Freitag, 30. Juni 2017

BlogPost Nr. 96: Zusammenfassung der Beiträge im Juni 2017


Einmal Urlaub in Ungarn, einmal in Irland, einmal in Schweden - die Blogger hier gondeln zumindest manchmal ein wenig durch die Weltgeschichte. Entsprechend gab es deshalb im Juni eher weniger Beiträge - die kamen dafür aber von Herzen...




Wie gewohnt gab es zu Beginn des Monats wieder zwei BlogPosts - Nr. 94 zeigte unsere Neuerwerbungen im April, Nr. 95 bot die Zusammenfassung unserer Beiträge im Vormonat.






Die Badende von Moritzburg ist eine kurende Bürgerstochter, deren behandelnder Arzt sie nach Moritzburg schickt und selbst gleich mitfährt. Es ist aber auch ein Büchlein über die Malerei. DIE BRÜCKE, so heißt eine Künstlergruppe die den Expressionismus entwickeln wird, Ernst Ludwig Kirchner begegnet splitterfasernackt der Clara Schimmelpfennigk.
So etwas hat die junge Frau werde erlebt noch gesehen. Eine Geschichte über Kunst, Leben und Liebe von Ralf Günther

Hier geht es zur Rezension



Der Autor dieses Buches war 23 Jahre Bürgermeister von Jerusalem. Zwei Jahre nach der Übernahme dieses Amtes erlebte Teddy Kollek die Einnahme Ost-Jerusalems und damit den Zugang zur Westmauer des Tempels, bekannt eher als Klagemauer.

Ein solcher Mann kann natürlich spannend und informativ über Palästina, Israel, Freunde, Feinde und vieles mehr sehr authentisch berichten.

Sein Sohn hat an der Biografie mitgewirkt und hier findet ihr die Rezension.


In Louise Millers Debütroman DIE ZUTATEN ZUM GLÜCK dreht sich alles um die dreißigjährige Patissière Olivia, und vermutlich sind die biografischen Parallelen zwischen der Protagonistin und der Autorin nicht zufällig. Wo 'Wohlfühlatmosphäre' versprochen wird, ist Liebe nicht weit - und tatsächlich spielt diese in dem Roman keine unbedeutende Rolle. Doch in erster Linie geht es darum, dass Olivia endlich irgendwo ankommt, nicht ständig bei Schwierigkeiten davonläuft und ihr bisheriges Leben grußlos hinter sich lässt. Natürlich geschieht dies nicht reibungslos und ebenso natürlich darf eine Portion Kitsch nicht fehlen, aber bis auf das arg weichgespülte Ende hält sich das alles angenehm die Waage. Eine angenehme Lektüre z.B. für dunkle Herbsttage oder auch für die kühle Winterzeit.


Und noch mehr zum Thema Glück. Passt mit dem Kleeblatt auch irgendwie zu Uwes Irlandreise... Eckart von Hirschhausen ist auf der CD in einer Live-Sendung zu hören: GLÜCK KOMMT SELTEN ALLEIN. Auch wenn einige Sprechpausen und Publikumsreaktionen schwer verständlich sind (Gestik und Mimik des Kabarettisten fehlen hier), schafft es von Hirschhausen, seine Botschaft informativ und gleichzeitig amüsant zu vermitteln. Anne meinte jedenfalls: ein kurzweiliges Hörbuch mit vielen "Aha-Momenten" und Überraschungen. Es lädt zum Mehrmals-Hören ein und lässt einen in jedem Fall mit einem Lachen zurück...


Jenny Erpenbeck kannte Anne schon von ihrem Roman 'Gehen, ging, gegangen'. Während sie von dem Roman sehr angetan war, hatte Anne mit WÖRTERBUCH ein eher schwieriges Leseerlebenis. Während sie die Gedankenwelt des Kindes anfangs spannend und, ja, durchaus philosophisch fand, geriet der Schreibstil für Anne dann aber zunehmend zu einem K(r)ampf. Sätze von bis zu einer Seite sind da keine Seltenheit, zahllose Wiederholungen, deren Sinn sich letztlich zwar erschließt, die für Anne aber einfach nur anstrengend zu lesen waren. Letztlich kam sie zwangsläufig zu dem Schluss: das war kein Buch für sie...


Vielversprechend klang das Thriller-Debüt von Daniel Cole, doch RAGDOLL war in seiner Summe für Anne eher hanebüchen. Ein Pageturner zwar, doch ließ er sie am Ende eher ratlos zurück. Insgesamt ein bemühtes Debüt mit einigen guten Ansätzen, jedoch auch mit vielen Schwächen in der Umsetzung. Und wie daraus der geplante Mehrteiler werden soll, ist Anne gänzlich schleierhaft. Aber man wird sehen...


SECHZEHN WÖRTER von Nava Abrahimi ist ein beeindruckendes Debüt der jungen Autorin, die in Teheran geboren wurde. Eine leise Erzählung, melancholisch und poetisch, aber auch anarchisch und voll abgründigem Humor. Über die Fremde und das Fremde in uns. Für Anne eine ganz besondere Entdeckung...



Ziemlich schnell war zum Schluss der sechsundzwanzigste Fall des Commissarios Brunetti gelesen. Der hieß Stille Wasser und Donna Leon lies ihren weltbekannten Venezianer einem Umweltskandal auf die Spur kommen. Dich zunächst braucht der erstmal Erholung und der Leser wird in die Lagune entführt. Auf sportliche Art und Weise. Wieder einmal ein Krimi der leisen Töne. Hier gehts zur Rezension.


Donnerstag, 29. Juni 2017

Leon, Donna: Stille Wasser (BR26)

Dies ist des Commissario Brunettis inzwischen sechsundzwanzigster Fall.

"Wer wusste schon, was jemand sah? Oder fühlte. Jeder Mensch war ein Universum für sich, mit unendlich vielen Möglichkeiten und Fähigkeiten." - und Geheimnissen und Abgründen, möchte ich ergänzen. (Seite 333)

Brunetti ist kaputt. Es ist zwar ein fingierter Schwächeanfall während einer brisanten Vernehmung, aber im Ospedale merkt Guido, dass er wirklich auf dem Zahnfleisch kraucht. Krank!

Paola, Guidos Frau, erscheint wutentbrannt, eher aber wohl besorgt, am Krankenbett. Der junge Kollege, den Guido mit dem Anfall aus der Patsche half, stand plötzlich in der Universität in Uniform vor ihr. 

Nun verhilft sie ihm zur Erholung in einer Villa auf Sant´ Erasmo. Verwaltet von Davide Casati. Der kannte Guidos Vater von einer gemeinsam gewonnenen Ruder-Regatta. Das verbindet. Und so fängt die Erholung an: Lesen, Rudern, Schlafen... 

Doch Casati, scheint schwer an einem Problem zu brüten. Er hält Bienenstöcke auf den Inselchen in der Lagune. Erschütternd und geheimnisvoll. der vernarbte Rücken des Lagunen-Imkers.
Bald ahnt der Leser, das Sterben der Bienen könnte durch ein Umweltverbrechen verursacht wurden sein...

Und dann findet Brunetti mit den Kollegen auf Sant´ Erasmo die Leiche des Freundes in dessen Boot. Ein Unfall?




* * *

Es ist nicht das erste Mal, dass Donna Leon sich italienischer Umweltverbrechen annimmt. Diesmal aber ist es nicht vordergründig die Gier von Firmen, welche diese begehen, hier geht es um die Menschen, die darin verwickelt werden. Und so wird Brunetti daran erinnert: "...die wenigsten denken an die Folgen ihres Tuns. Die eigenen Wünsche rechtfertigen alles." (Seite 332)

In dieser Geschichte ist also die Suche nach Tätern nicht der Zweck des Handelns von Guido Brunetti, der diesmal mi seiner Kollegin Griffoni ermittelt, unterstützt von Signorina Elettra, die in jedem Hackerclub würde unterkommen können und bemerkenswert wenig gestört vom Vice Questore Patta. Aber vielleicht stört der ja nicht, weil es gerade irre warm ist in Venezia.


