Sonntag, 15. Oktober 2017

Dörte Hansen: Altes Land


Mit ihrem ersten Roman Altes Land gelang es der norddeutschen Autorin Dörte Hansen auf Anhieb, sich in die Herzen ihrer Leser zu schreiben. 
Das Buch geriet auf Anhieb zum Bestseller, und dies ganz zu recht, wie ich meine. 
Zugegeben: Das Buch stand ziemlich lange, einige Monate nämlich, in meinem Bücherregal und wartete zwischen etlichen anderen Neuerwerbungen darauf, endlich gelesen zu werden.
Manche Dinge brauchen eben Zeit.
Und manche Bücher muss man lesen, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, nämlich wenn man sowohl die Zeit und Muße als auch die innere Aufgeräumtheit dafür hat.
Jedenfalls ist das bei mir so.

Dann hole ich meine  noch ungelesenen Bücher (oder zumindest einen Teil davon) aus dem Regal und lege sie vor mich hin auf den Tisch, blättere mal in diesem, mal in jenem und lese ein paar Zeilen, wie sie mir beim zufälligen Aufschlagen der Seiten in die Augen springen.
Dieses Ritual vor dem Beginn einer neuen Lektüre ist mir wichtig und weckte in mir die Lust darauf, gerade dieses Buch genau jetzt lesen zu wollen:
Altes Land.
Der Titel lässt mich eine alte deutsche Kulturlandschaft, an Obstbäume mit Steinobst, an alte, duftende Apfelsorten und dergleichen denken. 
Dörte Hansen beschreibt die Landschaft, aber mehr noch die Menschen auf eine Art und Weise, die mich sofort, von der ersten Seite an, in ihren Bann gezogen hat:





"In manchen Nächten, wenn der Sturm von Westen kam, stöhnte das Haus wie ein Schiff, das in schwerer See hin- und hergeworfen wurde. 
 Kreischend verbissen  sich die Böen in den alten 
 Mauern.
 So klingen Hexen, wenn sie brennen, dachte Vera,  
 oder Kinder, wenn sie sich die Finger klemmen".

Dies sind die ersten sechs Zeilen des Buches.
Und sind sie nicht schön?

Dörte Hansen gelingt etwas, was nur wenige Autoren schaffen:
Sie bezaubert mit ihrer Sprache und mit ihrem schnörkellosen, oft mit typisch norddeutsch - trockenem Humor gewürzten Schreibstil, der gleichzeitig so großartige Sätze hervorbringt wie die oben zitierten Zeilen. 

Die unterschiedlichen Charaktere und deren Schicksale beschreibt die Autorin mit Herz und frei von Sentimentalitäten, aber immer mit treffender Sprache und so originell, dass man gar nicht aufhören möchte zu lesen. Mal mit spöttischem Humor, mal mit beißenden Spott, aber immer mit innerer Anteilnahme, springt sie jeweils von diesem zu jenem Charakter, erzählt uns deren Geschichten, die alle miteinander verwoben sind. 
Sie charakterisiert dabei zutreffend und erweist sich als scharfe Beobachterin: Manchen ihrer Typen hat man, der Gedanke kommt einem zwangsläufig, doch auch schon mal "in Echt" getroffen, oder nicht?! 


Dabei ist die Geschichte eigentlich eher tragisch als lustig: 

Seit mehr als sechzig Jahren lebt Vera Eckhoff im Alten Land, ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, das niemals richtig angekommen ist. Bis eines Tages wieder zwei Flüchtende vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon … Das Überraschungsdebüt des Frühjahrs!
Altes Land erzählt in einer knorrigen Atmosphäre und mit trockenem Humor vom Kampf zweier Frauen mit ihrer Vergangenheit, die drei Generationen hat erstarren lassen. Von einer Romantisierung des Landlebens keine Spur. Und als Vera und Anne beginnen, das Haus wieder in Stand zu setzen, entwickeln die unangepassten Frauen eine neue Kraft, die alles in Bewegung bringt.... (Büchergilde Gutenberg)


Die Autorin:

Dörte Hansen wuchs in Högel im Amt Mittleres Nordfriesland auf, gesprochen wurde zuhause plattdeutsch. Ihre „erste Fremdsprache“ Hochdeutsch lernte sie in der Grundschule.
Nach dem Abitur 1984 studierte sie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Linguistik, Anglistik, Romanistik und Frisistik. 1994 wurde Hansen an der Universität Hamburg mit einer soziolinguistischen Arbeit über eine besondere Form der Zweisprachigkeit promoviert.
Dörte Hansen-Jaax lebte seit 2005 mit ihrer Familie in Steinkirchen (Altes Land)und seit 2016 wieder in Husum.

Nach einem Praktikum beim Magazin Merian arbeitete sie bis 2008 als Journalistin für mehrere Hörfunksender (NDR, WDR, SWR, hr, DLF) und verschiedene Zeitschriften, bis 2012 dann als festangestellte Kulturredakteurin bei NDR Info. Seither ist sie als freie Autorin tätig.

In ihrem ersten Roman Altes Land (2015) verarbeitete Dörte Hansen kritisch das Thema Heimat: Viele Stadtmenschen entdeckten für sich das Land als Sehnsuchtsort Heimat und zögen aufs Dorf. Sie unterlägen dabei ihrer Ansicht nach jedoch einem Irrtum, denn sie spielten nur Landleben, machten „Bauerntheater“. Diese Thematik verknüpft sie mit dem Schicksal der weiblichen Hauptfigur als heimatloser Nachkriegsflüchtling aus Ostpreußen im Alten Land. Das Buch wurde ein Bestseller und von den meisten Kritikern gelobt.

(Quelle: Wikipdia)


Dörte Hansen: Altes Land
Roman
Schutzumschlag, Lesebändchen,
Leinen, Umschlaggestaltung Franziska Neubert,
288 Seiten.

Erschienen als Lizenzausgabe bei Büchergilde Gutenberg
Preis für Mitglieder 17,95 €
Originalverlagspreis 19,99 €

DNB

Eine Rezension von TinSoldier

Samstag, 14. Oktober 2017

Scheer, Robert: Pici - Erinnerungen an die Ghettos...


2014 reist der wahldeutsche Autor Robert Scheer nach Israel, um dort seine Großmutter Elisabeth Scheer, genannt Pici, über ihre Kindheit und Jugend zu befragen. Pici feiert in dem Jahr ihren 90. Geburtstag. Ihrem Enkel gegenüber gibt Pici Auskunft, wie sich in den 1940er Jahren durch den Nationalsozialismus die Lage für die jüdische Bevölkerung in Ungarn verschlechterte. Sie berichtet über ihre furchtbaren Erlebnisse in den Ghettos Carei und Satu Mare, im Konzentrationslager Auschwitz, im berüchtigten Außenlager Walldorf, im Konzentrationslager Ravensbrück und im mecklenburgischen Rechlin, bis sie 1945 im mecklenburgischen Malchow befreit wurde. Pici`s Eltern, ihre Schwestern, ihr Bruder, ihr Schwager und ihre kleine Nichte wurden im Holocaust ermordet.    

Pici`s detailreichen Erinnerungen machen es den Leserinnen und Lesern leicht, sich das Leben in der damaligen Zeit vorzustellen, in der es Alltag und Familie gab, später dann Unmenschlichkeit und Vernichtung und nur vereinzelt auch Mitgefühl und Solidarität. 2015 stirbt sie mit 91 Jahren.



(Klappentext Marta Press)


  • Taschenbuch: 228 Seiten
  • Verlag: Marta Press UG (haftungsbeschränkt) (11. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3944442407
  • ISBN-13: 978-3944442402








Ich danke dem Autor Robert Scheer ganz herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!








