Sonntag, 7. Mai 2017

Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe


Der lange Hals der deutschen (ostdeutschen) 
"Giraffe" nach den "blühenden Landschaften" 

Nein, nach den blühenden Landschaften sehnt sich diese Inge LOHMARK, Biologierlehrerin an einem abzuwickelnden Gymnasium, ehemalige Erweiterte Oberschule hier bei mir zu "Hause", zumindest aber in der Nähe, eher nicht. 

Armes Land, Auswandererland, Entwicklungsland (?) - Irgendwie trostlos...
Tatsächlich?

Ich verstehe diese Lehrerin, die mit vermeintlich harten Methoden ihren Unterricht, der "kreidelastig" sein soll, abzieht, die es darüber aber verlernt hat, die Schüler als junge Leute mit individuellen Neigungen zu sehen, und Gefühle zwar nicht vermeidet, aber auf keinen Fall zeigt. "Biologistisch" soll ihre Weltanschauung sein, so steht´s im Vorwort. Zum "Beweis" zieht die Autorin den Ost/Weststreit um die Genetik heran. Danach soll, stark vereinfacht, der "Westen" nur der klassischen Vererbungslehre anhängen, der "Osten" jedoch den gesellschaftlichen Einfluss als ausschlaggebend für die menschliche Entwicklung ansehen.




Seite 196
Wir haben es mit einer tragischen Figur zu tun: die eigene Tochter hat einen Grund sich weit entfernt von ihren sich auseinanderlebenden Eltern aufzuhalten. Zum Schluss erfahren wir ihn und sehen den Zusammenhang zum Verhalten der Frau Lohmark gegenüber ihren Schülern. Aber wir bekommen auch den Spiegel vorgehalten: Klar geplanter, auf fachlichen Fakten gründender Unterricht ist das Alpha und das Omega schulischen Daseins. Der Lehrer hat, der Lehrer muss eine Respektsperson sein, aber nur Respektsperson? Die Gratwanderung die Lehrerinnen und Lehrer täglich gehen, nötigt einem Respekt ab und lässt einen gleichzeitig den Kopf schütteln, lernen doch die jungen Studenten und zukünftigen Referendare im Studium nur eins: das FACH, das FACH, und noch einmal das FACH. Und dann?

Das vorliegende Buch der Judith SCHALANSKY regt bestimmt zum Nachdenken über viele Gegensätze und natürlich vor allem über die jüngere, die jüngste deutsche Geschichte an. Die drei "Tageskapitel", gefüllt von "klassischer" Vererbungslehre, die die meisten von uns bestimmt vergessen haben, sind schon mal ein interessanter Aufbau und toll recherchiert. Da war bestimmt ein Bio-Lehrer mit von der Partie?

Allein, der 1980 geborenen Autorin, deren Studium der Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign (?) eher nicht zum Thema beigetragen hat, erscheint mir zu jung für derartige Darstellung von Zuständen in der Schule. Zuzurechnen ist ihr, dass sie ein "zweigeteiltes" Schulsystem persönlich erlebte und somit in der zweiten Schulhälfte vermutlich mit "Pädagogikexperimenten" zu kämpfen hatte. Die Tiraden aber über die Kommunismusauffassung einer älteren Lehrergeneration sind aufgesetzt und unglaubwürdig, die postulierte Ost/West (bescheuerter West-Direktor contra kommunistische Ost-Lehrer) Feindschaft ebenso.

Ich könnte so weiter machen. Aber ich hör jetzt auf. Nein, das Buch hat keinen Preis verdient und verdient trotzdem, in diversen Buchläden verkauft zu werden.
Trotz allem war das Büchlein jede gelesene Seite wert. Somit danke ich für die Empfehlung von Regina.

* * *

PS: Ich bezweifle mal, dass hier jemand DER FRIEDE IM OSTEN von Erik NEUTSCH gelesen hat. In diesem Vierteiler wird man hervorragend über den "Biologismus" und seine Auswüchse informiert. Ich bezweifle aber auch, dass Frau SCHALANSKY das Buch gelesen hat. Nebenbei, NEUTSCH hat auch manch Literaturwissenschaftliches geschrieben.

