Freitag, 31. Juli 2015

Hawkins, Paula: Girl on the Train


Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen – wie es scheint – ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.
Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau – daneben ein Foto von »Jess«. Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse ...













  • Broschiert: 448 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Verlag (15. Juni 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Christoph Göhler
  • ISBN-10: 3764505222
  • ISBN-13: 978-3764505226
  • Originaltitel: The Girl on the Train
















DIE SPANNUNG LAUERT IM UNTERGRUND...




Rachel ist eine von Hunderten von Pendlern, die jeden Morgen mit dem Zug in die Stadt fahren. Auf dem Weg bleibt viel Zeit, um seinen Gedanken nachzuhängen, und an der Stelle, an der der Zug jeden Tag hält, schaut Rachel stets auf dieselben Häuser, dieselben Gärten, dieselben Menschen. Ein junges Paar entfacht ihr Interesse auf besondere Weise.


Jess hat die Füße auf den Terrassentisch gelegt und ein Glas Wein in der Hand, während Jason hinter ihr steht und die Hände auf ihre Schultern legt. Ich meine fast zu spüren, wie sich seine Hände anfühlen, wie das Gewicht schützend und zuversichtlich auf ihrer Haut ruht. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich zu erinnern versuche, wann mich zuletzt ein anderer Mensch berührt hat - und sei es nur bei einer Umarmung oder bei einem von Herzen kommenden Händedruck. Und dann - krampft sich mein Herz zusammen. 


Rachel weiß nicht wirklich, wie die beiden heißen oder leben - sie fantasiert sich ihre eigene Geschichte um das Paar zusammen, beobachtet und interpretiert und bekommt gar nicht genug von ihnen. Das perfekte Leben, so scheint es, führen die beiden miteinander, etwas, von dem Rachel nur träumen kann.


Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen. Sie sind ein gutes Gespann. Sie sind glücklich, das sehe ich ihnen an. Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe. Alles, was ich gerne wäre.


Rachel hat alles verloren, was jemals von Bedeutung war. Ihre Ehe, ihren Job, die Hoffnung auf ein Kind - und ihre Selbstachtung. Immer häufiger spricht sie dem Alkohol zu, Blackouts bestimmen ihr Leben, Einsamkeit dominiert ihre Gefühlswelt. In das triste Dasein bringen ihre Träumereien um das Leben der anderen ein paar willkommene Farbkleckse. Doch die scheinbare Idylle zerreisst.

Rachel beobachtet eines Tages etwas Schockierendes, das ihre Traumwelt ins Wanken bringt. Und als sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau liest und auf dem Foto ihre 'Jess' wiedererkennt, kann Rachel ihr Wissen nicht länger für sich behalten. Doch wird man einer Alkoholikerin bei der Polizei Glauben schenken? Und welche Erinnerungen sind nach ihren Alkoholexzessen überhaupt noch greifbar? Rachel ist plötzlich mehr in die Geschehnisse involviert als ihr lieb sein kann...

Erzählt wird die Geschichte in Form von Tagebucheintragungen aus der Ich-Perspektive von drei verschiedenen Frauen. Dies fand ich anfangs eher verwirrend, insgesamt jedoch macht dies eine Besonderheit des Buches aus. Neben der verkrachten Existenz Rachel tauchen hier noch Anna auf, die 'neue' Frau von Rachels Exmann, sowie die verschwundene 'Jess'. Neben den Schilderungen der chronologischen Ereignisse gibt es immer wieder auch Rückblenden, die dem Leser einen Einblick in Leben und Psyche der drei Frauen gewähren. Dabei war mir keine der drei Frauen wirklich sympathisch, weil die Darstellung der Charaktere eher distanziert wirkte.

Durch die Längen, die das Buch phasenweise durchzogen und die eingehende Beschäftigung mit den drei genannten Frauen, wirkte die Geschichte teilweise eher wie ein Psychodrama denn wie ein Thriller. Dennoch ist es Paula Hawkins gelungen, mich am Ende wenn auch nicht komplett, so doch ein Stück weit zu überraschen. Eine Geschichte um verdrängte Wahrheiten, die sich letztlich doch offenbaren.

Ein interessanter Ansatz mit einigen Längen und Schwächen, die Spannung lauert meist nur subtil im Untergrund. So ganz kann ich den Hype um das Buch ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Dennoch ist es gut und flüssig zu lesen und letztlich noch eine halbwegs überzeugende Vorstellung...


© Parden
















Paula Hawkins Paula Hawkins wurde in Simbabwe geboren und wuchs in einem Vorort von Harare auf. 1989 ging Paula nach London, um ihre Schulausbildung zu beenden. Sie studierte an der Oxford University Politikwissenschaften und Philosophie und arbeitete nach ihrem Abschluss als Wirtschaftsjournalistin für die Times. Nach fünfzehn Jahren Arbeit als Journalistin, widmete sich Paula Hawkins dem Schreiben. Ihre Lieblingsautoren sind unter anderem Donna Tartt, Tana French und Gillian Flynn. Ihr erster Roman "Girl on the Train" erschien 2015 in Deutschland. Das englische Orginal feierte große Erfolge und belegte Platz eins der NY-Times Bestseller-Liste. Die Filmrechte an dem Thriller sind bereits gesichert. Heute lebt und arbeitet Paula Hawkins in London.

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Donnerstag, 30. Juli 2015

Schneider, Harald: Ernteopfer


Erntezeit im vorderpfälzischen Obst- und Gemüseanbau. Hauptkommissar Reiner Palzkis Träume von einem erholsamen Wochenende mit seinen Kindern zerplatzen jäh, als ein polnischer Erntehelfer mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden wird. Die Spur führt in den Gemüsegroßmarkt "S. R. Siegfried" in Limburgerhof. Während Palzki den undurchsichtigen Inhaber in die Mangel nimmt, wird ein zweiter Toter im Wildschweingehege des Rheingönheimer Tierparks entdeckt. Langsam dämmert dem Kommissar, dass er einem Verbrechen auf der Spur ist, gegen das die dubiosen Machenschaften der Gemüsebranche Kavaliersdelikte sind.


Band 1 der Reihe um Hauptkommissar Reiner Palzki







  • Broschiert: 272 Seiten
  • Verlag: Gmeiner, A; Auflage: 4. (1. Februar 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3899777484
  • ISBN-13: 978-3899777482
























MEHR GLÜCK ALS VERSTAND...





Erntezeit im vorderpfälzischen Obst- und Gemüseanbau. Hauptkommissar Reiner Palzkis Träume von einem erholsamen Wochenende mit seinen Kindern zerplatzen jäh, als ein polnischer Erntehelfer mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden wird. Die Spur führt in den Gemüsegroßmarkt "S. R. Siegfried" in Limburgerhof. Während Palzki den undurchsichtigen Inhaber in die Mangel nimmt, wird ein zweiter Toter im Wildschweingehege des Rheingönheimer Tierparks entdeckt. Langsam dämmert dem Kommissar, dass er einem Verbrechen auf der Spur ist, gegen das die dubiosen Machenschaften der Gemüsebranche Kavaliersdelikte sind.

Nicht ganz ernstzunehmen sind hier wohl die Ermittlungen im ersten Fall des Kriminalhauptkommissars Reiner Palzki. Ein ernstes Thema und reichlich Gesellschaftskritik als Hintergrund, wird der Krimi doch in erster Linie humorvoll verpackt. Dabei gerät für meinen Geschmack jedoch einiges zu flapsig bzw. zu krampfhaft originell: Posteingangssammelbehälter (für 'Briefkasten') und Oxid des Wasserstoffs (für 'Wasser') lassen ein Gefühl von 'er hat sich stets bemüht' aufkommen - und was das verklausuliert in Zeugnissen bedeutet, ist ja hinlänglich bekannt...

Der Kommissar selbst ist sympathisch gezeichnet, wenn auch chaotisch. Der 45-Jährige lebt von Frau und Kindern getrennt und ist haushaltstechnisch eine wandelnde Katastrophe. Er ernährt sich in erster Linie von Fastfood und schafft es, selbst die Pizza in der Mikrowelle explodieren zu lassen.
Bezüglich der Ermittlungen hat er einen guten Riecher, doch seine zahlreichen und hinlänglich bekannten Alleingänge sind kaum vorstellbar und doch reichlich überzogen - keinesfalls eine authentische Beschreibung der Polizeiarbeit. Und so löst Reiner Palzki den Fall schließlich mit mehr Glück als Verstand.

Harald Schneider hat einen Regionalkrimi mit einigen Passagen heftigsten pfälzischen Dialekts geschrieben und dabei für meinen Geschmack manchmal ein wenig mit der genauen Orts- und Wegbeschreibung übertrieben - für Ortskundige mag das anders wirken.
Immerhin wird eine interessante Geschichte erzählt, und es gibt einige launige Passagen zum Schmunzeln. Ein Krimi, der zu unterhalten weiß, aber keineswegs für Euphorie sorgt...