* * *

Donna Leon bleibt der Art und Weise ihrers Schreibens treu. Ich mag diese Figur, wenn sie ihn an die mahnenden Worte seiner Mutter denken lässt, "dass er von anderen nicht verlangen konnte, die dinge so zu sehen wie er selbst." (Seite 330)

Oder wenn sie einer Figuren über Männerfreundschaften sagen lässt: "Männer haben keine Freunde,... Männer haben Kameraden und Kumpels und Kollegen, aber die wenigsten haben Freunde. Und wenn doch, sind es meistens Frauen, manchmal sogar die eigene." (Seite 233) Und jetzt, wo ich den Klebezettel entferne, merke ich, das ist eigentlich ein "Schlüsselspruch", dessen "Wahrheit" sich am Ende der Geschichte bestätigt.

Es sind die gewohnt leisen Töne eines besonderen Polizisten (in der Literatur), wenn der, die Tochter des Davide Casati nach der Bienenpflege befragend zur Antwort erhält:

"'Ich habe es nie gelernt. Jahrelang habe ich ihn zu den Bienen begleitet und ihm zugesehen, trotzdem weiß ich nicht, was oder wann etwas zu tun ist, oder womit sie im Winter gefüttert werden. Ich habe nicht richtig aufgepasst. Er hat versucht, mir alles zu erklären, aber es hat mich nicht interessiert. Ich wollte nur den Honig.' Sie seufzte.
Immer sind es die kleinen Tücken, die uns aus der Bahn werfen, dachte Brunetti. Trauer liegt in uns vergraben wie eine Landmine: Schwere Schritte stapfen folgenlos daran vorbei, während andere, die kaum den Boden berühren, sie zur Explosion bringen." (Seite 225)

Und so findet man in den Romanen der amerikanischen Venezianerin ganz viele Dinge, die einen anhalten, einhalten lassen beim lesen.

* * *

Ganz am Schluss betrachtet der Commissario Dottore Guido Brunetti ein Tatortfoto noch einmal ganz genau... 

Mögen es doch bitte mehr als dreißig Fälle werden.


 Hörprobe

* * *


Foto: © Regine Mosimann /
Diogenes Verlag
Im Jahre 1981 zog die im Jahr 1942 geborene Amerikanerin nach Venedig. Hier wurde sie mit den Brunetti-Romanen weltberühmt. Die meisten wurden in Deutschland und in den USA verkauft. Sie soll mal gesagt haben, wenn die auf den italienischen Markt kämen, müsste sie das Land verlassen.

DNB / Diogenes / Zürich 2017 / 978-3-257-06988-4 / 343 Seiten
► Donna Leon Webseite
► Donna Leon: Unsere Autorenseite
Das Brunetti Projekt

© KaratekaDD



Freitag, 23. Juni 2017

Ebrahimi, Nava: Sechzehn Wörter


Es gibt Wörter, die wir nicht kennen. Deren Bedeutung wir aber erahnen. Als wären sie immer schon hier gewesen. Als hätten sie schon immer in uns gewohnt. Und manchmal wollen sie endlich ausgesprochen werden.

Als ihre Großmutter stirbt, diese eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte, beschließt Mona, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wagt sie die Reise in die trügerische Heimat. Der Rückflug in ihr Kölner Leben zwischen Coworking und Clubszene ist schon gebucht. Doch dann überredet sie ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin zu einem Abschiedstrip nach Bam, in jene Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Und Monas Mutter schließt sich den beiden an. Die Fahrt wird für Mona zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Identität und ihrer Herkunft, über die so vieles im Ungewissen ist. Aber manchmal wird uns das Fremde zum heimlichen Vertrauten. Und über das, was uns vertraut schien, wissen wir so gut wie nichts.

(Klappentext Verlagsgruppe Random House)

  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (27. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442756790
  • ISBN-13: 978-3442756797








Herzlichen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
 
btb







AUF DER SUCHE...


Teheran - Quelle: pixabay
"Erst war es nur ein Wort. Das Wort, flink und wendig, überfiel mich, wie alle diese sechzehn Wörter, aus dem Hinterhalt. (...) Regelmäßig war ich ihnen ausgeliefert, diesen Wörtern, die nichts mit meinem Leben zu tun hatten. (...) Nichts hatten sie mit meinem Leben zu tun, trotzdem, oder gerade deshalb brachten sie mich immer wieder in ihre Gewalt. Doch dann, einer Eingebung folgend, übersetzte ich ein Wort, und es war, als hätte ich es entwaffnet. (...) Mit einem Schlag verlor es die Macht über mich. (....) Wir waren nun beide frei, das Wort und ich." (S. 7 f.)


Die Iranerin Nava Ebrahimi hat sie genommen, diese sechzehn Wörter, und hat sie den Kapiteln ihres Buches vorangestellt, in arabischer Schrift und auf Persisch - und hat die Ich-Erzählerin Mona sich an diesen Wörtern entlanghangeln lassen auf ihrer Reise in den Iran, in die Vergangenheit, zu ihren Wurzeln, auf der Suche nach Antworten und sich selbst. Die 34jährige Mona erscheint als toughe Frau, die ihr Leben sicher nicht geradlinig führt, aber mit beiden Beinen fest darin zu stehen scheint. Doch tief im Innern schlummern Fragen, lauern Zweifel, bröckelt das Fundament. Dies ist Mona selbst gar nicht so deutlich - bis zu ihrer Reise in den Iran, zum Begräbnis ihrer Großmutter.


"Bevor ich eine Moschee betrete, spüre ich jedes Mal Widerwillen. Bin ich drin, möchte ich sie nicht mehr verlassen. Ich fühle mich dann, wie sich ein Baby auf einer riesigen Krabbeldecke fühlen muss. Gestillt, gepudert, gewickelt. Ich würde am liebsten ganze Tage und Nächte auf den Perserteppichen herumkugeln. (...) In den Nächten bräuchte ich weder Kissen noch Decke, ich schliefe wie ein Neugebornes, das an der Brust der Mutter eingenickt ist und dessen Träume von warmer Milch beim ersten Augenaufschlag wahr würden." (S. 73)


Der Leser reist mit Mona in den Iran, widerwillig eher, pflichtergeben, weil nun einmal die Großmutter verstorben ist. Maman-Bozorg starb in hohem Alter recht unspektakulär im Sessel vor ihrem Fernseher, der zuletzt ihr ein und alles war. Diese Großmutter ist in dem Roman überaus präsent und hat mich des öfteren den Kopf schütteln lassen, mich aber auch wirklich amüsieren können. Immer ein loses und oft ordinäres Mundwerk('Kämm dir mal die Haare. Du siehst aus wie ein verprügelte Nutte.'), lebte Maman-Bozorg von Klatsch und Tratsch, äußerte stets unverblümt ihre Meinung, nahm sich, was sie wollte und hatte ein heimliches Faible für nette Männer. Ihr Lieblingswort war 'Kos', was allen anderen die Schamesröte ins Gesicht trieb, doch nein, ich werde jetzt nicht übersetzen, um was für ein Schimpfwort es sich hierbei handelt.

Die Großmutter gehörte irgendwie immer zu Monas Leben dazu, auch wenn sie sich oft nur einmal im Jahr sahen - meist kam Maman-Bozorg nach Köln, zu Mona und ihrer alleinerziehenden Mutter, reiste stets mit großem Übergepäck, Ezafebar. Mona selbst wurde im Iran geboren, lebt aber bereits seit frühester Kindheit in Deutschland - zwischen den Kulturen, wie ihr nun deutlich bewusst wird. Immer das Gefühl, irgendwie nicht dazu zu gehören: im Iran ist sie die Deutsche, in Deutschland ist sie die Iranerin. Wie ist es möglich, sich so irgendwo zu Hause zu fühlen? Doch Mona begibt sich auf ihrer Reise im Iran nicht nur auf die Suche nach sich selbst - auch ein langgehütetes Familiengeheimnis drängt hier zunehmend an die Oberfläche.