EIN PERSÖNLICHES MAHNMAL...


Robert Scheer liebte seine Großmutter. Dies ist an und für sich nichts Besonderes, doch eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Autor überhaupt gibt. Denn eigentlich hätte seine Großmutter Pici nicht überleben, nicht heiraten und keine Familie gründen dürfen. Denn dies war der Plan von Hitler und seinen Schergen. Doch als einzige ihrer weitverzweigten jüdischen Familie überlebte Pici ("die Kleine") seinerzeit die Gräuel des Holocaust.


"Die Weisen sagen, das Ziel des Lebens sei das Leben selbst. Dem folgend habe ich das Ziel erreicht. Denn ich lebe noch." (S. 56)


Zum 90. Geburtstag seiner Großmutter beschloss Robert Scheer, diese nach ihren Erlebnissen zu befragen, damit ihr Zeugnis bewahrt bleibt. Und wo Pici jahrzehntelang geschwiegen hat, öffnete sie sich ihrem Enkel gegenüber und gab Auskunft über helle und dunkle Jahre ihrer Vergangenheit.

Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen von Picis Familie und ihrer Kindheit in Rumänien. Dort wohnte die Familie ungarischer Juden und lebte vom Holzhandel des Vaters. Arm, kinderreich, aber zufrieden, so wie viele andere Menschen der kleinen rumänischen Stadt auch. Als etwas langatmig habe ich diese Schilderungen zeitweise empfunden, aber andererseits als durchaus legitim - holte sich Pici auf diese Art noch einmal alle Mitglieder iher großen Familie in ihre Erinnerung zurück, alle in den Jahren des Holocaust ums Leben gekommen.

Die schlimmen Erlebnisse Picis nach dem Verlust ihrer Heimat in den 40er Jahren nach der Machtergreifung Hitlers nehmen entsprechend etwa ein Drittel des Buches ein. Die Vertreibung ihrer Familie aus der kleinen rumänischen Stadt, die Erfahrungen im Ghetto, die Deportationen in verschiedene Konzentrationslager, die Kälte, die Hitze, der Hunger, die Unmenschlichkeit, die Angst, die Krankheiten, das Trauma, der Tod - Dinge, über die es sicher auch nach 70 Jahren noch schwerfallen dürfte zu sprechen.

Was mich bei der Lektüre verblüffte, waren die großen Erinnerungslücken Picis, die viele schreckliche Erlebnisse und Details ausgeblendet zu haben scheint.


"Und auch für die folgenden Zeiten gibt es solche kleinen Momente, die völlig in meinem Gedächtnis fehlen, aber nicht so, dass ich sie nach Jahren vergessen hatte, sondern so, als hätten sie nichts mit mir zu tun gehabt. Vielleicht, weil mein Verstand dies alles nicht nachvollziehen konnte und von sich wegschob..." (S. 90)


Entsprechend rudimentär erscheinen denn auch teilweise die Erinnerungen, Spotlights der Schrecken, wobei die Schilderungen selbst nahezu nüchtern erscheinen. Dennoch kommt das Grauen beim Leser an, die Bilder lassen sich ncht verdrängen, die Unfassbarkeit der Erinnerungen bricht sich Bahn. Zahlreiche in den Text integrierte Fotos (viele aus dem Privatbesitz des Autors) unterstreichen das Geschriebene, geben dem Erzählten ein Gesicht und verankern das Grauen in der Realität.

Der Schreibstil ist einfach, erinnert zeitweise an einen ungeübten Schulaufsatz. Doch vieles ist in wörtlicher Rede wiedergegeben und dokumentiert so eher das Gespräch zwischen dem Enkel und seiner Großmutter Pici als dass es literarisch aufgearbeitet ist. Dieses Stilmittel der wörtlichen Rede unterstreicht in meinen Augen die Authentizität der Erzählung.

Neben den bereits erwähnten Fotos gibt es - vor allem in dem vielseitigen Anhang - auch zahlreiche Kopien von alten Briefen, Dokumenten und Listen, die die Erinnerungen Picis in Raum und Zeit des Holocaust verankern. Hier hätte ich mir eine bessere Qualität der Darstellung gewünscht, denn viele der genannten Quellen waren durch eine blasse und verschwommene Kopie für mich tatsächlich kaum leserlich, was ich wirklich bedauerlich fand.

Robert Scheer hat mit diesem Buch nicht nur seiner geliebten Großmutter ein Denkmal gesetzt, sondern mit Picis Erinnerungen auch ein persönliches Mahnmal geschaffen. Ein Buch 'Gegen das Vergessen', das sehr persönliche Einblicke gewährt.


© Parden







Über den Autor:

Robert Scheer wurde 1973 in Rumänien geboren, seine Muttersprache ist Ungarisch, 1985 wanderte er mit seiner Familie nach Israel aus. Dort war er zuerst Rockmusiker, dann studierte er Philosophie in Haifa und Tübingen. Seit 2003 lebt Robert Scheer in Deutschland.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Lehr, Thomas: Größenwahn passt in die kleineste Hütte


Denken geht oft deutlich schneller, als man denkt. „Ich saß in einem Café und hörte plötzlich eine faszinierend sichere und dunkle Frauenstimme sagen: ‚Ach, ich habe gleich gewusst, der Stoff gibt etwas her.' Aber noch bevor ich mich umdrehen konnte, setzte sie hinzu: ‚Sie hat ein prima Hängekleid daraus gemacht.'“ Thomas Lehr, einer der klügsten Schriftsteller in Deutschland, ist bekannt geworden durch seine großen, oft umfangreichen Romane. Sein neues Buch macht kurzen Prozess mit der großen Form: Geschichten und Gedanken werden in die kürzestmögliche Fassung gebracht - wenn möglich, in Sätze, die komplette Romane ersetzen: „Sex wollen alle. Aber wer kann schon was damit anfangen?“

(Klappentext Hanser Literaturverlage)


  • Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (27. August 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446239839
  • ISBN-13: 978-3446239838











FÜR DIESES BUCH BIN ICH WOHL NICHT INTELLEKTUELL GENUG...



Thomas Lehr ist bekannt geworden durch seine großen, oft umfangreichen Romane und war gerade in letzter Zeit wieder in aller Munde, da wie schon andere seiner Werke zuvor auch sein neuester Roman 'Schlafende Sonne' auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Da dies keine Garantie für lesbare Literatur sein muss und die ersten Rezensionen zu dem Buch gar eher das Gegenteil vermuten ließen, beschloss ich, dem Autor lieber eine Chance mit einem deutlich schmaleren Werk zu geben, nämlich diesem hier.

Kein Roman erwartet den Leser hier, keine Novelle, keine Erzählung. Sinnsprüche und Aphorismen hat Thomas Lehr in diesem Büchlein versammelt, doch auch daraus lässt sich erlesen, wes Geistes Kind der Autor ist - oder ist das anmaßend? Das mag sein, doch habe ich hier zumindest einen Eindruck erhalten. Und der gefällt mir ehrlich gesagt nicht sonderlich.

Wo fange ich an? Am besten mit dem Positiven. Als ich es schon nicht mehr erwartete, gab es Passagen, in denen einige Aphorismen auftauchten, die ich wirklich originell, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend fand. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier mehr als einen Stern vergeben habe.

Aber ansonsten wirkte vieles - wie soll ich es wertfrei ausdrücken? Ich würde am liebsten schreiben: arrogant, überheblich, demonstrativ intellektuell, überbemüht witzig und deshalb eben gar nicht - aber das mache ich natürlich nicht. So sage ich einfach nur, dass vieles meinen Geschmack einfach nicht getroffen hat. Beispiel gefällig?


