die Wirbelsäule nach allen Regeln der ärztlichen Kunst. Aber wo hat Joe den Zettel her: "Sligh, 8000,-"?
Stonehorn hatte in New City wieder mal eine Begegnung mit seiner Vergangenheit in den Gangstergruppen. Von der fuhr er noch nach Hause und nun, wie gesagt, liegt er flach. Sligh, der offensichtlich durch irgend jemand erpresst wird, will natürlich vor allem wissen, was es mit dem Zettel auf sich hat, der sich in den Ausscheidungen des Patienten befand.
Aber nun kommt Joe in eine teure Privatklinik, Sligh will den Erfolg seiner komplizierten Operation durch eine ebenso sehr gute Rehabilitation sicherstellen. In der Klinik eines Dr. Miller soll der Kranke wieder "hergestellt" werden. Queenie, seine junge Frau und erfolgreiche Malerin, muss nun enorme Summen aufbringen, damit Joe dort geheilt werden kann. Dazu vor allem muss sie Bilder verkaufen, auch an zweifelhafte Leute…

Stonehorn fehlt auf der Büffelranch und so kommt es zum tragischen Tod der Nachbarin Mary, die der alte Büffelstier angreift und tötet. Bevormundet durch die Reservation, in der nun ein alter Feind stellvertretend waltet, Sydney Bighorn, welcher die Genehmigung zum Abschuss der alten Stiers nicht rechtzeitig erteilt, kommt es zu diesem Unglück. Joe will nun nach Hause und gefährdet den Erfolg der Reha, er stürzt und weitere Wochen in der Klinik schließen sich an…
Aber eines Tages ist es soweit, Joe ist wieder da. Auch erinnert er sich an einige Passagen kurz vor seiner erneuten Verletzung während der Schießerei mit Leo und Kumpanen. Leo Lee, der mit Joe noch eine Rechnung offen hat, lauert in der Agentur auf ihn, während des Kampfes allerdings bricht er sich das Genick. Damit ist das Problem leider nicht beendet. Denn wo ist Esmeralda "Esma" Rosina Rogers O´Connor? Wieder steht Joe unter Mordverdacht…

Im Verlauf der weiteren Geschichte wird Stonehorn sich ein Texas Bronco holen (ungezähmtes Pferd), dessen Zähmung sehr an die Geschichte aus den Söhnen der Großen Bärin erinnert, wo Stein mit Hörner neunzig Jahre zuvor als junger Krieger sich einen starken Leithengst fängt und zähmt. Joe fährt mit dem weißen Pferdehändler Kramer nach Texas und nimm den Knaben Hanska mit, pferdeverständig wie dieser nun mal ist. Die Stute steht im Stall, gequält, abgemagert, verletzt, Outlaw nennt man solche Pferde, weil sie zu Angriffen neigen. Selbstverständlich ist Inya-he-yukan der Jüngere seinem Vorbild auch in dieser Sache ebenbürtig.

Außerdem bekommen wir nun Berührung mit dem American Indian Movement, die Organisation, welche ab 1968  auch mit militanten Aktionen auf die Situation der Indianer aufmerksam macht. Denn Joe wird für die Wahl zum Häuptling des Stammes aufgestellt. Die Wahl verliert er und das ist wohl besser so, denn noch ist die Zeit für ihn nicht reif. Dafür knüpft er Kontakte. Einmal zu Edward Monture, Kunstschulkommilitone seiner Frau Queenie, der sich in  New City nieder gelassen hat. Und außerdem zu Andy Tiger und anderen, denn er fährt den alten Häuptling und Anführer der "Trinkerpartei" zu Versammlung der Chiefs. Dort "treiben" sich die Aktivisten des AIM rum.