"Glück? Nach drei Bier auf einer Tanzfläche, über mir viel Raum, durch mich hindurch ein Bass, der alles in Schwingung versetzt, um mich herum Menschen, deren Gesichter mir bekannt vorkommen, die ich manchmal zufällig streife, die genau wie ich darauf warten, dass der DJ sein Versprechen einlöst, dass er aufhört, sich und uns zu zügeln, und dann ist es endlich so weit, der Damm bricht, und uns erfasst eine riesige Welle. (...) und ich denke auch daran, dass, nachdem uns alle dieselbe Welle erfasst hat, jeder woanders angespült wird und jeder von vorne beginnt." (S. 186 f.)


Ein Schreibstil, der eher nüchtern daherkommt, wechselnd zwischen leise-poetisch und derb-zotig, dabei nichts davon überstrapazierend. Wie auf einer Welle treibt Nava Abrahimi den Leser durch das Land, das einem bei aller Fremdheit und Befremdlichkeit plötzlich nahe kommt, wodurch aber auch deutlich wird, wie groß der Spagat der in Deutschland lebenden Mona sein muss, um sich zwischen den Kulturen nicht zu verlieren. Subtil dabei das Kreisen um das ominöse Familiengeheimnis, das letztlich nicht nur für Mona in einer gewaltigen Überraschung gipfelt.

Eine leise Erzählung, melancholisch und poetisch, aber auch anarchisch und voll abgründigem Humor. Über die Fremde und das Fremde in uns. Für mich eine ganz besondere Entdeckung...


© Parden
















Nava EbrahimiDie Verlagsgruppe Random House schreibt über die Autorin:

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln. Sie arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland und der Kölner StadtRevue. Nava Ebrahimi veröffentlichte bereits verschiedene Kurzgeschichten in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften. 2007 war sie Finalistin des Open Mike, 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz. »Sechzehn Wörter« ist ihr erster Roman.

übernommen von der Verlagsgruppe Random House

Sonntag, 18. Juni 2017

Cole, Daniel: Ragdoll



Der umstrittene Detective William Oliver Layton-Fawkes, genannt Wolf, ist nach seiner Suspendierung wieder in den Dienst bei der Londoner Polizei zurückgekehrt. Wolf ist einer der besten Mordermittler weit und breit. Er dachte eigentlich, er hätte schon alles gesehen. Bis er zu einem grausigen Fund gerufen wird. Sechs Körperteile von sechs Opfern sind zusammengenäht zu einer Art Lumpenpuppe, einer »Ragdoll«. Gleichzeitig erhält Wolfs Exfrau eine Liste, auf der sechs weitere Morde mit genauem Todeszeitpunkt angekündigt werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, doch der Ragdoll-Mörder ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Und der letzte Name auf der Liste lautet: Detective William Oliver Layton-Fawkes ...

(Klappentext Ullstein Verlag)

  • Broschiert: 480 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (27. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Conny Lösch
  • ISBN-10: 3548289193
  • ISBN-13: 978-3548289199
  • Originaltitel: Ragdoll
  • Reihe: 'Ein New-Scotland-Yard-Thriller' Bd. 1













ALS THRILLER ZIEMLICH HANEBÜCHEN...




Gerade einmal zwei Tage habe ich zum Lesen der 480 Seiten benötigt, was sicherlich für den flotten Schreibstil spricht, für die kurzen Kapitel, die zum fortlaufenden Weiterlesen motivieren, für die Neugierde, die beim Lesen entsteht: wer oder was steckt eigentlich hinter all dem Grauen, das sich hier offenbart?

Der Anfang war auch durchaus vielversprechend, die grausige Entdeckung der 'Ragdoll' warf viele Fragen auf - vor allem, wer die einzelnen zerstückelten und aneinandergenähten Opfer überhaupt waren und weshalb sie getötet wurden. Doch rasch gerieten diese Fragen eher in den Hintergrund, weil der Täter einem TV-Sender eine Liste zuspielte, auf der sechs Namen standen - weitere Opfer mitsamt dem jeweiligen angekündigten Todesdatum. In erster Linie galt es daher zu versuchen, den möglichen zukünftigen Opfern ausreichend Schutz zu gewähren - die Ermittlungen in Sachen 'Ragdoll' liefen deshalb eher nebenher. Schon da drängte sich mir der Eindruck von 'zu viel' auf.

Dieser Eindruck verstärkte sich im Laufe des Lesens noch - zu viele Personen, zu viele Informationen, die nicht alle wirklich relevant waren, zu viele Pannen und Zufälle sowie zu viele Handlungsstränge. Dabei wurde auf die Perspektive des Täters komplett verzichtet, was bei mir wiederum ein Gefühl von 'zu wenig' hervorrief. Auch dieses 'zu wenig' zog sich durch den Thriller - zu wenig tatsächliche Ermittlungsarbeit, zu wenig Hintergrundinformation, und viel zu wenig Plausibilität.

Eine der großen genannten Schwächen ist die eigentliche Ermittlung - der einzige, der da wirklich am Ball bleibt, ist der 25jährige Edmunds, der gerade aus dem Betrugsdezernat in die Abteilung für Kapitalverbrechen versetzt wurde und entsprechend bislang keine Erfahrungen mit dieser Art von Ermittlungen hat. Ausgerechnet dieser Neuling hat dann die entscheidenen Ermittlungsergebnisse vorzuweisen, erstellt ein Täterprofil und entwirft einige Theorien, die die Kollegen zunächst empören, die sich dann aber bald als stichhaltig erweisen. Edmunds entdeckt Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben, beißt sich hartnäckig wie ein Terrier an kleinsten Spuren fest und sagt schließlich sogar dem Chef, was zu tun ist. Unglaubwürdig? Finde ich auch.

Die anderen Kollegen haben jedoch zu viel damit zu tun, kleinere und größere Geheimnisse zu verbergen und vor allem damit, ihre Klischees zu erfüllen. Wolf, der Einzelgänger, der schon zu viel Leid und Unrecht gesehen hat und darunter leidet, der, wie der Prolog bereits verrät, schon einmal den Grat zwischen Gut und Böse verlassen hat und dafür zahlen musste (was sucht der eigentlich noch im aktiven Polizeidienst, jetzt ernsthaft mal?), der nichts von Teamarbeit oder Anweisungen von oben hält, der sich aber einige offenbar unverbrüchliche Freundschaften zugute halten kann. Emily Baxter, resolute und toughe Frau, die jedem einen derben Spruch drückt, der ihr vor die Nase kommt, die Einsamkeit in Alkohol ummünzt und die alles tut, um zu demonstrieren, dass sie sich trotz ihrer zierlichen Gestalt durchaus zu behaupten weiß. Der Chef, der sich angesichts der schleppenden Ermittlungen wiederum seinem Vorgesetzten gegenüber ständig rechtfertigen muss und dafür den Druck auf seine Abteilung erhöht, dazu der Kampf gegen die reißerischen Medien... Nichts Neues und in den Rollen vielfach vorhersehbar.

Abgesehen von den Schwächen der Ermittlungsarbeit (geht es hier überhaupt darum?) und den durchweg klischeehaft besetzten Charakteren hätte der Thriller Potential gehabt. Doch im letzten Drittel der Erzählung habe ich nur noch mit den Ohren geschlackert. Eine Überraschung? In jedem Fall. Allerdings letztlich mit vielen unglaubwürdigen Szenen, gespickt mit zufällig passenden Zufällen und reichlich zurückbleibenden Fragezeichen. Wer wusste was und woher so plötzlich? Hier habe ich oft gestaunt. Zurück bleibt aber auch tatsächlich die Frage, weshalb hier ein Mehrteiler geplant ist. Wie zum T... soll das überhaupt gehen?