"Es wird so weit kommen, dass man an Gott glauben oder verliebt sein muss, ein Sadist sein oder ein Liebhaber bestimmter Klavierkonzerte, um eine Maschine ordnungsgemäß bedienen zu können. Der Ausbeutung von Intelligenz, die bald an ihr Ende gebracht ist, folgt zwangsläufig die technische Expropriation der Gefühle."


Was in meinen Augen jedoch noch schwerer wog, war das Gefühl der Überlegenheit und der Unfehlbarkeit des Autors, das für mich jedenfalls ständig zwischen den Zeilen mitschwang. Für mich erscheint Thomas Lehr dadurch als jemand, der aus seiner großen Intellektualität nicht nur keinen Hehl macht (soll er auch gar nicht), sondern der sich durch seine Art des Schreibens damit über eine Vielzahl von Menschen stellt, so z.B. auch über die meisten seiner Leser, aber vor allem auch über die sog. Kritiker. Die Anzahl der Aphorismen, die Lehr den wohl meist unfähigen und ungerechten Kritikern widmet, weist in meinen Augen jedenfalls auf eine enorme gekränkte Eitelkeit seinerseits hin, was bei mir einen deutlich schalen Nachgeschmack hinterließ.

Thomas Lehr ist sicher belesener und auch sicher intellektuell gebildeter als ich, das sei ihm auch zu gönnen. Doch kann er sich eben auch nicht auf die komplette Unbelesenheit seiner Leserschaft verlassen. Das kann dann eben auch dazu führen, dass der Leser den ein oder anderen Sinnspruch wiedererkennt, auch wenn er in dem Buch leicht verändert erscheint. Auch hierfür ein Beispiel:


"Schöne Frauen gehören immer den Phantasielosen. Denn diesen ist die Macht, sich nichts vorstellen zu können."


Dies schrieb Thomas Lehr in dieser Sammlung. Stellt man nun den Marcel Proust zuzuordnenden Aphorismus z.B. HIER gegenüber, so kommen mir irgendwie doch erhebliche Zweifel an der durchgehenden Originalität der Sinnsprüche Lehrs. Quellenangaben gibt es hier jedenfalls keine.

Um die Nerven des Autors und v.a. meine eigenen zu schonen, werde ich jedenfalls künftig darauf verzichten, jedwelches Werk von ihm zu lesen. Ansonsten liefe ich wohl Gefahr, ebenfalls mit einem Spruch Lehrs belegt zu werden:


"Was die Literatur anlangt, so eignet sich das Internet hauptsächlich als Ort der schrankenlosen Pöbelei und der aggressiven Einforderung von Niveaulosigkeit. Weshalb, fragt man sich verdutzt, geben sie denn gar nicht auf zu lesen? Es wäre so viel gesünder für sie."


Nein Danke, künftig ohne mich. Garantiert.


© Parden












Die Hanser Literaturverlage schreiben über den Autor:

Thomas Lehr, 1957 in Speyer geboren, lebt in Berlin. Bei Hanser erschienen u.a. September. Fata Morgana (Roman, 2010), Größenwahn passt in die kleinste Hütte (Kurze Prozesse, 2012), 42 (Roman, 2013), Zweiwasser (Roman, 2014), Nabokovs Katze (Roman, 2016) und Schlafende Sonne (Roman, 2017). Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2012 mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis und 2015 mit dem Joseph Breitbach-Preis.

übernommen von den Hanser Literaturverlagen

Montag, 9. Oktober 2017

Greene, Graham: Der dritte Mann



"Der dritte Mann"


Der Film



Szenenfoto: Orson Welles als Harry Lime




Graham Greene
Dieser Roman des englischen Autors Graham Greene (Originaltitel: The Third Man) ist ein Klassiker.


Orson Welles

Die Kriminalgeschichte spielt im Wien der Nachkriegsjahre und dürfte den meisten unter uns durch die unvergessliche Verfilmung aus dem Jahr 1949 mit Orson Welles, Joseph Cotten, Trevor Howard, Paul Hörbiger u.v.a. in Erinnerung sein.  










Spätestens beim Hören der bekannten, von Anton Karas auf der Zither eingespielten Filmmusik, werden sich auch manche jüngere Leser erinnert fühlen.



Anton Karas
1906 - 1985

Graham Greene schrieb sowohl das Drehbuch für den gleichnamigen Film als auch den Roman, der jedoch erst ein Jahr nach der Filmpremiere im Jahr 1950 erschienen ist.
Die Reihenfolge der Entstehung ist jedoch genau umgekehrt, wie uns der Autor in seinem Vorwort zum Roman wissen lässt:

"Es ist mir fast unmöglich, ein Drehbuch zu schreiben, ohne zunächst eine Erzählung zu schreiben...[ ] Deshalb musste Der dritte Mann, obwohl nie zur Veröffentlichung vorgesehen, vor jenen offenbar unendlichen Verwandlungen von einer Fassung zur nächsten als Erzählung beginnen..."

Roman und Drehbuch entstanden also nacheinander, und das Drehbuch erfuhr in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und dem Hautptdarsteller Orson Welles einige Veränderungen gegenüber der Romanvorlage: So wurde aus dem Briten Rollo Martins in der filmischen Umsetzung ein Amerikaner. Auch einige andere Details wurden verändert, insbesondere was das Ende betraf:
Im Roman marschieren Rollo Martins und Anna Schmidt nach der Beisetzung des Harry Lime Arm in Arm aus der Schlussszene, im Film geht sie an ihm vorüber, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen...
Man sieht somit, dass die kleinen Veränderungen wohl die filmischen Dramaturgie verstärken, aber nichts Grundlegendes an der Story verändern.



Das Buch




Die Büchergilde Gutenberg schreibt dazu:

"Wien 1945. Die Alliierten haben die Stadt besetzt; der Schwarzmarkt blüht. Der mittelmäßig erfolgreiche Schriftsteller Rollo Martins kommt auf Einladung seines Jugendfreundes Harry Lime in die Stadt – allerdings nur noch rechtzeitig zu Limes Bestattung. Angeblich kam dieser bei einem Autounfall ums Leben. Nachdem Martins vom Erzähler, dem britischen Major Calloway, verhört worden ist, kommen ihm Zweifel: War Harry Lime in Wahrheit der gewissenlose Kopf einer Schieberbande? Martins ermittelt auf eigene Faust. Dabei kreuzt immer wieder ein geheimnisvoller dritter Mann seine Wege.
Illustratorin Anna Siems setzt Greenes bekanntestes Buch eindrucksvoll in Szene. In ihren Sepia-Aquarellen werden Wahrzeichen und Untergrund der österreichischen Hauptstadt zur Kulisse eines düsteren Versteckspiels zwischen Licht und Schatten. Der dritte Mann ist ein beispielloses Zeitdokument der Nachkriegsgeschichte und verführt mit schwarzem Humor und erzählerischer Tiefe."
Die oben zitierte Buchbeschreibung der Büchergilde findet sich hier!


Meine wunderschöne Ausgabe dieses Klassikers ist also mal wieder eine (wie könnte es anders sein) aus der Büchergilde Gutenberg (in der Übersetzung von Nikolaus Stingl).
Die Ausgabe ist durchgehend mit zahlreichen, großformatigen Tuschezeichnungen der Künstlerin Annika Siems illustriert, welche die vom Autor erzeugte düstere Atmosphäre eindrucksvoll und stilgerecht in schwarz-weiß einfangen. 
Dieses Buch ist ein bibliophiles Schmuckstück und ein spannender, aber auch anspruchsvoller Schmöker zugleich.
Die vom Autor erzielte erzählerische Dichte hinterlässt einen tiefen Eindruck beim Leser. Einmal mit dem Lesen begonnen, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es an einem Sonntagnachmittag in einem Zug durchgelesen!