© Parden













Harald Schneider
Harald Schneider, 1962 in Speyer geboren, wohnt in Schifferstadt und arbeitet in einem Medienkonzern als Betriebswirt. Seine Schriftstellerkarriere begann während des Studiums mit Kurzkrimis für die Regenbogenpresse. Der Vater von vier Kindern veröffentlichte mehrere Kinderbuchserien. Seit 2008 hat er in der Metropolregion Rhein-Neckar-Pfalz den skurrilen Kommissar Reiner Palzki etabliert, der neben seinem mittlerweile zwölften Fall »Sagenreich« in zahlreichen Ratekrimis in der Tageszeitung Rheinpfalz und verschiedenen Kundenmagazinen ermittelt. 2013 wurde mit den Kindern von Reiner Palzki mit »Die Palzki-Kids in großer Gefahr« eine eigene interaktive Kinderbuchreihe etabliert.

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Mittwoch, 29. Juli 2015

Adiga, Aravind: Letzter Mann im Turm (Hörbuch)


Immobilien-Tycoon Shah ist in Not. Der Kampf um die Filetstücke in Mumbais Boom-Bezirken wird immer härter und er ist auf der Verliererstraße. Retten könnte ihn nur der Bau einer gigantischen Luxus-Appartmentanlage – doch dazu müssten die baufälligen Wohntürme der »Vishram Society« weichen. Shah macht den Bewohnern ein Angebot, das sie nicht ablehnen können. Alle sind glücklich, denn gerne würden sie ihr tristes Leben hinter sich lassen. Doch der Deal gilt nur, wenn alle Bewohner den Vertrag unterschreiben. Als der alte Masterji sich standhaft weigert, sein Heim zu verlassen, zieht er den tödlichen Hass aller Hausbewohner auf sich.




  • Audio CD
  • Verlag: Der Audio Verlag (16. September 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Susann Urban und Ilija Trojanow
  • Erzähler: Sebastian Kowski
  • ISBN-10: 3862311325
  • ISBN-13: 978-3862311323

















 PRINZIPIEN...



Die beiden sechs Stockwerke hohen Wohntürme der 'Vishram Society' in einem Vorort Bombays galten in ihrem Eröffnungsjahr 1959 als modern, doch seither ist nie Geld in die Instandhaltung gesetzt worden, so dass jetzt alles marode wirkt. Die Wasserversorgung funktioniert nur zweimal am Tag für einige Stunden, die Gebäude liegen in einer Flughafenschneise und an den Wänden hängt der Schimmel.


"Das Äußere dieses Turms, einst rosafarben, ist nun ein regenwasserfleckiges Grau."
Doch was klingt, wie hierzulande ein maroder Sozialbau, beheimatet dort Menschen der Mittelschicht: Lehrer, Internetcafébetreiber, Journalisten oder Apotheker. Die Schlechtergestellten wohnen in den oft illegalen Slums rundherum. Und die Bewohner der Türme klagen nicht, sie sind es nicht anders gewohnt - und die Gemeinschaft im Turm A ist ganz ausgezeichnet. Jeder kennt jeden und ist allen gegenüber höflich und anständig.


"Jede gute Wohngemeinschaft lebt von einem Kreislauf der Gefälligkeiten."



Was jedoch seit Jahrzehnten gut funktioniert, gerät plötzlich ins Wanken, als ein Immobilientycoon den Bewohnern der Genossenschaftswohnungen ein scheinbar unschlagbares Angebot macht. Eine großzügige Abfindung winkt denen, die ihre Wohnung aufgeben und sich anderswo ein neues Heim suchen. Turm B nimmt das Angebot geschlossen an, doch in Turm A regt sich Widerstand.

Zu groß ist das Misstrauen gegenüber solchen Maklern, und weshalb sollte man seine Heimat aufgeben? Zählt das nichts? Viele sehen hier eine Möglichkeit, ihrem tristen Leben zu entkommen, doch manche stellen sich den kapitalistischen Avancen entgegen. Darauf reagieren die anderen Mieter beschämt und achselzuckend, doch als bekannt wird, dass das Angebot nur aufrechterhalten bleibt, wenn alle Bewohner den Vertrag unterschreiben, kippt die Stimmung.

Der Druck auf diejenigen, die das Angebot nicht annehmen wollen, erhöht sich zunehmend - von Seiten des Immobilienmaklers ebenso wie von Seiten der anderen Mieter. Und plötzlich herrscht in der einst so gut funktionierenden Gemeinschaft ein Klima zunehmenden Misstrauens und der Bösartigkeit. Das Krebsgeschwür der Gier frisst sich in die Seelen der ach so ehrenwerten Mieter, die Hetzjagd ist eröffnet... Und nach und nach springen die Widerständler ab - alle, bis auf einen: Yogesh Murthy, genannt Masterji, ein pensionierter Lehrer, der in der Vishram Society als 'Gentleman' bislang große Achtung genießt.


"Nichts kann ein Lebewesen aufhalten, das frei sein möchte."


Leise und schleichend aber sehr eindringlich beschreibt Aravind Adiga die Geschehnisse in diesem Wohnturm. Zunehmend beklemmend wird die Situation, ungläubig lauschte ich manchen Ereignissen, die Faust in der Tasche. Doch ist das alles wirklich unvorstellbar? Der Sprecher Sebastian Kowski liest nüchtern und sachlich, was die zunehmende Dramatik aber eher noch unterstreicht und den Druck der Situation spürbar werden lässt.

Dabei hat Autor leider die Charaktere oftmals eher eindimensional und schablonenhaft gezeichnet, was kaum einmal Raum für Überraschungen bietet. Die interessanteste Figur war neben dem uneinsichtigen Masterji noch der Immobilienmakler Dharmen Shah, der sich aus kleinsten Verhältnissen zum mächtigen Bauunternehmer in Bombay emporgearbeitet hat. Adiga modelliert ihn als fetten Immobilienhai und so brutalen wie charmanten Gemütsmenschen, von dem der Hörer glauben soll, dass er 'Menschen noch viel lieber' mag als Stahl und Zement und dass er deshalb mit dem ihm eigenen 'Gefühl für Fairness' so lange wie möglich 'Großzügigkeit der Gewalt' vorzieht.
Es gibt viele Gründe für den Widerstand des alten Lehrers: die mit dem Haus verbundenen Erinnerungen an die verstorbene Frau und Tochter, der Wunsch des kleinen Mannes, dem mächtigen Immobilienhai Kontra zu geben, Altersstarrsinn und die mangelnde Bereitschaft, sich in Veränderungen zu fügen, der Sinn für menschlichen Anstand u.a.m. Im Grunde ist er die Hauptfigur in einer Parabel - wenn auch einer langen und zuweilen etwas langatmigen. Jedenfalls fällt es bei aller ungläubigen Empörung, wie Menschen Werte und Prinzipien einfach über Bord werfen und sich gegenseitig zu immer größeren Grausamkeiten anstacheln, schwer, sich mit dem alten Lehrer zu identifizieren.

Einen unverblümten und brutalen Blick wirft der Autor da auf die Realitäten des modernen Indiens, wie auch das Interview zwischen einem Journalisten und einem der Übersetzer des Buches im Anschluss an die eigentliche Erzählung zeigt. Noch vor kurzem lebten in Indien Reiche in unmittelbarer Nähe zu den Ärmsten, und niemand fand das befremdlich. Doch zunehmend entwickelt sich die räumliche wie gesellschaftliche Trennung zwischen den Gesellschaftsschichten, und die Trauer über den Paradigmenwechsel in der Seelenlage wird in diesem Hörbuch deutlich. Der zunehmende Kapitalismus wirft alte Werte über Bord, die Menschen können ihren normalen 'Kompass' des Miteinanders nicht mehr benutzen. Aravind Adiga schafft hier eine Atmosphäre des Pessimismus, die im Grunde für alle Megacities der Welt gilt, denn die Entwicklungen sind vergleichbar.

Für dieses Buch wurde Aravind Adiga von manchen seiner Landsleute als 'Nestbeschmutzer' tituliert. Doch im Grunde hält er damit allen modernen Gesellschaften einen mehr als unangenehmen Spiegel vor. Ein Autor, der genau hinschaut und den Finger in die schwärende Wunde legt. Nicht bequem, nicht angenehm, manchmal geradezu unerträglich - aber doch notwendig.

Ein eher beeindruckendes denn begeisterndes Buch, aber eines, das im Kopf bleibt...


© Parden












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Dienstag, 28. Juli 2015

Burger, Tom: Das Bücherhaus


Als Kommissar Luc Vidal den Tod der vierundachtzigjährigen Claire untersucht, ahnt er nicht, dass dies eine Welle von Gewalttaten auslösen wird. Dabei rücken eine Gruppe von Claires Jugendfreunden und ein Buch mit Briefen von Francesco Petrarca in den Mittelpunkt. Der Dichter hatte im 14. Jahrhundert dort am Fuß des Mont Ventoux gelebt, wo sich die Ereignisse für Luc Vidal und die zweiundzwanzigjährige Amandine Moreau überschlagen. Die junge Frau wird das Bücherhaus erben – und daraus ist nicht nur das Buch mit Petrarcas Briefen verschwunden. Amandines Ausstrahlung und die erotische Wirkung einer Bronzeskulptur führen den Kommissar bei den Ermittlungen an seine Grenze. In einem Wettlauf gegen die Zeit muss er herausfinden, welches Geheimnis Petrarcas Briefe und dessen Gedichtsammlung an Laura birgt. Denn eines ist gewiss: Irgendwo zwischen den Kalkfelsen der Dentelles de Montmirail, den Weinbergen von Gigondas und der trügerischen Idylle von L’Isle-sur-la-Sorgue wartet auf das nächste Opfer der Tod.