Insgesamt war dieser Thriller für mich ein bemühtes Debüt mit einigen guten Ansätzen, jedoch auch mit vielen Schwächen in der Umsetzung. Letztlich ein Pageturner, der mich etwas ratlos zurücklässt...


© Parden


















Daniel ColeDer Ullstein Verlag schreibt über den Autor:

Daniel Cole wurde 1983 geboren. Er hat bisher als Sanitäter, Tierschützer und für die britische Seenotrettung gearbeitet. Sein Drang, Menschen zu retten, entspringt möglicherweise dem schlechten Gewissen wegen der großen Zahl der Figuren, die er beim Schreiben umbringt. Er lebt im sonnigen Bournemouth in Südengland und ist meist am Strand anzutreffen, obwohl er eigentlich an seinem nächsten Buch schreiben sollte. Sein Debüt »Ragdoll« erscheint in 34 Ländern, die Verfilmung ist in Vorbereitung.

übernommen vom Ullstein Verlag

Mittwoch, 7. Juni 2017

Erpenbeck, Jenny: Wörterbuch


Eine junge Frau erinnert sich an ihre wohlbehütete Kindheit in einem südamerikanischen Land und kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Die Eltern, die sich so fürsorglich um sie gekümmert haben, sind nicht ihre leiblichen Eltern. Sie sind Teil eines terroristischen Regimes, das auch ihre Eltern umgebracht hat …

(Klappentext Verlagsgruppe Random House)

  • Taschenbuch: 112 Seiten
  • Verlag: btb Verlag; Auflage: 1. (2. Januar 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442734614
  • ISBN-13: 978-3442734610










 VERSTÖREND...




Vater. Mutter. Kind. So wächst das kleine Mädchen heran in einer kleinen Stadt, in einem Land, in dem immer die Sonne scheint. Haus. Die Familie lebt gemeinsam in einem großen Haus, eine Amme kommt, solange das Mädchen klein ist, eine Aufwartefrau hilft der Mutter. Ordnung. 'Ordnung muss sein', sagt der Vater, der als Polizeikommandant dafür sorgt. Klavier. Das Kind soll ein Instrument lernen, also geht es einmal in der Woche zum Unterricht, wo es immer nur die Lehrerin in einem bis auf das Klavier leeren Raum antrifft, niemanden sonst. Schule. Uniformierte Kinder, alle gleich, die Augen geradeaus auf die Fahnen gerichtet, allmorgendlich, hinter der Mauer ein geplatzter Reifen, der auch ein Schuss sein könnte.


"Ich sehe einen Baum und sage Baum. Ich rieche Kuchen, den meine Mutter am Sonntag bäckt, und sage Kuchen. Ich höre einen Vogel im Garten zwitschern, und meine Mutter sagt: Ja, ein Vogel. Das waren vielleicht die einzigen Wörter, die heil waren, als ich sie lernte. Und auch die dann verkehrt, aus mir herausgerissen und andersherum wieder eingesetzt. Für mich standen die Worte fest, aber jetzt lass’ ich sie los, und wenn es nicht anders geht, schneide ich den einen oder anderen Fuß lieber mit ab."


Was ist 'Wörterbuch' nun eigentlich? Kein Heilewelt-Roman, so viel kann ich verraten. Ehrlich gesagt habe ich solch ein Buch bislang noch nie gelesen. Eine bitterböse Parabel träfe es da vielleicht am ehesten. Verstörend ist es allerdings auch.

Vage gehalten sind Orte und Namen, Südamerika ist gewiss, Argentinien zu Zeiten der Militärdikatatur wahrscheinlich - aber auch jede andere Diktatur kann sich hier wiederfinden - Parallelen zu Jenny Erpenbecks eigener Kindheit in der DDR sind wohl ebenfalls nicht zufällig. Die Personen erhalten schwache Konturen, eher Rollenzuschreibungen, lediglich einige Kinder bekommen hier einen Namen. Totalitäres Schreckensregime, ideologische Indoktrination, Verzerrung der Wirklichkeit. Und die Rolle der Sprache. Der Wörter. Die zunehmend nicht mehr das sind, was sie vorgeben zu sein.

Doch auch wenn die Autorin eigentlich ein fatales Szenario beschreibt, liest sich das Ganze über weite Strecken hinweg völlig harmlos, was wohl aus dem unkommentierten Nebeneinander der  geschilderten Fakten einerseits und der naiv-kindlichen Perspektive der Ich-Erzählerin andererseits resultiert. Zwar wird größtenteils chronologisch erzählt, doch die ausschließliche Perspektive des erlebenden Kindes ist assoziativ und sprunghaft. Beiläufiges und Wesentliches vermischt sich so immer wieder. Ein Kind, ein anscheinend intaktes Wortregister, tatsächlich aber ein Nachschlagewerk der Lüge mit einer nur vordergründig harmlosen Begrifflichkeit. Um die (vermeintliche) Bedeutung von Wörtern sowie um die Macht der Sprache, die das erzählende Mädchen im Laufe seines Heranwachsens als Instrument der Beeinflussung erfährt, geht es hier.


"Meine Eltern haben viel Platz. Bei mir ist das anders. Der Kopf, den ich bewohne, war schon immer von fremden Träumen möbliert, kommt mir vor. Da falle ich von Zeit zu Zeit hin oder laufe gegen irgendwas oder klemme mich ein. Vater und Mutter."


Die Beschönigungen des Schrecklichen - nichtssagende Umschreibungen der Folter, vorgestanzte harmlose Floskeln für eine Hinrichtung, märchenhafte Erklärungen für das Verschwinden von Menschen: das Kind in der Erzählung erfährt zunehmend, dass es sich auf das Wort als solches nicht verlassen kann, setzt aber große Anstrengungen darein zu verdrängen, zu leugnen, damit die gelernte Wahrheit auch ihre Wahrheit bleibt. Aber es geht noch weiter, denn die ganze Lebenswelt des Mädchens gerät letztlich nicht nur ins Wanken, sondern stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es erfährt, dass es nicht das Kind der Menschen ist, die es Mama und Papa zu nennen gelernt hat. Der Mann, der eigentlich ihr Vater war, verschwand spurlos - und die Frau, die sie geboren hat, starb gleich nach der Geburt des Mädchens in den Händen der Militärs. Und doch bleibt das Mädchen seinen vermeintlichen Eltern weiter verbunden. Trotz der Wahrheit, die letztlich ans Tageslicht kommt.

Durch Recherche habe ich erfahren, dass hinter dieser Parabel eine wahre Geschichte steckt, die sich zu Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien zugetragen hat. Damals wurden alle Menschen mitgenommen, die potentielle Gegner waren, darunter auch schwangere Frauen. In vielen Fälle wurde dann gewartet, bis das Kind geboren war, danach wurde die Mutter umgebracht, während das Kind oft Polizeibeamten gegeben oder verkauft wurde. In einem dieser Fälle haben später die leiblichen Verwandten nach dem Kind der ermordeten Mutter gesucht und schließlich gefunden. Dieses Kind hat sich dann letztlich aber für die damaligen Anhänger der Diktatur, ihre falschen Eltern entschieden - denn das war die Wahrheit, in der es aufgewachsen war.


"...wenigstens kommt das, was ich esse, unten wieder heraus, nur das, was ich in die Augen hineintue, wo geht das hin, soll das alles in meinen Kopf hineinpassen, selbst wenn ich das stapeln würde wie unsere Aufwartefrau die Wäsche, zusammenfalten und übereinanderlegen, hätte das keinen Platz, glaube ich, deshalb sage ich, was ich sehe, denn dann macht das in meinem Kopf eine Kurve und geht durch den Mund wieder hinaus. Scheiße, sage ich, als ich später sehe, was aus dem Kuchen geworden ist..."