Mehr muss ich dazu nicht sagen, um den Lesern dieses Buch, vorzugsweise in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde, ans Herz zu legen.


Der dritte Mann
Roman, 208 Seiten
Illustrierte Edition der 
Büchergilde Gutenberg
Lesebändchen, Leinen bedruckt
Preis für Mitglieder: 22,95

Auch erschienen bei:



Paul Zsolnay Verlag Wien 2016

158 Seiten

ISBN 978-3-552-05767-8
Preis: ca. 19,50




Eine Rezension von TinSoldier

Sonntag, 8. Oktober 2017

Williams, John: Nichts als die Nacht


Das erste Werk des Autors des Weltbestsellers ›Stoner‹
 
Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten.

(Klappentext dtv)

  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (8. September 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Bernhard Robben
  • ISBN-10: 3423281294
  • ISBN-13: 978-3423281294
  • Originaltitel: Nothing but the night









ZWÖLF STUNDEN VOLLER MELANCHOLIE...



Arthur Maxley ist vierundzwanzig Jahre alt, gibt vor zu studieren, führt aber das Leben eines Müßiggängers, finanziert vom regelmäßigen Scheck seines Vaters. Doch genießt er das Nichtstun nicht etwa, sondern leidet am Leben selbst. Seit einem traumatischen Erlebnis, das sich in seiner Kindheit zutrug, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht vor allem eines: zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol, hoffend auf die Dunkelheit, die ihm die Erinnerung nimmt.


"In seinem Kopf wummerte es dumpf, der Mund fühlte sich wie Watte an vom schalen Nachgeschmack des Alkohols, den er am Abend zuvor getrunken hatte, hier, allein in seiner Wohnung (...) Angewidert blickte er sich um. Eine Schublade stand weit offen, benutzte Taschentücher, getragene Schlipse und Socken hingen schlaff über den Rand. Mitten auf dem Boden war ein Aschenbecher umgekippt und hatte Asche und Zigarettenstummel über den Teppich verstreut. Hier sieht es aus wie in meiner Seele, dachte er. Unordentlich und schmutzig." (S. 15 f.)


Der Debütroman von John Williams, der v.a. durch seine Romane 'Stoner' und 'Butchers Crossing' bekannt wurde, erzählt von zwölf Stunden im Leben des Arthur Maxley. Dabei geschieht nicht wirklich viel (der Versuch eines Spaziergangs, ein Mittagessen mit einem Freund, ein Treffen mit seinem lange nicht gesehenen Vater, der Besuch eines Nachtclubs), doch der Fokus liegt hier auch weniger auf dem äußeren Geschehen. Den Leser erwartet hier eine Nabelschau, ein Blick auf das Innenleben Arthurs, zwölf Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surreal anmutenden Träumen, Visionen und Erinnerungen. Arthur hat das Trauma, das sich in seiner Kindheit zutrug, nie wirklich verwunden, sondern wird bis heute in seinen Gedanken und Gefühlen davon beherrscht. Große Einsamkeit dominiert sein Leben.


"Und während er so an diesem Hochsommerabend durch überfüllte Straßen ging, überfiel ihn jene seltsame Einsamkeit, die man nur in der monströsen Unpersönlichkeit einer Menschenmenge empfinden kann, dieses unvergleichliche Gefühl puren Alleinseins (...) Die aberhundert fremden Leiber, die ihn unwissentlich streifen, die aberhundert fremden Blicke, die auf sein Geischt fallen, ohne es zu sehen oder zu erkennen, die Stimmen, die um ihn herum und über ihn hinweg reden, nie aber mit ihm - darin liegt wahre Einsamkeit." (S. 84)


Der Leser begleitet Arthur dabei, wie er durch die zwölf Stunden eines Tages taumelt, gedanklich um die Schwere des Lebens kreisend, getrieben von einer ungeahnten Kraft, auf der Suche nach - ja, was? Melancholisch ist der Ton der Erzählung, verstörend oft der Inhalt - und für mich vor allem das Ende. Als Arthur den Leser schließlich verlässt, hatte ich nicht den Eindruck, dass er künftig mehr mit sich im Reinen würde leben können oder dass sich durch die Ereignisse dieser zwölf Stunden etwas zum Positiven hat verändern können. Und so ließ mich der Roman nicht nur verwirrt, sondern auch eher bedrückt zurück.


"Dann aber glaubte er plötzlich, dass ihm nie ein Vorwurf für das gemacht werden konnte, was immer ihm auch im Laufe seines Lebens widerfuhr. Denn er handelte nicht aus eigenem Antrieb, hatte es nie getan. Irgendeine unsagbare Kraft drängte ihn von einem Ort zum anderen, und dies auf Wegen, die er vielleicht gar nicht nehmen wollte, durch Türen, von denen er nicht wusste, wohin sie führten, und es auch nicht wissen wollte. Alles war dunkel, namenlos, und er ging durch diese Dunkelheit." (S. 90)


Das Nachwort verrät, dass John Williams erst zweiundzwanzig Jahre alt war, als er dieses Buch schrieb - nach einem Abschuss im Zweiten Weltkrieg bei einem Erkundungsflug über Burma überlebte er wie durch ein Wunder und versuchte durch Schreiben, sich von seinen Verletzungen und seinem Schock zu erholen. Auch wenn mich die Düsternis der Erzählung erschreckt hat, ist das spätere Talent des Autors auch in seinem Debüt deutlich zu erkennen. Die Sätze erscheinen sorgfältig gefeilt, die Erzählung überbordend von Adjektiven, Bildern und Metaphern, die alle der Darstellung der großen Verzweiflung des Arthur Maxley dienen. Insofern ein Werk von nicht zu leugnender erzählerischer Kraft.

Ein beeindruckendes, wenn auch verstörendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autors zeugt. Ich bin jetzt jedenfalls neugierig geworden auf die späteren Werke von John Williams...


© Parden







Der dtv schreibt über den Autor:

John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Trotz seiner Begabung brach er sein Studium ab. Widerstrebend beteiligte er sich an den Kriegsvorbereitungen der Amerikaner und wurde Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Williams erlangte an der University of Denver seinen Master. 1954 kehrte er als Dozent an diese Universität zurück und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1985. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.John Williams starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

übernommen vom dtv


Samstag, 7. Oktober 2017

King, Stephen: The Green Mile - Hörbuch


"The Green Mile" - so nennt sich der Todestrakt des Staatsgefängnisses Cold Mountain. John Coffey wurde zum Tode verurteilt, weil er zwei Mädchen missbraucht und ermordet haben soll. Dem Hünen wohnt aber auch eine übernatürliche Kraft inne... Kann ein Mörder zugleich ein begnadeter Heiler sein? Und wenn ja, darf oder sollte man ihn dann töten?

(Klappentext Amazon.de)


  • Audio CD
  • Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Audio); Auflage: 1., Aufl. (12. September 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecher: David Nathan
  • ISBN-10: 3785730713
  • ISBN-13: 978-3785730713

Diese Ausgabe ist nicht mehr zu kaufen. Bei Audible.de gibt es jedoch den Download von Random House Audio.

  • Hörbuch-Download
  • Spieldauer: 14 Stunden und 16 Minuten
  • Format: Hörbuch-Download
  • Version: Ungekürzte Ausgabe
  • Verlag: Random House Audio, Deutschland
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 5. Dezember 2014
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecher: David Nathan
  • ASIN: B00PKA42T0











SOOOOO BERÜHREND...