  • Taschenbuch: 266 Seiten
  • Verlag: cleevesmedia; Auflage: 1 (4. Mai 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3945182123
  • ISBN-13: 978-3945182123












 DER PETRARCA-CLUB

 


Wer liebt sie nicht, die Provence, zauberhafte Landschaft am Mittelmeer, schön gelegen zwischen dem Rhônetal und Italien? Wer hat sie nicht vor Augen, die endlosen Lavendelfelder, leuchtend blühend im Sonnenschein?
Nun, hier bekommt der Landstrich doch eine recht düstere Note, viel rauer und irgendwie unheimlich. Dabei beginnt der zweite Krimi um Luc Vidal eigentlich recht unscheinbar - eine alte Frau wird in ihrem Bett tot aufgefunden, und ihre Enkelin vermutet nur, dass es sich hier um einen Mordfall handeln könnte. Natürlich muss die Polizei dem Verdacht nachgehen...


Der Kommissar ließ sich die Bibliothek zeigen. Es war ein Raum voller Magie, mit uralten Bücherregalen aus poliertem Holz, die über zwei Ebenen die hohen Wände bedeckten und deren obere Ebene von einer umlaufenden Galerie erschlossen war. Eine schmale Treppe aus dem gleichen, rötlich glänzenden Holz führte hinauf. Das weite Geviert war mit großen quadratischen Fliesen aus grob behauenem Stein bedeckt und die Luft war erfüllt von dem Duft alter Bücher. Abertausende davon standen in schier endlosen Regalreihen.


Es ist schon ein besonderes Haus, in dem die verstorbene Claire de Roquesteron lebte. Das Bücherhaus, Mille Livre, wird es genannt, weil es eine unglaubliche Sammlung antiquarischer und wertvoller Bücher beherbergt.  Und ausgerechnet eines der wertvollsten Bücher fehlt nun, ein uraltes Werk des in der Provence beheimateten Dichters Petrarca (1304-1374).
Als bald darauf ein zweiter Mord geschieht, bei dem das verschwundene Buch ebenfalls eine Rolle spielt, wird Luc Vidal klar, dass sie erst am Anfang einer umfassenden Ermittlung stehen.

Tom Burger entführt den Leser in die Tiefen der Provence, mitten hinein in das dörfliche Leben, wo jeder jeden kennt und auch Geheimnisse nicht immer sicher sind. Mit jedem Tag wird der Fall jedoch undurchsichtiger, und die Flut der Menschen, die hier eine Rolle spielen, will gar kein Ende nehmen.
Die verstorbene Claire hatte gemeinsam mit einigen Freunden in ihrer Jugend in Verrehrung des antiken Dichters einen Petrarca-Club gegründet, und im Grunde hätte jeder der inzwischen hochbetagten Mitglieder ein Motiv gehabt, die alte Dame zu ermorden. Oder war es vielleicht doch die Enkelin Amandine, die schließlich nun die Alleinerbin der antiken Schätze ist? Und was hat es mit diesem mysteriösen Mönch auf sich, der immer wieder auftaucht und eine undurchsichtige Rolle spielt?

Mir persönlich waren es ehrlich gesagt einige Personen zu viel. Zugegeben, diese Vielzahl sorgte für Verwirrung - viele der Personen scheinen hier aber ausschließlich zu diesem Zweck eine Rolle zugewiesen bekommen zu haben. Diese Vielzahl sorgte in meinen Augen jedoch auch dafür, dass sich die Handlung an manchen Stellen sehr in die Länge zog - da war das Tempo selbst für mich dann zu gemächlich.
Der Kommissar Luc Vidal gewann für mich im Laufe der Handlung zunehmend an Konturen - und meine Sympathie dazu. Auch sein privates Umfeld war sympathisch und lebhaft gezeichnet, was mir gut gefallen hat. Der Rest der Charaktere allerdings blieb eher blass und war mir durchweg unsympathisch - bestenfalls riefen sie noch eine Art Mitleid hervor. Vor allem die Mitglieder des Petrarca-Clubs entpuppten sich zunehmend als altersstarrsinnige und egoistische Zeitgenossen, für die das Wort 'Skrupel' wohl eher ein Fremdwort ist.

Gut gefallen haben mir in diesem Krimi vor allem die oftmals poetischen Beschreibungen. Seien es besondere Gebäude, Landschaften oder auch kulinarische Genüsse - hierbei entstanden in meinem Kopf farbige Bilder, die mich begeistern konnten. Ansonsten erschien mir die Provence durch das mystisch-mysteriöse Geschehen diesmal doch recht düster.
Die Idee, das Leben und Werk des antiken Dichters Petrarca mit dem Geschehen im Hier und Jetzt zu verknüpfen, hat etwas reizvolles. Manche der Verknüpfungen waren vielleicht etwas weit hergeholt, aber in der Summe war das Konzept doch überzeugend. Auch das Verhältnis zwischen dem Fall ansich und dem Einblick in das Privatleben des Kommissars war für mich stimmig. Allerdings hätte ich mir doch einen noch intensiveren Einblick in die eigentliche Ermittlungsarbeit gewünscht.

Ein recht interessanter Fall mit einem außergewöhnlichen Hintergrund in einer schöner Kulisse - angenehm zu lesen, am besten mit einem Glas gekühlten Weißweins auf der sommerlichen Terrasse...


© Parden









Tom Burger Tom Burger arbeitete mehrere Jahre lang u. a. als Schiffsreiniger im Hamburger Hafen, auf israelischen Bananenplantagen sowie als Fahrer bei Autoüberführungen nach Syrien, bevor er als freier Journalist und als Texter für Werbeagenturen zu schreiben begann. Der Autor lebt in einem Dorf am Eifelrand.
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Samstag, 25. Juli 2015

Jerome, Jerome K.: Drei Mann in einem Boot


"Drei Männer im Boot (ganz zu schweigen vom Hund)" (Originaltitel: "Three Men in a Boat"), erschienen 1889, ist eine humorvolle Erzählung von Jerome K. Jerome über einen Bootsausflug auf der Themse zwischen Kingston und Oxford.
Das Buch war ursprünglich als ernsthafter Reiseführer, mit Erzählungen über die Geschichte von Plätzen entlang der Strecke, geplant, doch die humoristischen Schilderungen gewannen letztlich die Oberhand.

Mit 55 Illustrationen von A. Frederics










 
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 2141 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Null Papier Verlag; Auflage: 1 (28. Februar 2012)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B007F217OE










 

EINE BOOTSFAHRT, DIE IST LUSTIG - ODER?


 



'Drei Männer im Boot (ganz zu schweigen vom Hund)' , erstmals erschienen 1889, ist eine humorvolle Erzählung von Jerome K. Jerome über einen Bootsausflug auf der Themse zwischen Kingston und Oxford. Das Buch war ursprünglich als ernsthafter Reiseführer, mit Erzählungen über die Geschichte von Plätzen entlang der Strecke, geplant, doch die humoristischen Schilderungen gewannen letztlich die Oberhand.

Naja, dass dieses Buch ursprünglich als Reiseführer geplant war, hat mich dann doch etwas überrascht. Zwar werden im Verlauf der Erzählung durchaus einzelne Orte entlang der Themse erwähnt, doch wird ihnen da m.E. keine große Bedeutung zugemessen. Dafür ist die Geschichte der drei Männer, die da beschlossen haben, sich einige Tage bei einer Bootsfahrt zu entspannen, trotz des Alters des Buches durchaus amüsant.


"Ich mag Arbeit sehr: sie fasziniert mich. Ich kann stundenlang dabeisitzen und zuschauen."


'Wir werden diese Geschichte bis zum bitteren Ende durchstehen, komme, was wolle.' So beginnt die pannenreiche Bootsfahrt von drei hypochondrischen Freunden samt ihrem neurotischen Foxterrier die Themse hinauf. Die drei Männer basieren, wie der Klappentext verrät, auf Jerome selbst und zwei seiner Freunde (George und Harris). Der Hund Montmorency dagegen ist eine reine Erfindung, hat jedoch - wie Jerome anmerkte - 'viel mit mir gemeinsam'.

Die Geschichte selbst ist vollkommen unspektakulär: drei eher langweilige und oftmals gelangweilte, recht gutsiutierte Junggesellen fahren für einige Tage mit einem gemieteten Ruderboot auf der Themse. Das Besondere der Erzählung liegt im Detail. Mit feiner Beobachtung und Selbstironie beschreibt einer der Ausflügler sein Leben und Denken und das seiner Kameraden.
Dabei hält sich jeder für intelligenter und lebenstüchtiger als die anderen beiden, wird jedoch stets wieder rasch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sei es der (vergebliche) Kampf mit einer Konservendose, der ruhmlose Rückzug beim Angriff der Schwäne oder auch nur der nicht vorhandene Orientierungssinn - so wirklich ist man nicht gerüstet für ein Leben in der Natur. Eigentlich hat jeder der drei rasch die Nase voll von dem (oft verregneten) Bootsausflug - doch wie soll man dies kundtun, ohne sein Gesicht zu verlieren?