Während ich die Gedankenwelt des Kindes wie im vorweg genannten Beispiel anfangs spannend und, ja, durchaus philosophisch fand, geriet der Schreibstil für mich dann aber zunehmend zu einem K(r)ampf. Sätze von bis zu einer Seite sind da keine Seltenheit, zahllose Wiederholungen, deren Sinn sich mir letztlich zwar erschloss, die für mich aber einfach nur anstrengend zu lesen waren. Das Spiel mit Wörtern um Worte und Sprache - Jenny Erpenbeck mag da zu einer gewissen Virtuosität gelangen, aber mich überforderte diese geballte Versprachlichung der Verharmlosung des Grauens. Die verschwimmende Grenze zwischen der Realität und der Fantasie des Kindes, die ständigen Umdeutungen, das gelegentliche Abgleiten ins Surreale - es tut mir leid: das war nichts für mich.

Verstörend - der Titel meiner Rezension fasst gut zusammen, wie ich die Lektüre letztlich empfand. Trotz der Kürze der Parabel konnte ich immer nur kleine Häppchen lesen und musste das Buch dann erst einmal wieder zur Seite legen. Dass Jenny Erpenbeck auch anders kann, habe ich ja bei 'Gehen, ging, gegangen' gesehen. Hier jedoch kann ich nur wiederholen: das war nichts für mich...


© Parden










Jenny Erpenbeck Die Verlagsgruppe Random House schreibt über die Autorin:

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren. 1999 debütierte sie mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«, der weitere literarische Veröffentlichungen folgten, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr zuletzt erschienener Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichsam gefeiert und vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2013 mit dem Joseph-Breitbach-Preis und 2015 mit dem Independent Foreign Fiction Prize.

übernommen von der Verlagsgruppe Random House

Dienstag, 6. Juni 2017

Hirschhausen (von), Eckart: Glück kommt selten allein.... - Hörbuch


Mit dem Glück ist es wie mit Diäten oder Erkältungskrankheiten: tausend Rezepte – aber keine überzeugenden Erfolge. Gar keine? Deutschlands lustigster Arzt findet die Trüffel der Glücksforschung, das Kuriose, Komische und Menschliche. Endlich spricht einer aus, was keiner wahrhaben will: Wir sind von Natur aus bestens geeignet, das Glück zu suchen, aber eklatant schlecht darin, zufrieden zu sein. Muss das sein? Wer die evolutionären Webfehler in unseren Wünschen kennt, hat gut Lachen. Ein erfrischend provokanter Perspektivenwechsel auf Finanzkrise, Partnerwahl und Erdbeermarmelade.

(Klappentext der Hörverlag)

  • Audio CD
  • Verlag: der Hörverlag (15. November 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecher: Dr. med. Eckart von Hirschhausen
  • ISBN-10: 3867178666
  • ISBN-13: 978-3867178662











GLÜCK IST MACHBAR...




Schon immer suchen die Menschen nach dem Glück, doch es ist unbeständig und flatterhaft. Hunderte von Ratgebern versuchen zu erklären, wie das Glück zu finden ist. Diese CD von Eckart von Hirschhausen ist aber kein typischer Ratgeber. Auf unterhaltsame Weise berichtet der promovierte Mediziner von Erkenntnissen, persönlichen Erlebnissen und Forschungsergebnissen, und wenn eines deutlich wird, dann dies: ein großes Stück weit hat man es selbst in der Hand, glücklich zu werden. Und Lachen ist ein probates Mittel auf dem Weg dazu...

Eines wird rasch klar: Je mehr wir über die Arbeitsweise unseres Hirns wissen, desto deutlicher wird: wir sind nicht dazu geschaffen, auf Dauer glücklich zu sein. Aber vieles ist eine Frage der Perspektive, und von Hirschhausen zeigt auf, was es ausmachen kann, diese Perspektive einmal zu wechseln und die Dinge aus einer ganz anderen Richtung zu betrachten.


"Wenn ich die Situation nicht ändern kann - ich kann meine Haltung ändern!"


Nun besteht das Hörbuch nicht nur aus solchen Allgemeinplätzen, sondern nähert sich dem Begriff des Glücks aus verschiedenen Richtungen. Gleich fünf Sorten des Glücks  präsentiert von Hirschhausen hier:
  • das Glück der Gemeinschat (Freunde, Familie, Liebe)
  • das Glück des Zufalls (günstige Gelegenheiten, lustige Begegnungen, der Euro auf der Straße)
  • das Glück des Momentes (Sinnliches wie Schokolade, Massage, Zärtlichkeit, der erste Schluck Bier - Zeit nehmen, spüren, genießen)
  • das Glück der Selbstüberwindung (den Schweinehund schlagen, sich herausfordern, anstrengen, ins Kalte springen)
  • das Glück der Fülle (Schönheit der Natur, der Schöpfung, Stille aushalten)

Das Hörbuch selbst ist die Aufzeichnung einer Live-Lesung des Autors aus dem Tivoli-Theater Hamburg (2 Stunden 28 Minuten). Auch wenn einige Sprechpausen und Publikumsreaktionen schwer verständlich sind (Gestik und Mimik des Kabarettisten fehlen hier), schafft es von Hirschhausen, seine Botschaft informativ und gleichzeitig amüsant zu vermitteln. Schon allein das doppelte Vorwort bricht das Eis: ein Vorwort für Optimisten und eines für Pessimisten - herrlich!


"Wer es liest, muss nicht glücklicher werden. Wer will, kann auch anschließend unglücklicher sein - aber auf höherem Niveau. Pessimisten behalten öfter Recht - aber will man Recht behalten oder glücklich sein? Beides geht nicht."


Glück kommt selten allein ist ein kurzweiliges Hörbuch mit vielen "Aha-Momenten" und Überraschungen. Es lädt zum Mehrmals-Hören ein und lässt einen in jedem Fall mit einem Lachen zurück...


© Parden


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In einem Interview zu seinem Buch meinte von Hirschhausen:

Die unliebsame Wahrheit ist: Wir sind gut darin, das Glück zu suchen. Aber immanent schlecht darin, es zu behalten. Mit einfachen Glücksrezepten ist es wie mit Diäten oder Erkältungsmitteln: Gäbe es ein gutes Rezept für alle - es hätte sich schon herumgesprochen. Meine zentrale Idee lautet: Glück ist paradox. Viele Glücks-Gurus, Philosophen und Ratschlag-Austeiler versuchen Glück auf EINE Formel zu bringen. Ich mache das genaue Gegenteil: Für mich ist das Widersprüchliche interessant. Glück ist nicht ein Gefühl, sondern mindestens fünf verschiedene, deshalb gibt es auch 5 Kapitel: Zum Zufall, der Gemeinschaft, dem Genuss, dem Tun und dem Lassen.
Der Hauptunterschied zu vielen Gurus ist, dass mein Buch nicht einfach etwas behauptet, sondern über fünf Jahre Recherchearbeit darin stecken. Und dabei bin ich auf kuriose Dinge gestoßen: Schönheit macht traurig, Sex wird überschätzt, und lange Ladenöffnungszeiten lähmen die Kauflust. Dafür macht Geld glücklich, beim Ausgeben, nicht beim Verdienen. Der größte Unterschied zu anderen Glückbüchern ist: Es gibt viel zu lachen. Über unsere Macken, unsere Suche nach dem Glück an den falschen Orten und über mich.















Der Hörverlag schreibt über den Autor:

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Durch die Bücher „Arzt-Deutsch“, „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, „Glück kommt selten allein…“ und „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist“ wurde er mit über 5 Millionen Auflage einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Aktuell tourt er mit seinem Bühnenprogramm „Wunderheiler – Wie sich das Unerklärliche erklärt“. In der ARD moderiert Eckart von Hirschhausen die Wissensshows „Frag doch mal die Maus“ und „Hirschhausens Quiz des Menschen“. Hinter den Kulissen engagiert sich Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN für mehr gesundes Lachen im Krankenhaus, Forschungs- und Schulprojekte.