Das Staatsgefängnis Cold Mountain in dem US-Staat Georgia, 1932: Paul Edgecomob ist Gefängnisaufseher und verantwortlich für Block E. Wer hier einsitzt, darf nur noch darauf warten, bis ihm 10.000 Volt vom Knöchel an aufwärts durch alle Glieder gejagt werden. 78 Hinrichtungen hat Paul Edgecomb schon miterlebt, der in seinem Block akribisch auf Ruhe und Ordnung achtet. Doch mit der Ruhe ist es vorbei, als John Coffey eingeliefert wird. Er soll zwei Farmerstöchter missbraucht und ermordet haben. Schon bald zweifelt Edgecomb an der Schuld des riesenhaften Schwarzen. Und dann taucht eine kleine Maus in dem Todestrakt auf, die besondere Fähigkeiten zu besitzen scheint...

Die gleichnamige Verfilmung des Buches mit Tom Hanks werden wohl die meisten kennen. Auch ich habe den Film vor Jahren gesehen. Doch wie so oft, ist die eigentliche Geschichte viel komplexer als im Film dargestellt.

Das Erste, was ich erfuhr - und ich wunderte mich, dass ich mich das zuvor nie gefragt hatte - war die logische Erklärung des Titels. "The Green Mile" wird das letzte Stück Weg im Staatsgefängnis Cold Mountain genannt, das die Delinquenten zum elektrischen Stuhl zurücklegen müssen. Denn der Boden ist mit limonengrünem Linoleum ausgelegt. (Auch die Verpackung der CDs des Hörbuchs ist übrigens in diesem Farbton gehalten...).

Stephen King hat mit "The Green Mile" für mich sein berührendstes Buch geschrieben - ursprünglich als Fortsetzungsroman in 6 Bänden herausgebracht, damit der Leser nicht in Versuchung geriet, das Ende vorab zu lesen...

Das Hörbuch nimmt einen mit auf eine Reise in eine besondere Welt. Die Welt des Paul Edgecomb, der im Todestrakt des Staatsgefängnisses Aufseher ist. Wie mag der Arbeitsalltag eines Menschen in dieser Position aussehen? Welche Gedanken und Empfindungen hegt jemand, der immer wieder dazu beiträgt, Menschen hinrichten zu lassen? Was bedeutet es für den Verantwortlichen, die Hinrichtung auch durchzuführen, wenn er z.B. berechtigte Zweifel an der Schuld des Delinquenten hat und/oder dieser ihm sehr sympathisch ist? Mit diesen Fragen im Kopf hat Stephen King begonnen, "The Green Mile" zu schreiben, wie er in seinem Vorwort erläutert. Und Stück für Stück offenbart er im Verlaufe der Geschichte die Antworten auf diese Fragen.

Geschrieben ist die Erzählung aus Sicht des Paul Edgecomb, der als alter Mann im Seniorenheim seine Erinnerungen zu Papier bringt. So verweben sich immer wieder Gegenwart und Vergangenheit. Dem Tempo entsprechend, das die Niederschrift zu Papier mit einem alten Füllfederhalter veranschlagt, wird die Geschichte sehr langsam erzählt. Der ruhige Fluss der Erzählung entbehrt jedoch nicht der Dramatik, die gegen Ende immer noch zunimmt. Unmöglich zu beschreiben, welch Wechselbad der Gefühle sich des Hörers bemächtigt. Trotz des bekannten Endes ließ das Hörbuch mich glücklicherweise nicht traurig zurück, sondern letztlich friedlich und nachdenklich.


"Ich träumte, Du bist durch die Dunkelheit gewandert und ich ebenfalls. Wir haben einander gefunden."

Ein besonderes Lob gilt hier David Nathan, der die ungekürzte Lesung (immerhin 14 h 16 min) mit Bravour gemeistert hat. Er nimmt das getragene Tempo der Erzählung gekonnt auf und passt die Stimmlagen den Personen glaubhaft an. Selbst John Coffey taucht so vor dem inneren Auge tatsächlich als Farbiger auf, weil die Stimmlage einfach passt.

Für alle, die den Film mögen, hier also der dringende Rat: unbedingt lesen oder hören! Für mich fügt sich dieses Hörbuch jedenfalls in die Reihe meiner Favoriten ein...


© Parden
















Bei Wikipedia.de erfährt man über den Autor:

Stephen Edwin King (* 21. September 1947 in Portland, Maine) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er schrieb auch unter Pseudonymen, 1972 als John Swithen und zwischen 1977 und 1985 als Richard Bachman. Er ist vor allem bekannt für seine Horror-Romane, die ihn zu einem der meistgelesenen und kommerziell erfolgreichsten Autoren der Gegenwart machen. Bis heute hat Stephen King als Autor über 400 Millionen Bücher verkauft, die in über 50 Sprachen übersetzt wurden.

übernommen von Wikipedia.de

Dienstag, 3. Oktober 2017

Whitehead, Colson: Underground Railroad


Colson Whiteheads Bestseller über eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Amerikas – ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2017 

Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.

(Klappentext Hanser Literaturverlage)

  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; Auflage: 4 (21. August 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Nikolaus Stingl
  • ISBN-10: 3446256555
  • ISBN-13: 978-3446256552
  • Originaltitel: The Underground Railroad













EINE DÜSTERE MISCHUNG AUS FAKTEN UND FIKTION...



Ihr ganzes noch junges Leben hat Cora auf der Plantage der Randalls in Georgia verbracht. Als deren Sklavin. Jeden Tag der Willkür von Schlägen, Auspeitschungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Doch angespornt von Caesar, einem jungen Mann, der seit kurzem auch auf der Baumwollplantage der Randells arbeitet, wagt Cora eines Nachts die Flucht. Erst durch Sumpf und Wälder, verfolgt durch Farmarbeiter und Kopfgeldjäger, doch dann endlich die Rettung. Cora und Caesar erreichen eine geheime Station der Underground Railroad, einer geheimen Organisation, einem Fluchtnetzwerk für Sklaven.


"Die Treppe führte auf einen kleinen Bahnsteig. Zu beiden Seiten öffneten sich die schwarzen Mündungen des riesigen Tunnels. Er musste an die sieben Meter hoch sein, die Wände waren in wechselndem Muster mit dunklen und hellen Steinen verkleidet (...) Zwei Stahlschienen, mit Holzschwellen am Boden fixiert, liefen durch den sichtbaren Teil des Tunnels. Vermutlich verlief der Stahl von Süden nach Norden, ging von irgendeinem unvorstellbaren Ursprung aus und schoss irgendeiner wundersamen Endstation entgegen." (S. 82 f.)


Im Gegensatz zu der historisch verbrieften Underground Railroad, die zwischen 1780 und 1862 rund 100.000 Sklaven zur Flucht aus dem Süden der USA in den rettenden Norden verholfen hat, hat sich Colson Whitehead hier für eine reale unterirdische Eisenbahn entschieden, die streng geheimen Stationen durch meilenlange Tunnel miteinander verbunden. Cora steigt auf ihrer Flucht also in einen unterirdischen Zug und fährt gemeinsam mit Caesar nach Norden. Doch der Schrecken findet kein Ende. Cora dicht auf den Fersen ist der skrupellose Sklavenjäger Ridgeway mit seinen Gehilfen - einer von ihnen trägt eine Halskette aus menschlichen Ohren.