Stonehorn als  heimlicher Häuptling? Zuerst muss er das Geheimnis um "Esma" klären. Am Ende zeigt er sich als Geheimnismann…
Hinzu kommt, das Establishment weiß zurück zu schlagen: Mit Einberufungen zum Militär, mit Versetzungen, mit Auflösung der Schulranch und Erpressungen und Einschüchterung. Inya-he-yukan wird sich beweisen müssen…

"Eines Morgens, als der Stern im graublau aufdämmernden Nebel über der Prärie leuchtete, weckte Inya-he-yukan Tashina und Wakiya, um Abschied zu nehmen. Tashina fragte nicht und weinte nicht. Der Mann erschrak und legte den Arm um die Schultern der jungen Frau, die jung und schon alt war. Miteinander gingen die drei zum Friedhof. Hier lagen in schneebedeckten Gräberb Inya-he-yukan der alte Häuptling, und Untschida, hier lagen Joe Kings Vater, der alte King, Harold Booth und Mary booth und die Mutter des großen Häuptlings Tashunka-witko, dessen Grab sich, hinter den Felsen verborgen, aller schalen Neugier entzog. Inya-he-yukan der Jüngere setzte den Krumstab mit dem neuen Bündel Adlerfedern auf das Grab des alten Inya-he-yukan und nahm die zerzausten Federn an sich, damit sie in der Behausung noch geschützt bewahrt werden könnten, den Kindern zum Zeichen und Andenken. Mit Tashina und seinem Wahlsohn Wakiya zusammen betete er in der Stille zu dem Geheimnis mit den worten der Ahnen: 'Und wir bitten dich, dass du uns Nahrung gebest und Frieden.'

Dann machte er sich auf die Wege, die zu gehen er beschlossen hatte." [1]
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Zum Hintergrund:
Im Jahre 1963 konnte die Wissenschaftlerin erstmals nach Kanada reisen. Hier besuchte sie auch die Teton - Lakotagruppe, die das Vorbild für die über den Missouri flüchtende Bärenbande bildete. Erik Lorenz beschreibt die Reisetätigkeit in seinem ► Buch "Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer".[2]  Sie besuchte viele Stämme (Mohawks, Seminolen, Cherokee und andere) und beschrieb die Reservationen:

"Auf den Reservationen gibt es keine Städte, sondern Dörfer, sowie verstreut liegende Ranches, und auf den großen Reservationen weite einsame Strecken, wenige gute Straßen, manche unbefestigte Wege. Man läuft weite Strecken zu Fuß, benutzt das Pferd oder das alte auto, das billig erworben werden kann. Manche Indianerhäuser sind von herbeigeschleppten Autowracks umgeben, aus denen sich der Besitzer die Ersatzteile ausbaut."[3]

Schon an diesem kurzen Zitat sehen wir, dass die Autorin ureigenste Erlebnisse in den Büchern verarbeitete. Genau so sind die Hütten und das umliegende Land beschrieben. Lorenz erzählt auch, dass sie mit diversen Fotoapparaten nicht umgehen aber ums besser Kontakte knüpfen konnte. Auf diese Art und Weise lernte sie nicht nur die verschiedensten Menschen kennen, sie unterstützte Organisationen, spendete für ein Filmprojekt und half einem inhaftie[4]
rten Azteken mit Anwälten.

Natürlich kommt sie so mit dem American Indian Movement in Berührung.
Das AIM: Protestbewegungen kommen in den sechziger Jahren überall in der westlichen Welt (nicht nur in dieser) auf. Während sich die Hippie - Bewegung auf Woodstock zu bewegt, organisieren sich die eigentlichen Amerikaner im American Indian Movement. Die Bewegung entstand zuerst in den Städten. In Cleveland wirkte bei der Gründung ein gewisser Russel MEANS mit, von dem noch zu sprechen sein wird. Eine wesentliche Verbindung zu den Reservationen bestand zunächst nicht, sie entstand aber ab 1970.  Genau diese Zeit (1968 bis ungefähr 1970) beschreibt Liselotte Welskopf-Henrich in diesem dritten Band der Pentalogie.[5] Während des Aufenthaltes im Krankenhaus lernt Joe einen gewissen Cyprus NEWMAN kennen, der im Bureau of Indian Affairs (engl.) arbeitet und seine Hilfe insbesondere was Kunst und Kultur betrifft, anbietet.