PPS: BIO-LEHRER kommt einem im Reigen von BIO-Bauern, BIO-Obst, und BIO-Rinderzucht (?) plötzlich komisch vor...

* * *

Seite 66
Soweit der Text einer Buchrezension vom  13.12.2011, damals erschienen bei buchgesichter.de.
Auf dieser Plattform gab es noch richtige Diskussionen über die Bücher und einen Auszug daraus stelle ich als Kommentar mit zur Verfügung.



Gelobt wird übrigens, und dem ist zuzustimmen, die Gestaltung des Buches. Frau Schalansky wird in einem Interview auch auf ihre Überlegungen zur Thema Buchgestaltung angesprochen, die Illustrationen passen sehr gut zum Thema. 


Judith Schalansky liest aus der "Giraffe"



Interview





Die Lektüre des Romans GYMNASIUM von Susanne Giebeler erinnerte mich an dieses Buch. Auf der Verlagsseite schaute ich noch einmal in die Leseprobe. Meine Auffassung zum buch ändert auch dieser Blick nach sechs Jahren trotzdem nicht.


DNB / Suhrkamp - Insel / 2011 / ISBN: 978-3-518-42177-2 / 224 Seiten

© KaratekaDD





Kommentare:

  1. Aus den Kommentaren 1

    14.12.2011, 09:02 Uhr
    "Du siehst das Buch aus einem anderen Blickwinkel.
    Bist selbst Lehrender, das fließt hier mit ein.
    Ich fand das Buch gerade gut, da die Autorin noch sehr jung ist, und dennoch die entsprechenden Spitzen gesetzt hat .
    Ich finde ein Autor, der eine Zeit 100%ig nicht mit erlebt hat, sich auf Recherchen bezieht, und dennoch sensibiliert ist, besonders interessant.
    Es entwickelt sich ein Blick, der mich immer erstaunt .
    Denn wir, die es erlebt haben, sind mit Vorurteilen behaftet, da jeder den Lauf der Geschichte anders erlebt und bewertet .

    Ich freue mich dennoch, dass Du meiner Empfehlung nachgegangen bist, es für die Buchläden für würdig erhälst,
    na und Preise sind nicht immer ausschlaggebend.
    R."

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    1. 14.12.2011, 18:12 Uhr
      "Nee, das ist es höchstens zu einem geringen Teil, die Eigenschaft, selbst Lehrer zu sein. Es ist die das aus meiner Sicht offensichtliche Benutzen von Klischees, was mich stört. Die Darstellung oder die Reduzierung der Lebensphilosophie auf die Biologie ist eher faszinierend. Die Hauptfigur scheitert ja auch daran. Allerdings ist einem heute der Genetikstreit kaum zu erklären. Und wenn ich den NEUTSCH und den BASTIAN nicht gelesen hätte, dann wüsste ich das auch gar nicht einzuordnen. Für wen ist also dieses Buch? Wieder eines, das Leuten suggeriert, nun die DDR zu verstehen.
      Ist etwas zu hart, aber so sehe ich das."

      KaratekaDD

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    2. 14.12.2011, 18:47 Uhr
      "Ich sehe es aber auch als ein Buch über die Angepasstheit .
      So wie die Hälse der Giraffen sich einst reckten, um an die oberen Blätter zu gelangen.
      Und wieder geht es darum angepasst voran zu kommen ,wie eine Herde, die sich dem anschliesst, oder auch nicht.
      Ich glaube Du gehst zu hart ins Gericht,
      es streift Ost/West .
      Das Buch ist für Leser, die sich Gedanken machen sollen,
      so wie wir sie uns gerade machen.
      Aber sicher kein Buch die DDR zu verstehen, dass konnten wir doch selbst nicht immer.
      R."

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