Unterstützung und Verrat - dies ist es, was Cora auf ihrem langen Weg aus der Sklaverei immer wieder erfährt. Cora reist mit der Underground Railroad durch das ganze Land - durch ein zerrissenes Land kurz vor dem Bürgerkrieg, in dem die Frage, wie man mit Sklaven umzugehen hat, ganz unterschiedlich behandelt wird. An jeder Station der Underground Railroad trifft sie auf andere Formen des Zusammenlebens von Schwarz und Weiß, und jede davon birgt Gefahren, denn der Rassismus lebt. In South Carolina beispielsweise können Schwarze auf den ersten Blick als freie Bürger leben, werden von den Weißen jedoch für grausame medizinische Experimente benutzt. In North Carolina dagegen haben die Regierenden beschlossen, aus Angst vor der zahlenmäßigen Übermacht der ehemaligen Sklaven konsequent alle Schwarzen zu töten. In Indiana findet Cora zeitweise Frieden und Freundschaft, doch auch dies stellt sich letztlich als Trugschluss heraus...


"Wenn die Nigger frei sein sollten, dann lägen sie nicht in Ketten. Wenn der rote Mann sein Land behalten sollte, dann besäße er es immer noch. Wenn es dem weißen Mann nicht bestimmt wäre, diese neue Welt in Besitz zu nehmen, dann würde sie ihm jetzt nicht gehören (...) Dein Eigentum, ob Sklave oder Kontinent. Der amerikanische Imperativ." (S. 97)

Colson Whitehead schafft hier eine interessante Mischung aus historischen Fakten und Fiktion, die seinem Roman eine unwiderstehliche Bildhaftigkeit verschafft. Und doch ist es kein historischer Roman, auch kein Fantasy-Buch, sondern tatsächlich ein Stück zeitgenössicher Literatur. Ein Roman, der aufzeigt, dass das Trauma der Sklaverei in den USA auch 150 Jahre nach ihrer Abschaffung noch nachwirkt, dass Rassismus - ob offen oder verborgen - noch an der Tagesordnung ist. Whitehead präsentiert mit seinem u.a. mit dem Pulitzer Preis 2017 prämierten Roman eine düstere Allegorie auf das Leben der Schwarzen in den Vereinigten Staaten - auf ihre Unterdrückung, Verfolgung und Ausgrenzung, die bis heute den Alltag prägen.

Nahezu nüchtern ist der von Whitehead gewählte Schreibstil, so dass das Entsetzen, das Mitfühlen, das Bedauern beim Lesen nicht unmittelbar eintritt, auch wenn sich kurzzeitige Schreckmomente häufen, wenn einem unvorbereitet unfassbare Grausamkeiten in einem lapidaren Nebensatz entgegenschlagen. Dass sich im Laufe der Lektüre dennoch eine zunehmende Düsternis einschleicht, liegt nur z.T. an der ungeschönten Schilderung der zahlreichen Gewalttaten und Todesopfer. Während man zu Beginn darauf hofft, dass Cora ihrem Dasein als entrechtete Sklavin entrinnt, stellt sich bald eine wachsende Ernüchterung ein.


"...der amerikanische Geist (...) damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen emporzuheben. Und wenn nicht emporzuheben, dann zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten. Unsere Bestimmung kraft göttlicher Vorschrift - der amerikanische Imperativ." (S. 255)



Nicht nur das Bewusstsein für den immer noch alltäglichen Rassismus in den USA erwächst beim Lesen, sondern es werden auch Parallelen zum Leben in Deutschland / Europa deutlich und eigentlich zum menschlichen Handeln weltweit. Unterdrückung, Vertreibung, Eroberung, Ausbeutung, Ghettoisierung, Sklaventum - das sind doch keine Phänomene der Vergangenheit und auch nichts, was sich auf ein einzelnes Land beschränken lässt. Natürlich steht das strahlende Amerika auf einem Fundament von Blut und Schuld, unbestritten. Aber können wir tatsächlich mit dem Finger auf 'die da' zeigen? Ich denke, nicht so ohne weiteres. Wenn dieses Buch dem Leser eines austreibt, dann ist es die Selbstgefälligkeit. Und das macht diesen Roman zu einem unbequemen.

Colson Whitehead präsentiert hier einen Roman, der mich in mehrfacher Hinsicht überraschte, der mich trotz einiger Längen überzeugen konnte und der mich vor allem nachdenklich gemacht hat. Hier steckt sehr viel mehr drin, als auf den ersten Blick zu vermuten war. Insofern gibt es von mir eine klare Leseempfehlung!


© Parden














Die Hanser Literaturverlage schreiben über den Autor:

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper's und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award (2000) und den Young Lion’s Fiction Award (2002) und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman Underground Railroad wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher John Henry Days (Roman, 2004), Der Koloß von New York (2005), Apex (Roman, 2007), Der letzte Sommer auf Long Island (Roman, 2011), Zone One (Roman, 2014) und Underground Railroad (Roman, 2017). Der Autor lebt in Brooklyn.

übernommen von den Hanser Literaturverlagen

Montag, 2. Oktober 2017

BlogPost Nr. 105: Unsere Neuerwerbungen im September 2017

Spätsommerlicher Zuwachs in unseren Regalen. Unsere ganz eigene Ernte...





Anne Parden



Im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewann ich dieses Buch mit dem schrägen Titel und dem auffälligen Cover. Ich bin sehr gespannt!

Eine Beziehung eskaliert, ein Kind wird geboren, eine Spurensuche beginnt: 11 Erzählungen kreisen um die Familien- und Lebensgeschichten der zwei Paare Annemarie und Manfred, Hanni und Karli. Realistische, oft auch traumartige Momentaufnahmen beleuchten Aspekte ihrer Biografien und folgen den Spuren der Erinnerung. Die Geschichten gleichen Mosaiksteinen: Sie zeigen die Figuren in unterschiedlichen Konstellationen ihres Lebens, erzählen von innerem Aufruhr, ihrem Scheitern, ihrem Aufbegehren und bewegenden Ereignissen. Am Ende entsteht ein neues Bild, zusammengesetzt aus den Splittern der Vergangenheit. In ihrem Prosadebüt zeigt Renate Silberer ihr breites Repertoire an Erzählweisen. Dialogreiche Passagen wechseln sich ab mit lyrischen, oft surrealen Szenerien. Die Wirklichkeit ist dann nur mehr in Andeutungen zu erkennen, doch entfaltet sich dadurch eine eigene Welt, die es ermöglicht, tief in die Seele ihrer Figuren einzudringen.


Und auch dieses Buch erreichte mich über eine Leserunde bei Lovelybooks, worüber ich mich sehr freue! Auf diesen mit dem Pulitzer Preis 2017 gekürten Roman bin ich schon sehr neugierig!

Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.



Und dieses Buch von der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises erreichte mich ebenfalls über eine Leserunde bei Lovelybooks. Ich bin sehr gespannt darauf!

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.


Bei diesem Buch, ebenfalls von der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises, handelt es sich um einen Gewinn im Rahmen einer Leserunde bei 'Was liest du?'. Die Losfee ist derzeit gnädig gestimmt... Dieses Buch hat bereits viele gute Kritiken erhalten, jedoch auch die Warnung vor viel Grausamkeit. Ich bin überaus gespannt auf das Buch!

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?


Und auch vom Bücherforum Whatchareadin erreichte mich ein Rezenisonsexemplar im Rahmen einer Leserunde. Der erste Roman des durch 'Stoner' berühmten Autors - geschrieben mit gerade einmal 22 Jahren. Darauf bin ich ebenfalls sehr neugierig!

Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten.


