Dienstag, 31. Oktober 2017

Jacobson / Colón: Das Leben von anne frank

Eine grafische Biografie.

Auf Spurensuche zu Hanas Koffer besuchte ich vor ungefähr anderthalb Jahren das Konzentrationslager Ravensbrück. Hanas Koffer ist nicht nur ein Buch über ein tschechisches jüdisches Mädchen, welches in Auschwitz ermordet wurde. Hanas Koffer ist auch eine Lesereise quer durch diese Republik, wir haben bereits viel darüber erzählt.


In Ravensbrück gibt es natürlich auch eine Menge Bücher. wissenschaftliche Bücher, Romane, Kinderbücher und auch "Bilderbücher". Sogenannte Graphic Novels. Auch von solchen wurde hier schon viel berichtet. Und so erstand ich neben Sofie Scholl auch dieses Buch hier, eine grafische Biografie des wohl bekanntesten Opfers des Vernichtungszuges der Nationalsozialisten gegen die Juden Europas: Anne Frank.


Gestehen sollte ich an dieser Stelle, dass ich ihre Tagebücher bis heute nicht gelesen habe. Gleichwohl kenne ich natürlich die Geschichte der Familie Frank aus diversen Dokumentationen und Filmen. Die Gelegenheit nutzte ich nun, die Gesamtausgabe sämtlicher Anne-Frank-Texte zu erwerben. Doch hier soll es erst einmal um diese grafische Biografie gehen.

Graphic Novels begleiten mich nun schon einige Jahre, dass diese inzwischen auch Geschichte lehren, war eine Erfahrung, die zuerst Erstaunen hervorrief. Mit der Zeit aber kam das Verständnis für ein weiteres gedrucktes Medium, welches vielleicht in Schulen eingesetzt werden kann und ähnlich wie Hanas Koffer Wirkung entfalten kann. Sid Jacobsen (* 1929) und Ernie Colón (*1931) schufen auf der Grundlage der Tagebücher hier nun kein Tagebuch, sie erzählen in Bildern die Geschichte der Familie Frank und ordnen sie in das jeweilige politische Zeitgeschehen ein. [1]

Sie beginnen mit der Hochzeit von Edith Holländer und Otto Heinrich Frank, den Eltern von Margot und Anne. 
"Habe ich dir schon mal was von unserer Familie erzählt? Ich glaube nicht, und deshalb werde ich sofort damit anfangen. Vater wurde in Frankfurt geboren, als Sohn steinreicher Eltern..." [2] So beginnt die grafische Biografie. Anne erzählt dies am 8. Mai 1944 ihrer Freundin Kitty, so heißt das Tagebuch.

Weiter wird vom Leben des Vaters, auch als Soldat im 1. Weltkrieg erzählt, bis Margot geboren wird. Die Autoren kennzeichnen diese Zeit durch einen Hinweis auf die Erstveröffentlichung von Hitlers "Mein Kampf" und wie die NSDAP im Jahr 1928 12 Sitze im Reichstag erlangte. Es ist das Jahr in dem Anne geboren wird.  Die Geschichte der Kinder, die gut behütet in Frankfurt am Main aufwachsen wird weiter erzählt, wobei die Erstarkung des Nationalsozialisten immer im Kontext steht, bzw. gezeichnet wird.

Nach dem Reichstagsbrand entschließen sich die Eltern, in die Niederlande umzuziehen. Die Mädchen werden erst einmal zu ihrer Oma nach Aachen gebracht. noch können sie reisen und so erlernt Margot in der Schweiz Schlittschuh laufen und Ski fahren.

Dann ziehen Sie nach Amsterdam und vorerst gehen die Mädchen ganz normal zur Schule, später müssen sie auf ein jüdisches Gymnasium, den bekannten gelben Stern tragen. Am 12. Juni 1942, an ihrem 13. Geburtstag erhält Anne ein Geschenk. Es ist ein Poesie-Album, das nun zum Tagebuch wird. "Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein." [3] 

Während Sie am 5. Juli noch von der Versetzungsfeier in der Schule schreibt, so finden wir im Tagebuch und auch in der grafischen Biografie die Worte vom 08. Juli 1042: "Liebe Kitty! Zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist soviel geschehen, als hätte sich plötzlich die Welt umgedreht..." [4] Familie Frank ist mit weiteren Bewohnern in ihre letzte Zufluchtsstätte, ins Hinterhaus gezogen, nachdem Margot eine Art "Einberufungsbefehl" zum Arbeitseinsatz erhalten hat.

Hier beginnt Anne an imaginäre Freundinnen Briefe zu schreiben, denn dieses Versteck dürfen sie nicht mehr verlassen. So entstehen auch die Geschichten aus dem Hinterhaus. [5] sie erzählt vom Leben in dieser Gemeinschaft aber auch von ihrem ersten Lyzeumstag oder einer Biologiestunde.