Einige Szenen sind etwas langatmig beschrieben und wirken aus heutiger Sicht eher banal (Motorboote auf der Themse!), dennoch überwiegt eine flüssige, kurzweilige Erzählweise. Dabei ist der Humor nicht plump oder aufdringlich, sondern schwingt in feinen Nuancen oftmals zwischen den Zeilen mit und scheut auch vor Selbstironie nicht zurück.

Die Illustrationen von A. Frederics untermalen das Geschehen hier zusätzlich noch auf humorvolle Weise. Diese Ergänzung hat mir gut gefallen

Ein Klassiker, der seinerzeit  als Grundlage für den gleichnamigen deutschen Spielfilm von 1961 mit Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Erhardt und Walter Giller diente:



                                                      








Jerome K. Jerome
Auf die Idee zu seinem Buch kam Jerome, nachdem seine Flitterwochen 1888 auf der Themse stattfanden.  Sobald das Paar von seiner Hochzeitsreise zurückgekehrt war, machte sich Jerome daran, Drei Mann in einem Boot zu schreiben. In dieser Novelle ersetzte er seine Frau durch seine langjährigen Freunde George Wingrave (George) und Carl Hentschel (Harris). Dies erlaubte es ihm, die humorvollen Situationen ganz unsentimental zu schildern. Den Lauf der Themse nutzte er als Handlungsstrang, an dem er die einzelnen Episoden und Anekdoten aufreihte. Das Buch wurde 1889 veröffentlicht und war ein augenblicklicher Erfolg. Es war so populär, dass sich die Zahl der registrierten Themse-Boote im Jahr nach der Veröffentlichung verdoppelte und die Themse eine Touristenattraktion wurde. Allein in den ersten zwanzig Jahren wurde es über eine Million Mal weltweit verkauft und wird bis heute gedruckt.


Ein unterhaltsames Buch auch über die Jahrhunderte hinweg... Wirklich nett für zwischendurch.


© Parden

Montag, 20. Juli 2015

Mann, Klaus: Mephisto...

... Roman einer Karriere

Lübeck im Juni 2015: Endlich einmal habe ich die Gelegenheit, in der Hansestadt in warmer Jahreszeit zu verweilen. Davon wird bestimmt noch einmal die Rede sein, hier aber geht es um ein Mitglied der Familie Mann. Es geht um Klaus Mann, Sohn des Thomas Mann, dem Nobelpreisträger von 1929, der diesen Preis für seinen Roman BUDDENBROOKS erhielt. Das BUDDENBOOKS-Haus steht in der Menge-Straße in Lübeck, es gehörte einmal dem Großvater von Klaus.

Kann ein Bücherblogger in ein Literaturhaus (das Wort Museum widerstrebt mir etwas, auch wenn im Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum durchaus von Museum die Rede ist) gehen und ohne Bücher wieder hinausgehen? Kann er nicht. Was mich betriff, so ging ich mit Roman und Film BUDDENBROOKS hinaus, darüber hat Rudolf Fröhlich alias TinSoldier aber schon ausführlich hier geschrieben. Da ich aber außerdem Klaus Manns MEPHISTO – Roman einer Karriere mitnahm, ist die Gelegenheit gekommen, die Buchgesichter-Rezension vom 10.08.2010 einmal etwas aufzufrischen.


* * *


Das Buch beginnt mit der Feier zum Geburtstag des preußischen Ministerpräsidenten. Zugenen ist auch der Intendant des Preußischen Schauspielhauses:


„Man hätte Hendrik Höfgen für einen Mann von etwa fünfzig Jahren gehalten; er war aber erst neununddreißig – ungeheuer jung für seinen hohen Posten. Seine fahle Miene mit der Hornbrille zeigte jene steinerne Ruhe, zu der sich sehr nervöse und sehr eitle Menschen zwingen können, wenn sie sich von vielen Leuten beobachtet wissen. Sein kahler Schädel hatte edle Form. Im aufgeschwemmten, grau-weißen Gesicht fiel der überanstrengte, empfindliche und leidende Zug auf, der von den hochgezogenen blonden Brauen zu den vertieften Schläfen lief; außerdem die markante Bildung des starken Kinns, das er auf stolze Art hochgereckt trug, so dass die vornehm schöne Linie zwischen Ohr und Kinn kühn und herrisch betont ward. Auf seinen breiten und blassen Lippen lag ein erfrorenes, vieldeutiges, zugleich hönisches und um Mitleid werbendes Lächeln. Hinter den großen, spiegelnden Brillengläsern wurden seine Augen nur zuweilen sichtbar und wirksam: dann erkannte man, nicht ohne Schrecken,, daß sie, bei aller Weichheit, eiskalt, bei aller Melancholie sehr grausam waren. Diese grün-grau schillernden Augen ließen an Edelsteine denken, die kostbar sind, aber Unglück bringen; gleichzeitig an die gierigen Augen eines bösen und gefährlichen Fisches. -
Alle Damen und die meisten Herren fanden, dass Hendrik Höfgen nicht nur ein bedeutender und höchst geschickter, sondern auch ein bemerkenswert schöner Mann sei. Seine zusammengenommene, vor bewusster und berechneter Anmut fast steife Haltung und sein kostbarer Frack ließen es übersehen, dass er entschieden zu fett war, vor allem in der Hüftengegend und am Hinterteil.(Seite 21)





Szenenfoto (Quelle)


Ein paar Jahre zurück:

Hendrik Höfgens ist ein Schauspieler am Künstlertheater in Hamburg. Er „sympathisiert“ mit allem und Jedem, solange dies seiner Karriere nutzt. So auch mit den Kommunisten und den kommunistischen Bühnenarbeitern am Theater, er plant das „große“ revolutionäre Theater…

Dora Martin, bekannte Schauspielerin und Sängerin gastiert eines Tages. Mit ihrer Stimme bewirbt sich Höfgens beim „Professor“ in Wien, der auch Berliner Theaterhäuser „bestückt“. Der Weg ist klar, Hendrik kommt ans Preußische Schauspielhaus. Es ist die Zeit in der der Nationalsozialismus immer stärker wird. Kurz vor der Machtübernahme spielt Höfgens den Mephistopheles im Faust. Nach der Machtübernahme emmigriert er kurz, Hendrik hat Angst wegen seiner vorherigen „kommunistischen“ Gesinnung. Eine Schauspielerkollegin aus Hamburg verwendet sich bei Lotte Lindenthal (Freundin des Ministerpräsidenten) für ihn und so kommt zurück. Wieder als Mephisto fällt er dem preußischen Ministerpräsidenten auf, der ihn von nun an protegiert.

Im Theater gibt er den Teufel:
„Ich bin der Geist der stets verneint!
und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
ist wert, daß es zugrunde geht…“
[1]

Ringsum geht alles zugrunde, doch Höfgens geht den Pakt mit dem Teufel ein, auch wenn er wie der Schüler vor dem preußischen Ministerpräsidenten steht:

„Ich bin allhier erst kurze Zeit
Und komme voll Ergebenheit,
einen Mann zu sprechen und zu kennen,
den alle nur mit Ehrfurcht nennen.“
[2][3]

Szenenfoto (Quelle)


Es ist die Wandlungsfähigkeit des Schauspielers, seine Angst, in die Bedeutungslosigkeit zu fallen. Sein Geltungsbedürfnis lässt ihn sich der Macht andienen. Der Teufelspakt wird besiegelt. Die Rolle des Mephisto scheint ihm auf den Leib geschrieben zu sein. Doch so ganz gewissenlos ist er nicht, er verwendet sich für verfolgte Kolleginnen und Kollegen, kommunistische wie jüdische. Doch der eigene Weg, der eigene Erfolg ist ihm am wichtigsten. Es bleibt das Gefühl, „ein Schurke zu sein.“ Am Ende liegt er in den Armen seiner Mutter: „Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen Sie mich? Weshalb sind sie so hart? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler.“[4]


* * *

Mann hat einen bitterbösen, unglaublich direkten Roman geschrieben. Es ist ein Buch, welches in Bezug auf die deutsche Theaterlandschaft die Entwicklung und Machtübernahme des Nationalsozialismus schildert. Die Schauspieler stehen für das deutsche Volk, welches einerseits den Nationalsozialisten zujubelte, oder stillhielt, die Augen vor dem Kommenden verschloss oder aber auch Widerstand leistete. Klaus Mann´s Beschreibung der Zeit und der Personen ist vielseitig, bunt, erschreckend, mahnend, anklagend.