Nachdem ich von 'Orphan X' so begeistert war, erklärte sich der HarperCollins Verlag freundlicherweise bereit, mir auch den zweiten Band der Reihe als Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen. Das freut mich ganz besonders!

Evan Smoak ist der "Nowhere Man". Ein geflüsterter Name unter Kriminellen, den manche für einen Spuk halten. Er hilft denen, die keinen Ausweg mehr haben. Dies ist seine Art sich seine Menschlichkeit zu erhalten, nachdem er jahrelang unter dem Decknamen "Orphan X" im geheimen Auftrag der US-Regierung getötet hat. Während er einer Jugendlichen hilft, den Fängen eines Mädchenhändlerrings zu entkommen, wird er überwältigt und entführt. Jetzt muss Evan all sein Können aufbringen, um sich selber zu befreien, bevor es zu spät ist … Denn es gilt weiterhin sein 10. Gebot: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.






KaratekaDD



 Am Stand des Erich-Kästner-Museums während der Veranstaltung Dresden (er)lesen im Schloss Albrechtsberg fand ich diese Bücher. Irgendwann sollte man mal den Bereich der Kästnerschen Kinderbücher verlassen. Kästner, der der Verbrennung eigener Bücher im März 1933 zusah, hat darüber mehrfach geschrieben. Un momentan schein gegen das Vergessen zu schreiben immer notwendiger zu sein. Der Gang vor die Hunde ist der Originalroman. Bisher wurde die Geschichte als Fabian nur gekürzt verlegt. Und das seit der Erstausgabe 1931.


Thomas J, Hauck las auf der oben genannten Veranstaltung aus diesem seinem Buch. Wiener Schmäh mit Leichen - vermutlich hätte ich das nie aus einem Regal gezogen. Aber der Autor ist auch Schauspieler und das machte die Lesung schon mal zu einem Vergnügen. Daher ist es auch schade, dass es keine Hörbuchversion gibt. Trotzdem nahm ich das Büchlein, indem von einer Bilderfälschung im großen Stil erzählt wird, mitgenommen. Also, ich hab´s auch bezahlt.

Die historischen Romane des Ken Follett haben es mit spätestens seit der Jahrhundert-Trilogie angetan. Darüber haben ich ja schon ausführlich geschrieben. Der vorliegende Roman handelt im goldenen Zeitalter der jungfräulichen Königin und ist damit ein weiterer der unzähligen Romane um Elisabeth Tudor, die erste dieses Namens. Doch nicht nur das: Ausgangspunkt ist eine den Lesern wohlbekannte Kathedrale, der Kathedrale von Kingsbridge aus den Romanen Die Säulen der Erden  und Die Tore zur Welt. Sie ist Das Fundament der Ewigkeit.


Eigentlich dachte ich ja: "Es reicht!" Aber irgendwie kam ich heute an folgendem Buch nicht vorbei. Ein neuer Harry Hole. Auch wenn ich nicht alle Bücher der Reihe des Bestsellerautors Jo Nesbø gelesen habe, erst ab Leopard, Die Larve und Koma wurde ich Fan des ziemlich abgehalfterten Kriminalkommissars aus Oslo, an Durst gab es mal wieder kein "dran vorbei". Harry unterrichtet an der Polizeiakademie mit übervollen Vorlesungssälen. Doch man kommt ohne ihn nicht aus. Und auch dieser Serienkiller wird kein Unbekannter sein.









TinSoldier


Im September gab es bei mir keine Neuerwerbungen.

Sonntag, 1. Oktober 2017

BlogPost Nr.104: Zusammenfassung der Beiträge im September 2017


Der Spätsommer bringt immer noch schöne Tage mit sich - und nun ist der Herbst da. Die Tage werden kürzer,  der heiße Tee schmeckt wieder - da locken doch sicher einige Lesestunden... Bei uns war es jedenfalls so, auch wenn andere Verpflichtungen nicht immer so viel Zeit für unser Hobby lassen, wie wir uns das manchmal wünschen würden...





Wie gewohnt gab es zu Beginn des Monats wieder zwei BlogPosts - Nr.102 zeigte die Zusammenfassung unserer Beiträge im Vormonat, Nr. 103 präsentierte unsere Neuerwerbungen im August.



Die erste Rezension zu Brita Rose-Billerts Roman Das Geheimnis des Falken wurde hier bereits im Frühjahr 2016 veröffentlicht. Nun jedoch hat KaratekaDD endlich das erste buch, welches nach dem zweiten herauskam, gelesen und die beiden Bücher in einer aktualisierten Rezension zusammengefasst. Der Roman hat seinen Ausgangspunkt in der Pine-Ridge-Reservation in South Dakota. Erzählt wird die Geschichte um den Lakota Ryan Spirit Hawk, Cetan Wakan, der die Reservation verlässt um Geld für die kranke Mutter aufzutreiben. Dies tut er als Sergeant der US Aorforce, als Kopfgeldjäger und als Rennfahrer... Auch wenn das meinen Lesrn aus anderer Quelle bekannt vorkommt: Ein spannender Roman, der Erstling der thüringischen Krankenschwester mit Ambitionen für Pferde und Amerikas Ureinwohner.


Ede und Unku hieß ein Kinderbuch, welches, glaube ich zumindest, auch Schulstoff war. Die Hörbuchversion des Kinderbuches von Grete Weißkopf alias Alex Wedding hat Heike Makatsch gelesen.
Die Geschichte aus dem Jahr 1931 haldelt vom Berliner Arbeiterjungen Ede, der das Zigeunermädchen Unku kennenlernt, die ihm bei allerlei Abenteuern hilft.
Eine schöne Erinnerung, die natürlich besprochen werden muss.



Gelegentlich taucht hier im Blog auch Lyrisches auf. Anne ist schon länger fasziniert von Haikus, weshalb sie sich freute, als sie SÜDWIND von Volker Friebel (Hrsg.) im Rahmen einer Auslosung bei Lovelybooks gewann. Ein Jahrbuch zur Dokumentation der Weiterentwicklung der Haiku-Dichtung im deutschsprachigen Raum - ein interessates Projekt.  Insgesamt ist das Haiku erstaunlich wenig definiert. Kürze (17 Silben und weniger), Konkretheit (kleine Beobachtungen, keine Interpretationen), Gegenwärtigkeit (Wörter aus dem Hier und Jetzt) und Offenheit werden als charakteristische Merkmale eines Haiku benannt, wobei gerade die Offenheit Raum für Assoziationen beim Leser schafft. Dank der Vielfalt der Beiträge wird hier wohl jeder Leser auf Haikus stoßen, die ihn berühren - dass einem alle Kurzgedichte gefallen, wäre bei einer solchen Sammlung eher ungewöhnlich. Anne jedenfalls ist auf einige wundervolle Beiträge gestoßen, und das war letztlich genau das, was sie sich von dem Buch erhofft hatte...


Das zweite Buch von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises ist gelesen. Doch diesmal war Anne konsterniert: bestenfalls ist SCHRECKLICHE GEWALTEN von Jakob Nolte für sie schräg, auf jeden Fall aber eine Zumutung! In kurzen bis kürzesten 'Kapiteln' wird der Leser hier zugeballert mit einer Flut an wikipedialastigen Informationen, schrägen Vergleichen -  "In diesen Stunden schienen die Sterne zu flackern, als wären sie die zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten Leuchtstoffröhren der Amüsierviertel Bangkoks" -, trivialem Nonsens - "Benedikte war die Tochter ihrer Mutter und ein Kind ihres Vaters" - und teilweise endlosen und ermüdenden Aufzählungen. Neben selbstverliebten Sprachspielereien und teilweise hingerotzter Alltagssprache kommt es auch immer wieder zu eigenwilligen Sex-Szenen und Splatter-Fantasien - Quentin Tarantino geisterte hier mehr als einmal durch Annes Kopf. Dass die Geschichte letztlich kein Ende im üblichen Sinne hat, darf hier dann nicht mehr verwundern.Klugscheißerisch, akademisch-überlegen, angeberhaft, blutrünstig, morbid, grausam, einfallsreich, trashlastig, misanthropisch, nihilistisch, erzählfreudig, ironisch-hochtrabend, schwarzhumorig, eigenwillig, durchgeknallt - eben anders.