übernommen von der Hörverlag

Montag, 5. Juni 2017

Miller, Louise: Die Zutaten zum Glück



Wer rechnet schon damit, dass aus einem Flammeninferno das große Glück erwächst? Am wenigsten die Patissière Olivia, als sie mit ihrem flambierten Dessert einen Bostoner Luxusclub in Brand setzt. Dass genau das ihr ein neues Leben  und eine Liebe auf Umwegen beschert, noch dazu in Vermont, kommt für sie genauso unverhofft wie für all diejenigen, denen sie dort in die Quere stolpert …

Nachdem sich Olivias Karriereaussichten in Rauch aufgelöst haben, flüchtet sie sich kurzerhand zu ihrer besten Freundin ins ländliche Vermont. Wo sie nicht nur Unterschlupf und eine Anstellung wider Willen in einem kleinen Landgasthof findet, sondern auch ein neues Zuhause, nach dem sie bislang gar nicht gesucht hatte. Doch bevor Olivia selbst erkennt, wohin ihr Herz gehört, muss sie sich mit der kauzigen Lokalbevölkerung anfreunden – und das Geheimnis um den besten Apple Pie lüften. Und nicht zuletzt die Gunst einer eigensinnigen alten Dame erobern, unter deren rauer Schale mehr verborgen liegt, als Olivia ahnen kann …

(Klappentext Suhrkamp / Insel)

  • Broschiert: 408 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (10. April 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Katja Bendels
  • ISBN-10: 3458362649
  • ISBN-13: 978-3458362647
  • Originaltitel: The City Baker's Guide to Country Living










DAS GLÜCK DER PATISSIÈRE...





Olivia hat es als Patissière mit Anfang dreißig schon weit gebracht in der Welt der Kuchen und Desserts. Als sie jedoch mit einer flambierten, zwanzig Kilo schweren Eistorte einen Bostoner Privatclub in Brand setzt und sich ihre weiteren Karriereaussichten damit buchstäblich in Rauch auflösen, flüchtet sie sich kurzerhand zu ihrer besten Freundin ins ländliche Vermont. Dort findet Olivia nicht nur einen Unterschlupf, sondern unversehens auch eine Anstellung in einem kleinen Landgsthof. Die Gepflogenheiten des Kleinstadtlebens erscheinen Livvy zunächst befremdlich, doch dann bahnen ihre Backkünste und ihr Banjospiel ihr einen Weg in die Herzen der Einwohner. Nur die reservierte und eigensinnige alte Besitzerin des Landgasthofs scheint unnahbar. Doch unter deren rauer Schale liegt mehr verborgen, als Livvy ahnen kann. Und schließlich spürt die junge Patissière, was es bedeuten kann, 'Zuhause' zu sein...

In Louise Millers Debütroman dreht sich alles um die dreißigjährige Patissière Olivia, und vermutlich sind die biografischen Parallelen zwischen der Protagonistin und der Autorin nicht zufällig. Wo 'Wohlfühlatmosphäre' versprochen wird, ist Liebe nicht weit - und tatsächlich spielt diese in dem Roman keine unbedeutende Rolle. Doch in erster Linie geht es darum, dass Olivia endlich irgendwo ankommt, nicht ständig bei Schwierigkeiten davonläuft und ihr bisheriges Leben grußlos hinter sich lässt. Natürlich geschieht dies nicht reibungslos und ebenso natürlich darf eine Portion Kitsch nicht fehlen, aber bis auf das arg weichgespülte Ende hält sich das alles angenehm die Waage.

Tatsächlich konnte der Roman bei mir v.a. durch die Atmosphäre punkten. Schnell tauchte ich ein in die Beschreibungen des ländlichen und meist friedlichen Vermont, genoss die Schilderungen der diversen Köstlichkeiten, die da von Olivia und ihrem Küchenschef Alfred kreiert wurden und vermeinte oft genug, etwas von dem köstlichen Duft zu erhaschen, der da dem Ofen entströmte. Das prasselnde Feuer im Kamin, die kuschelige Decke auf dem Sofa, die mitreißende Musik an den Abenden, die langen Spaziergänge durch den unberührten Wald - all diese Beschreibungen ließen mich daran teilhaben und tief in Olivias neue Welt eintauchen.

Olivia selbst kam mir dagegen nur zögerlich nahe. Ihre Desserts und Backwerke beeindruckten mich, ihr Charakter allerdings erschloss sich erst allmählich. Witzig waren ihre ständigen Haarfärbe-Aktionen mit überaus originellen Farbprodukten wie beispielsweise 'Manic Panic Electric Tiger Lily' oder 'Manic Panic Atomic Turquoise'. Ansonsten wirkte Olivia in ihren Handlungen trotz ihrer 32 Jahre oft noch recht unreif - allerdings voller Sehnsüchte. Auch im Verlauf des Romans entwickelte sich die Patissière für mein Empfinden nicht wesentlich weiter, so dass ich hier Abstriche in der B-Note machen muss. Allerdings gab es andere Charaktere in dem Roman, die mich mehr für sich einnehmen konnten - wie z.B. Olivias schrullige Chefin Margaret oder auch Henry, ein alter Mann, der sich gleich in mein Herz schleichen konnte.

Das Ende war dann - too much. Friede, Freude, Eierkuchen - eine ganze Ladung Weichspüler ergoss sich über den im übrigen viel zu kurzen Schluss, so dass ich am Ende zwiespältig zurückblieb. Mein märchenbegeistertes Ich konnte mit dem natürlich erwarteten Happy End zufrieden sein, und doch konnte ich das Ende nicht wirklich genießen. Alles wurde unter einer dicken Puderzuckerschicht begraben, was den Bereich des Vorstellbaren für mich überstieg. Schade, dass hier das Potential nicht voll ausgeschöpft wurde.

Doch weil das Buch ansonsten ein wirklicher Wohlfühlroman zum Abschalten war und dementsprechend meine Erwartungen erfüllte, runde ich die 3,5 Sterne, die ich hier gerne vergeben würde, auf 4 Sterne auf. Eine angenehme Lektüre z.B. für dunkle Herbsttage oder auch für die kühle Winterzeit.


© Parden














Louise MillerDer Verlag Suhrkamp / Insel schreibt über die Autorin:

Louise Miller lebt und arbeitet als Patissière in Boston. In ihrer Freizeit kümmert sie sich um ihren Blumengarten, spielt hin und wieder Banjo, ist begeisterte Filmenthusiastin und liebt alte Hunde. Die Zutaten zum Glück ist ihr erster Roman und neueste Genusskreation, mit der sie die Leserherzen in den USA im Sturm erobert hat.

übernommen vom Verlag Suhrkamp / Insel

Sonntag, 4. Juni 2017

Kollek, Teddy & Amos: Ein Leben für Jerusalem

Mit einer gewissen Israel- oder Palästina-Affinität kommt man an Jerusalem nicht vorbei. Es ist schon eine faszinierende Stadt und ob man sich über das Jerusalem vor 2000 Jahren, dem der Kreuzzüge vor 1000 Jahren oder dem 1967 wieder Vereinigten nähert, ist dabei fast unerheblich.

Selten ist ein Mensch 28 Jahre Bürgermeister einer Stadt. Teddy Kollek war es von 1965 bis 1993.1 Als er das Amt aufgab oder aufgeben musste, war er 82 Jahre alt. Vor einigen Wochen drückte mir ein Kollege sein Buch EIN LEBEN FÜR JERUSALEM in die Hand.

In diesem autobiografischen Buch, Mitautor Amos Kollek (Sohn), lernen wir nicht nur das Jerusalem der Bürgermeisterzeit des in Veszprém, Ungarn, geborenen und in Wien aufgewachsenen Teddy (Theodor nach Herzl 2 benannt) Kollek kennen, sondern natürlich das Jerusalem, wie es nach der Staatsgründung Israels aussah. Vor allem war es bis 1967 geteilt in einen israelisch-jüdischen und einen jordanisch-arabischen Teil.