„ ‚Das Buch ist mit Haß geschrieben,‘ urteilte Lion Feuchtwanger. ‚aber es ist ein Haß, welcher den dargestellten Menschen und Dingen Dichtigkeit gibt.‘ “[5]


* * *

Das Beispiel für den Hendrik Höfgens gab der Schauspieler und spätere Intendant des Staatlichen Schauspielhauses Gustav Gründgens, der mit Klaus Mann und seiner Schwester Erika in Hamburg bekannt war und gemeinsam mit ihnen in Mann´s Stück Anja und Esther auftrat. Gründgens heiratete Erika Mann, die Ehe hielt nicht lang. Die Karriere seines Ex-Schwagers inspirierte Klaus Mann zu diesem Roman. Vorher hatte er wohl den Roman Der Untertan seines Onkels Heinrich Mann noch einmal gelesen.[6]

Er hätte wohl auch andere bekannte Künstler als Vorbild nehmen können, jedoch schreibt er selber: „Meine Wahl fiel auf Gründgens – nicht, weil ich ihn für besonders schlimm gehalten hätte (er war vielleicht sogar eher ein bißchen besser als manch andere Würdenträger des Dritten Reiches), sondern einfach, weil ich ihn zufällig besonders genau kannte. Gerade in Anbetracht unserer früheren Vertrautheit erschien mir seine Wandlung, sein Abfall so phantastisch – kurios, unglaubhaft, fabelhaft genug, um einen Roman darüber zu schreiben.“[7]

Die Kritiker und Rezensenten haben sich immer wieder darin versucht, Personen des Romans den wirklichen Personen zuzuordnen. Allen voran steht dafür neben Gustav Gründgens der preußische Ministerpräsident Hermann Göring. Der Theater – Professor steht für Max Reinhardt, Barbara Bruckner für Manns Schwester Erika, ihr Vater, Geheimrat Bruckner für Thomas Mann.[8] Es gibt noch einige solcher Parallelen.




* * * 
Quelle [16]



Es gibt keine „langweiligen“ Stellen in diesem Roman. Hilfreich ist trotzdem der sehr ansehenswerte Film Mephisto von István Szabó aus dem Jahr 1981. Die Figur des Höfgen wird gespielt von Klaus Maria Brandauer. International bekannt wurde als Darsteller des Ministerpräsidenten Rolf Hoppe.[9] Dieser Film bekam einen Oskar für den besten ausländischen Film. Ich kannte den Film sehr lange vor dem Buch. Insgesamt hält sich der Film sehr genau an die Romanvorlage, das im Roman erwähnte „aasige Lächeln“ und die „schillernden Augen“ des Höfgen bekommt durch Brandauer eine genaue „Beschreibung“. Interessant ist der Schluss: Nicht in den Armen seiner Mutter spricht Höfgen die oben bereits zitierten Sätze, der Ministerpräsident zeigt seinem Emporkömmling im Spot der Scheinwerfer im Olympiastadion Berlins, wer da nun die Macht hat.

Der Teufelspakt ist doppelt teuflisch: 
Der eine, der Intendat spielt den Mephistopheles, der andere, 
der Ministerpräsident, ist ein Mephistopheles. 



Szenenbild: Im Spot (Quelle)





* * *

Klaus Mann hat sehr viel geschrieben, Mephisto aber ist wohl sein bekanntester Roman. Seine Schwester Erika machte ihren Bruder Klaus in der Nachkriegszeit bekannt. Klaus selbst starb 1949 an einer Überdosis Schlaftabletten. Sehr interessant ist auch die Geschichte des Romans:



Geschrieben wurde das Buch bereits im Jahre 1936. Zu diesem Zeitpunkt, dem Jahr der Olympiade in Berlin, wurde „langsam“ offensichtlich, welches Regime sich da im Dritten Reich herausbildete. Insofern steht Klaus Mann in einer Reihe mit vielen Warnern und Emigranten. Nach dem Krieg versuchte seine Schwester Erika, den Roman erneut zu verlegen, was ihr erst nicht gelang. So gab sie die Rechte an den Aufbau-Verlag der DDR. Diese griff den Stoff dankbar auf, aber selbst hier musste die Ähnlichkeit eines Personennamens geändert werden: Bertold Brecht hielt seine schützende Hand über dem Theaterkritiker Ihering (im Roman Ihrig).[10]

Gründgens starb 1963, sein Erbe ging erfolgreich gegen eine Veröffentlichung vor. Der Gerichtsstreit ging bis vor das Bundesverfassungsgericht und hatte die Frage zu beantworten, ob auch das postmortale Persönlichkeitsrecht vor dem Recht der Kunstfreiheit steht. Die Auflage der Nymphenburger Verlagshandlung konnte gedruckt werden, jedoch nur mit der Einlage bzw. dem gedruckten Text, dass die „Personen der Phantasie des Verfassers“ entsprechen.[11]



M. Reich-Ranicki 1966 (Quelle)
Letztlich wurde der Druck verboten. Reich-Ranicki schreibt in seinem Text „Das Duell der Toten“, dass wohl eine ziemliche Menge der Aufbau-Verlagsausgabe in den Bücherschränken der Bundesdeutschen steht.[12] Der Rowohlt – Verlag plante dann eine „geheime“ Ausgabe 1981, deren ersten 25000 Stück wohl sofort vergriffen waren, die noch nicht vertriebene Exemplare schaffte man nach Dänemark um sie dem etwaigen Zugriff deutscher Behörden zu entziehen.[13]

Der genannte Aufsatz des 2013 verstorbenen Literaturkritikers Reich-Ranicki ist auch in Hinblick auf die Zwiespältigkeit der Person Gründgens interessant.

Der Kritiker „[wußte], daß er niemals Anhänger des Nationalsozialismus war, daß er aus seinem Theater eine Zufluchtstätte für unerwünschte, gefährdete und politisch verfolgte Schauspieler und Regisseure gemacht hat und daß er keine nationalsozialistischen Stücke aufführen ließ. Ich weiß vor allein, daß es nicht wenige Menschen gibt – unter ihnen ist, um nur einen Namen zu nennen, Ernst Busch –, deren Leben von Gründgens gerettet wurde.

Wahrlich, er hat es verdient, daß man ihn rühmt.

Aber ich weiß auch, daß es wenige deutsche Künstler jener Epoche gibt, denen das Dritte Reich mehr als Gründgens zu verdanken hatte. In der Zeit des Untergangs der deutschen Literatur und Kunst, damals, als die bedeutendsten Repräsentanten der deutschen Bühne geflohen waren, als das Theater plötzlich auskommen sollte ohne Leopold Jessner, Erwin Piscator und Max Reinhardt, ohne Elisabeth Bergner und Tilla Durieux, ohne Albert Bassermann, Ernst Deutsch, Fritz Kortner und Alexander Moissi, damals, als man Brecht, Hofmannsthal, Kaiser, Schnitzler, Sternheim und Zuckmayer ebensowenig spielen durfte wie den Lessingschen „Nathan“ oder die Hebbelsche „Judith“ – damals hat Gründgens eine Insel hoher Kunst inmitten der Barbarei geschaffen und so dazu beigetragen, den tatsächlichen Verfall des Kulturlebens zu verschleiern.

Wahrlich, das nationalsozialistische Regime hatte triftige Gründe, ihn mit Titeln zu ehren und mit hohen Würden zu bekleiden.“
[14]

Die Person Gründgens ist dem Publikum bestens bekannt durch seine immer noch gezeigten Filme, seine Stimme im Rundfunk und auf Schallplatten. Das Publikum ist umfassend informiert.

„Und eben weil man in diesem Lande über Gründgens vielseitig informiert ist und er in gutem Andenken steht, gibt es keinen Anlaß, gegen den „Mephisto“ gerichtlich einzuschreiten. Es hieße nämlich, das theaterkundige Publikum unterschätzen und diskreditieren, wollte man annehmen, sein Urteil über eine der berühmtesten Persönlichkeiten des deutschen Theaters würde durch einen vor dreißig Jahren unter besonderen Umständen ihn Exil entstandenen Roman, den überdies ein ehemaliger Jugendfreund und Verwandter des Betroffenen geschrieben hatte, nennenswert beeinträchtigt.“[15]


* * *

Ich finde schon, dass dies als Schlusswort hervorragend geeignet ist, diese Rezension abzuschließen, die wie üblich wohl mehr ist, als eine bloße Rezension. Menschen sind nicht nur schwarz-weiß. Sie haben unterschiedliche, sich auch ändernde Ansichten, sie sind Familienväter und Mütter und begehen schlimme Verbrechen, sie sind Opportunisten und Feiglinge und haben (auch gleichzeitig) Mut und Gewissen. Sie haben unter allen verbrecherischen Regimen gegen dieses gekämpft, sich in diesem eingerichtet, Menschen beschützt, unter Folter verraten (auch ohne Folter und Androhung von Gewalt oder Tod), sie sind ambivalent.

Klaus Manns Roman zeigt, wozu Menschen fähig sind und genau auch deren Ambivalenz. Er zeigt die Anfänge der Diktatur des Nationalsozialismus aus einer ganz bestimmten Richtung, der des Theaters. Ob Klaus Mann diesen im Wissen von 1945 ebenso geschrieben hätte? Die Frage ist müßig.

