Sonntag, 13. Mai 2018

Groeper, Kerstin: Der scharlachrote Pfad

Regelmäßig führt der Gang durch die Stände der Buchmesse in Leipzig zum Traumfängerverlag. Das liegt selbstverständlich an meiner Indianer-Affinität, aber, und das ist zunehmend wichtig, ebenso an der sympathischen Kerstin Groeper, die im Jahr 2014 den Roman Der scharlachrote Pfad veröffentlichte.

Wieder einmal sind es die Plainsindianer, deren Geschichte Pate stand für einen Roman, der besonders das Schicksal verschiedener Frauen in den Fokus rückt. Erzählt wird die Geschichte der Crowfrau (Absorakee) Wah-bo-sehns, die von dem Lakotakrieger Tschetan-withko auf einem Kriegszug samt ihrer Tochter Graueulenmädchen geraubt wird.




Mit diesem Roman schauen wir in das achte und neunte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und damit in die letzten Jahre in Freiheit der verschiedenen Indianerstämme, der Roman behandelt die Zeit von 1870 bis 1879. Dazwischen liegt der letzte größere Sieg der Lakota und Cheyenne am Little Bighorn.


"Bärensöhne" - 1958
Die Geschichte kommt regelmäßigen Lesern von Büchern über die indigenen Völker Nordamerikas vielleicht ein wenig bekannt vor, denn die kleine Stammesgruppe um den Häuptling Traumpfeil wird sich letztlich in der Nähe der Wood Mountains in Kanada behaupten können und weiter in Freiheit leben. Natürlich spiele ich hier auf eines der schönsten Bücher deutscher „Indianerliteratur“ an, auf Die Söhne der großen Bärin von Liselotte Welskopf-Henrich, erstmals verlegt im Jahr 1951. Wie diese setzt sich die kleine Stammesgruppe um den Geheimnisfalken (Tschetan-withko) durch, obwohl die kanadische Regierung die zugewanderten Stämme aus dem Gebiet der USA nicht aufnehmen wollte, die große Gruppe des Hunkpapa-Meddizinmannes Tȟatȟáŋka Íyotake (Sitting Bull) muss vor allem wegen Hunger aufgeben und ergibt sich der US-Armee.



Kerstin Groeper ist, und das möchte ich hier betonen, eine profunde Kennerin der Geschichte der Plainsindianer, der Hinweis auf Liselotte Welskopf-Henrich muss aber sein, denn diese hat vermutlich erstmals eine solche Geschichte niedergeschrieben und lernte später in Kanada mit John Okute Sica einen Nachfahren dieser Lakota kennen.
Ich weiß, das Kerstin Groeper die Bücher um die „Bärenbande“ mag, vielleicht inspirierten diese zu Teilen der hier vorliegenden Geschichte.

► siehe Die Söhne der Großen Bärin - Liselotte Welskopf-Henrrich
► siehe Das Wunder vom Little Bighorn - John Okute Sics




Wa-bo-sehns wird mit Graueulenmädchen auf einem Kriegszug geraubt. Dasselbe Schicksal teilen mit ihr Kleine-rote-Blume und Stern-im-Auge (Pawnee). In diesen Kreis tritt ebenso Che-ni-win (Jenny), ein weißes Mädchen, welches vom Krieger Elchkalb auch auf einem Kriegszug aufgelesen wird. Um diese Frauen, ihre Kinder und neuen Familien dreht sich die Geschichte des Romans. Es ist noch eine Zeit, in der sich verfeindete Stämme angreifen, Pferde stehlen und Frauen rauben. Ein Verständnis für die gemeinsame Lage gegenüber den immer zahlreicher werdenden weißen Siedlern und der sie begleitenden US-Armee entsteht nur langsam. Die Krieger sind auf Ruhm und Beute aus und dabei zornig und gewalttätig. Wa-bo-sehns entgeht dem Tod da sie ihre kleine Tochter bei sich hat. Gewalttätigkeiten und sogar Vergewaltigungen gegenüber den „Feindfrauen“ sind keine Seltenheit. Die Autorin geht schonungslos mit diesen Umständen um, Gewalt gegen Frauen beschrieb Welskopf-Henrich nie, die Entführung von Frauen allerdings kam in zwei Fällen schon vor.
Im Fall der oben genannten Frauen und Mädchen zeigt sich aber auch, dass die Familie, der Schutz der kleinen Kinder, die Bedeutung der Krieger als Ernährer zu pragmatischen Verhältnissen führt, die man als Europäer des 21. Jahrhunderts eher abzulehnen geneigt ist. Wa-bo-sehns wird diesen verrückten Falken lieben lernen und Jenny heiratet nach Jahren den Krieger Elchkalb.