12. August 1943
Eine Mathematikstunde
Beeindruckend steht er vor der Klasse, groß, alt mit einem umgeknickten Stehkragen, immer in einem grauen Anzug, einer Glatze, umgeben von einem Kranz grauer Haare. Spricht einen eigenartigen Dialekt, schimpft oft und lacht oft. Ist geduldig, wenn man sich Mühe gibt, zornig, wenn man faul ist...." Von ihm bekommt Anne einen Strafaufsatz wegen Schwätzens, in dem sie schreibt:
"Ich muss mich tatsächlich bemühen, mir das Schwätzen ein bisschen abzugewöhnen, aber ich fürchte, dass nicht viel daran zu ändern ist, da dieses Laster erblich ist. Meine Mutter schwätzt auch so gern..." [6]

Am 4. August 1944 werden sie entdeckt. Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik - Auschwitz - Bergen-Belsen in der Lüneburer Heide. Chanukka, Nikolaus und Weihnachten an einem Tag im Dezember 1944. Und dann kommt der Typhus...


Es hätte sich wohl kaum jemand für das Tagebuch der dreizehnjährigen Anne interessiert. Vielleicht wäre es nach ihrem Tod als Großmutter mit vielen Enkeln einmal weitergegeben, vielleicht auch gedruckt worden. Auch den Anne Frank Fonds in Basel gäbe es wohl nicht und niemand hätte eine "Anne Frank Gesamtausgabe" verlegen müssen. Es wäre schön, wenn es diese nicht geben müsste. Es gibt sie, weil die Mädchen kurz vor der Befreiung an schwerer Krankheit sterben müssen, es gibt sie, weil der Vater überlebt. Es wird unzählige Auflagen geben, Theaterstücke und mehrere Filme. Und eben auch Bilderbücher, Comics, Graphic Novels. Dank ihm. Und sie sind notwendig, auch wenn das 13 jährige Schulmädchen meinte, für ihr Geschreibsel würde sich keiner interessieren. Dass sie darin Unrecht hat, das ist die Tragik.

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In letzter Zeit liest man immer mal wieder von Ermittlungen und Forschungen über die Festnahme der Familie Frank und der anderen Bewohner. Die Frage, die dabei im Raum steht heißt: War es wirklich Verrat oder war es Zufall? Ich weiß nicht, wer nun so unbedingtes Interesse daran hat, dies zu klären, es ändert nichts an dieser schrecklichen Zeit. Es bedeutet nur, dass Deportation, Vertreibung, Tod auf eine bestimmte Art plötzlich begannen. Die Ursachen sind bekannt: Menschenverachtende Ideologie und politischer Wille einer Gruppe von Menschen, die diese nicht ohne industrielle Geldgeber und Zustimmung von Millionen hätte umsetzen können.

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Holocaust-Leugner gibt es heute noch. Es scheint zur Zeit, es werden mehr. Eigenartige Dinge geschehen und dein Name, Anne, erscheint auf Fußballtrikots. Davon schreibt ein Bloggerkollege, für den der Vorfall mit Anlass war, ein weiteres Bilderbuch zu besprechen. Selten beziehen wir Blogger uns auf andere unserer Zunft. In diesem Fall tue ich es wiederholt gern, denn die Idee ist nicht von mir. Mit Astrolibrium gegen das Vergessen. Warum nicht?



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Filmtrailer 2016 

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Die Gesamtausgabe ist ein beeindruckendes Buch. Schon das Lesen von Teilen der Tagebucheintragungen, der Erzählungen und der Briefe zeigen, dass dieses Mädchen auch ein großes Schreibtalent war. Dass sie geschrieben hätte, wäre das glückliche Leben in Frankfurt ohne den NS-Staat weiter gegangen, wissen wir von ihr selbst:

5. April 1944: "...werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale, meine Phantasien." [7]

 Hätte sie überlebt, würden wir vielleicht anderes von ihr lesen, oder aber eben auch das Erleben von Deportation und Tod ringsum auf dem Leidensweg von Millionen.






  • Das Leben von anne frank - Eine grafische Biografie: DNB / Carlsen-Verlag / Hamburg 2010 / ISBN: 978-3-551-79185-6 / 159 S.
  • Anne Frank - Gesamtausgabe: Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente: DNB / Fischer Verlag / Frankfurt 2015 / ISBN: 978-3-596-90591-1 / 800 S. 



© KaratekaDD

Quellen:

[1] Sie folgen dabei der Übersetzung der Tagebücher durch Mirjam Pressler, wenn sie aus diesen Zitieren.
[2] vgl. Tagebuch, Edition Mirjam Pressler, in Anne Frank - Gesamtausgabe, Fischer Verlag 2015, Seite 226
[3] vgl. Ebenda, Seite 15
[4] vgl. Ebenda, Seite 28
[5] Ebenda ab Seite 265
[6] Ebenda, Seite 302
[7] Ebenda, Seite 200


1 Kommentar:

  1. Ich halte gerade meine Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank in der Hand. Sie stammt aus dem Jahre 1957, ist älter als ich und total zerlesen, weil sie durch unsere Familie ging. Aber es ist eines der wenigen Bücher, die ich mehrfach gelesen habe, denn es war meine erste 'Begegnung' mit dem Holocaust. Im Anne Frank Haus in Amsterdam war ich auch schon mehrfach. Ein unerschöpfliches Thema...

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