 * * *




Quelle: Wikipedia
Die Kinder von Thomas und Katia Mann hatten es im Schatten ihres Vaters und ihres Onkels Heinrich nicht unbedingt leicht. Schwester Monika (Schriftstellerin) und Bruder Golo (Historiker) gelten sogar als "ungeliebte Kinder".[17]
Die ältesten Geschwister Klaus (oben rechts) und Erika (links) waren dem großen Vater lieber. Klaus plagte schon lange eine Art Todessehnsucht: Onkel Heinrich meinte, er sei "von dieser Epoche getötet wurden" und Vater Thomas  bezeichnete ihn als "Opfer der Zeit in hohem Grade." [18]




DNB / RoRoRo / Reinbek bei Hamburg 18.2013 / ISBN: 978-3-499-22748-6 / 415 Seiten
Mephisto bei RoRoRo
Klaus Mann bei RoRoRo



© KaratekaDD

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[1] Goethe J.W.v.: Faust I, Reclam 1980, Seite 46  
[2] Eigene Interpretation. Im Film studiert Höfgen mit dem jungen Miklas, einem ihm ablehnend gegenüberstehenden Nationalsozialisten den Faust ein, Miklas spielt den Schüler.  
[3] Goehte, J.W.v.: Faust I, Seite 61  
[4] Mann, K.: Rowohlt. 18. Auflage 2013, Seite 390  
[5] Zitiert aus Töteberg, Michael: Nachwort zu Mephisto, Roman einer Karriere, Seite 402  
[6] Vgl. ebenda, Seite 397  
[7] Vgl. ebenda, Seite 402  
[8] Eine Auflistung der handelnden Personen und ihres Romancharakters sowie dem Bezug auf reale Personen findet man unter wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mephisto_%28Roman%29  
[9] Rolf Hoppe spielte auch den Gauleiter Julius Streicher in Comedian Harmonists, und den Altnazi Lentz im Satirefilm Schtonk! aus dem Jahre 1992  
[10] Vgl. Töteberg: Nachwort, Seite 410  
[11] Reich-Ranicki, Marcel: Das Duell der Toten (18.03.1966) In: http://www.zeit.de/1966/12/das-duell-der-toten/komplettansicht?print=true  
[12] Vgl. ebenda  
[13] Vgl. Töteberg, Seite 414  
[14] Vgl. Reich-Ranicki, a.a.O.  
[15] Vgl. Ebenda
[16] links Brandauer (Quelle), Mitte Wikipedia, rechts Gründgens Filmarchiv
[17] vgl. wikipedia Artikel zu Monika Mann
[18] vgl. wikipedia Artikel zu Klaus Mann


Sonntag, 19. Juli 2015

Morland, Isabel: An den Rändern der Nacht


Eine junge Frau leidet an Gedächtnisverlust, spontan und aus der Not geboren nennt sie sich „Audrey Lafayette“. Verloren und von Angst getrieben, irrt sie durch Paris, ehe sie dank eines Zufalls eine Stelle als Hausmädchen in einer Botschaft ergattert. Für Audrey ist dies die Chance auf einen Neuanfang. Schon bald zieht sie die Aufmerksamkeit von gleich zwei jungen Männern auf sich, doch die behütete Atmophäre in ihrem neuen Zuhause trügt. Audrey ahnt nicht im Geringsten, dass jeder in dieser Botschaft ein falsches Spiel treibt, und nichts so ist, wie es scheint. Denn durch ihre Ankunft gerät eine sorgsam vorbereitete Intrige ins Wanken. Ihre Verletzlichkeit, ihre Attraktivität bringen sowohl Luc, der für den französischen Geheimdienst arbeitet, ebenso wie Philippe, der als Mitglied der korsischen Mafia auf den Botschafter angesetzt ist, dazu, ihre Aufträge zu vernachlässigen. Zunächst kann sie sich nicht zwischen den beiden Männern entscheiden, doch als sie mit Luc eine leidenschaftliche Liebesnacht verbringt, eskaliert das fragile Gefüge in der Botschaft. Audrey befindet sich unversehens in einem mörderischen Intrigenspiel, in dem sie nicht einmal sich selbst vertrauen kann. Denn immer noch weiß sie nicht, warum sie ihr Gedächtnis verloren hat. Doch eine dunkle Ahnung keimt in ihr … 



  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1404 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 282 Seiten
  • Verlag: Edel:eBooks (30. April 2015)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00W1ULUA6









  
 





Hiermit danke ich 'Blogg dein Buch' sowie dem Verlag EDEL : eBOOKS für die Möglichkeit, dieses Buch lesen zu dürfen
Edel:eBooks









VERGESSEN...




Stell dir vor, du fährst in einem Zug, du weißt er bringt dich von Frankfurt nach Paris, du weißt, du bist eine Frau. Aber sonst weißt du nichts. Gar nichts. Nicht, wer du bist, nicht warum du in diesem Zug sitzt, nicht, was geschah.


"Es war wie sterben, dachte sie, nur rückwärts. Sie atmete, schmeckte den Schweiß auf ihren Lippen, spürte die Zugluft auf ihrer Haut. Sie konnte denken, konnte ihre Verzweiflung und ihre Panik spüren. Konnte sehr wohl begreifen, in welch schlimmer Situation sie steckte. Aber erinnern konnte sie sich nicht."


Verwirrt und verängstigt irrt die Frau nach ihrer Ankunft durch Paris, traut sich nicht, ihre Handtasche zu öffnen mit den Initialen A. L., zu groß die Angst vor den Erinnerungen, die dann vielleicht zurückkommen könnten.


"Ihre Finger glitten über die Tasche. A. L. ... Wer verbarg sich hinter diesen Buchstaben? Ein netter Mensch mit einem schüchternen, zurückhaltenden Wesen? Eine egomanische Karrierefrau, die von einem Termin zum nächsten heizte? Eine treu sorgende Gattin, liebevolle Mutter und Schwester? Eine nymphomanische Schlampe, eine Psychopathin, eine Verbrecherin? All das konnte sie sein. All das und nichts zugleich."


Und kurz bevor sie dazu doch den Mut aufbringen kann - wird ihr die Handtasche gestohlen. Die einzige Chance, herauszufinden wer sie ist - weg.
Doch kurz bevor die Verzweiflung sie vollends überrollt, lernt sie zufällig eine ziemlich kleine, ziemlich temperamentvolle Frau mit schwarzem Hut und knallrotem Lippenstift kennen. Die Ehefrau des venezuelanischen Botschafters, Mercedes Rodriguez, sucht zufällig sehr dringend ein Hausmädchen, und als sich herausstellt, dass die namenlose Deutsche neben Französisch auch fließend Spanisch spricht, ist sie auch schon angestellt.


" 'Sagen Sie, meine Liebe, wie heißen Sie eigentlich?' - Wie heißen Sie... Die Wände um sie herum begannen sich zu drehen. Verzweifelt versuchte sie, ihren Blick auf einen festen Punkt im Raum zu konzentrieren. - 'Liebchen, Sie müssen doch einen Namen haben. Wie heißen Sie denn?' "


Einer spontanen Eingebung folgend, nennt sich die junge Frau ihren Initialen gemäß nun Audrey Lafayette. Sie kann gleich ihren Dienst im Haushalt des venezualischen Botschafters antreten und so erst einmal zur Ruhe kommen. Vielleicht stellen sich die Erinnerungen dann ja allmählich wieder ein?
Doch zur Ruhe kommt Audrey nicht wirklich. Neben ihr arbeitet noch Philippe in Diensten des Botschafters - angestellt als Hausdiener und Chauffeur, doch der Botschafter hat noch ganz andere Aufträge an den Mann, der in Wirklichkeit der korsichen Mafia angehört. Und in dem Haus wohnt auch noch Luc, ein smarter, gutaussehender Mann, der ein auffallendes Interesse an Audrey zeigt - doch auch dies mit einem Hintergedanken: er spürt, dass Audrey ein Geheimnis verbirgt, und er arbeitet in Wirklichkeit undercover für den französischen Geheimdienst, der den venezualischen Botschafter beschattet.

Ein verwirrendes Knäuel aus Geheimnissen und aufkeimenden Gefühlen - in dieser Mischung versucht Audrey herauszufinden, wer sie ist und was geschah. Luc und Philippe sind beide wider Willen hingerissen von der geheimnisvollen Deutschen und müssen achtgeben, ihren eigentlichen Auftrag dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Doch die Luft beginnt zu knistern, und da fällt es zunehmend schwer, bei der Sache zu bleiben...


"Abertausend Jahre Zeit - Fassen nicht - Die kleine Sekunde Ewigkeit - Da ich dich küsste (Jacques Prévert)"



Jedem der 21 Kapitel ist ein Zitat vorangestellt, was mir persönlich sehr gefallen hat. Der Schreibstil ist angenehm flüssig zu lesen, und durch die verzweifelte Situation Audreys konnte mich die Geschichte von Anfang an fesseln. Isabel Morland ist es gelungen, mehrere spannende Erzählstränge nebeneinanderher zu entwickeln und sie zunehmend miteinander zu einem komplexen Ganzen zu verflechten. Und auch wenn sich die Vergangenheit Audreys häppchenweise entpuppt, bleibt es in der Gegenwart spannend genug. Das Knistern zwischen den Charakteren ebenso wie das Geschehen um Mafia und Geheimdienst, in das Audrey zunehmend hineingezogen wird. Und spannend auch die Frage nach der Zukunft - kann es angesichts der Ereignisse eine Perspektive geben für Audrey?