Wir lernen auch so manches über indianische „Sakramente“ wie die „Schwitzzeremonie“, den Sonnentanz und das „Verwandte machen“. Letzteres ist eine sympathische Angelegenheit, wenn zum Beispiel die Krieger die Kinder adoptieren oder der Krieger Grauadler das kleine weiße rothaarige Mädchen. Das die Stämme ein Menstruationszelt kannten, in das sich die Frauen und Mädchen während der Regel zurück zogen, erinnert verblüffend an Rituale in anderen Religionen. Die Regeln des Umgangs zwischen Männern und Frauen, so etwas wie ein „Bruder-Schwester-Tabu“ oder das „Schwiegersohn-Schwiegermutter-Tabu“ mögen uns seltsam erscheinen, näher sind uns dann respektvolle Regeln wie das Trennen der Badestellen am Fluss, aber auch die Scherze zum Beispiel der jungen Burschen und die darauffolgenden Ermahnungen der Eltern. Dass die Mädchen mit Puppen und Puppenzelten spielen, las ich allerdings  das erste Mal.


Im fahlen Licht des Mondes erzählte Kerstin Groeper die Geschichte der Cheyenne-Frau und dual dazu die Mühen der Besiedlung des mittleren Westens. Die Geschichte folgt realen Ereignissen und lässt auch historische Personen auftreten. Dies ist im scharlachroten Pfad nicht anders und so treten hier neben den fiktiven Personen und den indianischen Führern Sitting Bull und Crazy Horse sowie einigen Kommandeuren der US-Kavallerie  zwei Personen auf, bei denen es sich lohnt, ein wenig zu recherchieren. Die Geschichte der Lakota in Kanada ist verbunden mit James Morrow Walsh und Dr. Richard B. Nevitt von der Mounted Police. Im Gegensatz zu vielen US-Militärs treten diese den ankommenden Lakota freundlich und hilfsbereit gegenüber. Die Entscheidung Kanadas, die Lakota nicht zu unterstützen und somit zur Rückkehr in die USA zu zwingen, halten sie für nicht recht. Aber Walsh (Superindentend der  Royal Canadian Mounted Police) darf sich dem nicht widersetzen. Nevitt hilft den Indianern bei der Bekämpfung von Krankheiten wie Erkältungen / Grippe und lernt selbst viel dazu. Es ist zum Beispiel schon lustig zu lesen, wenn der Medical Doctor Fragen zur Schwangerschft und zum Stillen stellt, die sowohl von Mann und Frau als ungehörig betrachtet werden.


* * *

Kerstin Groeper erzählt im Nachwort, dass die Idee zum Buch bereits in den 80iger entstand, geschrieben hat sie es im Jahr 2003. Sie lebte damals in Kanada und bekam die Geschichte einer wie hier beschriebenen Lakota-Gruppe von deren Nachfahren erzählt. Vielleicht ist hier dieselbe Gruppe gemeint, wie die, welche Liselotte Welskopf-Henrich beschrieb. In den jeweiligen Romanen sind aber beide Gruppe fiktiv.

Homepage Kerstin Groeper im Traumfängerverlag



„Das ich in meinen Romanen ganz bewusst Partei für die Indianer ergreife und aus ihrem Blickwinkel erzähle, ist beabsichtigt. Insbesondere in den USA gibt es noch genug Autoren, welche die Beinahe-Ausrottung der Indianer und die Vernichtung ihrer Kultur als Heldentat feiern.“ (Nachwort – Seite 793)

"Meine Absicht ist es, ein längst vergessenes Genre wieder aufblühen zu lassen und damitDen historischen Indianerroman aus der verstaubten Ecke der Kinder- und Jugendbuchliteratur herauszuholen."  (K. Groeper über sich selbst - Homepage)

Die Tochter eines Schriftstellers lebte einige Jahre in Kanada und beschäftigte sich schon früh mit den indigenen Stämmen Nordamerikas. „Sie lernte Lakota, die Sprache der Teton-Sioux und ist aktives Mitglied einer Vereinigung, die sich der Unterstützung zum Fortbestehen der Sprache und Kultur der Teton-Sioux widmet und Mitarbeiterin beim Aufbau der Lakota Village Circle School auf der Pine Ridge Reservation in South Dakota. In Deutschland führt sie regelmäßig Referate und Seminare über die Sprache, Kultur und Spiritualität der Lakota-Indianer durch.“ (Traumfänger-Verlag)



DNB / Traumfänger-Verlag / Hohenthann 4-2017 / ISBN: 978-3-941485-23-5 / 790 S.

© Bücherjunge


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