Kollek selber war ein waschechter Zionist wie schon sein Vater. Er schloss sich der zionistischen Jugendbewegung an und war ab dem Jahr 1937 Mitbegründer des Kibbuz Ein Gev am See Genezareth. Er hätte, vielleicht hat er ja auch, das Vorbild für Leon Uris Romanfigur Ari ben Kanaan 3 aus dem Roman EXODUS abgeben können. Kollek reiste durch die Welt, verhandelte vor allem mit US-Amerikanern aber auch mit lateinamerikanischen Diktatoren über den Kauf von Waffen und veranlasste den Schmuggel dieser nach Palästina.4

Als Mitglied der Hagana war Kollek an der Rettung von Juden aus Europa beteiligt und sprach in dieser Funktion mit Eichmann 5 persönlich. Damit war er beteiligt an der Entlassung von 300 Jugendlichen aus verschiedenen Konzentrationslagern.6 In Bezug auf den Eichmannprozess schreibt er:

„In gewisser Weise glaube ich, daß das bedeutsamste Ereignis in der neueren Geschichte nicht die Gründung des Staates Israel war, sondern die Ausrottung von sechs Millionen Juden. Sicherlich: Das eine ist ein positives Ereignis, das andere ein negatives. Wenn man die beiden jedoch überhaupt miteinander vergleichen will, dann hat das letztere — die grauenhafteste Tragödie für unser Volk — vermutlich doch den tiefgreifenderen Einfluß auf den Lauf unserer Geschichte ausgeübt. Doch wie dem auch sei — man kann keine historischen Ereignisse hassen, und auch einzelne Menschen zu hassen hat keinen Sinn. Der Mensch Eichmann löste in mir keine starken Haßgefühle aus. Ich kann sehr zornig oder enttäuscht sein, Haß jedoch habe ich niemals verspürt, nicht einmal Antisemiten gegenüber. Während des Zweiten Weltkrieges galt meine Wut mehr unserer eigenen Ohnmacht als den Nazis, mehr der Tatsache, daß wir ihre Taten nicht verhindern konnten.“ 7

Bevor Kollek Bürgermeister von Jerusalem wurde, arbeitete er im Ministerpräsidentenamt – als eine Art Kanzleramtsminister für David Ben Gurion In diesem Zusammenhang erzählt er von sich als Zionist und geht auf Öffentlichkeitsarbeit und Tourismus ein:

„Seit Beginn meiner Laufbahn im öffentlichen Leben — von der Zeit in der Jugendbewegung bis zu meinem augenblicklichen Amt als Bürgermeister von Jerusalem — habe ich mich in allererster Linie als Verfechter der zionistischen Sache gesehen. Ich halte es für außerordentlich wichtig, der Welt den Zionismus zu erklären, und mir ist das zur zweiten Natur geworden. Wenn es in meiner Macht stände, die Kompetenzen in der Regierung zu verteilen, würde ich sämtliche Stellen, die etwas mit Public Relations, Information, Medien und Tourismus zu tun haben, im Ministerpräsidentenamt zusammenfassen. Sie sind von grundlegender Bedeutung und sollten von dem Mann gesteuert und koordiniert werden, der auch Israels Politik bestimmt.“ 8


Er erzählt von der Zehnjahresfeier der Staatsgründung, von Kulturveranstaltungen, dem Besuch von Papst Paul VI und dem „phantastischem Public Relations Erfolg des Romans EXODUS. Hierzu meint er, dass „Buch und Film ein idealisiertes Bild von Israel [schufen] als einem Land voller Helden und Halbgötter – kurz ein Volk von ganz außergewöhnlichen klugen und kühnen Menschen.“ Dies führte u.a. auch zu einer gewissen Überheblichkeit und Sorglosigkeit, was in dieser gespannten Region zu nicht unerheblichen Todesopfern führte. 9 Von Optimismus zeugt allerdings eine Geschichte, wonach ein Konzert mit Isaak Stern in Ein Gev nahe der syrischen Grenze stattfand, obwohl in Syrien gerade eine Revolution ausbrach und auf den Golan-Höhen gekämpft wurde. Das war 1951. „Sowohl die Schüsse als auch Isaaks Geigenklänge waren typisch für die Zeit.“ 10

mit Gurion und Moshe
Gerade in aktueller Zeit wird viel über demokratische Wahlen diskutiert. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die Meinung Kolleks zu indirekten und direkten Wahlen, letztere zieht er bei weitem vor: „Das allerwichtigste für die Wähler ist jedoch zu wissen, wen sie wählen, und für den Gewählten, unmittelbaren Kontakt zu einer klar umrissenen Wählerschaft zu haben und ihre Interessen zu vertreten. So wie die Dinge heute laufen, werden die Kandidaten für die Knesset von Parteisekretären ausgesucht, und zwar zumeist eher aufgrund von Loyalität als aufgrund von Fähigkeit, wobei die Wünsche der Wähler Überhaupt nicht berücksichtigt werden. Rückt die nächste Wahl näher, haben die Wähler, falls sie meinen, daß ein bestimmter Abgeordneter der besonders gut oder auffällig schlecht war, keinerlei Möglichkeiten der Einflußnahme. Sie können den Stellenwert des Betreffenden auf der Parteiliste nicht ändern. Außerdem vertreten Knessetabgeordnete derselben Partei oft ganz unterschiedliche Ansichten, so daß die Wähler nicht wissen, welche Politik denn nun eigentlich verwirklicht werden wird. Das System produziert außerdem eine große Anzahl kleiner Parteien und schließt die Wahl einer verantwortlichen Mehrheitspartei vollständig aus.“ 11 
Jedenfalls hat sich Kollek nicht nur unter seinen eigenen Mehrheitsverhältnissen gut halten können. 12



Die Presse: Das ist schon ein Kreuz mit der Presse, ob er nun im Ministerpräsidentenamt arbeitet oder als Bürgermeister, den im Jahr 1966 ein deutscher Pressemann besucht, der selbst und dessen späteres Imperium immer kritisch gesehen wurden: Axel Springer. Schon damals sehr erfolgreich im zwanzigsten Jahr nach Kriegsende, stiftete Springer Eine Million Dollar für einen Flügel des Israel-Museums in Jerusalem. Die beiden mochten sich. Bezeichnend ist aber auch, dass es Ratsmitglieder gab, die des Deutschen Namen nicht öffentlich erwähnt haben wollten, darüber gab es einen riesen Krach. Springer selbst soll für antideutsche Gefühle mehr Verständnis gehabt haben.13




Das Jahr 1967 ist vielleicht das wichtigste Jahr während der Bürgermeisterjahre des Autors. Es begründete wahrscheinlich dessen lange Amtszeit. Es war der Sechstagekrieg, der am 05. Juni 1967 ausbrach. ** Nach dem Präventivschlag der Israelis auf die ägyptische Luftwaffe rückten dann am nächsten Tag israelische Truppen in Ostjerusalem ein und bis an die Klagemauer vor.