Ein wenig klischeehafte aber gut ausgearbeitete Charaktere bietet Isabel Morland hier in ihrem Debüt. Und auch wenn es sich hier um einen Romantik-Thriller handelt, nehmen die erotischen Szenen nicht überhand, was mir sehr entgegen kam. Die Autorin hat hier in meinen Augen ein gutes Gleichgewicht gefunden.

Schön fand ich auch manche Szenen, die geradezu poetisch anmuteten:


"... ließ die Hand mit der Tasse sinken und lauschte. Chopins Nocturne Opus 9, Nr. 2... Schwermütig, sehnsüchtig, sich selbst verzehrend, schwebten die Töne durch die Luft, perlten wie Champagner in die leeren Sektflöten und füllten sie mit schmerzlicher Melancholie."



 


Wer einem Schuss Romantik in einem Thriller nicht abgeneigt ist, dem sei hier eine klare Empfehlung gegeben. Mich konnte das Debüt Isabel Morlands jedenfalls überzeugen, und gerne halte ich Ausschau nach weiteren Büchern dieser Autorin!


© Parden
























Isabel Morland wurde in Deutschland geboren. Sie stammt aus einer Familie mit ausgepägtem Hang zur Literatur. Einen Teil ihres Lebens verbrachte sie in Paris, gefolgt von mehreren Aufenthalten in Großbritannien, das sie bis in die hintersten Winkel Schottlands bereiste. Heute lebt sie mit ihrer Familie und zwei Hunden in Süddeutschland. Ihre Leidenschaft gilt dem Schreiben.
Zur Website von Isabel Morland
 ►  Quelle Text und Bild

Freitag, 17. Juli 2015

Wenn Kunst berührt - Augenblicke...

Ein Zufallsfund, der zeigt, dass auch Kunst berühren kann - auch und gerade den Künstler selbst...





BRIGITTE schreibt dazu:

Bei ihrer Performance "The Artist is Present" blickte die serbische Künstlerin Marina Abramović 1565 fremden Menschen in die Augen. Drei Monate lang saß sie reglos und schweigend im Atrium des New Yorker "Museum of Modern Art" an einem Tisch - ihr gegenüber ein Stuhl, auf dem Besucher Platz nahmen. Darunter Stars wie Sharon Stone, Tilda Swinton und Björk. 

So viele Stunden in die Augen fremder Menschen vertieft zu sein, ist eine extreme Erfahrung. Aber nur bei einer einzigen Person wurde Abramović von ihren Gefühlen überwältigt: Es war der Künstler Ulay, der sie mit seiner Teilnahme überraschte.






Mit Ulay hatte Abramović in den 70er Jahren eine Liebesbeziehung. Das Künstler-Paar lebte nomadisch in einem VW-Bus mit Aborigines und Tibetern und arbeitete auch zusammen.
Nicht nur ihr Leben, auch ihre Trennung inszenierten die beiden auf ganz besondere Weise: Drei Monate lang gingen sie sich auf der Chinesischen Mauer entgegen, um sich in der Mitte zu treffen und ein letztes Mal zu umarmen. 

Die Begegnung im "MoMa" war das erste Wiedersehen nach der Umarmung vor mehr als 20 Jahren. Sie zeigt: Egal, wie wir zu unseren verflossen Lieben stehen mögen - sie berühren uns für immer.


Montag, 13. Juli 2015

Schonhöft, Michaela: Kindheiten - Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden

Michaela Schonhöft hat viele Länder bereist und mit Eltern rund um den Globus gesprochen. Ihr Fazit: Den Kindern und ihren Eltern geht es umso besser, je weniger Erwartungen auf ihnen lasten – Liebe und ­Gelassenheit sind immer noch die besten Voraussetzungen für glückliche Kinder.





  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Verlag: Pattloch (2. September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3629130372
  • ISBN-13: 978-3629130372




















 MAMA, WO WOHNT DAS GLÜCK?





Afrikanische Babys schreien viel weniger als deutsche; in japanischen Kitas fühlen sich die Kleinen viel wohler als in unseren; in Finnland leistet die Schul-Ambulanz erste Hilfe bei mangelndem Lernerfolg - es gibt noch viel mehr Beispiele gelingender Kindererziehung auf dieser Welt! Michaela Schonhöft war in Südostasien und Südamerika, in Skandinavien und Frankreich und anderswo und hat mit Eltern rund um den Globus gesprochen. Können es die anderen besser?


Mama, wo wohnt das Glück?


Diese Frage der zweieinhalbjährigen Tochter der Autorin stellt schon den Dreh- und Angelpunkt dieses Buches heraus. Denn Glück als das wesentliche Erziehungsziel - darauf können Eltern sich weltweit über alle Sprachen, Kontinente und Kulturen verständigen. Doch wie das Glück zu definieren und zu erreichen ist, darüber haben sie alle sehr unterschiedliche Ansichten.

Ein interessantes und gut recherchiertes Buch bietet Michaela Schonhöft hier, das Einblicke in die Kindheiten quer über den Globus vermittelt. Teilweise beruhen die Erkenntnisse auf eigenen Beobachtungen der Autorin durch Reisen in die verschiedensten Länder der Welt, teilweise beruft sie sich in ihren Ausfürungen aber auch auf Sekundärquellen wie Studien, Ratgeber und auch Medien.

Angefangen bei der Schwangerschaft bis hin ins Erwachsenenalter präsentiert die Autorin die landestypischen Unterschiede. In China beispielsweise schicken viele Eltern ihre Kinder gleich in zwei Kindergärten - morgens in den 'normalen', nachmittags in den englischsprachigen. In den Niederlanden sind Überstunden nahezu verpönt - die arbeitsfreie Zeit gehört der Familie und damit den Kindern. Und in Deutschland ist es wichtig, dass Kinder sich von klein auf an Regeln und Grenzen halten.
Aber auch das Heranwachsen der Jugendlichen ist erstaunlich unterschiedlich. Klar, die Kindheit endet nicht plötzlich - aber wie verschieden der Umgang mit der Pubertät sein kann, ist schon verblüffend. Dabei kristallisieren sich bei allen Unterschieden jedoch auch Gemeinsamkeiten heraus. So liegt beispielsweise dem oftmals nicht nachvollziehbaren Verhalten der Jugendlichen das dringende Bedürfnis zugrunde, sich zu bewähren. Statt von der Gesellschaft Mutproben gestellt zu bekommen (wie das Erlegen eines wilden Tieres) denken sich hierzulande die Jugendlichen eigene Bewährungsmöglichkeiten aus (wie der Diebstahl im Kaufhaus). In jedem Fall ein interessanter Gedankengang.


Kindern geht es dort am besten, wo Erziehung als gemeinschaftliche Aufgabe betrachtet wird.


Manches gerät hier in der Darstellung etwas wissenschaftlich-trocken, das meiste jedoch ist gut verständlich präsentiert und verschafft dem Leser einen wirklich guten Überblick über die kulturellen Unterschiede in der Kindererziehung. Damit ist das Buch in jedem Fall geeignet, um eigene und gesellschaftliche Werte gelegentlich doch einmal zu überdenken...

Vielleicht kommen wir so ja dem Glück ein Stück näher?


© Parden













Michaela Schonhöft

Michaela Schonhöft über die Recherche zu ihrem Buch Kindheiten

Die Autorin im Interview

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Für Ihr Buch haben Sie rund um den Globus recherchiert. Wie lange haben Sie daran gearbeitet und wie konnten Sie die Arbeit und die Reisen mit der eigenen Familie vereinbaren?
Das Buch war ein Herzensprojekt. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Die Idee dazu entstand auf einer mehrmonatigen Reise durch Thailand. Meine kleinste Tochter war damals noch ein Baby, die ältere 2einhalb Jahre alt. Wir hatten eine Auszeit vom Job genommen. Und so waren die ersten, wichtigen Recherchen sehr gut mit Familiendingen zu vereinbaren. Wir sind begeisternde Reisende. Die Arbeit zu dem Buch konnte ich also prima mit unserer Leidenschaft verbinden. Ich habe zudem viele Kontakte aus dem Ausland aktiviert, die ich geknüpft hatte, bevor die Kinder auf die Welt kamen. Ich habe eine Weile in den Niederlanden, in den USA und Südamerika gelebt, bin viel in Asien und Afrika gereist.