Internet Quelle

Dennis Banks (Quelle)
Für uns ist dieser Russel Means interessant, denn den lernte auch die Autorin kennen, er hat sie auch in Deutschland besucht. Das Führungsmitglied des AIM war an der Besetzung von ► Wounded Knee im Jahr 1973 beteiligt. Über Liselotte Welskopf-Henrich bekamen die Aktivisten des AIM, z. B. Dennis Banks, Gehör in Presse und Rundfunk.

(Quelle) Russell Means als Chingachgook (links)
 Russel Means spielte auch in bekannten Filmen wie Natural Born Killers und Der letzte Mohikaner mit. (aus den ► Lederstrumpf Erzählungen von ► James Fenimore Cooper) Die im Buch handelnden  Indianer Andy Tiger (eher ein radikaler Revolutionär) und Edward Monture (der ruhig - besonnene Gewerkschafter) stehen für die "organisierten" Indianer, für das AIM.

Am Ende des Buches lernen wir auch noch den Peyote Kult kennen. Für diesen steht auch die sogenannte ► Native American Church. Diese, dem Christentum wohl nahestehende Religion der indigenen Völker Nordamerikas wird bei den Stämmen verschiedenartig ausgeübt. Charakteristisch ist der Konsum des ► Peyote - Kaktus, eine meskalinhaltige berauschende Pflanze. Im Buch führt Stonehorn die Zeremonie in einem weißen Tipi an. Sie dient der Versöhnung der untereinander schuldig gewordenen Indianer. Joe wird die Funktion des "Wegbahners" übernehmen:

" 'Ihr habt meine Worte gehört, Tashina und Wakiya. Ich habe die beiden Alten in das weiße Zelt geladen.'
'In das Peyote-Zelt.' Tashina flüsterte.
'In das Gebetszelt.'
'Vater Inya-he-yukan...', bat Wakya schüchtern.
'Ja?'
'Wann bist du selbst zum ersten Mal im weißen Zelt gewesen?'
'Ich wurde zu den Zusammenkünften zugelassen, als ich zehn Winter gesehen hatte. Mit vierzehn war ich Feuermann, mit sechszehn Trommelmann. Jetzt werde ich der Wegbahner sein. ... Der blinde Geheimnismann liebte mich wie einen Sohn. Feuermann war ich und Trommelmann, und ich lernte die verborgensten unserer Geheimnisse....' " [6]

Die Beschreibung des Kultes zeigt uns, wie nah Liselotte Welskopf-Henrich ihren indianischen Freunden gekommen ist. Denn sicher würden diese Fremden kaum die Geheimnisse ihres Kultes anvertrauen. Die im Link zum Wikipediaartikel beschriebene Beziehung zum Christentum scheint mir in der Beschreibung im Roman weniger erkennbar. Es geht den Teilnehmern auch um die Versöhnung der Geister ihrer Toten: Der alte King, Harold und Mary Booth, Alex Goodman und Sidney Bighorn... Dies erinnert doch mehr an die alte indianische Religion in der die Geister der im Kampf gefallenen Gegner versöhnt werden mussten.
Geistertanz der Sioux (Quelle)
Hinzu kommen vermutlich auch Aspekte der ► Geistertanzbewegung, die Ende des 18. Jahrhunderts aufkam.  wiederum sei auf die amerikanische ► Miniserie Into the West verwiesen, denn in dieser widmen die Regisseure der Bewegung fast einen ganzen Teil. Das Massaker am Wounded Knee, über das an anderer Stelle noch zu reden sein wird, hängt auch mit dieser Geistertanzbewegung, die vom weißen Establishment nicht verstanden wurde, zusammen. Grundlage war der Wunsch, dass eines Tages "die Toten und die Büffel wiederkommen werden". Die Helden, die die in Reservationen gesperrten Stämme befreien und die Büffel, Zeichen der Freiheit, der ausreichenden Nahrung und des Tipis. Insofern sind dann Parallelen zum Christentum, zur Auferstehung und zum jüngsten Gericht erkennbar.
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Den Schutzumschlag des 517 Seiten starken Buchen ziert die Abbildung eines weißen Tipis. Ein stilisiertes Zelt ist auch auf dem Einband zu erkennen.
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Die Anhänge: In den vorherigen Rezensionen wurde schon erwähnt, dass Frances Densmores ein interessantes Buch mit dem Titel: "Die Lieder der alten Lakota" verfasst hat. Es geht um das Leben und die Kultur der Teton-Sioux. Nun stellt uns der Verlag dieses Buch etwas genauer vor.  Die amerikanische Musikethnologin (1867 bis 1957), die insbesondere zum Erhalt der Kultur der nordamerikanischen Indianer beitrug. [7]
Mehrere ausgedehnte Reisen unternahm sie zwischen 1911 - 1914 in die Standing Rock Reservation. Sie errang das Vertrauen der Stammesältesten und konnte die Geschichten und Märchen der alten Lakota sammeln und ihre Lieder und Weisen mit einem Phonographen auf Wachszylinder aufnehmen. Zweihundertvierzig Lieder konnte sie so aufnehmen. Achtundzwanzig Originalaufnahmen sind auf einer CD dem Buch, welches ebenso im Palisander Verlag verlegt wurde, zu hören.

