Samstag, 14. April 2018

Gummelt, René: Prägung - Buch und CD

Wer den Blog verfolgt weiß, dass hier gerne mal über den Tellerrand geschaut wird und oftmals Bücher abseits des Mainstreams gelesen und besprochen werden. Vor einiger Zeit stieß ich erstmals auf den Periplaneta Verlag und wurde - natürlich - neugierig. 

'Prägung' ist nun das zweite Buch des Verlags, das
ich kennenlernen durfte, und ich kann nur betonen: das nüchterne Äußere täuscht. Hier bekommt man viel mehr als man erwartet!


  

RENÉ GUMMELT, JOACHIM ZINTEL, GEORG V. WEIHERSBERG: „Prägung“ – Ein multimediales Kunstkonzept aus Text, Grafik & Musik. Buch & CD, Klappenbroschur 64 S./50 min., 14,8×14,8cm, ISBN: 978-3-940767-48-6, Edition Periplaneta, GLP: 16,00 UVP











HIER STECKT MEHR DRIN ALS AUF DEN ERSTEN BLICK ERKENNBAR IST...




Prägungen bestimmen das Leben von Joachim Zintel. Der Berliner Künstler, der zu den Vertretern der konkreten Kunst zählt, ist mit Jahrgang 1939 ein Kriegskind, das von Kriegsgeschehnissen heimgesucht und nachhaltig geprägt wurde. Diese Prägung hat er nun zum Thema gemacht. In langen Gesprächen mit dem Autor René Gummelt hat Joachim Zintel seine Vergangenheit analysiert und versucht, die Ereignisse von damals aufzuarbeiten. Dabei wurde nicht nur das Kriegstrauma, sondern auch die Prägung an sich thematisiert und künstlerisch auf verschiedene Weise verarbeitet.

Die drei beteiligten Künstler sind zugleich Vertreter dreier Generationen, die verschiedene Sichtweisen auf den Krieg haben und auch zeitbedingt unterschiedlich geprägt wurden. Jeder für sich fand eine andere Ausdrucksform, mit Erfahrung und Inspiration umzugehen. Der bildende Künstler, der Autor und der Musiker nahmen sich des Themas an und verarbeiteten es auf ihre Weise.  René Gummelt adaptierte und verdichtete die Erzählungen von Joachim Zintel, und Georg von Weihersberg improvisierte zu den eingesprochenen Passagen Musikstücke am Klavier.


"Die Prägung. Sie verfolgt seit Jahrzehnten den Jungen in mir. Immer wiederkehrende Momente der Kriegszeit flimmern auf, versuchen mich einzuholen. Und ich versuche abwechselnd, mich diesen vergangenen Tagen zu stellen und weiter vor dem Erinnern davonzulaufen."


Zugegeben, als ich das Büchlein auspackte, war ich anfangs etwas ernüchtert. Natürlich kannte ich das eher spröde gestaltete Cover schon, und auch der geringe Umfang von gerade einmal 64 Seiten war mir bekannt. Doch als ich das Buch schließlich in der Hand hielt, kaum größer als eine CD-Hülle, hatte ich doch das Gefühl, dass dies ein kurzes Vergnügen würde. Aber weit gefehlt.

Je mehr ich mich mit diesem Buch beschäftigte, desto mehr Details fielen mir auf, die so überaus passend zur Gestaltung beitragen und zeigen, wie liebevoll und durchdacht hier konzipiert wurde.

Es gibt hier kein Vorwort, der Leser wird gleich in medias res geworfen. Kurze Texte, Erinnerungen von Joachim Zintel an die Kriegszeit und die Folgen für sein Leben, aufgegriffen, literarisch verarbeitet und verdichtet von René Gummelt. Den Texten gegenübergestellt sind Abbilungen wie auf dem Cover, die auf der anderen Seite durchscheinen - ebenfalls eine Prägung. Im Anschluss gibt es ein Nachwort des Autors und eine aufgezeichnete Unterhaltung zwischen den drei am Projekt beteiligten Künstlern.

Bereits die Texte in Verbindung mit den Illustrationen fand ich sehr eindringlich, aber es gibt hier noch eine CD (50 Minuten), auf der einzelne der abgedruckten Texte von René Gummelt eingelesen sind, untermalt von improvisierten Klavierklängen, eingespielt von Georg von Weihersberg. Die Stimmung, die dadurch entsteht, ist überaus intensiv, die Klänge meist leise und in Moll gehalten, zwischendurch kurz ein Motiv der Nationalhymne, dann wieder dahinplätschernd, um unversehens durch einen harten Akkord aufzuschrecken. Auch kurze Auszüge von Reden von Hitler, Goebbels u.a.m. sind hier zu hören.

Alles in allem ein Projekt, dem man das Herzblut der Beteiligten anmerkt. Es lohnt sich unbedingt, hinter das eher unscheinbare Cover zu blicken und dem Büchlein eine Chance zu geben. Ein ungewöhnliches Buch 'Gegen das Vergessen'. Ein leises, aber künstlerisch hochwertiges Mahnmal gegen den Krieg.


© Parden











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