Welche Geschichten oder Gespräche haben Sie ganz besonders berührt? Was sind die größten Herausforderungen für Kinder und Eltern, die Ihnen begegnet sind, und wie kann man helfen?
Sehr emotional, egal auf welchem Kontinent, wird das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ diskutiert. Das beschäftigt alle Eltern, natürlich vor allem die Mütter, ob in Nigeria, Südafrika, Singapur, Japan, den USA, Frankreich oder eben Deutschland. In Asien arbeiten viele Mütter auf selbständiger Basis, da ihnen der Arbeitsmarkt oft keine andere Chance lässt, Kinder zu versorgen und einen Job zu haben. Japanische Mütter erzählten mir verzweifelt, wie schwierig die Work-Life-Balance für Familien ist. Arbeitgeber legen ihnen nach der Geburt der Kinder alle möglichen Steine in den Weg. Eine Präsenzkultur in den Unternehmen, wenig flexible Arbeitszeiten und lange Pendelzeiten machen es zusätzlich schwer. In vielen Ländern, auch in Indien, ganz besonders in Nigeria, fehlen Kindergärten und Horte. Dort können sich Frauen zum Glück noch häufig auf ein enges verwandtschaftliches Netz verlassen. Oft springen Oma oder die Tante bei der Betreuung der Kinder ein. Doch das wird auch in Indien zunehmend schwieriger, weil viele Großfamilien nicht mehr an einem Ort leben. Abgesehen von den skandinavischen Ländern, Frankreich und den Niederlanden, ist weltweit die Klage über mangelnde Betreuungsmöglichkeiten groß. In Indien gibt es zwar schon sehr viele Initiativen, die zum Beispiel Wanderarbeiter-Familien auf Baustellen mit mobilen Kindergärten unterstützen. Und natürlich tut sich auch in Deutschland einiges in Sachen Krippenausbau. Doch da muss noch viel investiert und diskutiert werden. Schließlich geht es um das Glück unserer Kinder.
Helfen kann man auf vielfältige Weise. Es gibt viele tolle Organisationen, die sich um Kinder und Kinderbetreuung in Entwicklungsländern kümmern, terre des hommes zum Beispiel. Hier in Deutschland ist es sicherlich im eigenen Umfeld möglich und sehr sinnvoll Hilfe anzubieten. Viele Alleinerziehende sind sehr froh, wenn ihnen mal jemand das Kind abnimmt, wenn es auch nur zum gemeinsamen Spielnachmittag mit dem Kindergartenkumpel ist. Wer keine Verwandten in der Nähe hat, kann sich seinen eigenen Ersatzklan schaffen und sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung unterstützen. Aber eine vernünftige und gute öffentliche Betreuung kann das natürlich nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Gibt es einen Punkt, bei dem sich alle Kulturen einig sind, was wichtig für ein Kind ist? Oder gibt es so etwas wie einen Trend?
Die Erziehungsziele in den Kulturen sind doch schon sehr verschieden, da die Heranwachsenden ja später sehr unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen haben. In einem Dorf in Kamerun sind soziale Kompetenzen überlebenswichtig. Es gibt kein staatliches Auffangnetz. Das muss der Klan, die Dorfgemeinschaft erledigen. Deshalb verscherzt man es sich besser nicht mit den Nachbarn, man könnte sie noch gebrauchen und umgekehrt. Im Milliardenvolk China ist der Konkurrenzdruck so groß, das schulische Prüfungswesen so hart, dass Eltern natürlich darauf achten müssen, dass ihre Kinder in der Schule möglichst nicht versagen. Sie wissen, dass sich die Paukerei für eine gute Zukunft sehr lohnen kann. Und das gilt für die gesamte Familie. In vielen westlichen Kulturen, in denen die Menschen sehr individualistisch leben, achten Eltern sehr auf frühe Selbständigkeit. Kinder sollen lernen, auch alleine klarzukommen. Das macht ja auch bis zu einem gewissen Grad Sinn. Wir sind in dieser Gesellschaft in der Tat oft auf uns allein gestellt. Aber dieser Trend geht vielleicht doch ein wenig zu weit. Es ist doch ein Trugschluss sich darauf zu verlassen, dass man es schon alleine schafft. Die Realität sieht anders aus. Wir brauchen Beziehungen und Netzwerke.
In einem sind sich die Kulturen weltweit einig: Sie wollen für ihre Kinder vor allem ein zufriedenes Leben, und das geben fast alle Eltern weit vor dem Bedürfnis nach materiellem Wohlstand an, natürlich nur, wenn sie nicht ums Überleben kämpfen müssen.

Was läuft in Deutschland gut, wo haben wir noch Nachholbedarf und könnten uns etwas aus anderen Ländern abschauen? Was sollten wir zum Wohl der Kinder ändern?
Deutschland gibt sehr viel Geld für Familienförderung aus. Das ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Das Geld wird allerdings schlecht verteilt. Darauf weisen immer wieder neue Studien hin. Es sollte vermehrt in qualitativ wertvolle Betreuung und Förderung für lernschwache Kinder investiert werden. Es wird noch viel zu wenig auf Qualitätsstandards in Kindergärten, Krippen und Horten geachtet. Dabei gibt es einen solch großen Erfahrungsschatz aus dem Ausland. Viele Eltern in Deutschland haben zudem das Gefühl, Kinder sind in Deutschland nicht willkommen. Das ist natürlich nur eine Verallgemeinerung, beschreibt jedoch eine Tendenz. Kinder sollen sich möglichst nur an den für sie vorgesehen Orten aufhalten. Aus Sicherheitsgründen ist das natürlich oft angesagt. Aber Kinder sind inzwischen vielerorts einfach unerwünscht, ob in Restaurants oder in Saunen etc… Sie haben sich möglichst ruhig zu verhalten. In Italien dagegen stört sich kaum jemand an lärmenden Kindern, man erfreut sich an ihnen. Das gilt für viele andere Länder ebenso.
Gerade Mütter haben in Deutschland sehr hohe Ansprüche an sich. Sie wollen perfekte Mütter, perfekte Berufstätige, perfekte Ehefrauen sein. Das geht oft weiter über die Belastungsgrenzen hinaus. Hierzulande haben Frauen ganz besonders den Anspruch alles selbst zu stemmen. Sie geben ungern Verantwortung ab, das wird leider auch häufig von ihnen erwartet. Das Bedürfnis Erziehung, Fürsorge für Kinder auf mehrere Schultern zu verteilen, könnte ausgeprägter sein. Es fehlen natürlich auch deutschlandweit noch die Strukturen dafür.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Ihre Recherchen Sie als Mutter lässiger und weitsichtiger gemacht haben. Inwiefern denken Sie, das Reisen und eine internationale Erziehung für Kinder wichtig sind?
Kinder lernen auf Reisen, unter welch unterschiedlichen Bedingungen andere Kinder aufwachsen. Sie lernen auch zu erfahren, dass Menschen andere Traditionen, andere Werte pflegen und das diese ihre Berechtigung haben. Sie lernen auch, was es heißt, eine Sprache nicht zu verstehen und sind deshalb vielleicht ein wenig verständnisvoller, wenn sie im Kindergarten oder der Schule auf ein Kind treffen, dass sich mit dem Deutschen noch ein wenig schwertut.
Die Recherchen haben mir geholfen, wesentlich entspannter mit Erziehungsdoktrinen umzugehen. Ich kann das ein wenig mehr aus der Vogelperspektive betrachten. Es ist wichtig, sich mit möglichst vielen Eltern, möglichst auch aus anderen Kulturen über Kindheit und Erziehung auszutauschen. Es gibt ja nicht nur den eigenen Weg, man lernt nie aus.

Was würden Sie aus dem gesammelten „Weltwissen der Kindererziehung” gern übertragen in Ihr eigenes Familienleben?
Vor allem Geduld! Ich habe mit sehr vielen Eltern in Ostasien gesprochen. Mich hat beeindruckt, wie entspannt viele von ihnen mit ihren kleinen Kindern umgehen, dass sie sehr viel durchgehen lassen, zwar „dranbleiben“, aber nicht ständig mit Konsequenz oder gar Strafen drohen. Man verlangt kleinen Kindern noch kein großes Verständnis ab, versucht ihnen stattdessen ein gutes Vorbild zu sein, sie immer wieder sanft auf sozial akzeptables Benehmen hinzuweisen. Für sehr nachahmenswert halte ich, wie selbstverständlich sich niederländische Familien Zeit für ihre Kinder nehmen, auch wenn dort die Zeiten schwieriger werden. „Feierabend ist Feierabend“, sagt sich dort ein Großteil der Arbeitnehmer, und das gilt auch für die Väter. Den Familien ist sehr wohl bewusst, wie wichtig Zeit für die Familie ist. Wir versuchen inzwischen ebenfalls mindestens einmal am Tag, meistens abends, zusammen zu essen. Ich lebe ja in einer Patchwork-Familie, mein Mann, ich, zwei Teenager, zwei Kleinkinder. Da entstehen schnell Konflikte, und gemeinsame Familienzeit ist unheimlich wichtig, um diese nicht einfach unter den Tisch zu kehren oder gar eskalieren zu lassen.


 






Michaela Schonhöft, geboren 1973, studierte Sozialwissenschaften und arbeitete als Reporterin für verschiedene Fernsehsender und Zeitungen. Sie berichtete unter anderem aus Südamerika und den USA. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrem Mann und vier Kindern in Berlin. Quelle Text und Bild