Seit 1967 ununterbrochener Schutz der Klagemauer


Bürgermeister einer geteilten Stadt und dann im Krieg zu sein war sicherlich eine gewaltige Herausforderung. Interessant auch um Hinblick auf kontroverse Ansichten ist das Thema des Moghrabi-Virtels . Im Wikipedia-Artikel liest man dazu folgendes: „Nach der Eroberung Ostjerusalems im Jahre 1967 ließ Israel das marokkanische Viertel zerstören, um besser an die Klagemauer zu gelangen. Kollek war Hauptverantwortlicher für die Räumung der Häuser.“ 14






Bei Kollek liest sich dies etwas anders: Die einzige Lösung des Problems war der Abriß der Elendsquartiere des Moghrabi-Viertels. Ich... bat Ya'acov Yanai, Yigael Yadin, den Architekten Arieh Sharon und noch ein paar andere zu einer Besprechung. Ein dominierendes Gefühl erfüllte mich: Es muß getan werden — so soll es jetzt geschehen, bevor es zu spät ist. Um zu einem formellen Beschluß zu kommen, wandte ich mich an meine eigene Verwaltung, die genauso dafür da war. Dann zogen die Archäologen und anderen Fachleute zur Mauer und zeichneten genau auf, was abgerissen werden sollte und was nicht. Wir fanden passende Wohnquartiere für die Leute, die in den Elendshütten gehaust hatten. Samstagabend, den 10. Juni 1967, begannen wir mit der Planierung des Moghrabi-Viertels. Nach zwei Tagen war die Arbeit geschafft — fertig, sauber!“ 15



Dies geschah innerhalb von zwei (!) Tagen, sechs Tage nach Beginn des Krieges, sechs Tage nach dem Sieg. Auch im Wikipedia Artikel zu den Altstadtvierteln wird nur die Vertreibung der Bewohner erwähnt, von Umsiedlung liest man da erst einmal nichts.16 – Es galt, den Juden der Welt den Zugang zur Klagemauer zu ermöglichen. Diese war zwar in den Nachkriegsverträgen mit Jordanien, bis dahin Verwalter Ost-Jerusalems vereinbart, aber nicht gewährleistet wurden.17 Vermutlich hat der sonst so besonnene Bürgermeister West-Jerusalems, der der arabischen Politik seines Landes durchaus auch kritisch gegenüberstand, hier doch gemeint, dass der Zweck die Mittel heilige.




* * *

Das die nächsten 26 Jahre nicht einfach waren, dies erfährt man aus der weiteren Lektüre. Kunst, Kultur, das Schulwesen, das Miteinander und gegeneinander der Kulturen und Religionen, die wechselnde Politik der jeweils führenden Parteien, werden von ihm beschrieben. Wie ähnlich erscheint dabei dem europäischen Leser die Rufe nach einem starken Führer wie Menachem Begin in den siebziger Jahren zu Benjamin Netanjahu heute.18  Es geht um sichere Grenzen, um Einwanderung weiterer Araber und vieles mehr.

Im Nachwort beschreibt Kollek, wie er des ägyptischen Präsidenten Sadat in Jerusalem empfing und der spätere Friedensvertrag mit Ägypten. Und all dies mit einem Ministerpräsidenten, der einst mit terroristischen Mitteln 19 gegen Briten und Araber kämpfte.

Bei all diesen Widersprüchen findet sich dann auch die Kritik an Kreisky und Brandt, denen er die Unterstützung Arafats vorwirft.20


Den Löwenbrunnen stiftete später die Regierung Helmut Kohls


Das Buch enthält nun drei Nachworte. Eins von 1980 zur deutschen Erstausgabe, eines von 1985 und eines von 1991, in dem dann von einem Treffen der Außenminister der USA und der Sowjetunion, Baker und Pankin und dem Bemühen um eine Nahost-Friedenskonferenz berichtet wird. Oder von der Einwanderung Tausender aus der ehemaligen Sowjetunion. 21

Den Wunsch der Palästinenser, Jerusalem zu ihrer Hauptstadt zu machen, findet Kollek aus praktischer Sicht utopisch. Zwei Verwaltungen würden zur Spaltung der Stadt führen.22 Heute, im Jahr 2017, zehn Jahre nach Teddy Kolleks Tod, scheint man keinen Schritt weiter gekommen zu sein. Da ist es schon ein Zeichen, wenn der gerade gewählte und umstrittene US-Präsident Trump sich unmittelbar in seinem ersten Israelbesuch zu einem Gebet an der Klagemauer begibt, anschließend dann zum Präsidenten der Palästinenser Abbas fährt. Alle Vorgänger und andere Staatsoberhäupter vermieden den Besuch der Westmauer, wollten sie doch damit eine „Anerkennung“ vermeiden, denn die Vereinigung der Stadt gilt international als unrechtmäßig. Klar, das Netanjahu dem Beifall zollt.

Bei aller Zerrissenheit, Meinungsverschiedenheiten, Kämpfen, Kriegen und Anschlägen, immer wieder erscheint irgendwo in Fünkchen Hoffnung auf eine Lösung des jahrzehntelangen Konflikts. Es dürfte für Kollek ein Schock gewesen sein, als Jitzchak Rabin 1995 von einem extremistischen Juden ermordet wurde, der ehemalige Stabschef war an der Eroberung Jerusalems maßgeblich beteiligt und arbeitete 1967 auch mit Kollek eng zusammen. Ob Rabins Händedruck mit Yassir Arafat im Beisein von US-Präsident Clinton seine Zustimmung fand, wissen wir leider nicht.


Jitzchak Rabi, Bil Clinton und Yassir Arafat 1993

Der Besuch der Klagemauer durch Trump allerdings hätte ihm bestimmt gefallen.


Vater und Sohn
Selten gibt es Autobiografien, die so persönlich Geschichte erzählen. Die eigene und die eines Landes, einer Region, eine politische, ein kulturelle und eine zukunftsweisende. Ein wichtiges Buch.

► DNB / Fischer Taschenbuch Verlag / Frankfurt am Main 1992 / ISBN: 978-3-596-11269-2 / 446 Seiten




© KaratekaDD


Abbildungen & Quellen:



Abbildungen:


Quellen:

1 siehe: Kollek, Jerusalem, S. 198
1 siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Teddy_Kollek; 13.04.2017, 17:45 Uhr
2 siehe Rezension zu Herzl, Theodor: Der Judenstaat; http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/10/herzl-theodor-der-judenstaat.html; 14.04.2017; 18:00 Uhr
3 siehe LITT-ART Rezension zu Leon Uris: Exodus; http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/09/uris-leon-exodus.html; 14.04.2017; 18:00 Uhr
4 zum Beispiel mit Präsident Somoza in Nicaragua. siehe: Kollek: Jerusalem, Seite 118
5 Später war er, als Chef des Ministerpräsidentenamtes unter Ben Gurion (eine Art Kanzleramtsminister) für die logistische Umsetzung des Eichmann-Prozesses verantwortlich. Persönlich besuchte er den Prozess nicht.  Vgl. Kollek: Jerusalem, Seite 196 ff
6 vgl. wikipedia, a.a.O
7 siehe Kollek: Jerusalem,  Seite 200
8 siehe / vgl. Ebenda, Seite 210
9 vgl. Ebenda, Seite 115
10 vgl. Ebenda, Seite 274/275
11 Kollek gehörte der „Israelischen Arbeiterliste“ – Rafi – an, einer Abspaltung der Arbeiterpartei Mapai. Im Jahr 1968 vereinigtern sich drei Parteien wieder. In Israel sind Spaltungen und neue Zusammenschlüsse von Pateien immer wieder auf der Tagsordnung.
12 vgl. Kollek, Jerusalem, Seite 290 ff
13 Seite „Teddy Kollek“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. März 2017, 12:14 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Teddy_Kollek&oldid=163509761 (Abgerufen: 22. April 2017, 20:34 UTC) 
14 siehe Kollek: Jerusalem, Seite 309
15 vgl. Seite „Jerusalemer Altstadt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. April 2017, 10:00 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jerusalemer_Altstadt&oldid=164717917 (Abgerufen: 22. April 2017, 20:59 UTC) 
16 vgl. Kollek, Jerusalem, Seite 308
17 Begin war in den vierziger Jahren Mitglied der terroristischen Levi Gruppe, auch Irgun genannt.
18 Begin war verantwortlich für die Sprengung des King-David-Hotels in Jerusalem 1946. vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Menachem_Begin
19 vgl. Lollek, Jerusalem, Seite 417
20 vgl. Ebenda, Seite 425 und 431 /
21 vgl. Ebenda, Seite 432
22 vgl. Ebenda, Seite