FLÜGEL AUS PAPIER von Marcin Szczygielski ist in Annes Augen ein gelungenes Beispiel dafür, dass man auch adäquate Kinderbücher über den Holocaust schreiben kann. Einerseits muss die kindliche Naivität des Hauptcharakters glaubwürdig ausgestaltet werden, andererseits müssen der Schrecken, die Angst und die allgegenwärtige Gefahr dieser Zeit auch ihren Raum finden. Kindgerecht und doch eindringlich - das ist dem Autor nach Annes Ansicht gelungen. Für Kinder ab 10 Jahren wird dieses Buch empfohlen, jedoch sollte man bei jüngeren Kindern doch lieber ein gemeinsames Lesen in Betracht ziehen. In jedem Fall bietet dieses Buch eine empfehlenswerte  und kindgerechte Zeitreise in einen Teil der deutschen Geschichte, den viele lieber vergessen würden, der aber niemals vergessen werden darf.


Der erste Band der zweiteiligen Dystopie von Cecelia Ahern hat Anne positiv überrascht. Mit FLAWED - WIE PERFEKT WILLST DU SEIN? zeigt die Autorin, dass sie mehr kann als ihre sonst so berühmten 'Liebesgeschichten'. Die Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft (hier sichtbar gemacht z.B. durch das erzwungene Tagen einer Armbinde) gemeinsam mit einem engmaschigen Kontrollsystem (hier gekennzeichnet durch die allgegenwärtigen Whistleblowers) ist sicher kein neues Thema. Doch Cecilia Ahern verwebt diesen Aspekt gekonnt mit der Fragestellung nach den moralischen Werten einer Gesellschaft, mit der Möglichkeit, eine ursprünglich gute Idee durch die Machtgeilheit einzelner ins Perverse zu verdrehen und mit der Frage nach der Zivilcourage der Menschen, die gemeinsam vielleicht etwas verändern könnten. Neugierig auf den zweiten Teil wurde Anne da in jedem Fall!


Und auch der zweite Band von Cecelia Ahern ist nun gehört. PERFECT - WILLST DU DIE PERFEKTE WELT? setzt nahtlos da an, wo Band eins endete, so dass Anne sich gleich wieder ins Geschehen einfand. Die Spannung bleibt hier im zweiten Teil der Dilogie fast durchgehend hoch. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen und unvermuteten Handlungen, die dem Mix aus Gesellschaftskritik, Verfolgung, Machtgeilheit, Verrat, Zivilcourage, Liebe, Zusammenhalt und der Frage, wer man eigentlich sein will, die besondere Würze geben. Das Ende war Anne persönlich ein wenig zu weichgespült, passt damit aber wohl in das Konzept eines Jugendbuchs. Insgesamt jedoch war diese zweibändige Dystopie für sie tatsächlich ein großer Hörspaß und bekommt daher von ihr eine klare Hörempfehlung.


Schon lange wollte Anne ein Buch von Gregg Hurwitz lesen, und als sich ihr die Möglichkeit bot, mit ORPHAN X den Beginn einer neuen Reihe kennenzulernen, schlug sie begeistert zu. Obschon Anne Action-Thrillern nicht unbedingt zugeneigt ist, konnte sie dieser Reihenauftakt doch positiv überraschen. Evan Smoak ist nicht nur die Killermaschine, die er zunächst zu sein scheint, sondern trägt auch die leise Melancholie des einsamen Wolfes mit sich herum und kann tiefe Züge von Mitmenschlichkeit nicht leugnen. Diese Widersprüchlichkeit macht den Charakter so interessant, und wenn man die Idee eines Superhelden erst einmal zulässt, macht das Lesen einfach nur noch Spaß. Einen überaus gelungenen Auftakt zu der neuen Reihe hat Gregg Hurwitz hier abgeliefert. Spannend, unterhaltsam, humorvoll, durchdacht und filmreif - mit einem Wort: empfehlenswert!


DAS WETTER HAT VIELE HAARE beinhaltet 11 Erzählungen aus wechselnden Perspektiven - Geschichten von Paaren, Kindheitserinnerungen, Freundschaften, gescheiterten Beziehungen, Krisen. So unzusammenhängend, wie die Erzählungen zunächst erscheinen, hängen sie auf eine besondere Art dennoch zusammen. Denn die Personen tauchen in verschiedenen Konstellationen immer wieder auf, als Geschwister, als Freunde, als Paare, als Eltern. Und erzählen Splitter ihrer Vergangenheit, treffen sich in ihren Erinnerungen. Ein gemeinsamer Nenner ist, dass hier jeder irgendwie unglücklich und unvollständig ist, auf der Suche, in psychischen und emotionalen Ausnahmezuständen. Jeder ist vereinzelt und wird von den anderen nicht wahrgenommen, nicht gesehen, nicht gehört, oft auch nicht ernst genommen. Renate Silberer zeigt in ihrem Prosadebüt eine große Experimentierfreude. Je nach Gemütszustand passt sie die Erzählweise an, die die Gedankenwelt so im Grunde spiegelt. Eine interessante Mischung, die Anne allerdings nicht durchgängig begeistern konnte.


Bei dem Hörbuch GRAY von Leonie Swann steht eindeutig eher das ungewöhnliche Ermittlerduo im Fokus des Geschehens als der Kriminalfall selbst. Eine Menge absurder und komischer Szenen haben Anne beim Hören richtiggehend amüsiert, und v.a. der Graupapagei ist ihr dabei rasch ans Herz gewachsen. Diese Mischung aus Intelligenz, großer Klappe und Frechheit auf der einen, Unbeholfenheit und Hilflosigkeit auf der anderen Seite erscheint überaus charmant. Und die wachsende Freundschaft zwischen Augustus und Gray ist einfach nur herzlich. Der Kriminalfall selbst plätschert phasenweise etwas vor sich hin, was Anne aufgrund des unterhaltsamen Miteinanders der Hauptcharaktere aber als nicht sonderlich störend empfand. Bis zum Schluss war ihr nicht klar, wer hier der Täter sein könnte, aber womöglich habe sie sich auch nicht ausreichend auf den Fall konzentriert, sondern eben auf das Geschehen um den Dozenten und seinen Papagei. Für Anne ein schönes Hörerlebnis, das vor allem durch seine Charaktere punkten konnte.


Finale Berlin von Heinz Rein, gelesen von Tinsoldier, erzählt die Geschichte ganz unterschiedlicher Menschen, die der Zufall im April 1945 in der Berliner Kneipe von Oskar Klose zusammenführt. Diese wird nun zum geheimen Treffpunkt einer kleinen Widerstandsgruppe, der bereits die SS auf der Spur ist. Der Roman zeichnet ein düsteres  Bild der chaotischen letzten Kriegstage in Berlin. Die bedrückende Atmosphäre und das ungewisse Schicksal der Charaktere fesselt und erzeugt Spannung. Ein Antikriegsroman mit großen Spannungseffekten, der bereits 1947 erschien. Absolut spannend und lesenswert.