 Im Anhang zu Stein mit Hörnern ist eine Erzählung daraus erhalten. In ihr schildert der Indianer Roter Fuchs den Weg als Krieger. Als Europäer mit vielleicht etwas verklärtem "Indianerblick" staunt man beim Lesen der Geschichte. Der Indianerjunge reitet einem Trupp von Kriegern nach. Er weiß, dass seine Mutter sich sehr grämen wird, wenn er "zu zeitig" mit dem Beruf des Kriegers beginnt. Diese Krieger aber akzeptieren seine Hartnäckigkeit. Er wird zum Krieger und weil er zwei feindlichen Krähenindianern das Leben schenkt zum Anführer der Schar.

In einer zweiten Geschichte träumt ein Lakota namens Siya´ka von einer Eule und einer Krähe. In ihr erhalten wir eine Vorstellung davon, wie die Lakota Träume begriffen und deren Inhalt zu Namen wurden. Die Geschichte, in der Inya-he-yukan der Alte zum Krieger wurde und aus einer Muschel mit Spitzen ein Stein mit Hörnern fußt vermutlich auf einer solchen oder ähnlichen Erzählung.

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Als ich die Geschichten erstmals las, kannte ich keine weitere Fachliteratur.  Daher erschließt sich mir heute, nach 30 Jahren, die Geschichte der Liselotte Welskopf-Henrich durchaus neu. Das Interesse an den anderen Büchern über Kultur, Leben und Geschichte der Prärieindianer, die im Palisander Verlag ebenfalls erschienen sind, wächst…
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► Die Lieder der alten Lakota - DNB -
► Stein mit Hörnern - DNB -
► LWH in der DNB
► LWH - Autorenseite 

© KaratekaDD


[1] siehe LWH: Stein mit Hörnern, Palisander Chemnitz 2013, Seite 517 (Schlusszeilen)
[2] vgl. LORENZ, Erik: Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer, Palisander, Chemnitz 2010, Seite 170 ff
[3] ABBAW 149, Mitschrift Radiointerview vom 18.04.1973 IN: LORENZ, Palisander, Seite 173
[4] vgl. LORENZ, Palisander, Seite 174
[5] Die Ableitung erfolgt aufgrund der Bemerkung, das Hanska 12 Jahre alt ist. Im letzten Band (Das Helle Gesicht) ist er 14 bis 15 Jahre alt und das ist das Jahr 1973, das Jahr des Aufstandes am Wounded Knee.
[6] siehe LWH: Stein mit Hörnern, Seite 475 ff
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Densmore; 12.09.2013, 19:10 Uhr